„LEBEN GUT LEBEN BIS ZULETZT“
PREDIGT ÜBER JOHANNES 10,10B
IM ÖKUMENISCHEN GOTTESDIENST
AUS ANLASS DER ERÖFFNUNG DER PALLIATIVSTATION
IN DER STRAHLENKLINIK AM 2. DEZEMBER 2006


„Alles hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit und Sterben hat seine Zeit“. Die Verse aus dem Predigerbuch, ldie wir eben gehört haben,lsind schnörkellos ehrlich. Sie sind nicht abgehoben und in verbrämender Absicht theologisch aufgeladen. „Gott ist im Himmel und du bist auf Erden“, heißt es im Predigerbuch zwei Kapitel weiter. Es ist ein wohltuend nüchterner Text. Und darum genau richtig für diesen heutigen Anlass.

Der Anlass, die Eröffnung der neuen Palliativstation ist zweifellos ein erfreulicher. Der Ausgangspunkt der Überlegungen und Entscheidungen, die die hier Verantwortlichen dazu gebracht haben, diese neue Station einzurichten und zu eröffnen, ist aber nicht die Freude, sondern die Ehrlichkeit. Die Ehrlichkeit im Blick auf die Notwendigkeit, eine solche Station überhaupt einzurichten. Die Ehrlichkeit im Blick auf die Menschen, für die diese Station gedacht ist. Und die Ehrlichkeit im Blick auf den Wert des Lebens selber.

Es war sicher nicht einfach und es bedurfte gewiss eines langen Anlaufweges, bis die einstige Idee einer solchen Station am Ende nun auch wirklich geworden ist. Das ist es, was uns heute doch auch feiern lässt. Dass dies auch gottesdienstlich und in ökumenischer Verbundenheit geschieht, unterstreicht, dass hier in einer exemplarischen Entscheidung zur Einrichtung einer Palliativstation Wesentliches vor sich geht. Wesentliches für das System Uniklinikum. Wesentliches für die Menschen. Wesentliches aber vor allem anderen für die Bedeutung und den Wert, den wir dem Leben selber zugestehen und zumessen.

Um wesentliche Ehrlichkeit geht es. Um Ehrlichkeit, die nicht einfach nur neutral bilanziert und die nicht einfach ausschließlich danach fragt, was sich rechnet. Eine Weise der Ehrlichkeit ist vielmehr von uns gefordert, die ein Gefälle hat hin zum Lebendigen und zum Leben. Um das Leben kreist darum ja auch das Motto dieser neuen Palliativstation. „Leben gut leben bis zuletzt!“ Vom Leben selber handelt auch der Vers aus der Bibel, den sie mir als Grundlage für diese Ansprache vorgeschlagen bzw. aufgetragen haben. Er lautet in der Sprache der Einheitsübersetzung:

ICH BIN GEKOMMEN,
DAMIT SIE DAS LEBEN HABEN –
UND ES IN FÜLLE HABEN!


Ehrlichkeit hat auch dieser Vers verdient. Darum will ich einen Blick auf den Zusammengang werfen, dem er entnommen ist. Im Johannes-Evangelium nimmt Jesus für sich einen Vergleich in Anspruch, den die religiöse Tradition seiner Zeit eigentlich Gott vorbehält. „Der Herr – also Gott selber - ist mein Hirte.“ Kein Psalm ist bekannter als der 23. „Ich bin der gute Hirte!“, sagt auch Jesus von sich. Und tut dies in bewusster Anknüpfung an die Bilder, die seine Mitmenschen im Kopf haben.

Aber er grenzt sein Hirtenamt vom Selbstverständnis anderer Menschen ab, die denselben Anspruch erheben, Hirte zu sein. „Die anderen kommen in unlauterer Absicht“, sagt er. „Sie kommen wie Diebe. Und sie wollen rauben und vernichten. Ich aber“ – und hier schließt diese Würdigung des Lebens an – „ich bin gekommen, damit die Menschen das Leben haben - und es in Fülle haben!“

Leben in Fülle. An Deutungsmöglichkeiten und Zugängen zu einer Inanspruchnahme des Lebens im eigenen Interesse besteht kein Mangel. Was macht den Wert unseres Lebens aus? Worin bemisst sich die Fülle, nach der wir Menschen im Leben Ausschau halten? Geht es um Wahlfreiheit im Blick auf das Panorama möglicher Handlungsoptionen? Gehrt es darum, etwas leisten zu können? Oder darum, sich etwas leisten zu können? Frei nach dem Motto: „Haste was, dann biste was!“ Geht es um eine gesicherte Existenz? Geht es um die freie Verfügbarkeit all dessen, womit wir das Leben in Verbindung bringen? Ganz im Sinne des „Ich will alles, und zwar sofort!“

Geht es – und nirgendwo mehr als in einer Klinik legt sich diese Frage nahe – um eine möglichst große Unversehrtheit und Funktionstüchtigkeit meiner vom Köper abhängigen Lebensmöglicheiten? „Hauptsache Gesundheit!“ Geht es um Wellness als unveräußerliches Grundrecht?

Träfe all dies zu, dann gilt: Lebenswert ist mein Leben nur deshalb, weil es all diesen Kriterien genügt. Leben wäre dann konditioniertes Leben. Leben wäre lebenswertes Leben nur unter erfüllbaren und erfüllten Bedingungen.

Allein schon die Tatsache, dass wir hier diesen Gottesdienst feiern, ist ein unüberhörbarer Einspruch gegen eine solche Sichtweise. Das Leben trägt seinen Wert in sich selber. Es ist wertvoll – und sei’s gegen alle Vernunft und gegen allen Augenschein – wertvoll in sich selber. Aber nicht aus sich selber heraus. Leben ist immer verdanktes Leben. Egal ob unter den Bedingungen größtmöglicher Verfügbarkeit oder unter den Bedingungen des gänzlichen Angewiesenseins. Leben ist immer verdanktes Leben. Wir haben uns nicht aus uns selbst heraus empfangen. Darum können wir uns nie nur selber genug sein.

Leben ist kostbar. Heilig. Und zugleich doch auch anfällig. Und zerbrechlich. Leben ist zugleich immer auch Leben im Angesicht des Todes. Nur eines darf das Leben nie sein. Käuflich. Wertvoll nur unter der Gesetzmäßigkeit des Sich-Rechnens.

Diese Absolutheit des Wertes des Lebens gründet in der Überzeugung, dass alles Leben im Letzten in jenem Ursprung alles Lebendigen gründet, den wir Gott nennen. Darum gilt es, denen zu wehren, die sich in die Behausungen unseres Lebens einschleichen, um mit dem Leben Geschäfte zu machen. „Sie kommen wie Diebe. Und sie wollen rauben und vernichten. Ich aber bin gekommen, damit ihr Menschen das Leben habt – damit ihr es in Fülle habt!“

Leben bleibt immer Leben in Fülle – auch im Status des Abnehmens und Vergehens. Oder besser: im Status des offensichtlichen Verwandelt-Werdens. Denn kein Leben geht verloren. Keines. Es geht bestenfalls über in Leben, das seiner Lebendigkeit Raum gibt unter Bedingungen, die wir nicht kennen. Denen wir aber vertrauen dürfen. Unser aller Leben ist von unserer Aussicht bestimmt. Nicht von unserer gegenwärtigen Ansicht.

Die Entscheidung, eine Palliativstation zu eröffnen, übersetzt diese Überzeugung in die konkreten Möglichkeiten eines Klinikums. Bricht sie, hinein in unsere säkularen Lebensbedingungen. So wie Gott sich selber hinein gebrochen hat in jenem Menschen, der die Botschaft vom Wert des Lebens kommuniziert hat, ohne sein eigenes Leben in Sicherheit zu bringen. Jenem Menschen, auf dessen unvornehme Geburt wir uns einstellen in den vor uns liegenden adventlichen Tagen.

Zu kaum einer anderen Zeit wird der Konflikt zwischen dem Anspruch auf die Absolutheit des Lebens und dem Anspruch auf Absolutheit unserer eigenen Gewinn- und Verlustrechnungen, unserer eigenen Lebensblazen, deutlicher als im Advent. Leben in Fülle und Leben als Kostenfaktor. Leben als unveräußerlicher Wert und Leben, das sich rechtfertigen und rechnen muss – sie stehen im Konflikt. Und zur Erkenntnis, dass Leben nicht anders zu bewerten ist als unter der Zusage der Fülle ist, können wir nur gelangen, wenn wir uns eine adventliche Perspektive zu eigen machen. Und das Leben unter der Vorwegnahme des noch Ausstehenden betrachten.

Hauptsache Gesundheit, das ist bestenfalls das halbe Leben. Hauptsache Leben! Das möchte ich da dazu und dagegen setzen. „Leben gut leben bis zuletzt.“ Dass dies möglich ist, daran ist all denen gelegen, die diese neue Station ermöglicht haben. „Leben gut leben bis zuletzt“ – dass wir daran festhalten, verdanken wir dem, dessen Ankunft wir erwarten in diesen Tagen. Dem, der von sich gesagt hat:
ICH BIN GEKOMMEN,
DAMIT IHR DAS LEBEN HABT–
LEBEN IN FÜLLE


Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn