"DAS GLÜCK DES LEBENS FINDEN"
PREDIGT ÜBER JOHANNES 4,5-14
GOTTESDIENST AM 21. JANUAR 2007 (3.S.N.EPIPHANIAS)
IN DER LUDWIGSKIRCHE IN FREIBURG


Das Glück des Lebens – man kann es in der Steiermark finden, liebe Gemeinde. Sei Jahre strömen die Menschen wie zur Wallfahrt nach Bad Blumau. Die heißen Quellen des Thermalbades tragen Namen aus der christlichen Tradition. Melchior und Balthasar. Bewusst eingesetzte Anklänge an die magische Tradition der sagenumwobenen Könige aus dem Osten. Selbstverständlich gibt es einen Raum der Stille wie neuerdings in manch neuen öffentlichen Gebäuden und in vielen Kirchen. GenussReich heißt das Öko-Restaurat, FindDich das Therapiezentrum: FindDich! Man will den Gästen ein neues Lebensgefühl einhauchen, sie heilenden Kräften an Leib und Seele aussetzen. Ihre – wie es in der Werbung wörtlich heißt – „Strahlkraft von innen“ wieder zum Leuchten bringen.

Die verantwortliche Ärztin bezeichnet diese Art der Kur unumwunden als Seelsorge. Doch mit Religion hat das nur etwas zu tun, wenn man den Wellness-Kult unserer Tage auch als Religion ansieht. Doch für zunehmend mehr Menschen ist das eine neue und attraktive Religion.

Eine Quelle des lebendigen Wassers in uns verspricht auch Jesus im Predigttext für den heutigen 3. Sonntag nach Epiphanias. Und an einer Quelle spielt er sich im Wesentlichen auch ab. Und er erzählt von einer Frau, die an dieser Quelle von Neuem zu sich findet. Wir hören aus Johannes 4 zunächst die Verse 5 – 4 und im weiteren Verlauf noch andere ausgewählte Verse aus diesem Kapitel.

Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen. Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser. Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser? Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh. Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.


Eigentlich ist es doch ein Wunder, dass wir leben, liebe Gemeinde. Nicht irgendwie. Sondern so, dass wir uns jeden Tag neu zum Leben verführen lassen. So, dass auch schwere Tage unserer Lust zu leben nicht wirklich etwas anhaben können. Nicht die Erfahrung der verletzten Seele. Nicht die durchwachte Nacht. Nicht einmal das Gefühl, der neue Tag reihe sich ohne Aussicht auf wirklich Neues in die endlos lange Kette durchlebter Tage ein. Das Geheimnis des Lebens selber ist es, das uns am Leben hält.

Aus welchen Wurzeln nehmen wir die Kraft her um zu leben selbst ohne die Perspektive des neuen Anfangs? Wo, wenn wir uns mit den Angeboten des Glücksbades in der Steiermark oder anderswo nicht zufrieden geben wollen - wo liegen die Quellen, aus denen uns unser Lebensmut zufließt, selbst im Angesicht des nur schwer zu Überwindenden? Woher rührt unsere manchmal doch fast schon grundlose Zuversicht?

Antworten lassen sich finden. Gleich dreifach – so meine ich - wird der Strom unserer Lebenslust und die Erfahrung erfolgreicher Suche nach Lebenssinn genährt und angereichert.

Die erste Lebensquelle sprudelt aus gelingender Kommunikation und gelingender Kooperation. Die lebendige Begegnung. Die gelebte Beziehung in Lebensgemeinschaften und in Liebesgemeinschaften. In einem großen staatlich geordneten Gemeinwesen. In der Kirche. Am Arbeitsplatz oder im Verein. In einer Familie. Einer Partnerschaft. Wem – aus welchen Gründen auch immer – die Welt der Mitmenschen und die Möglichkeit, mit anderen zusammen etwas zu tun – wem das entzogen wird - das Gemeinsame Leben - das Feiern - die Erfahrung der Kraft der Liebe und der Enttäuschung, das gute Gefühl eines gemeinsam erfolgreich gestalteten Projekts - der oder die ist arm dran. Wird krank. Verkümmert. Verliert nicht selten die Lust am Leben.

Die Neurobiologen können das inzwischen sogar wissenschaftlich belegen. Joachim Bauer von der medizinischen Fakultät unserer Freiburger Universität sagt in einem Interview, das dieser Tage erschienen ist: „Bemühe dich um gute Beziehungen! Tu etwas für andere! Sei kooperativ – dann wird dein Körper mit dem Energie- und Motivationscocktail versorgt, der dich gesund bleiben lässt.“

Kommunikation und Kooperation – das ist das eine: Unsere zweite Lebensquelle ist die Tradition. Nicht falsch verstanden als Rückgriff auf das ewig Gestrige. Oder als die Verweigerung der Offenheit gegenüber dem Neuen. Nein, Tradition meint das, was uns die, die vor uns gelebt haben, als bewährte Grundlage ihres Lebens überliefert und mitgegeben haben.

Wir fangen niemals ganz von vorne an. Leben heißt immer, anderes Leben schon vorfinden. Immer schon sind wir eingebettet in eine Gemeinschaft gemeinsam tragender Überzeugungen. Einen Schatz gemeinsamer Werte. Gemeinsamer Rituale. Gemeinsamer Überzeugungen. Auch darüber, was die Welt „im Innersten zusammenhält“.

Es ist ein Kennzeichen unserer Zeit, dass wir Bewährtes oft vorschnell und ohne Grund über Bord werfen. Dass das Neue schon seiner Neuheit wegen den Vorzug bekommt. Dass die Reizschwelle immer höher gelegt werden muss, damit das Neue zumindest eine begrenzte Haltbarkeitsdauer erreicht.

Manche Menschen reagieren auf die Überflutung durch Neues mit Anzeichen von Überforderung. Halten dann lieber einfach nur starr am Überkommenen fest. Doch Tradition positiv verstanden, Tradition als Wurzel unseres Lebens, bedeutet nichts anderes als das Überlieferte in der Gegenwart auf seine Tauglichkeit zu prüfen und für die Zukunft nützlich machen.

Die dritte Quelle – das ist die Religion. Das ist Spiritualität. Das ist die Überzeugung, der Glaube, dass es noch eine Wirklichkeit gibt jenseits unserer Wirklichkeit und jenseits aller Vorfindlichkeit. Jenseits unserer Welt, in der wir essen und trinken. Arbeiten und ruhen. Lieben und hassen. Diese dritte Quelle – sie sprudelt aus der Überzeugung, dass wir uns mit Haut und Haaren einer Kraft verdanken, die unsere Möglichkeiten übersteigt und dennoch will, dass unser Leben gelingt. Die dritte Quelle ist die Öffnung unseres Lebenshorizontes hin auf Gott.

Kommunikation und Kooperation, Tradition und Religion - alle drei Themen fließen zusammen im Predigttext für diesen heutigen Sonntag nach dem Epiphaniasfest. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die auf eine Kette zerbrochener Lebensbeziehungen und gestörter Kommunikation zurückblickt. Die nach außen und nach innen leidet an den Folgen einer zunehmenden Isolation. Eine Frau, deren Tradition sie und die ihren ausschließt aus der größeren Gemeinschaft, in der sie lebt. Weil sie mit ihrem Glauben keine Akzeptanz findet. Ein Frau zugleich, die sich mühsam birgt in der überlieferten Religion ihrer kleinen Welt. Und die in Unruhe gehalten wird von ihrer Sehnsucht nach der großen Erfahrung gelingenden, erfüllten Lebens.

Nicht nur hören, sondern spielen müsste man diesen heutigen Predigttext, liebe Gemeinde. Vor dem Horizont einer orientalischen Oase, in deren Nähe eine kleine Stadt gegründet wurde. Es ist Mittagszeit. Gluthitze. Die Sonne brennt mit ihrer höchsten Kraft. Gut, wer den Schatten einiger Bäume oder Sträucher genießen kann. Am Brunnen zwei Menschen in einem hochintensiven Gespräch. Eine Begegnung an einem Ort, wo das Wasser das Leben erträglich macht.

Doch die Idylle trügt. Und das gleich aus mehreren Gründen. Ort der Handlung ist Sychar. Damals in Samaria gelegen. Heute im Westjordanland. Samaria – das war aus der Perspektive derer, die die Macht in Händen und in Sachen Religion das Sagen hatten, unwillkommenes Land. Ein Landstrich im Abseits. Bei Reisen möglichst gemieden. Lieber nahm man einen Umweg in Kauf. Religiös waren die Menschen in Samaria disqualifiziert. Weil man in Jerusalem die Rechtmäßigkeit ihres Heiligtums bestritt. Weil die eigentlich nur in Wenigem abweichende religiösen Praxis als illegitim verurteilte.

Dabei war das Heiligtum der Menschen in Samaria auf dem Garizim längst dem Erdboden gleichgemacht. Und die Samaritaner eine verschwindende Minderheit. Landsmannschaftlich verachtet. Ihre Vorfahren waren vor Jahrhunderten von den Assyrern zwangsangesiedelt worden. Und die Einheimischen hatten gegenüber den Eroberern keine strikte Abtrennung gewahrt. Verachtet von allen Seiten. Ihrer Würde beraubt waren diese Menschen aus dem Landstrich Samaria. Auch im Gleichnis vom barmherzigen Samariter spiegelt sich noch etwas vom Status der Unberührbaren wider, den man diesen Menschen zugewiesen hatte.

Jesus nimmt den kürzesten, den direkten Weg, als er in Jerusalem aufbricht und sich auf die beschwerliche Reise nach Galiläa im Norden macht. Den Weg mitten hindurch durch diese Landschaft der Geächteten. Und mitten hinein in die direkte Kommunikation mit denen, die als Gesprächspartner eigentlich doch nur zu meiden waren. Mitten hinein in ein unglaublich dichtes Gespräch. Mitten hinein in eine politisch und religiös höchst unkorrekte Begegnung.

An dieser Bürde ihrer sozialen Ächtung trägt auch die Gesprächspartnerin Jesu schwer. Lebensnotwendige Kontakte waren ihr wie ihren Landsleuten versagt. Dazu war sie eine Frau. Sie hatte ohnedies keine Stimme, um ihre Unzufriedenheit öffentlich und dazu noch gegenüber einem Fremden zu artikulieren. Persönlich schaut sie auf eine Kette zerbrochener Beziehungen zurück. Und die jetzige dient vor allem der sozialen Absicherung. Als Single im modernen Sinn hätte sie damals gar keine Lebensperspektive mehr gehabt. Die Sehnsucht, den Durst nach Leben werden wir uns nicht stark genug vorstellen können.

Was für eine scheinbare Ironie des Schicksals: Jesus wendet sich gerade an diese Frau mit der Bitte: Gib mir zu trinken! Die Frau erkennt die Ungeheuerlichkeit der Situation. Unverblümt weist sie ihren Gesprächspartner auf den Regelverstoß hin. „Von mir“, so sagt sie, „kannst du nichts bekommen.“ Der Graben zwischen der Frau aus Samaria und dem Mann auf dem Weg zwischen Judäa und Galiläa ist zu breit. Und er wird noch breiter durch die Weise, in der Jesus das Gespräch fortsetzt. „Wenn du wüsstest, wer ich bin, du würdest mich bitten, dir zu trinken zu geben.“

Typisch Mann, wird die Frau wohl gedacht haben. Kein rechten Blick für die praktischen Dinge des Lebens. Nicht einmal ein Schöpfgefäß hat er dabei. Ist auf mich angewiesen. Aber natürlich will er die Regeln bestimmen. Nur er weiß, wie es geht. Dabei könnte ihn die Erinnerung an Jakob doch bescheidener machen. Ihm hatten sie diesen Brunnen zu verdanken. Aus diesem Brunnen speist sich doch eine der Quellem der gemeinsamen Tradition. Der Brunnen des alten Jakob - sein Geschenk an seinen Sohn Josef – über Jahrhunderte ist er doch ein beständiger Lebensspender geblieben. Im wahrsten Sinne des Wortes eine Quelle lebendigen Wassers.

Doch der fremde Gesprächspartner gibt nicht nach. So als wäre ihm klar, was sie gerade gedacht hat. „Wenn du aus diesem Brunnen unseres Stammvaters trinkst, ist dein Durst zwar gelöscht. Aber nur für kurze Zeit. Nicht für immer. Immer wieder hast Du von neuem Durst. Und du bleibst ein Lebensdurstige. Daran kann dieser Brunnen nichts ändern.“

Kein Zweifel. Die Frau reagiert betroffen. Hatte dieser Jesus nicht recht? War nicht gerade das ihr Problem? Die Erfüllung ihrer Sehnsüchte auf Dauer. Der Durst nach einem Leben in Würde und Zufriedenheit. Keine Zeit den Gedanken nachzuhängen. Denn der andere sprach schon weiter.

„Das gibt es wirklich. Wasser des Lebens! Gelingen und Anerkennung mitten im Scheitern. Eine Zukunft mit Perspektive gegen den Augenschein. Das Anerkenntnis der eigenen Größe – ohne zu den Großen dieser Welt zu gehören. Ich kann dir den Weg dahin zeigen. Ich kann dir zum Einblick in die befreiende Wahrheit über dich verhelfen. Wirklich, ich kann dir Wasser des Lebens zu trinken geben. Wasser, das dich nie mehr durstig zurück lässt. Dass die Quelle des Lebens in dir selber zum Sprudeln bringt. Ich selber bin solches Wasser. Auch für dich!“

Der so redet, das ist der Jesus des Johannes-Evangeliums. Der Jesus, in den Blick gerückt in ganz bestimmter Perspektive. Und in ganz bestimmter Absicht. Der Jesus, der sich immer wieder zum Stein des Anstoßes macht. Zur Lebens-Alternative. Der Jesus, der den Blickwinkel ändert. Das Augenmerk ganz gezielt auf sich richtet.

Der Weg, die Wahrheit und das Leben – das bin ich. Der Gute Hirte. Der Weinstock. Das Brot des Lebens und das Licht der Welt. Die Auferstehung. das bin ich. Und eben auch der, der selber das lebendiges Wasser ist und Quellen des Lebens in uns zum Sprudeln bringt!

Ohne dass sie es ahnt, hat die Frau bereits von diesem Wasser gekostet. Und das auch gleich in der Fülle seiner heilsamen Wirkkraft. Sie erkennt die Tragfähigkeit des Glaubens an den Gott Sarahs und Abrahams. An den Gott Jakobs und Rahels - aber nicht mehr in der Beschränkung auf den Blickwinkel ihrer kleinen Welt in Samaria.

Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll. Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, dass ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit.

Wahre Anbetung – mit einem Mal ist sie nicht abhängig von ihrem Ort. Auch nicht von der Rechtmäßigkeit eines Heiligtums. Das ist das eine, womit Jesus ihren Horizont erweitert. Wahre Anbetung ist aber auch nicht nur eine Domäne von Männern. Dies hat sie im Gespräch mit dem fremden Mann Jesus bereits erlebt. Das ist das zweite. Das andere, ebenso wichtige.

Das dritte ist die gelungene Gottesbegegnung selber. Das Wasser des Lebens kann die Frau nicht im Brunnen Jakobs finden. Obwohl sie auch ohne das Wasser dieses Brunnens nicht leben kann. Aber im Gespräch mit diesem Fremden hat sie den Himmel offen stehen sehen. Hat sie die Menschenfreundlichkeit Gottes am eigenen Leib erlebt. Wird ihr kleines Leben mit einem Mal groß. Weil sie sich aufgehoben weiß in Gottes großer Welt. Weil sie lernt, in Jesus den zu sehen, der sie in unüberbietbarer Weise die Gegenwart Gottes schmecken und sehen, erkennen und feiern lässt. Und weil sie zur Brücke wird für die anderen, die sie teilhaben lässt an der Erfahrung ihrer wahrhaft lebensverändernden Begegnung:

Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und spricht zu den Leuten: Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei! Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm. Es glaubten aber an ihn viele der Samariter aus dieser Stadt um der Rede der Frau willen. Und noch viel mehr glaubten um seines Wortes willen und sprachen zu der Frau: Von nun an glauben wir nicht mehr um deiner Rede willen; denn wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland.

Die unbekannte Frau aus Samaria – sie wird für uns zur Brücke. Sie führt uns weit hinaus über die Quellen Melchior und Balhasar in der Steiermark. Hinaus auch über die drei Quellen gelingenden Lebens, die ich eingangs genannt habe. Wie die unbekannt Frau am Brunnen in Sychar sind auch wir auf Kooperation und Kommunikation angewiesen. Vor allem anderen aber auf die Kommunikation mit dem Leben und dem Lebendigen selber. Damit wir gesund bleiben. Gesund an Leib und Seele.

Die Traditionen ihres Lebens konnten ihr auf Dauer nicht den Grund bieten, auf den sie ihr Leben gründen konnte. Die Konkurrenz der Traditionen zwischen Jerusalem und dem Garizim hat ihr Leben eher verunsichert. Tradition und Halt konnte sie nur aus der Zukunft gewinnen. Aus der Gewissheit, dass weder der Ort noch die Rechtmäßigkeit des Vertrauten Eigenen ausreichen, um dem Leben auf Dauer tragenden Grund und Sicherheit zu verleihen.

Bleibt die dritte Quelle: die Religion. Die Brücke zwischen Jerusalem und dem Garizim, zwischen den Menschen in Juda und Samaria wird zum Vorbild noch ganz anderer, weitaus kühnerer Brückenprojekte, die ihre Spannkraft aus der Botschaft und dem Leben des Jesus aus Nazareth beziehen.

Aufgepfropfte Zweige auf dem alten Ölbaum Gottes nennt der Rabbi Paulus aus Tarsus die Angehörigen der Bewegung des Jesus aus Nazareth – schon Jahrzehnte ehe Johannes sein Evangelium schreibt. Zweige aus demselben Stamm und nicht einmal aufgepropft sind gewiss auch schon die Gottesanbeter auf dem Berg Garizim in Samaria gewesen.

Zweige auf demselben Baum der Gotteserkenntnis sind auf ihre je eigene Weise auch solche, die wir heute vielfach und schon lange treiben sehen mitten unter uns. Auch solche, die heute neu treiben und die wir oft nur misstrauisch beäugen. Ohne zu wissen, ob sie ihren Saft nicht aus derselben Wurzel ziehen.

Ein Wunder, dass wir leben, liebe Gemeinde. Eigentlich kein Wunder, weil Gott es ist, der zusammenbindet und zusammenhält, was wir mit eigenen Kräften nicht zusammenbringen. Weil Gott es ist, der in uns Quellen des Lebens zum Sprudeln bringt. Amen.

Traugott Schächtele

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