„NUR NARREN SEHN, WAS WIRKLICH IST“
PREDIGT ÜBER LUKAS 18,35-43
IN REIMEN GEHALTEN AM 18. FEBRUAR 2006
IN DER MARIA MAGDALENA KIRCHE IN FREIBURG


Ich wünsch’ euch Gottes Gnad und Fried’
an diesem Sonntagmorgen
und dass Gott euch mit Augen sieht,
denen nicht bleibt verborgen
was euch heut’ auf die Seel’ gelegt
und was ihr an Gedanken hegt.
Gott nehm’ euch eure Sorgen!

Die Narren sind grad’ obenauf,
sind nicht zu übersehen,
weil es gemäß dem Jahreslauf
ganz närrisch jetzt soll gehen.
Auch uns steht’s heut’ ein wenig zu,
uns närrisch zu gebärden,
zu reißen euch aus eurer Ruh,
dass wandeln sich heut’ soll im Nu
manch’ Streit zum Fried’ auf Erden!

Nach Wahrheit steht der Menschen Sinn
nicht erst in unsren Tagen.
Drum richten wir uns zu ihr hin,
um keck ihr nachzujagen.
Um Wahrheit, die uns Gott verheißt,
soll’s geh’n in dieser Stunde.
Um Licht, das milde auf uns fällt.
Um Sinn und Wert ganz ohne Geld.
Um wahre Himmelskunde.

Wie einem Narr leiht mir das Ohr:
Hab’ euch was anzusagen.
Wo einst verschlossen blieb das Tor,
dürft ihr den Durchblick wagen.
Vor euren Augen soll’s gescheh’n,
was euch zu Herzen geht,
weil euch geschenkt ist, heut zu sehn,
worauf das Leben steht,
was dieser Welt den Grund verleiht
und Halt ihr gibt durch alle Zeit,
eh’ sie einst ganz vergeht.

Der Narrenblick bekommt uns gut,
er weitet unser Seh’n,
zu sagen, wo sonst oft der Mut
uns fehlt und das Versteh’n.
Nur Narren seh’n, was wirklich ist,
sie sind der Wahrheit hold,
sie sagen offen, wer du bist,
entblättern dich vom Gold,
das gern du über dich gezogen,
aus Sorge, dass zu sehr gewogen,
was tief in dir sich trollt.

Berichtet soll euch werden nun,
was Lukas aufgeschrieben,
der uns erzählt von Jesu Tun,
der uns ermahnt zu lieben
sogar die, die uns Feinde sind -
was könnt’ es Größ’res geben! -
und - freundlich gegen uns gestimmt -,
uns Hoffnung gibt zu leben.
Drum hört, was nun für euch gelesen
und wie es damals ist gewesen.
Hört eines Menschen Streben!

Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Von einem Menschen wird erzählt:
Von einem blinden Mann,
den lange schon sein Schicksal quält.
Und der’s nicht ändern kann.
Zur Hoffnung gibt es keinen Grund.
Wer sollte die ihm geben?!
Und ziellos reiht sich Stund an Stund,
in seinem tristen Leben.
Wir alle kennen solche Tage,
die ohne Zukunft scheinen.
Und wo wir unter mancher Plage,
unterzugehen meinen.

Doch plötzlich kommt das stille Klagen
Mit einem Mal ans Ende.
Und mitten in den dunkeln Tagen
hört Schritte er behende.
Und viele Stimmen, Jubelschrei –
„Wer kommt da?“, fragt er laut.
„Ein Wundermensch kommt hier vorbei,
wie er noch nie geschaut.
Und nie gehört bis an den Tag.“
Wenn das kein Zeichen ist,
dass enden soll die große Plag’.
Und niemals mehr vergisst
der Blinde, wie er laut geschrie’n:
„Komm her, du Wundermann!
Du sollst an mir vorbei nicht zieh’n!
Komm her, und schau mich an!“

Und Jesus hält tatsächlich an.
Der Schrei trifft in sein Ohr
Und zieht, als er ihn sehen kann,
den Mann zu sich hervor
aus dem Gebüsch, wo er versteckt.
Er fragt, was sein Begehr.
„Ach, dass ich“, sagt er hochgereckt,
„doch wieder sehend wär.“
„Sei sehend!“, sagt ihm Jesus nur.
„Mach deine Augen auf!“
Er schwenkt ein in der Hoffnung Spur.
Neu wird sein Lebenslauf.

Ja, nicht zu glauben, er kann seh’n!
Sieht Bäume, Sonne, Licht.
Er sieht die Menschen, wie sie geh’n.
Er glaubt es fast noch nicht.
Er sieht dem, der das Wunder tat,
voll Dankbarkeit entgegen.
Doch der sagt, „dies sei dir mein Rat!,
Gott will dein Leben hegen.
Er gab dir auch dein Augenlicht.
Gott ist’s, der in mir wirkt,“
Und der einst Blinde zweifelt nicht,
dass Gott sein Leben birgt.
Weil er des Tages Licht neu fand.
Den Weg zurück ins Leben
will selber er nun seine Hand
an and’re weitergeben,
die Richtung suchen, Licht und Sinn,
in manchmal düstren Stunden.
Und weist sie auf die Quelle hin,
wo Zukunft er gefunden.

Ein Narr, wer hier nicht mag versteh’n
Was Lukas uns heut lehrt!
Ein Narr auch, wer vermag zu sehn,
was andren ist verwehrt.
Es ist Gott, der das Sehen schenkt,
und auch das offne Herz.
Gott ist’s, der unsre Schritte lenkt,
uns stärkt in Freud und Schmerz.
Gott schenkt uns Mut zum Närrischsein,
stärkt unsern Narrensinn.
Übt in Gerechtigkeit uns ein,
Lenkt uns zum Frieden hin.
Die Augen, die macht Gott uns weit,
macht Mut uns zur Barmherzigkeit.
Gut, dass sein Narr ich bin.

Amen.




Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn