Was ist die Kirche? Andacht am Beginn der Städtekonferenz am 22. März 2007 in der Friedenskirche in Freiburg


Lieber Mitglieder dieser Städtekonferenz,

liebe Schwestern und Brüder!

„Die Wahrheit braucht keine Dome. Das liebe Evangelium kriecht in jeder Hütte unter und hält sie warm. Die Evangelische Kirche braucht auch keine Dome.“

Dieser Predigtanfang aus dem Jahre 1993 hat Furore gemacht. Der damalige Präses der Rheinischen Kirche, Peter Baier, begann so seine Predigt zur Einweihung des neu wieder aufgebauten Berliner Domes. Dem in der ersten Reihe sitzenden Bundeskanzler war sichtlich unwohl. Schließlich sollte gefeiert werden. Und nicht disputiert über die Sinnhaftigkeit von Kirchengebäuden. Dafür war es ohnedies zu spät. Die Bauarbeiten am Dom waren abgeschlossen. Dennoch gilt der Satz von Peter Baer auch gänzlich unabhängig vom konkreten Anlass: „Die Wahrheit braucht keine Dome.“ Und die Kirche braucht keine Kirchen, um Kirche Jesu Christi zu sein.“

Aber damit ist erst ein Anfang gesetzt. Was ist das denn überhaupt – die Kirche? Darüber will ich heute Morgen mit ihnen etwas nachdenken. Schließlich feiert die Evangelische Kirche in Freiburg in diesem Jahr ihren 200. Geburtstag Das wissen sie inzwischen längst. Aber welche Kirche ist das, die da feiert?

Alles, was sie heute auf ihrer Tagesordnung abarbeiten, soll dem Wohlergehen der Kirche dienen. Welcher Kirche dienen sie denn nun mit ihrer Arbeit? Und nicht nur mit der, die sie heute hier in Freiburg erledigen. Sondern mit ihrer tagtäglichen Arbeit dazu.

Was also ist die Kirche? Eigentlich eine ganz einfache Frage. Denn Martin Luther schreibt in den sogenannten Schmalkaldischen Artikeln aus dem Jahr 1537:

„Es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und »die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören« (Joh 10, 3); denn also beten die Kinder: »Ich glaube an eine heilige christliche Kirche«.

Eine so einfache Frage ist das also. Und zugleich wohl doch so schwierig zu beantwortende dazu. Was ist die Kirche? Wenn sie aus der Erfahrung ihrer tagtäglichen Arbeit darüber nachdenken, erleben die Kirche vor allem als eine Organisation. Mit einem Aufbau, der sich in der Grundordnung widerspiegelt. Mit klar geregelten Zuständigkeiten der verschiedenen Leitungsorgane. Mit einer klug ausgedachten Balance zwischen der Verantwortung einzelner, etwa des Landesbischofs, und der von Synoden. Mit bewusst geschaffenen funktionalen Handlungsebenen: Landeskirche, Kirchenbezirk, Kirchengemeinde. Mit einem Dienstrecht und mit Disziplinarkammern. Mit einem Konglomerat von Verordnungen und Gesetzen, die den einigermaßen reibungsfreien Ablauf der Dienstgeschäfte garantieren. Mit einem Potbury aus Kürzeln, die kein Außenstehender versteht. Wie erginge es der Landeskirche ohne FAG und KVHG, ohne VSA, KGA und KVA. Oder um es auf Freiburg herunterzubrechen ohne BA, GA, DA, FA oder wie die verschiedenen Ausschüsse alle heißen.

Kein Zweifel, das alles ist Kirche! Kirche ist auf Organisationsstrukturen angewiesen. Diese Strukturen müssen beschrieben, ihre Regeln müssen eingehalten werden. Sie kosten Geld und müssen gepflegt werden. Und sie lassen immer wieder auch Treffen wie das heutige als sinnvoll und nötig erscheinen.

Das alles ist Kirche. Aber wir spüren: Kirche geht darin nicht auf. Man muss nicht gleich so weit gehen wie der Kirchenrechtler Rudolph Sohm, der von 1870 bis 1872 hier in Freiburg gelehrt und den bekanten Satz geprägt hat: „Das Kirchenrecht steht mit dem Wesen der Kirche im Widerspruch.“ Man muss auf der anderen Seite aber auch nicht damit zufrieden sein, die Zukunft der Kirche nur von einer grundlegenden Reform ihrer Organisation und ihrer Strukturen zu erwarten. Dem Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ haben manche diesen Vorwurf gemacht. Ich finde, das geht dann doch zu weit. Ganz drastisch war die unverhohlene Kritik an einer Kirche, die sich scheinbar zu stark orientiert an den Fragen ihrer äußeren Struktur über längere Zeit in einem Freiburger Pfarramt zu lesen. Dort stand auf einem Zettel im Eingangsbereich witzig-humorvoll, aber dennoch auch sehr kritisch gemeint zu lesen: „Wer glaubt, dass Kirchenleitungen Kirchen leiten, glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten.“

Das ist gewiss weit über alle Stränge geschlagen. Aber wir spüren: Kirche geht in ihrer äußeren Gestalt nicht auf. Sie verweist immer auch noch auf die anderes Perspektive. Auf jene Seite ihrer Wirklichkeit, die wir nicht machen können. Und auf die wir doch unbedingt angewiesen sind. Nämlich darauf, dass die Kirche immer zugleich auch eine Schöpfung des heiligen Geistes ist.

Die Reformatoren, aber auch schon frühere mittelalterliche Theologen haben darum die sichtbare und die unsichtbare Kirche unterschieden. Oder auch mit anderen Worten: die äußere oder die innere, die vorfindliche oder die geglaubte. Oder in heutiger Sprache formuliert: Die Kirche als Verantwortungsbereich unseres gestaltenden Bemühens oder die Kirche als irdische und vorweggenommene Realisation des Reiches Gottes, das wir in ihr – um es mit Paulus zu sagen - sehen wie durch einen Spiegel. Nicht vollkommen, aber dennoch unübersehbar als Raum derer, die nach dem Willen Gottes fragen.

Was also ist sie denn nun wirklich – die Kirche? Ich will der eben gehörten Antwort Martin Luthers noch drei Antworten an die Seite stellen. Zwei aus der Tradition der Bekenntnisse. Und eine aus der Bibel. Zunächst eine Definition von Kirche aus der Feder Philipp Melanchthons. Da heißt es nämlich im Augsburger Bekenntnis aus dem Jahre 1530 im siebten Artikel:

„Es wir auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Versammlung sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden. Denn das genügt zur wahren Einheit der Kirche.“

Die rechte Verkündigung des Evangeliums und die ordnungsgemäße Spendung der Sakramente – das reicht schon. Wo dies gegeben ist, da ist Kirche. Unheimlich entlastend ist das. Und wir sollten als Protestantinnen und Protestanten daran festhalten. Gerade wenn uns andere ein ganz anderes Kirchenmodell entgegenhalten, in das wir doch als reumütge Ausreißer zurückkehren können. Das uns aber kein eigenständiges Kirchesein zubilligen will – so wie in der vatikanischen Erklärung Dominus Iesus“ aus dem Jahr 2000.

Ähnlich wie das Augsburger Bekenntnis formuliert die Barmer Theologische Erklärung aus dem Jahr 1934. Sie war gegen die Theologie der Deutschen Christen gerichtet. Dort heißt es in der 3. These:

„Die christliche Kirche ist die Gemeinschaft von Brüdern - und die Schwestern sind hier problemlos, aber notwendig zu ergänzen -, in der Jesus Christus in Wort und Sakrament durch den heiligen Geist als der Herr gegenwärtig handelt.“

Über die Formulierung aus dem Augsburger Bekenntnis hinaus wird in der dritten Barmer These darauf verwiesen, dass die Ur-Tätigkeiten, die Kirche wahrnehmbar machen, nämlich die Anhörung und Anschauung des Wortes Gottes, Gemeinschaft stiften. Gemeinschaft allerdings in einer ganz anderen Weise, als es die Gründung eines Vereins oder einer anderen Form bürgerlicher Vereinigung tut.

Kirche schafft sich nicht selbst. Und sie wird auch nicht durch unseren Einsatz konstituiert. Sie ist uns immer schon voraus. Integriert, inkorporiert uns. Bindet uns ein in die Gemeinschaft all derer, die vor uns schon Kirche gewesen sind. Kirche ist darum immer Kirche über alle Grenzen hinweg. Die der Kontinente und die der Konfessionen. Die der Denkanschaungen und die kleingeistiger Rechthaberei. Die des Kirchenrechts und die der jeweiligen Besonderheit unserer Vielzahl von Kirchen. Kirche ist Kirche sogar und vor allem über alle Grenzen des Todes hinweg.

Diese große, mit den bloßen Augen und mit unserem Verstand nicht zu fassende Kirche bleibt dennoch im Bereich unserer Erfahrung. Eben durch den Zuspruch der Zuwendung Gottes in Gestalt der Verkündigung und des gelingenden Miteinander. Ebenso in den Zeichen der Gemeinschaft untereinander und mit Gott, die wir in Taufe und Abendmahl erleben. Und mehr als in diesem allen im großen Zeichen der Gegenwart Gottes in dem einen, in dem Gott sein Gesicht wahrt und sein Gesicht zeigt. In Jesus aus Nazareth, in dem Gott wurde wie wir: nämlich ein Mensch. Und in dem uns doch zugleich Gottes Wirklichkeit selber entgegentritt.

Wie wir in diesem Jesus den Christus, den Platzhalter und den Gesalbten Gottes erkennen, wie in ihm Mensch und Gott untrennbar ineinander verwoben sind – so sind in die sichtbare und die unsichtbare Kirche ineinander verwoben. Keine kann ohne die andere sein, ohne ihr Kirchsein gleich gänzlich zur Disposition zu stellen.

Viel einfacher als es die Bekenntnistexte tun – so einfach, dass es wahrhaftig ein Kind von sieben Jahren verstehe kann, gibt Jesus im Matthäus-Evangelium eine Antwort auf die Frage, was denn Kirche sei. Sie kennen diesen Satz alle:

„Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“

Zwei oder drei genügen. Sie sind Kirche im Vollsinn des Wortes. Ohne Satzung und ohne Grundordnung. Sogar ohne Dome und Kirchengebäude. Aber mit der Verheißung, dass Gott unter ihnen gegenwärtig ist. Wie sich Kirche dann ordnet und sich Gestalt gibt. Wie sie in ökumenischer Buntheit all die Fragen regelt, die der Regelung bedürfen, darin ist sie frei – sofern ihre äußere Gestalt ihrer Botschaft nicht widerspricht. Und diese nicht unglaubwürdig macht. Wir können Kirche sein in der Vielfalt der äußeren Ordnungen und Rahmenbedingungen, in denen Kirche sichtbar und lebbar ist in dieser Welt. Und in der Weite der Freiheit, die Gott uns ermöglicht.

Wenn schon ein Kind von sieben Jahren dies begreifen soll, müssen wir die Antwort auf die Frage, was denn Kirche sei, nicht unnötig erschweren.

„Ich glaube an die heilige allgemeine christliche Kirche“

– das bekennen wir regelmäßig im Apostolischen Glaubensbekenntnis. In diesem Glauben verbunden sind sie, sind wir alle gemeinsam Kirche. Auch in den Beratungen dieses heutigen Tages. Amen.


Traugott Schächtele

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