ANDACHT
ANLÄSLICH DER JAHRESTAGUNG
DES VEREINS FÜR KIRCHENGESCHICHTE
IN DER EVANGELISCHEN LANDESKIRCHE IN BADEN
AM 7. JULI 2007 IN DER KATHOLISCHEN AKADEMIE
IN FREIBURG


Sehr geehrte Mitglieder des Vereins,

liebe Schwestern und Brüder!

Der Verein für Kirchengeschichte in der Evangelischen Landeskirche in Baden hält seine Jahrestagung in diesem Jahr in Freiburg ab. Dies ist eine gute Wahl und ausgesprochen erfreulich. Er hat sich für Freiburg entschieden, weil die Universität in diesem Jahr ihren 550. Geburtstag feiert.

Nun ist aber, wie sie alle wissen, die Universität in diesem Jahr nicht das einzige Geburtstagskind in unserer Stadt. Festtagsfreude herrscht auch bei der Evangelischen Kirche. Denn auch diese feiert, wenn auch erst ihren 200. Geburtstag – wie man unschwer nachvollziehen kann, eine Folge der napoleonischen Kriege, die Freiburg aus der vorderösterreichischen Beschaulichkeit in das neue Großherzogtum Baden katapultierten.

Ich freue mich, dass ich heute Vormittag den neuen evangelischen Kirchenbezirk einfach ebenfalls an der Festtafel platziere – in diesem Fall mit einem herzlichen Gruß und einer kleinen Eröffnungsandacht. Die Anfrage dazu hat mich erreicht, noch ehe ich sicher wissen konnte, dass ich hier gewissermaßen nur noch alt Alt-Dekan sprechen kann. Dafür tue ich es heute eben als Neu-Professor – und – was noch wichtiger ist – als ordentliches Mitglied des Vereins für Kirchengeschichte, auch wenn ich meinen Platz bei Mitgliederversammlungen meist anderen zur Verfügung gestellt habe, um eine allzu große Enge zu vermeiden. Insofern hat diese Eröffnung heute Morgen auch einen kleinen Anteil von persönlicher Wiedergutmachung am Verein für bislang Versäumtes!

Manchmal spielen einem die Herrnhuter Losungen den Text für eine Andacht zu, den man nicht umgehen will. So ist es jedenfalls mir bei der Vorbereitung für diesen Vormittag gegangen. Denn der Lehrtext verweist auf eine zentrale Definition sowohl des paulinischen Ethik-Verständnisses wie seines Gottesdienstverständnisses. Ich habe den Vers, um den es geht - nämlich Römer 12,1 - auf dem Liedblatt abgedruckt und des Zusammenhangs wegen den nächsten, den zweiten Vers gleich noch dazu. Da lesen wir also in Römer 12 in den Verse 1 und 2:

1Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Wissenschaftler, die die Grundlagen menschlichen Auswahlverhaltens untersuchen, sind sich einig: Wo immer Entscheidungen zu fällen sind, liegt der irrationale, nicht von Vernunftgründen bestimmte Anteil meist deutlich höher als 50 Prozent. Ob es um die vielen kleinen tagtäglichen Entscheidungen geht, die wir zu treffen haben. Ob Partnerwahl oder Berufswahl, Urlaub oder Einkaufsverhalten: Der Mensch vertraut am Ende dem Bauch und der rechten Gehirnhälfte mehr als seinem Verstand. – Der Mensch ist zwar ein animal rationale. Aber wenn’ drauf ankommt, siegen eben nicht selten Gefühl und Unvernunft. Der Verstand, so scheint’s - bleibt außen vor.

Ohne Verstand und Vernunft bleibt nicht selten das Feld der Religion. Ob wir den Glauben als Anschauung und Gefühl definieren oder ob uns die Offenbarung senkrecht von oben trifft – im einen wie im anderen Fall bleibt für einen vernunftgeprägten Religionsbegriff eigentlich kein Raum.

Dabei zeigt doch der Protestantismus von Anfang an Züge einer Bildungsreligion. In den Städten blüht er auf. Eine Predigt in Form monologischer Rede steht im Mittelpunkt. Pfarrerinnen und Pfarrer haben ein langes wissenschaftliches Hochschulstudium zu absolvieren. Theologin und Theologe sein heißt doch nicht zuletzt, den Glauben im Licht der Möglichkeiten der Vernunft zu reflektieren.

Der Lehrtext des heutigen Tages wendet die Vernunft nun auch auf den Gottesdienst an. Vom vernünftigen Gottesdienst ist da die Rede. Und damit wird zum einen der Glaube an den Logos erinnert, der gleichsam seit Anbeginn der Welt an deren Erschaffung beteiligt war. Zum anderen klingt unüberhörbar ein Anklang an die Vernunft des Menschgeistes aus diesem Wort logike heraus. Gottesdienst und Vernunft sind eben kein Gegensatz. Und niemand muss an der Kirchentür seinen oder ihren Verstand abgeben.

Allerdings hat Paulus hier die Kirchentür gar nicht erst im Blick. Seine Definition eines vernunftgeprägten und menschengemäßen Gottesdienstes ist viel weiter als dass es sich hier auf liturgische Fragestellungen beschränken wollte. Das ganze Leben ist ein vernünftiger Gottesdienst, in dem wir uns selbst, unser Tun und unser Ruh’n, unser Feiern und unser Atemholen gewissermaßen Gott als Opfer darbringen. Indem wir – um es noch einmal anders zu sagen – uns unsere Gottesbezogenheit in unserem Leben etwas kosten lassen.

Unser Leben und unsere Geschichte – sie sind also deutungsoffen im Blick darauf, dass sie Teil haben an der großen Gottesdienstgeschichte des Menschen. Der Geschichte des göttlichen Handelns an uns – und eben auch der Geschichte der Entsprechung, mit der wir mit unserem Handeln und unserem Dienst auf Gottes zuvorkommendes Handeln reagieren. Unsere Lebensgeschichte – ein vernünftiger Gottesdienst. Die 550jährige Geschichte der Universität – eine Verkettung vernünftiger Gottesdienste! Die 200 Jahre evangelisch in Freiburg- ein Netzwerk vernünftiger Gottesdienste!

Manchmal bleibt viel zu wenig nachhaltig Nachweisbares übrig. Das hat die Universität selber so gespürt, als sie mit dem in goldenen Lettern gesetzten Satz am Kollegiengebäude 2 „Die Wahrheit wird euch frei machen“ gewissermaßen einen inneren Neuanfang in ihrer Geschichte in Angriff nehmen wollte. Das haben namhafte Vertreter der Kirchengemeinde wie der Universität während der Zeit des Nationalsozialismus gespürt, als sie im Sinne des Worte riskierten, ihre Leiber hinzugeben, um mitten im Alten Wege in die Zukunft nach böser Zeit zu beschreiben versuchten.

Unser Leben zu verstehen als vernünftigen Gottesdienst – dazu sind wir tagtäglich auf’s neue eingeladen, in dem wir tun, was wir im zweiten Vers von Römer 12 nachlesen können: Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Programm genug ist das für weitere Jahrzehnte und Jahrhunderte der Universität wie der evangelischen Kirche – und nicht nur hier in Freiburg. Mitgliederversammlungen des Vereins für Kirchengeschichte in 50 oder 100 Jahren werden einst darüber debattieren können, inwieweit es uns gelungen ist, diesen Anspruch einzulösen. Doch Gottes guter und alles verwandelnden Geist wird auch unseren Verstand nicht verschonen und uns immer wieder Wege zeigen, wie unser Leben zu einem Gottesdienst wird, an dem Gott und unsere Mitmenschen Freude haben können. Amen.

Gebet

Menschenfreundlicher Gott, du denkst nicht klein von uns und mutest uns deshalb Großes zu. Leben sollen wir, dass sich darin dein guter Geist widerspiegelt. Handeln sollen wir so, dass unser ganzes Leben unter dem Vorzeichen deiner Barmherzigkeit steht. Zu einem Glauben lädst Du uns ein, der im Vertrauen auf dich unsere Welt zu verändern vermag. Um nicht mehr bitten wir dich, als um einen Verstand, der erleuchtet ist von deiner Großzügigkeit und beflügelt von deinem Geist der Verwandlung. Amen.


Traugott Schächtele

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