„GOTT IST DA, WO WIR MENSCHEN LEBEN“
PREDIGT ÜBER GENESIS 18,1-10A
IM ÖKUMENISCHEN FAMILIENGOTTESDIENST ZUM THEMA GASTFREUNDSCHAFT
AM SONNTAG, DEN 22. JULI 2007 IN DER LIEBFRAUENKIRCHE IN ETTLINGEN-WEST


Liebe Gemeinde!

1. Gemeinsam mit ihnen über Gastfreundschaft nachzudenken und zu predigen, das erfordert zunächst und zuallererst einmal meinen eigenen Dank für die an diesem heutigen Sonntag mir gewährte Gastfreundschaft. Dass mich diese kleine Rückkehr auf Zeit - der Luthergemeinde in sehr beschwerten Tagen zugesagt - nun gleich mitten in die Ökumene hier vor Ort führt – stimmt mich froh. Ungeachtet aller für die Ökumene nicht gerade ermutigenden Signale der letzten Wochen können wir durch unser gemeinsames gottesdienstliches Feiern ein Zeichen der Hoffnung setzen.

Ich kann es fast nicht anders deuten: Das Thema dieses Familiengottesdienstes hat mir und uns allen der Heilige Geist zugespielt. Gastfreundschaft - die wünschen wir uns ökumenisch im Blick auf das Mahl des Herrn in der einen weltweiten Kirche. Hier ist langer Atem vonnöten. Gastfreundschaft – die über wir ein auch in einem Gottesdienst wie dem heute Morgen. Jede Feier der kleinen Gastfreundschaft ist eine Form des Einübens der noch ausstehenden großen.

Gastfreundschaft ist ein wunderschönes Wort. Ein Wort, das von einer Beziehung spricht. Von einem dynamischen Geschehen. Da steht ein Gast, in mancherlei Hinsicht ein Fremder oder eine Fremde vor mir. Und ich biete ihm oder ihr die Freundschaft an. Mache sie oder ihn mir zum Freund oder zur Freundin. Um Fremde, die zu Freunden werden, darum geht es. Gast-Freundschaft – die markiert immer den Anfang einer gelingenden Beziehung zwischen Menschen.

Es reicht nicht aus für ein erfülltes Leben, wenn wir Menschen uns in unseren eigenen vier Wänden voreinander in Sicherheit zu bringen. Wo wir und Gastfreundschaft gewähren, müssen wir eigene Sicherheiten verlassen und uns erst einmal auf den Weg machen. Wo Gastfreundschaft gewährt wird, müssen wir uns darauf einlassen, unsere Türen geöffnet zu halten.

2. Im Bericht aus Genesis 18, den wir eben gehört haben, sind es allerdings keine Türen, die gastlich geöffnet bleiben. Abraham, ein umherziehender Nomade, lebt in einem Zelt. In der Mittagshitze, also gerade dann, wenn die Sonne am höchsten steht, sucht er Schatten unter den Zweigen einer Terebinthe. Keine Eiche, wie in manchen deutschen Übersetzungen nachzulesen ist; eher eine ferne Verwandte. Bis zu 10 Meter kann eine solche Terebinthe hoch wachsen. Nirgends lässt sich die Hitze besser ertragen als unter ihrem Schutz.

Da bekommt Abraham Besuch. Jetzt ist seine Gastfreundschaft gefordert. Die Gastfreundschaft der Nomaden war sprichwörtlich. Man war aufeinander angewiesen. Und man durfte deshalb auch nicht wählerisch sein. Der, dem die Gastfreundschaft galt, das war der, der eben vor dem Zelt stand. Wählerisch zu sein, das konnte man nicht leisten. Die Gastfreundschaft gehörte zu den Risiken, die man eingehen musste. Sie war eine Art Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit. Keine abendliche Einladung zu einem festlichen Dinner unter Freunden. Vielmehr die Gewährung des menschlich Gebotenen in einer Umgebung, der man sein Überleben täglich auf’s Neue mühsam abringen musste.

Essen und Trinken – sie waren allerdings schon damals die Zeichen, in denen sich wahre Gastfreundschaft ausdrückte. Essen und Trinken, dazu einen Ruheplatz im Schatten – genau das bietet auch Abraham seinem Besuch an. Höchste Zeit, dass wir uns noch einmal genauer anschauen, wer denn das ist, der bei Abraham so unerwartet vor dem Zelt auftaucht.

3. Kunstvoll sind in der Lesung, die wir vorhin gehört haben, nämlich zwei Geschichten ineinander verwoben. Einmal heißt es: „Gott erschien dem Abraham bei der Terebinthe von Mamre.“ Doch schon einen Vers weiter lesen wir: „Wie er aufblickte, sah er drei Männer vor sich.“ Wer also kommt denn da nun: Gott? Oder drei Männer? Die Geschichte lässt die Antwort bis zum Schluss offen. Es sind drei Männer, denen Abraham seine Gastfreundschaft anbietet. Es sind drei Männer, die Abraham bewirtet. Es sind drei Männer, die ihm und seiner Frau scheinbar mit einer Stimme die Geburt eines Sohnes ankündigen.

Und es ist zugleich Gott selber, der Abraham erscheint. Und der ihm Nachkommen ankündigt und eine große Zukunft voraussagt. Wir müssen das Geheimnis dieses Textes gar nicht weiter ergründen. Wichtig ist nur zweierlei: Gastfreundlich zu sein, ist nicht nur riskant. Es ist in hohem Maße auch lebensdienlich. Gastfrei zu sein, ermahnt uns auch der Hebräerbrief. Denn mit ihrer Gastfreundschaft, so heißt es, „haben etliche schon, ohne es zu wissen, Engel beherbergt.“

Genauso auch hier: Mit seiner Gastfreundschaft für die Drei hat Abraham in seiner Mitte Gott selber Raum gegeben. Das Risiko des ungebetenen Gastes wird zur Lebenschance. „Ich will dir Zukunft geben“, sagt Gott zu Abraham und Sara. Gastfreundschaft gewährt Zukunft.

• Zukunft über den Tag hinaus, wenn wir Tisch und Brot mit anderen teilen.
• Zukunft einer Beziehung, wenn wir das Risiko nicht scheuen, Fremden eine Heimat anzubieten.
• Zukunft für unser Leben, wenn wir, ohne es zu ahnen, Gott selber zu Wort kommen lassen in unserem Leben.

Im Gleichnis vom Weltgericht, das uns der Evangelist Matthäus überliefert, kommt das sehr anschaulich zum Ausdruck. „Was immer ihr euren Menschengeschwistern an Gastfreundschaft angedeihen lässt, das habt ihr mir getan. Denn ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin hungrig und durstig gewesen, und ihr habt mir zu Essen und zu Trinken gegeben. Selbst im Gefängnis habt ihr mich besucht.“ Um elementare Lebensnotwendigkeiten geht es da: Essen und Trinken. Kleidung. Soziale Kontakte. Durchgehaltene Solidarität.

4. Wo ein Mensch dem anderen Gastfreundschaft gewährt - mehr noch - wo ein Mensch dem anderen zum Menschen wird, da ist Gott nicht fern. Noch ehe wir Gott begegnen in den Menschen, die uns brauchen, ist Gott längst schon da. Dazu will ich ihnen eine kleine Geschichte erzählen:

Ein Mensch erfährt, dass Gott zu ihm zu Besuch kommen will. „Zu mir“, schreit er, „in mein Haus? Er läuft durch alle Zimmer. Steigt die Treppen hinauf bis auf den Speicher. Geht hinunter bis in den Keller. Er sieht sein Haus mit anderen Augen. „Umöglich!“, ruft er. „hier kann ich keinen Besuch empfangen. Alles verdreckt. Kein Platz zum Ausruhen. Keine Luft zum Atmen.“ Er reißt Fenster und Türen auf. „Freundinnen und Freunde“ ruft er. „Helft mir aufräumen. Aber bitte schnell!

Mitten durch die Staubwolken hindurch sieht er, dass ihm einer zu Hilfe kommt. Sie bringen den Müll aus dem Haus. Sie schrubben den Boden. Sie putzen die Fenster. „Das schaffen wir nie“, sagt der Mensch. „Das schaffen wir“, sagt der andere, der ihm hilft. Sie plagen sich den ganzen Tag.

Endlich sind sie fertig. Sie gehen in die Küche und decken den Tisch. „So“, sagt den Mensch. „Jetzt kann Gott kommen. Wo er nur bleibt?“.

„Aber ich bin doch längst da“, sagt der andere. Ich habe dir doch den ganzen Tag geholfen. Jetzt komm und iss mit mir!“

Gott zieht es mit Lust mitten unter uns Menschen. Gott gibt mit Lust zu erkennen, wie er will, dass wir leben – in jedem Menschen rechts und links von uns. Wie in jenem einen, der Mensch war wie wir. Und aus dessen Angesicht unüberbietbar doch Gottes Menschenfreundlichkeit entgegenleuchtet.

Deswegen ist gewährte Gastfreundschaft ins Leben gezogene Gottesliebe. Deswegen ist Gastfreundschaft auch eine Art unveränderliches Kennzeichen christlicher Existenz. Deshalb kann auch unser Kirchsein auf Dauer nicht ohne die Gewährung von Gastfreundschaft bleiben.

5. Abraham ist ein Vorbild nicht nur im Glauben. Er ist ein Vorbild auch im Handeln. „Da nahm Abraham Butter, Milch und von dem Kalb, das er hatte zubereiten lassen, und setzte es ihnen vor.“

• Deshalb bieten wir in den Kirchen Dach und Nahrung an für die, denen das Allernötigste zum Leben fehlt. Diakonie und Caritas sind Merkzeichen einer gastfreundlichen Kirche
• Deshalb nehmen wir uns die Zeit, um sie mit denen zu teilen, denen niemand ein Ohr leiht und zuhört.
• Deshalb sind wir gastfreundlich für all jene, die ansonsten draußen vor der Tür stehen bleiben – bedroht von Hunger und Armut; von Folter und Krieg.
• Deshalb laden wir uns ein – gewähren uns gegenseitig Gastfreundschaft – und in nicht allzu ferner Zukunft hoffentlich auch an jenem Tisch, der die Einheit der Kirche weltweit zum Ausdruck bringt.

„In einem Jahr komme ich wieder“, sagt Gott. Und nach einem Jahr hatte Sara ihren Sohn geboren. Und in einem Jahr – da bin ich sicher - wird Gott auch das eine oder andere Wunder an uns und an dieser Welt vollbringen. Denn mit dem Wunder der Gastfreundschaft hat alles begonnen, als Gott Wohnung nahm in dieser Welt. Und mit dem Wunder der Freundschaft wird alles enden. Weil wir nicht länger nur Gäste sind im großen Haus Gottes. Sondern - wie es im heutigen Wochenspruch heißt - Mitbürgerinnen und Mitbürger der Heiligen und Hausgenossinnen und Hausgenossen Gottes. Oder um es noch einfacher zu sagen: Weil Gott und in seiner Nähe wohnen lässt. Weil Gott da ist, wo wir Menschen leben.
Amen.

Traugott Schächtele

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