Ansprache zur Taufe von Lilli-Sofia Sch.


Lesung aus dem Buch der Weisheit (7,21-25; 8,4.7)

21So erkannte ich alles, was verborgen und was sichtbar ist; denn die Weisheit, die alles kunstvoll gebildet hat, lehrte mich's. 22Denn es wohnt in ihr ein Geist, der verständig ist, heilig, einzigartig, vielfältig, fein, behend, durchdringend, rein, klar, unversehrt, freundlich, scharfsinnig, ungehindert, wohltätig, 23menschenfreundlich, beständig, gewiss, ohne Sorge; sie vermag alles, sieht alles, und durchdringt selbst alle Geister, die verständig, lauter und sehr fein sind. 24Denn die Weisheit ist regsamer als alles, was sich regt, sie geht und dringt durch alles - so rein ist sie. 25Denn sie ist ein Hauch der göttlichen Kraft und ein reiner Strahl der Herrlichkeit des Allmächtigen; darum kann nichts Unreines in sie hineinkommen.
8 4Denn sie ist in Gottes Wissen eingeweiht und wählt aus, was Gott tut. 7Hat aber jemand Gerechtigkeit lieb - so ist es die Weisheit, die die Tugenden wirkt; denn sie lehrt Maß und Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit, und nichts Nützlicheres als dies gibt es im Leben für die Menschen.


Gedanken zur Weisheit (1)
Liebe Karoline, lieber Michele,
lieber Raphael, lieber Elias und lieber David,
liebe Verwandte, Gäste, Paten!

Nicht ohne Grund habt ihr diesen Text ausgewählt, den wir eben gehört haben. Lilli-Sofia heißt eure vierte. In 18 Tagen wird sie ein Jahr alt. Und ihr Name soll für sie Programm sein. Für ihr ganzes Leben. Zunächst aber auch für diesen Taufgottesdienst. Zwei in jeder Hinsicht sprechende, zwei ganz große Namen trägt eure Schwester und Tochter: Lilli und Sofia.

Lilli ist eine Kurform von Elisabeth. Elisabeth kommt aus dem Hebräischen. Vom Wort Eli-Schaba. Das heißt: Mein Gott ist Fülle.

Ihr zweiter Name, Sofia, weitet den Horizont aus der hebräischen Welt in die griechische. In die Welt der Philosophie und der Weisheit. Sofia heißt Weisheit. Genauso wie das Buch der Bibel, aus dem die Lesung stammt, die wir eben gehört haben. Als engste Mitarbeiterin Gottes erscheint die Weisheit da. Sie ist schon da, als die Welt erschaffen wird. Sie ist an allem beteiligt, was immer Gott tut. Und sie bringt selber große Wirkungen hervor, so hieß es in der Lesung. Denn die Weisheit bewirkt die Tugenden. Und diese werden dann auch gleich aufgezählt: Die Gerechtigkeit, die Tapferkeit, das rechte Maß und eben das, was sie selber ist: die Sofia, die Weisheit.

Hoch spannend ist das. Platon, der große griechische Philosoph mitten in der Bibel. Denn diese Aufzählung der vier sogenannten Kardinaltugenden stammt von ihm. Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß, Weisheit. Die rechte Balance dieser vier Charaktermerkmale, dieser vier Tugenden, macht den wahren Menschen aus.

Nach diesem Einstieg mitten in die große Welt der Philosophie halten wir besser erst einmal inne. Holen Atem. Lassen das Singen zum Recht kommen.

Lied: If you want

Gedanken zur Weisheit (2)

Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß, Weisheit. Vier große Tugenden. Vier zentrale Eigenschaften des wahren Menschen. Sie sind des eigenen Nachdenkens und Nachsinnens wert. Gerade als Lebensprogramm für Lilli-Sofia an ihrem Tauftag. Wir hören jetzt, welche Gedanken sich – wenn ich es recht weiß - die Paten und der Opa von Lilli gemacht haben.

Gedanken zu den vier Kardinaltugenden

Gerechtigkeit – Tapferkeit – Maß - Weisheit

Gedanken zur Weisheit (3)

Schönes und Großartiges haben wir eben gehört. Ganz persönlich zugesprochene Deutungen dieser vier Tugenden. Von allem wünschen wir der Lilli etwas. Und am meisten von der Sofia, deren Namen sie ja trägt.

Die guten und gut gemeinten Wünsche, das ist das eine. Die Wirklichkeit das andere. Das Leben hält sich meist nicht so sehr an unsere Ideal-Vorgaben. Es teil das eine zu. Und lässt uns am anderen darben. Meist ohne dass wir einen tieferen Sinn darin ergründen können. Das Leben hält es mehr mit den wirklichen Menschen. Lilli-Sofia ist ein wirklicher Mensch.

Das Bild ihres Lebens hat längst Konturen angenommen. Aber es ist immer noch voller Offenheit. Lässt Gestaltungsspielraum. Weil Gott uns Menschen zur Freiheit bestimmt hat. Nicht zu einer festgelegten Existenz in einem göttlich bestimmten Koordinatensystem.

Darum wird noch viel anderes zu diesen vier Tugenden dazukommen. Freiheit. Phantasie. Sehnsucht. Lust. Und Liebe. Auch Paulus hatte sich zu den Kardinaltugenden Gedanken gemacht. Und anstatt über die Weisheit, die Sophia, hat er ein Gedicht über die Liebe geschrieben. Es klingt ganz ähnlich wie das über die Weisheit. Langmütig und freundlich sei die Liebe. Sie treibt nicht Mutwillen. Verhält sich nicht ungehörig. Sie freut sich nicht an der Ungehörigkeit. Sie freut sich an der Wahrheit. Und gewiss auch an der Weisheit. Und dann nennt auch er drei Kardinaltugenden: nämlich Glaube, Hoffung und Liebe.

Auch diese drei wird Lilli nötig haben in ihrem Leben. Der Glaube an den, der jedem Menschen seine einzigartige Würde zugesteht. Die Hoffnung, dass unser gegenwärtiges Sein noch nicht das Ende der Fahnenstange aller Hoffnungen ist. Die Hoffnung, dass da noch etwas aussteht. Dass da noch etwas kommt. Die Hoffnung auch, dass unsere Aussichten unsere Ansichten bei weitem übertreffen.

Und dann eben die Liebe. In der Liebe kommt alle Weisheit an ihre Grenze. Und an ihr Ziel. Die Liebe ist die größte der drei christlichen Kardinaltugenden. So wie die Weisheit die größte der Tugenden Platons ist.

Ein altes Sprichwort sagt:

SOLANGE KINDER KLEIN SIND, GIB IHNEN WURZELN. WENN SIE ÄLTER GEWORDEN SIND, GIB IHNEN FLÜGEL.

So mag die Weisheit der Lilli Wurzeln verleihen. Und die Liebe sie beflügeln. Weisheit und Liebe. Von beidem möge Lilli soviel bekommen wie sie es nötig hat in ihrem Leben. Mit beidem mögt ihr als Eltern, als Patinnen und Paten, als Freundinnen und Freunde sie ausreichend nähren. Damit sie spüren kann, wie gut ihr es mit ihr meint.

Weisheit und Liebe. In beidem möge sie auch die Lebensfreundlichkeit dessen spüren und erkennen, in dem beide ihren Ursprung haben: Gott, den die Weisheit umspielt von allem Anfang. Und der selber der Urquell der Liebe ist. Gott, dem wir zutrauen, dass er uns aus seiner Fülle leben lassen will. Das lasst uns feiern. Mit dieser Taufe. Und jeden Tag auf’s neue. Amen.

Musik zum Nach-Denken


Traugott Schächtele

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