„ZWISCHEN IRDISCHER QUALITÄTSSICHERUNG
UND HIMMLISCHER VOLLKOMMENHEIT“
PREDIGT IM GOTTESDIENST ANLÄSSLICH DES AEU-FORUMS
AM 30. AUGUST 2007 IN DER
KAPELLE DES MARTIN-NIEMÖLLER-HAUSES IN ARNOLDSHAIN


liebe Schwestern und Brüder bei AEU-Forum!

1. Die Annahme einer tabula rasa ist meist ein Mythos. Und so sind wir wahrhaftig auch nicht die ersten, die sich dem Thema Qualität und Qualitätsentwicklung nähern. Noch lange ehe sich Fachleute aus dem Bereich der Wirtschaft über Qualität Gedanken gemacht haben, haben sich Philosophen und Theologen an diesem Thema abgearbeitet.

Auch Texte der Bibel tragen Hilfreiches zu diesem Thema bei. Wenn bereits auf den ersten Seiten der Bibel die Frage nach dem Verhältnis von Gut und Böse verhandelt wird, geht es um die elementarste Zuspitzung der Frage nach Qualität überhaupt. Ich möchte in dieser Predigt mit Ihnen über einen anderen, aber nicht weniger grundsätzlichen Beitrag der Bibel zu unserem Thema nachdenken. Und das, wie sie der Titelseite des Gottesdienstablaufes entnommen haben, unter der Themenformulierung „Zwischen irdischer Qualitätssicherung und himmlischer Vollkommenheit“. Ich lese jetzt aus Römer 12 die ersten beiden Verse:



1Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.



2. Wissenschaftler, die die Grundlagen menschlichen Verhaltens untersuchen, sind sich einig: Wo immer Entscheidungen zu fällen sind, liegt der irrationale, nicht von Vernunftgründen bestimmte Anteil meist deutlich höher als 50 Prozent. Manche Neurophysiologen sind sogar der Meinung, dass wir überhaupt keine vernunftgeprägte Entscheidungsfreiheit haben.

So weit muss man gar nicht gehen. Doch ob es um die vielen kleinen tagtäglichen Entscheidungen geht, die wir zu treffen haben. Ob Partnerwahl oder Berufswahl, Urlaub oder Einkaufsverhalten. Ob nebensächliche oder grundsätzliche Entscheidungen im Beruf: Der Mensch vertraut am Ende dem Bauch und der rechten Gehirnhälfte meist mehr als seinem Verstand. – Der Mensch ist zwar ein animal rationale, ein vernunftbegabtes Wesen. Aber wenn’s drauf ankommt, siegen eben nicht selten Gefühl und Unvernunft. Der Verstand, so scheint’s - bleibt außen vor.

Dabei zeigt doch der Protestantismus von Anfang an Züge einer vernunftgesteuerten Bildungsreligion. In den Städten blüht er auf. Eine Predigt in Form monologischer Rede steht im Mittelpunkt. Pfarrerinnen und Pfarrer haben ein langes wissenschaftliches Hochschulstudium zu absolvieren. Theologin und Theologe sein heißt doch nicht zuletzt, den Glauben im Licht der Möglichkeiten der Vernunft zu reflektieren.

3. Der von mir zu diesem AEU-Forum ausgewählte Predigttext des heutigen Tages wendet die Vernunft nun auch auf den Gottesdienst an. Vom vernünftigen Gottesdienst ist da die Rede. Und damit wird zum einen der Glaube an den Logos erinnert, der gleichsam seit Anbeginn der Welt an deren Erschaffung beteiligt war. Einen Beleg für dieses Verständnis haben wir am Beginn des Johannes-Evangeliums vor uns: Am Anfang war der Logos – wie es da richtiger heißen muss anstelle der vertrauten Formulierung: „Am Anfang war das Wort.“

Dabei schwingt bei diesem Wort logike – wie es griechischen Text heißt – deutlich ein Hinweis an die Logik, auf die Vernunft des Menschgeistes mit. Gottesdienst und Vernunft sind eben kein Gegensatz. Und niemand muss an der Kirchentür seinen oder ihren Verstand abgeben. Auch heute Morgen nicht. Denn ein Glauben ohne Verstand ist – wie wir immer wieder vor Augengeführt bekommen – ein allzu gefährliches Unterfangen. Ohne Verstand ist der Weg zum Fundamentalismus oft kürzer als wir vermuten.

Dass wir an der Kirchentür unseren Verstand abzugeben hätten, hat Paulus hier allerdings überhaupt nicht im Blick. Und um das, was hinter der Kirchentür geschieht, geht es hier am allerwenigsten. Das, was er meint, wenn er das Stichwort Gottesdienst aufgreift, ereignet sich gerade davor.

Das, was Paulus mit seiner Definition eines vernunftgeprägten und menschengemäßen Gottesdienstes meint, geht viel weiter als dass er sich hier auf liturgische Fragestellungen beschränken wollte. Nein, das ganze Leben ist ein vernünftiger Gottesdienst – ein Handeln und Tun, in dem wir uns selbst, unser Tun und unser Ruh’n, unser Feiern und unser Atemholen gewissermaßen Gott als Opfer darbringen. Indem wir – um es noch einmal anders zu sagen – uns unsere Gottesbezogenheit in unserem Leben schon etwas kosten lassen. Man könnte auch sagen, indem wir so leben, dass wir mit der Qualtität unseres Lebens vor unseren Mitmenschen und vor allem vor Gott bestehen können.

Mit Lebensqualität meine ich hier allerdings etwas gänzlich anderes als das, was sich in den Kategorien des Wohlstands messen lässt. Nicht darum geht es, ob unser Leben annehmlich ist – vielmehr darum, ob wir mit unserem Leben Gott annehmlich sind. Voraussetzung dafür wäre, wenn wir der Argumentation des Paulus folgen, dass wir unser Leben so gestalten, dass es zum Opfer wird, dass lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist.

4. Wenn sie sich an die erste Lesung dieses Gottesdienstes erinnern, kommt genau dies zum Ausdruck. Gott hat an Opfern, die nicht zugleich auch menschendienstlich sind, keinen Gefallen. Menschenverachtendes Räucherwerk ist Gott ein Gräuel. „Lasst ab vom Bösen. Lernet Gutes. Trachtet nach Recht!“ Ein Leben, dass diesen Maßstäben genügt, hat Qualität. Allenfalls ein solches Leben wäre ein Opfer, an dem Gott gefallen hat.

An Opfergaben waren hohe Qualitätsanforderungen gestellt. Makellos sollten sie sein. Die besten Tiere. Die besten Früchte. Hier geht es in der Tat um Qualität. Und das auf allerhöchstem Niveau. Was für das Opfer gilt, davon ist das Lebensopfer im Sinne des Paulus keineswegs ausgenommen. Leben in höchster Qualität. Leben, das Gott gefällt und den Menschen nützt, ein solches Leben – das wäre ein von der Vernunft geprägter, logischer Gottesdienst. Erstaunlich ist das nicht. Wie sollten wir so leben können, wenn wir die Gaben unserer Vernunft und unseres Verstandes außen vor alten. Schließlich sind sie beide ja auch der Gottesgaben.

Nun ist der Vergleich unseres Lebens mit einem Opfer keineswegs unproblematisch. Zu viele Menschen wurden schon geopfert durch die Jahrtausende hindurch auf den Altären der Mächtigen. Bis heute. Zu viele Opfer fordert unsere Art zu leben. Bis heute. Zu viele opfern sich sinnlos auf. Gott hat keinen Gefallen an solchen Opfern. Da bin ich ganz sicher. Und es wäre womöglich ratsam, dass wir allmählich aufhören, die Wege der Befreiung, die Gott uns bahnt und ermöglicht, in der Sprache und in den Denkmustern einer Opferterminologie zu beschreiben. Gott will, dass wir leben.

5. Mit der Rede vom vernünftigen Lebensgottesdienst bietet uns Paulus eine hilfreiche Möglichkeit, vom Weg der Opferterminologie wegzukommen. Unser Leben – gelebt in hoher Qualität. Gelebt in Verantwortung vor Gott und den Menschen. Unser Leben – so gelebt, dass es also deutungsoffen ist als Beitrag, Gottes Menschenfreundlichkeit Raum zu geben. Unser Leben - so gelebt, dass wir Teil haben an der großen Gottesdienstgeschichte des Menschen. Der Geschichte des göttlichen Handelns an uns – und eben auch der Geschichte der Entsprechung, mit der wir mit unserem Handeln und unserem Dienst auf Gottes zuvorkommendes Handeln reagieren.

Unser Leben zu verstehen als vernünftigen Gottesdienst – dazu sind wir tagtäglich auf’s neue eingeladen. Bleibt die Frage, wie das gehen kann. Den Wag dahin beschreibt der zweite Vers aus Römer 12. Und hier geht es dann nicht mehr nur um die irdische Qualitätssicherung, sondern um die himmlische Vollkommenheit: Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Wie auch sonst, scheint hier vor den Erfolg die Anstrengung gesetzt. Gleich zwei Imperative folgen: Stellt euch nicht dieser Welt gleich! Ändert euch! Gebt eurem Verstand eine neue Ausrichtung. Der Imperativ ist das eine. Die Umsetzung das andere. Wir wissen alle: Solches Leben kann man nicht einfach machen. Und seinen Verstand kann man durch Appelle allein nicht der Metamorphose, der Umgestaltung, unterziehen, von der Paulus spricht. Bei aller Wertschätzung eigenverantwortlichen und vernunftgeprägten Handelns. Wenn wir noch einmal aus einer anderen Perspektive auf unser Leben schauen, wissen wir: Das Wesentliche widerfährt uns als Geschenk. Gottesdienst ist eben nicht nur unser Dienst, unser qualitätsvolles Leben Gott gegenüber. Gottesdienst ist auch – und vor allem anderen - Gottes Dienst an uns.


6. Die Erneuerung unseres Sinnes: Am Ende müssen wir sie an uns geschehen lassen. Die himmlische Qualität richtet sich an ganz anderen Standards aus. Sie wird uns zugesprochen. Unverdient. Aber dennoch eben nicht unwirksam. Ungesichert, was unsere Möglichkeiten angeht. Aber voller Aussicht auf Sicherheiten, die im Leben auch dann noch tragen, wenn alle anderen Sicherheiten weg brechen.

Stellt euch nicht dieser Welt gleich! Es ist nicht der große Rückzug, zu dem Paulus hier aufruft. Es ist der Hinweis auf die große Unterscheidung. Die letzte, die himmlische Qualitätssicherung dürfen wir ruhig den Händen des lieben Gottes überlassen. Aber im Bereich des vorletzten, im großen Feld unserer Lebensgestaltung, wird darum um so mehr von uns zu erwarten sein: Ein Leben als vernünftiger, vernunftgeprägter Gottesdienst. Das ist ein Leben in Freiheit und Eigenverantwortung. Zwischen Versuch und Irrtum. Zwischen Gelingen und Misslingen. Zwischen Gott und den Menschen. Ein Leben auch zwischen Schuld und Vergebung.

Wer das Risiko dieses Lebens scheut, geht womöglich das größere Risiko ein. Eigentlich haben wir also gar keine Wahl. Zu einem Leben sind wir aufgerufen, das wir gestalten sollen, als ob es keinen Gott gäbe. Und das wir doch nie anders leben können als eben in der Verantwortung vor diesem Gott. Ohne dass dies unserer Freiheit und unserer Verantwortung etwas wegnimmt.

7. Dieser Doppeldeutigkeit unseres Lebens tragen wir Rechnung, wenn wir jetzt das Abendmahl miteinander feiern. Nichts anderes tun wir, als dass wir uns erinnern lassen an den einen, der uns ein solches Leben der verwandelten Vernunft vorgelebt hat. Ein Leben in höchster Qualität. Ein Leben, das gerade deshalb in seiner Gänze ein Gottesdienst war, weil es durch und durch die Menschen im Blick hatte. Darum sind Brot und Wein Zeichen der Erinnerung daran, worauf es entscheidend ankommt in unserem Leben. Zeichen der Nahrung für Leib und Seele. Zeichen der Liebe und der Verwandlung. Zeichen des den Menschen Zugutekommenden. Und gerade darin auch Zeichen der Gegenwart Gottes selber. Ein vernünftiger Gottesdienst. Und gerade darin in hohem Maße unvernünftig. Wir dürfen uns Gott mit allen Mitteln der Vernunft nähern. Und dabei doch gewiss sein, dass unsere Vernunft niemals ausreicht, die Wirklichkeit Gottes zu fassen. Weil sich Gott allem Begreifen entzieht. Und gerade darin von uns begriffen, verstanden und in seiner Vollkommenheit gefeiert sein will. Weil Gott nichts anderes mit uns im Sinn hat, als dass wir leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft – er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Traugott Schächtele

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