BEFREIT GLAUBEN – BAHNBRECHEND LEBEN
PREDIGT ÜBER JESAJA 62,6-7.10-12
IM MUSIKALISCHER GOTTESDIENST
ZUM REFORMATIONSFEST AM 31. OKTOBER 2007
IN DER MARIENKIRCHE IN ITTERSBACH


Liebe Gemeinde!

Heute in zehn Jahren werden die Feierlichkeiten zum Reformationstag alle bisher bekannten Dimensionen sprengen. Zehn Jahre nur noch – und wir feiern den 500. Jahrestag der wahrhaft weltbewegenden Wittenberger Ereignisse. Heute ist es also 490 Jahre her, seit Martin Luther am Vorabend des Allerheiligenfestes seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg anschlug.

Martin Luther hat damals nicht ahnen können, welche Auswirkungen seine nächtliche Aktion haben würde. Der Thesenanschlag setzt einen gewaltigen Prozess in Gang, der zunächst Deutschland, aber schon bald halb Europa aus den Angeln hebt. Mit den reformatorischen Ereignissen ändern sich die Maßstäbe des politischen und kirchlichen Handels. Fortan kann die Zukunft nicht mehr anders als in europäischen Dimensionen gedacht werden. Und ein Jahrhundert später versinkt halb Europa in den Wirren des 30jährigen Krieges. Dem europäischen Frieden jagen wir im Grunde bis heute nach.

Wenn wir heute – also 490 Jahre nach dem Startsignal dieses gewaltigen Reformationsgeschehens – dieses Anlasses gottesdienstlich gedenken, rufen wir uns in Erinnerung, dass am Anfang dieses Weges eine geistliche Einsicht stand - die Gewissheit nämlich, dass wir Gott recht sind. Und die Erkenntnis, uns darauf verlassen können, dass es nicht unserer Werke, sondern unseres Gottvertrauens bedarf, um unserem Leben Zukunft und Schönheit verleihen zu können.

Mit nichts werden wir dem Anliegen der Reformation mehr gerecht als dadurch, dass wir auf das Wort der Bibel hören. Die Seligpreisungen haben wir eben schon als Evangelium gehört. Hören wir nun auf die Worte des Predigttextes für diesen Reformationstag 2007.Er steht im 62. Kapitel des Jesaja-Buches. Wir hören auf die Verse 6 und 7 sowie 10 bis 12:

6 O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den HERRN erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen, 7lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden!

10Gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! 11Siehe, der HERR lässt es hören bis an die Enden der Erde: Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! 12Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des HERRN«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.


Nichts ist so vergänglich wie der Ruhm von gestern, liebe Gemeinde. Auch große Namen sind davor nicht gefeit. Eben noch gerühmt und gefeiert. Und doch schon bald wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Die Massenmedien führen uns das ein ums andere Mal vor. Große Namen, die für große Programme stehen. Und die morgen schon wieder veraltet sind und ersetzt durch neue und andere Hoffnungsträger. Und von den alten bleibt am Ende bestenfalls die Sehnsucht, die alten Zeiten mögen nicht für immer vergangen sein. „Man sonnt sich gern im alten Glanz vergangner Herrlichkeit. Und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.“ So hat ein neueres Kirchenlied schon vor Jahren diese Situation zutreffend charakterisiert.

So ähnlich muss es auch um Jerusalem bestellt gewesen sein, damals gegen Ende des 6. Jahrhunderts vor Christus. Knapp 500 Jahre zuvor von David erobert und zur Hauptstadt gemacht. Von Salomon und seinen Nachfolgern prächtig ausgebaut. Und mittendrin unübersehbar der prunkvolle Tempel.

Auch nach seiner Zerstörung durch die Babylonier bleibt der Mythos. Jerusalem – die Stadt der Städte. Zufluchtsort und Wohnsitz Gottes. Zielpunkt der Völkerwallfahrt zum Zion, von der die Propheten Micha und Jesaja berichten. Kristallisationspunkt dreier Weltreligionen bis heute. Als himmlisches Jerusalem Synonym für die neue Stadt Gottes. Jerusalem - der Name stand für das Programm einer gänzlich neuen Gottessicht. Für einen Gott der kleinen Leute, dem Ausbeutung und Schinderei nicht gleichgültig sind. Für einen Gott, der mitgeht. Und der auch Wüsten und Unwegsamkeiten nicht scheut. Für einen Gott im Hinterhof, der nicht in Babylon, sondern eben in Jerusalem Wohnung nimmt. Der Jerusalem wählt, nicht weil es bedeutend und groß wäre; der es vielmehr groß macht, weil er es erwählt.

Jerusalem! Einst war es - das wissen die, die dem Propheten zuhören, sehr wohl - einst war es doch die Stadt Gottes schlechthin. Doch hier im Predigttext liegt sie am Boden. Zerstört. Der Bevölkerung beraubt. Unpassierbar durch Schutt und Dreck. Nicht einmal der Mythos bewegt die Menschen, die Schönheit der Stadt wieder herzustellen. Jerusalem – das war einmal. Die Zukunft gehörte längst anderen Städten: Babylon zunächst. Dann Susa und Persepolis.

Jerusalem – das war einmal. Jerusalem lag am Boden. Und mit ihm das Bekenntnis zu dem einen Gott, der vormals im Tempel verehrt wurde. Und der sich Jerusalem zur Wohnstatt gewählt hatte. Jerusalem – das war eine Reminiszenz an eine große Vergangenheit. Doch wie gesagt: Nichts ist so vergänglich wie der Ruhm von gestern. Und auch schon damals, vor zweieinhalbtausend Jahren, war dieser Satz in Kraft: „Man sonnt sich gern im alten Glanz vergangner Herrlichkeit. Und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.“

Doch der unbekannte Prophet, dem wir den Predigttext verdanken, gibt keine Ruhe. Dieser Prophet, dessen Auftreten in die ersten Jahre nach der Rückkehr aus den Jahren der Verbannung in Babylon fällt, ist keineswegs der Meinung, Ruhe sei die erste Bürgerspflicht. Zumindest Gott gegenüber lehnt er dies energisch ab. Wächter sieht er eingesetzt. Wächter, deren Aufgabe keine geringere ist als die, Gott unentwegt in den Ohren zu liegen. Wächter, die keine andere Aufgabe haben als die, Gott keine Ruhe zu lassen. Gott aus seiner Ruhe herauszureißen, bis Jerusalem wieder im alten Glanz erstrahlt.

Gott ist kein Gott, der sich wohl fühlt in weltabgewandter Erhabenheit. Gott ist ein Gott, der zu sich kommt, wenn er sich auf den Weg macht zu uns Menschen. Gott ist ein Gott, dem es nur recht ist, wenn die Wächter keine Ruhe geben und seine Präsenz einfordern. Ein Gott, der nicht aus seiner Vergangenheit, sondern für unsere Zukunft lebendig sein will.

Der Einsatz der Wächter bleibt nicht ohne Erfolg. Und er bleibt auch nicht darauf beschränkt, Gott aus seiner vermeintlichen Ruhe zu reißen. Die Wächter lassen die ihren nicht unbeteiligt davonkommen. „Macht Bahn, macht Bahn! Räumt die Steine hinweg!“ Wo wir Gottes Nähe einfordern, ist es ratsam, ihr den Weg nicht zu verstellen. Glaube ist immer bahnbrechender Glaube. Glaube ist zugleich auch befreiender Glaube. Im wahrsten Sinne des Wortes damals in einer Stadt, die noch weit entfernt war von dem, was man als Normalität bezeichnen könnte. Und noch viel weiter entfernt von der Schönheit, mit der sie anderen als leuchtendes Beispiel und als Ort der Hoffnung zu dienen vermochte. Eine Stadt – eher in der Nachkriegszeit als auf dem Weg zurück zur Stadt Gottes.

Und doch kann sie leben von der Zusage einer besseren Zukunft. „Gesucht. Und nicht mehr verlassen!“ wird ihr Ehrentitel. Und „heilig“ seien die, die in ihr wohnen. Wir wissen sehr wohl, dass diese Zusage des Propheten nicht uns gilt. Und dass wir sie auch nicht für uns vereinnahmen dürfen. Schon gar nicht am Reformationsfest. Am Festtag einer Bewegung, die von Anfang an dem Wort sein Recht geben wollte. Die die Bibel übersetzt und sich stark macht für ein Verstehen, das auch auf Vernunft und Verstand nicht verzichten will.

„Sagt der Tochter Zion: Dein Heil kommt!“ Das sagt ein Prophet den aus der Verbannung heimgekehrten Bewohner Jerusalems - nicht uns. Und mögen Jerusalem und der Tempel zunächst auch wieder in neuem Glanz erstrahlt haben – durch uns, das Volk der Reformation hat dieses Volk sein Heil nicht erfahren. Und der Schutt der Schuld ist beileibe nicht abgetragen. Es ist darum gelinde gesagt mutig, gerade diese Heilszusage Gottes an sein Volk als Predigttext für den Reformationstag auszuwählen.

Wenn wir nach Brücken suchen, die diesen Text am heutigen Abend des Reformationstages zum Leuchten bringen sollen, dann sind allergrößte Sorgfalt, zuallererst aber Demut und Dankbarkeit vonnöten. Schließlich sind wir als Christinnen und Christen nichts anderes als aufgepfropfte Zweige im Ölbaum der Glaubenden. Dem Juden Paulus verdanken wir diese Einsicht. Dem großen Grenzgänger zwischen den religiösen Welten seiner Zeit. Einem unermüdlichen Interpreten der Botschaft und des Lebens eines anderen. Der Botschaft dessen, der ebenfalls aus jener Glaubensgemeinschaft stammt, der hier zugesagt wird: Sieh, dein Heil kommt! Und der noch in ganz anderer Weise zum Brückenbauer wird. Zum Brückenbauer zwischen Gott und Mensch.

Als Angehörige der Kirchen der Reformation kann uns dieser Text zu Lernerfahrungen verhelfen. Zunächst (1): Mögen Werke uns zwar gegenüber Gott nicht ins Recht stellen – doch ohne Einsatz bleibt der Glaube dürr und tot. „Macht Bahn! Räumt die Steine hinweg!“ Das Geistliche ist ohne das Leibliche nicht zu haben. Wenn wir schon glauben, dass Gott Mensch wurde, dann müssen wir Menschen einander schon auch mit unseren menschlichen Möglichkeiten entgegenkommen.

Dann aber können wir auch ein zweites, ebenso Wichtiges lernen: Wir können, ja wir müssen Gott in den Ohren liegen. Nicht einfach nur, um Recht zu bekommen, sondern um recht zu werden. Nicht im Reden über Gott, sondern in der Auseinandersetzung, im Ringen mit Gott, wird Gott für uns präsent und gegenwärtig. Und es ist die zentrale Erkenntnis der Reformation, dass wir dabei alle zu Wächterinnen und Wächter eingesetzt sind. Gott in den Ohren zu liegen. Von Gott und mit Gott zu reden. Die Freiheit des Glaubens anzusagen. Ein Beispiel zu geben eines bahnbrechenden Glaubens, der Hindernisse nicht scheut, und eines befreiten Lebens, das sich allen Kräften der Zerstörung mutig entgegenstellt – das ist uns allen aufgetragen.

Mit Gott zu rechnen und seine neue Welt anzusagen. Zu glauben - nicht die einen stellvertretend für die anderen. Sondern jede und jeder für sich und zugunsten derer, für die wir Verantwortung haben – das ist das allgemeine Wächteramt all derer, die seit der Taufe in diese Aufgabe berufen sind.

„Man sonnt sich gern im alten Glanz vergangner Herrlichkeit. Und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.“ Wenn es uns Ernst damit ist, Reformation zu feiern, dann ist dieser Satz außer Kraft. Dann können wir nicht anders leben als in der täglich neuen Ausfahrt in die unbekannten Wasser des Glaubens. Eingebunden und eingetaucht in die vielfältige Wirklichkeit des Lebens. Geschunden. Aber nicht ohne Hoffnung. Vielfach überfordert. Aber am Ende dem Ziel doch näher. Verdächtigt. Aber doch nicht ohne Gelingen. Das Leben gestaltend auf dem brüchigen Grund der eigenen Vergangenheit. Aber beflügelt von der Aussicht auf eine in Gott gegründete Zukunft.

Priesterin und Priester sind wir durch die Taufe. Das haben die Reformatoren immer wieder neu betont. Mit unmittelbarem Zugang zu Gott. In eigener Verantwortung.

Wächterin und Wächter sind wir. Beauftragt, von Gott zu reden. Gott in den Ohren zu liegen. Ihm diese gefährdete Welt vor Augen zu führen und in Erinnerung zu halten.

Volk Gottes sind wir. Zusammen mit denen, die längst schon vor uns Volk Gottes waren. Und die nach uns Volk Gottes sein werden. Wer zu Gottes Volk gehört, für den haben Konfessions- und Kirchengrenzen ihre trennende Funktion verloren. Kirche und Volk Gottes sind wir alle - jedoch nur dann, wenn die Sehnsucht nach der Einheit nicht länger ein Mythos bleibt. Sondern unseren Glauben entscheidend bestimmt. Mit dem reformatorischen Ruhm von gestern allein können wir die Kirche der Zukunft nicht gestalten. Der Reformationstag ist ein Fest der Einheit der Kirche. In der Vielfalt ihrer Wirklichkeit.

„Man sonnt sich gern im alten Glanz vergangner Herrlichkeit. Und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.“ Wenn es einen Ort gibt, an dem dieser Satz zuerst außer Kraft gesetzt werden muss, dann in der Kirche. Zumal in einer, die nun schon 490 Jahre das Fest des Aufbruchs feiert. Es wäre mehr als nur ein frommer Wunsch, wenn wir in den nächsten zehn Jahren die vielfältigen Chancen nicht verpassen, viel mehr und viel stärker, Kirche in der Welt und Kirche für die Welt zu sein. Damit wir dann wirklich Grund haben, in noch ungeahnten Dimensionen zu feiern.

Grund zur Dankbarkeit und Grund zur Freude haben wir schon heute. „Macht Bahn! Unser Heil kommt!“ Diese Botschaft muss uns zum Singen bringen. Darum: Freut euch, wir sind Gottes Volk! Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn