PREDIGT ZUM LIED
„ES KOMMT EIN SCHIFF GELADEN“ (EG 8)
GEHALTEN IM GOTTESDIENST ZUM ABSCHLUSS DES AUFBAUKURSES 2007 AM ONNTAG, DEN 16. DEZEMBER 2007 (3. ADVENT) IN DER KAPELLE DES FORTBILDUNGSZENTRUMS FREIBURG


Liebe FBZ-Gemeinde!

Der Advent und die Zeit der Weihnacht sind in besonderer Weise Zeiten des Singens. Und allen weihnachtlichen Berieselungen zum Trotz haben die alten Lieder ihren besonderen Reiz für die Menschen bis heute bewahrt. Nur während dreier Wochen können wir in diesem Jahr mit seiner besonders kurzen Adventszeit diese schönen Lieder der Erwartung singen. „Macht hoch die Tür“, „Tochter Zion“ oder „Die Nacht ist vorgedrungen“.

Eines der ganz alten und besonders geheimnisvollen Lieder ist das vom Schiff. „Es kommt ein Schiff geladen“. Ich möchte es heute wieder einmal besonders würdigen, indem wir gemeinsam seiner Botschaft entlang gehen. Unter dem Text der Strophen, die sie im Evangelischen Gesangbuch unter der Nr. 8 finden, steht groß: T, also Text, Daniel Sudermann um 1626.

Diese Angabe ist bestenfalls die halbe Wahrheit. Denn Daniel Sudermann hat diesen Text nicht geschrieben. Der ursprüngliche Text, die Liedvorlage für Sudermann, ist 200 Jahre älter und stammt aus der Feder des Dominikanermönches Johannes Tauler. Johannes Tauler war ein aus dem Elsass stammender Mystiker. Mystiker sind Menschen, deren Frömmigkeit eine nach innen gewendete ist, Menschen, die in der Tiefe ihrer eigenen Seele nach der Einheit Gottes mit ihrem eigenen Sein suchen.

Der Mystiker Johannes Tauler wird um 1300 in der Nähe von Straßburg geboren. Am 15. Juni des Jahres 1361 stirbt im Nonnenkloster Sankt Nikolaus zu den Unden, ebenfalls in Straßburg. Sein Grabstein ist bis heute in der Predigerkirche aufgestellt. Auf ihm könnten die Worte stehen, die man schon zu Lebzeiten über Johannes Tauler vernehmen konnte: „Gott wohnt in ihm als ein süßes Saitenspiel!“

Die schwere Pest des Jahres 1348 hat das Lied des Johannes Tauler erst einmal verstummen lassen. Es taucht erst in der Mitte des 15. Jahrhunderts in einer Handschrift im Straßburger Inselkloster St. Nikolaus auf: Doch schon bald verschwindet es erneut in der Versenkung, ehe Daniel Sudermann es im Jahre 1626 zwischen uralten Manuskripten des Johannes Tauler wieder entdeckt. So ist Daniel Sudermann der Wiederentdecker und Bearbeiter des Liedes. Sein eigentlicher Dichter aber ist Johannes Tauler.

Daniel Sudermann, ebenfalls ein mystisch geprägetr Theologe, wird 1550 in Lütich geboren. Er ist meist als Lehrer und Erzieher junger Menschen tätig. Sein unruhiges, ihn über viele Stationen führenden Leben, bringt ihn ab 1585 nach Straßburg. Dort findet er auch das alte Lied des Johannes Tauler. Er veröffentlicht es nach eingehender Bearbeitung mit der Bemerkung: „Ein uralter Gesang, gefunden unter den Schriften des Herrn Tauler, etwas verständlicher gemacht.“ Im alten Gesangbuch hat man auch Johannes Tauler noch unter dem Lied genannt. Im neuen wird er nicht mehr erwähnt. Grund genug, dem ursprünglichen Verfasser, nämlich Johannes Tauler, wie auch dem Bearbeiter Daniel Sudermann heute auf’s Neue Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Natürlich soll es beim Nachdenken nicht sein Bewenden haben. Wir wollen dieses Lied auch immer jeweils in der Verbindung zweier Strophen miteinander singen und beginnen zunächst mit den ersten beiden Versen:

EG 8,1+2

Ein Schiff „geladen bis an sein‘ höchsten Bord!“ Diese Beschreibung, in der Bildersprache des Liedes auf ein Schiff bezogen, löst andere, weitere Bilder in uns aus: Beladen sind am Samstag in der Kaiser-Josef-Straße hier in Freiburg und den Einkaufsmeilen der anderen Großstädte die vorweihnachtlich gestressten Kundinnen und Kunden.

Beladen sind die Menschen, auf wiederum ganz andere Weise, heute aber auch einmal mehr mit dem, was ihnen das Leben aufbürdet. Lasten und Sorgen, große und kleine, wahrgenommene und übersehen, ausgesprochenen und unausgesprochenen. Beladen sind wir Menschen – gerade auch in der Adventszeit – mit vielem, was uns zu schaffen macht und auf der Seele liegt: Ungeklärtes, Unerledigtes – Belastendes im wahrsten Sinne des Wortes.

Beladen, beladen bis an den Rand, kommt auch dieses Schiff daher, von dem wir im Lied eben gesungen haben. Der gebürtige Straßburger Johannes Tauler wird mehr als ein Schiff auf dem Rhein fahren gesehen haben, auch wenn der Rhein damals noch nicht in vergleichbarer Weise schiffbar war wie heute. Denn auch in Köln, wo er Philosophie und Theologie studiert hat, wie in Basel, wo er sich gezwungenermaßen für einige Jahre niederließ, prägte genauso wie in Straßburg der Rhein das Stadtbild entscheidend mit. Und über dieses Schiff, das ihm als Bild vor Augen stand, schreibt er:

„Trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort."

Lesung: Johannes 1, 1+2+4

„Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. In ihm war das Leben, und von seiner Fülle haben wir alle genommen, Gnade um Gnade.“

„Trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort."

Gottes Sohn getragen in ihrem eigenen Leib – das hat vor allen anderen im Vollsinn des Wortes nur eine einzige Frau: Maria, die Mutter Jesu. Das Lied vom Schiff – es ist ursprünglich ein altes Maienlied. Bei Tauler hieß etwa eine Stophe folgendermaßen:

Maria, du edle rose, aller saelden ein zwy (= Zweig aller Seligkeit), / Du schöne zitenlose (=Frühlingsblume), mach uns von sünden fry.

Es gibt eine Reihe verborgener und offenkundiger Marienleider in der Adventszeit. Das bei uns Evangelischen heute noch bekannteste ist wohl das Lied „Maia durch ein Dornwald ging“. Maria ist mit der Zeit des Advent eben in ganz besonders enger Weise verbunden. Und Johannes Tauler, der Dichter und Priester, hat den größten Teil seiner Arbeit in Frauenklöstern zugebracht. Und gerade dort war die Marienfrömmigkeit besonders verbreitet.

Schon in der zweiten Strophe weitet sich die Botschaft dieses Liedes über die Marienverehrung hinaus. Spricht es plötzlich von einem ganz anderen Schiff: Wir hören vom Schiff der Kirche, das des „Vaters ewigs Wort“ durch die Jahrhunderte hindurch in die Welt trägt. Denn wo anders sollte gelten, dass die Liebe das Segel und der heilige Geist der Mast sei als eben in der Kirche.

Zu Lebzeiten Taulers war dieses Schiff nicht ohne Grund und auch nicht ganz freiwillig zu stillerer Fahrt gezwungen. Zwei Fürsten stritten sich um die Kaiserwürde: Ludwig der Bayer und Friedrich der Schöne. Der Papst stand damals auf der Seite des letzteren. Über die Gebiete, die den Bayern anerkannten, verhängte er den Bann. Wir können uns kaum vorstellen, was das für die Menschen damals bedeutet hat: Das religiöse Leben brach zusammen. Das gottesdienstliche Leben war untersagt. Lediglich die Sterbesakramente durften noch gereicht werden. Das Schiff war übersät von Zeichen der Verwahrlosung. Statt stolz auf große Fahrt zu gehen, dümpelte es gemächlich vor sich hin.

Straßburg war kirchlich gesehen auch schon damals ein Unruheherd. Und ist es bis in reformatorische Tage und darüber hinaus geblieben. Die Anordnungen des Papstes wurden außer Kraft gesetzt. „Fürbass singen oder aus der Stadt hinaus springen!“ – unverzüglich Gottesdienst halten oder die Stadt verlassen. Vor diese Alternative gestellt wählte Johannes Tauler die Flucht und lebte für ein Jahrzehnt in Basel.

Dort schenkte man dem Verbot des Papstes Beachtung uns schwieg. Das Kirchenschiff mit der „teuren Last“ – es ging eben wirklich „still im Triebe“. Doch das Segel der Liebe blieb an seinem Ort und der Mast des heiligen Geistes wurde nicht aus der Verankerung gerissen. Die Stabilität des Kichenschiffes wird von anderer Seite garantiert. Bis heute.

EG 8,3+4

Mit einem Mal ist es aus mit der stillen Triebsamkeit. Das Schiff geht vor Anker. Die kostbare Ladung kommt von Bord. Und mit einem Mal wechselt das Lied seinen Charakter. Das Bild wird aufgegeben zugunsten der Wirklichkeit, die es beschreibt.

„Das Wort will Fleisch uns werden,
der Sohn ist uns gesandt.“

Lesung: Johannes 1,14 und Philipper 2,6+7

„Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit, die ihm der Vater gegeben hat als seinem einizigen Sohn, voller Gnade und Wahrheit. Denn obwohl er in göttlicher Gestalt war, behielt er seine Göttlichkeit nicht für sich wie ein Räuber seine Beute, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an und wurde den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“

Wie aus dem Marienlied ein Lied über die Kirche wird, so wandelt sich der Charakter des Liedes von adventlicher Erwartung zu weihnachtlicher Erfüllung. Das Adventslied wandelt sich zum Weihanchtslied:

„Zu Bethlehem geboren
im Stall ein Kindelein.
Gibt sich für uns verloren.
Gelobet muss es sein.“

Gott wird Mensch! Die Fülle geht ein in die Begrenztheit unserer Lebensverhältnisse. Das Leben selber tut sich kund in der Lebendigkeit eines kleinen Kindes. Was uns oft nicht einmal mehr aufhorchen lässt, war für die Menschen damals eine unerhörte, eine noch niemals gehörte Wahrheit. Kaiser wurden vergottet – aber doch nicht kleine Kinder.

In weihnachtlichen Geschehen machen nicht die Großen Geschichte. Nicht die Männer und die Macher. Ein kleines Kind. Eine unverheiratete junge Frau. Der Inhaber einer Absteige. Rauhe Gesellen, die auf anderer Leute Schafe aufpassen. Ja sogar ein Ochs und ein Esel – sie konnten nicht einmal ahnen, dass wir uns an sie erinnern. Bis heute.

Der große Gott erweist sich einmal mehr als Gott der kleinen Leute. Will nicht auf der Seite der Sieger stehen. Wird, was wir alle einmal waren: ein Kind. Nicht umsonst schließt die vierte Strophe mit der Aufforderung:

„Gelobet muss es sein!“

Unser Gotteslob muss nicht bis Weihnachten warten. Ich lade sie darum ein, dieser Aufforderung Folge zu leisten mit de letzten beiden Strophen:

EG 8,5+6

Man muss nur einmal durch unsere Innenstadt und durch unsere Kaufhäuser gehen. Dann sehen wir: Vordergründig hat bei uns die süßliche Weihnacht Konjunktur. Dem Kind in der Krippe haben wir ein Dauerlächeln aufgesetzt. Nur schwer kann es sich noch wehren gegen unsere Vereinnahmungsversuche. Kinder sind eben herzig. Auch das Kind in der Krippe.

Johannes Tauler kann uns heraushelfen aus dieser einseitigen Sicht der Weihnacht. Die Schatten des Karfreitags fallen bereits in den Stall von Bethlehem. Johannes Tauler weiß: Dieses Kind ist nur von seinem Ende her zu begreifen.

Hier ist der Liederdichter in seinem ureigensten Element. Johannes Tauler ist Mystiker. Darum ist für ihn klar: Das Leid dieses Kindes muss sich niederschlagen in der Tiefe unserer Seele. Anders können wir nicht frei dazu werden, die Erfahrung der Auferstehung am eigenen Leibe nachzuvollziehen. Unser Leben muss dem Leben des Kindes ähnlich werden:

„... muss vorher mit ihm leiden
groß Pein und Marter viel.“

Davon hören wir in den meisten anderen Advents- oder Weihnachtsliedern nichts. Im Leben des Johannes Tauler war der Tod allgegenwärtig. So etwa auch in seiner Straßburger Zeit. Allein im Jahre 1348 fielen dort 16.000 Menschen der Pest zum Opfer. Die Menschen damals wussten sehr wohl, was Leid bedeutet. Wie unbarmherzig der Tod oft eingreift in unser Leben. Am Ende bleibt er ohnedies keinem erspart.

Aber Johannes Tauler meint noch einmal etwas anderes. Er glaubt an die Überwindung des Todes schon jetzt. In diesem Leben. In er Anteilhabe am Tod und an der Auferweckung der teuren Last dieses Schiffes.

Lesung: Römer 6,3+4

Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft. So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit – wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters – auch wir in einem neuen Leben wandeln.“

Neues Leben – das wird uns auf’s neue zugesagt in diesen Tagen des Advent. Und „ewiges Leben“ dazu. Nachzulesen und zu singen in der sechsten Strophe des Liedes. Abzulesen hoffentlich auch in unserem Leben. Heute. Jetzt. Und immer.

Für Maria ist nichts beim Alten geblieben, seit sie dieses Kind getragen hat. Aber Maria hat viele Schwestern – die Mutter im Süden des Libanon, die ihren Sohn bei einem Angriff verloren hat. Die Mutter in Bagdad, deren Sohn einem Selbstmordattentat zum Opfer fiel. Maria hat ungezählte Schwestern in den Flüchtlingslagern weltweit, wo Frauen nicht wissen, wie sie ihre Kinder ernähren und wo sie ihr nächstes Kind zur Welt bringen sollen.

Maria hat wahrhaft Weltbewegendes getragen während ihrer Schwangerschaft. Sie wurde aus alten Geleisen herausgerissen. Unsanft bisweilen, weil auch sie ihren Sohn längst nicht immer verstand. Die Schwestern und Brüder Marias in unseren Tagen sind darauf angewiesen, dass einer oder eine ihnen ihre Last tragen hilft, damit nicht alles beim Alten bleiben muss.

Anders kann es nicht gelingen, als dass der den Himmel zerreißt und lebendig ist unter uns, der zu uns kommen will und uns zum Singen bringen will. Jeden Tag neu. Amen.


Traugott Schächtele

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