"Weihnachten - das Paradies steht weit offen!" - Meditation in der Christmette 2007 in der evangelischen Maria-Magdalena Kirche in Freiburg- Rieselfeld


Weihnachtsmeditation (1)

Weihnachten – das Paradies steht weit offen! Einmal einen Blick in den Himmel zu werfen - wer hätte sich das nicht schon gewünscht. Einmal -gleichsam im Vorgriff – jetzt schon eine Ahnung zu bekommen von einer Welt, die so ganz anders ist als die, in der wir leben. Nicht gezeichnet von Vorläufigkeit. Nicht bedroht von Vergänglichkeit. Eine Welt, die die Wirklichkeit Gottes widerspiegelt. Dies beschreibt eine Ursehnsucht des Menschen.

An Weihnachten feiern wir diese Möglichkeit. Mit unseren irdischen Mitteln. Aber in der Perspektive des Himmels. An Weihnachten können wir eine Ahnung bekommen von dieser so ganz anderen Welt. An Weihnachten richten wir uns die Welt noch einmal ganz anders ein. Und stellen uns gerade dadurch Gottes neue Welt vor Augen. An Weihnachten steht die Tür, die sonst so verschlossen scheint, mit einem Mal offen:

LektorIn

Mit geblendeten Augen und einem Lächeln auf dem Gesicht zog man durch die weit geöffnete hohe Flügeltür direkt in den Himmel hinein.

Der ganze Saal, erfüllt von dem Dufte angesengter Tannenzweige, leuchtete und glitzerte von unzähligen kleinen Flammen, und das Himmelblau der Tapete mit ihren weißen Götterstatuen ließ den großen Raum noch heller erscheinen. Die Flämmchen der Kerzen, die dort hinten zwischen den dunkelrot verhängten Fenstern den gewaltigen Tannenbaum bedeckten, welcher, geschmückt mit Silberflittern und großen, weißen Lilien, einen schimmernden Engel an seiner Spitze und ein plastisches Krippenarrangement zu seinen Füßen, fast bis zur Decke emporragte, flimmerten in der allgemeinen Lichtflut wie ferne Sterne. Denn auf der weißgedeckten Tafel, die sich lang und breit, mit den Geschenken beladen, von den Fenstern fast bis zur Türe zog, setzte sich eine Reihe kleinerer, mit Konfekt behängter Bäume fort, die ebenfalls von brennenden Wachslichtchen erstrahlten. Und es brannten die Gasarme, die aus den Wänden hervorkamen, und es brannten die dicken Kerzen auf den vergoldeten Kandelabern in allen vier Winkeln.


Mit diesen beeindruckenden Worten beschreibt der Schriftsteller Thomas Mann das Weihnachtsfest im neuen Haus der Familie Buddenbrook in der Lübecker Mengstraße 4. Es ist eine der ergreifendsten Schilderungen der bürgerlichen Weihnacht des 19. Jahrhunderts in der Literatur, die wir kennen. Weihnachten als vorweggenommenes Fest der himmlischen Fülle. Mit Kerzenschein und Glitterglanz. Weihnachten – ein klein wenig schon selber der Himmel auf Erden.

- Musik -

Weihnachtsmeditation (2)

Weihnachten – das Paradies steht weit offen. Offen stand der weihnachtliche Himmel in der bürgerlichen Pracht des weihnachtlich geschmückten Wohnzimmers, wie wir es eben in dem Text von Thomas Mann gehört haben. Offen stand und steht der Himmel hoffentlich jetzt auch bei uns. Hier in der Kirche. Aber auch bei ihnen zu Hause. Mit dem immergrünen Baum, der an den Baum des Lebens im Paradies erinnern soll. Mit seinen Kugeln, die die Früchte dieses Baumes widerspiegeln und von denen wir jetzt unbesorgt kosten dürfen. Mit seinem Schmuck, der die Schönheit der neuen Welt Gottes widerspiegelt.

Die Öffnung der Pforte des Paradieses gehörte über viele Jahre selber zum weihnachtlichen Brauchtum. Das weihnachtliche geschmückte Wohnzimmer wurde im Vorfeld der Weihnacht verschlossen. Geöffnet wurde es erst wieder direkt am Beginn der weihnachtlichen Feier. Vorher blieb nur den Blick durch’s Schlüsselloch.

Ich will mit ihnen jetzt ebenfalls einen Blick durch das weihnachtliche Schlüsselloch werfen. Einen Blick mitten hinein in das Geschehen der heiligen Nacht.

- Bild einblenden - / Musik

Eine Buchmalerei aus Nordfrankreich haben Sie vor Augen. Entstanden im 15. Jahrhundert. Der äußere Rahmen erinnert durchaus etwas an ein Schlüsselloch. Wagen wir also den neugierigen weihnachtlichen Blick. Zunächst zeigt dieses Bild nicht Außergewöhnliches. Alle sind sie da zu sehen, die zum Ensemble der Weihnacht gehören: Maria und Josef. Das neugeborene Kind. Daneben Ochs und Esel. Und doch bricht diese Buchminiatur mit vertrauten Vorstellungen.

Da ist zum einen Josef, der das Kind behutsam in seinen Händen hält. Auch das ist nicht gänzlich neu. „Josef, lieber Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein!“ – so singt schon ein vertrautes Weihnachtslied schon seit hunderten von Jahren. Aus demselben 15. Jahrhundert wie das Bild stammt auch dieser Liedtext.

Aber schauen wir auch nach Maria. Sie blickt nicht ängstlich zu Josef hinüber, aus Sorge, er könnte seiner neuen Rolle nicht gerecht werden. Nein – Maria weiß das Kind bei Josef in guten Händen. Und sie liest. Wir wissen, was das Lesen bedeutet. Wer liest zeigt, dass er gebildet ist. Dass er – oder in diesem Fall sie – sehr wohl weiß, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Wer liest, wird zu einer Bedrohung für die Mächtigen. Wer liest, macht sich ein eigenes Bild von der Welt. Und ist nicht mehr so abhängig von dem, was die anderen ihm an Information weitergeben. Nicht umsonst haben die Menschen dafür gekämpft, die Bibel in ihrer eigenen Sprache lesen zu können. Nicht umsonst fürchten auch Despoten die Mündigkeit ihrer Untergebenen, wenn sie des Schreibens und des Lesens mächtig sind.

Maria liest. Wie selbstverständlich. Maria liest. Eine starke Frau. Josef wiegt das Kind. Ein einfühlsamer Mann.

Ein überraschender weihnachtlicher Rollenwechsel wird uns da vor Augen gestellt. So, wie wir es schon aus dem Lobgesang der Maria heraushören können: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Hungrige füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ Maria besingt da mit einfachen Worten den fröhlichen Wechsel. Nicht ohne Erfolg, wie auf dem Bild zu sehen ist.

Das ist das wahre Geheimnis der Weihnacht: der fröhliche Wechsel! Nicht nur der Rollentausch zwischen Maria und Josef. Vielmehr der zwischen Gott und Mensch. „Gott wird ein Knecht! Und ich ein Herr! Das mag ein Wechsel sein!“ – das werden wir gleich im nächsten Lied miteinander singen. Gott wird Mensch. Und stellt uns Menschen wieder auf die Füße. Gott wird Mensch, damit wir nicht länger vor den verschlossenen Toren des Paradieses stehen. Weihnachten- das Paradies steht weit offen.

„Als ich begriffen hatte, was es mit diesem Kind der Weihnacht auf sich hat“ – so schreibt Martin Luther einmal – „da war es mir, als sei ich durch die geöffnete Pforte ins Paradies selber eingetreten.“ Nichts anderes feiern wir an Weihnachten. Wir müssen uns nicht länger mit dem Blick durch’s Schlüsselloch zufrieden geben. Das Tor zum Paradies – es steht weit offen.

Die heilige Nacht will uns davon eine Ahnung vermitteln. Damit etwas vom Glanz dieser Nacht in unser Leben fällt. Damit wir das Paradies nicht länger irgendwo anders suchen als hier – mitten unter uns. In unserer Stadt. In unseren Häusern.

Zum Paradies wird unsere Welt aber nicht dadurch, dass in ihr paradiesische Zustände herrschen. Dazu kennen wir unsere Wirklichkeit zu gut. Und gerade die weihnachtliche mit ihrem hohen Grad an Emotionen und an Erwartungen. Zum Paradies wird unsere Welt, weil Gott sich nicht zu schade ist, in ihr Wohnung zu nehmen. Sie zu seiner Heimstatt zu erklären. Weil es Gott nichts ausmacht, sich niederzulassen zwischen Ochs und Esel.

Unsere weihnachtlichen Inszenierungen – ob zu Hause oder in der Öffentlichkeit, auch die in unseren weihnachtlichen Gottesdiensten – sie sind Paradies im Vorgriff. Vorweggenommene himmlische Fülle unter den Bedingungen des Irdischen.

Das Paradies liegt nicht hinter uns. Das Paradies liegt vor uns. Das lasst uns feiern an Weihnachten. In weihnachtlichen Geschehen machen nicht die Großen Geschichte. Nicht die Männer und die Macher. Ein kleines Kind. Eine unverheiratete junge Frau. Der Inhaber einer Absteige. Rauhe Gesellen, die auf anderer Leute Schafe aufpassen. Ja sogar ein Ochs und ein Esel – sie konnten nicht einmal ahnen, dass wir uns an sie erinnern. Bis heute.

Der große Gott erweist sich einmal mehr als Gott der kleinen Leute. Will nicht auf der Seite der Sieger stehen. Will nichts anderes werden als das, was wir alle einmal waren: ein Kind. Ein Mensch!

Maria liest und Josef hegt das Kind. So einfach kann es zugehen, wenn sich die Pforten des Paradieses öffnen. Weil aus jedem kleinen Anfang etwas Großes werden kann. Und aus jeder Nacht eine heilige Nacht. Amen.

EG 27,1-4: Lobt Gott, ihr Christen


Traugott Schächtele

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