„SO SOLL ES UNTER EUCH NICHT SEIN!“
PREDIGT ÜBER MARKUS 10, 35-45
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 17. FEBRUAR 2008 (REMINISCERE)
IM RAHMEN DER PREDIGTREIHE „SÜHNE, OPFER, STELLVERTRETUNG“
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN KIRCHZARTEN
Liebe Gemeinde!
Am 21. Juli 1944 schreibt Dietrich Bonhoeffer aus der Haft im Gefängnis in Berlin-Tegel: „Ich erinnere mich an ein Gespräch, das ich vor 13 Jahren mit einem französische jungen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: Ich möchte ein Heiliger werden ( - und ich halte es für möglich, dass er es geworden ist - ). Das beeindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: Ich möchte glauben lernen.

Lange habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden. (…) Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich etwas zu machen, (…) dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst.“

Das Leiden Gottes in der Welt steht in der Passionszeit in besonderer Weise im Mittelpunkt unserer Gottesdienste und unseres Nachdenkens. Das zentrale Thema der Passionszeit bricht sich in vielen Farbtönen und Facetten. Natürlich bildet die Frage nach der Bedeutung des Todes Jesu, in dem uns das Leiden Gottes vor Augen geführt wird, den Fluchtpunkt, auf den alles zuläuft. Nicht ohne Grund beschäftigt sich die diesjährige Predigtreihe mit den Themen „Sühne, Opfer und Stellvertretung“.

Die Passionszeit lenkt aber den Blick auch auf uns selber zurück. Die alte Tradition des Fastens findet in Gestalt der Aktion „Sieben Wochen ohne“ auch wieder Einkehr in die Mitte des Protestantismus. Wer sich im Fasten übt – und sei’s auch nur in der bescheidenen Spielart des kleinen Verzichts oder wie in diesem Jahr der kleinen Verschwendung – vertieft auch die Einsicht über sich selber. Spürt die Abhängigkeiten, die wir ansonsten oft sorglos verdrängen. Bekommt von neuem eine Ahnung, worauf es im Leben wirklich ankommt. Wer verzichtet, wer gar wirklich fastet, lernt sich selber neu kennen.

Einen Spiegel, der hilft, uns kennenzulernen, hält uns das eine ums andere Mal auch die Bibel vor Augen. Darum ist sie ein guter Begleiter durch die Passions- und Fastenzeit.

Heute soll uns ein Text aus dem Markus-Evangelium zu neuen Einsichten verhelfen. Über uns. Und über den, der eigentlich im Mittelpunkt der Fastenzeit steht. Jesus von Nazareth. Gleich dreimal kündigt er im Markus-Evangelium sein Leiden und Sterben an. Und jedes Mal schließt sich dieser Einsicht über das Ergehen Jesu eine weitere Einsicht an, die uns selber betrifft. Und jedes Mal geschieht das in der Weise, dass typisch menschliche Verhaltensweisen kritisiert werden. Jedes Mal wird ein typischer Konflikt angesprochen.

Schon nach der ersten Ankündigung seines Leidens lenkt Jesus den Blick auf eine typisch menschliche Verhaltensweise. Er kritisiert ein Verhalten, das nur darauf ausgerichtet ist, die eigenen Absichten und Ziele durchzusetzen. Dem es vor allem anderen darauf ankommt, die eigenen Schäfchen ins Trockene bringen zu wollen -und davon haben wir den Medien in den letzten Tage ja einiges hören können. Jesus lässt nichts Gutes an einem einseitig auf irdischen Erfolg ausgerichteten Gehabe. Jesus fragt: „Was hilft des dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und dabei doch Schaden nimmt an seiner Seele?“

Nach der zweiten Leidensankündigung geht die Debatte um irdisches Prestige weiter. Jesus ertappt die Jünger dabei, eine Art innere Rangordung zu erstellen. Wer ist die Schönste, wer ist der Wichtigste im ganzen Land? Die Frage mag alt sein. Aus der Welt ist sie damit nicht. Er stellt seinen Jüngern ein Kind vor Augen und fügt erläuternd hinzu: „Wer unter euch bedeutend sein will, muss sich wie ein Kind hinten anstellen.“

Nach der dritten Leidensankündigung beschränken sich die Jünger nicht mehr darauf, allein in der Diesseitigkeit ihres Lebens die Spitzenplätze zu verteilen. Auch jenseits des Todes möchten sie nicht zurückstehen.

Hier setzt der Text ein, über den heute im Rahmen dieser Reihe gepredigt werden soll. Erneut kündigt Jesus seinen Tod uns eine Auferstehung an, indem er sagt: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten. Die werden ihn verspotten und anspeien und geißeln und töten, und nach drei Tagen wird er auferstehen.“

In diese Situation hinein beginnt der heutige Predigttext. Natürlich kam es den Vätern und Müttern dieser Predigtreihe vor allem auf den letzten Vers an. Aber dieser letzte Vers ist nur im Zusammenhang der vorausgehenden richtig zu verstehen. Ich lesen aus Markus 10 die Verse 35 bis 45:

35Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden. 36Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? 37Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit. 38Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde? 39Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde; 40zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.
41Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakobus und Johannes. 42Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. 43Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 45Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.


„Die Gläubigen waren ein Herz und eine Seele!“ So vorbildlich und ideal stellt uns die Apostelgeschichte das Leben der Christinnen und Christen der ersten Generation vor Augen. So - wünscht man sich – so sollte es doch auch unter uns zugehen. Ein Herz und eine Seele. Keine Rangelei mehr um Macht. Keine Rivalitäten. Keine unlauteren Absichten, um den anderen den Rang abzulaufen. Diesen Anspruch tragen wir Christinnen und Christen nun also schon seit zwei Jahrtausenden vor uns her. Und die Unmöglichkeit, diesem Anspruch zu genügen, muss wohl schon ebenso lang den Verdacht mancher Kritiker genährt haben, so ganz ernst könnten wir Christenmenschen es mit unserer eigenen Botschaft wohl selber nicht meinen.

Die Gläubigen waren ein Herz und eine Seele. In Wahrheit, so haben wir es aus den Worten des Markus-Evangeliums gehört, ist es in der Jesusbewegung niemals wirklich konfliktfrei zugegangen. Nicht einmal bei den Anhängern der ersten Stunde. Nicht einmal bei den zwölf Aposteln.

Unwillig sind die Zehn, weil zwei nicht damit zufrieden sind, eine Sonderrolle nur in diesem Leben einzunehmen. Einen Platz zur Linken und zur Rechten, einen Platz im Zentrum der Macht Gottes wollen diese sich vorab auch schon für die Zeit nach dieser Zeit sichern.

Gleich in mehrfacher Hinsicht unterliegen sie einem Missverständnis. Zunächst antwortet Jesus mit einer Gegenfrage. „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde, und mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde?“ Wir ahnen, was mit dem Kelch gemeint ist. Bald darauf wird Jesus sich im Gebet an Gott wenden: „Mein Vater, ist’s möglich, so lass diesen Kelch vorübergehen.“ Der Kelch ist sein leidvoller Weg in den Tod. Sein ausgegossenes Leben. Sein Eintauchen in unsere todbringenden Strukturen.

Natürlich haben spätere Leserinnen und Leser des Evangeliums im Hinweis auf den Kelch und auf die Taufe auch noch anderes entdeckt. Jene Zeichen nämlich, die uns als Sakramente mit dem Geschick Jesu verbinden. Doch der Hinweis auf die Sakramente ist nur sinnvoll als Blick von hinten. Zunächst ist es ein Hinweis auf seinen Tod. Und wohl auch darauf, dass Jakobus und Johannes vor einem solchen Tod nicht gefeit sein würden. Zumindest von Jakobus wissen wir, dass er später selber den Märtyrertod stirbt.

Es gibt zwar eine Kontinuität zwischen unserem Leben hier und dem Leben in der Ewigkeit Gottes. Aber es gibt keinen nahtlosen Übergang. Zwischen unserer Welt hier und unsere Zukunft bei Gott liegt eine elementare Grenze. Irdische Verdienste – und sei es Leiden und Tod in der Nachfolge – garantieren keine himmlischen Ehrenplätze. Spätestens im Reich Gottes sind alle Hierarchien aufgehoben. Gibt es keine Herrschaft der einen über die anderen. Über unsere Nähe zu Gott entscheidet Gott in seiner Weltzugewandtheit und Menschenfreundlichkeit. Dabei bleibt Gott von Leiden gewiss nicht unberührt. Aber ein irdisches Konto himmlischer Ansprüche widerspricht der Grenzenlosigkeit seiner Güte zutiefst.

Der Blick unserer Einsicht und unserer Vernunft reicht nicht weiter als an die Grenze des Todes. Der Blick über diese Grenze hinaus braucht das dritte Auge. Das Auge, das die Wirklichkeit jenseits unserer Wirklichkeit wahrnimmt. Dieser Blick braucht den Blick des Glaubens.

Damit wären wir beim zweiten Missverständnis der beiden Jünger angelangt. Jesus fährt fort zu reden. Legt die Wirklichkeit dieser Welt – legt unsere Wirklichkeit – weiter offen. Über die Wirklichkeit Gottes haben wir kein Wissen und keine Einsicht. Wenn wir von der Welt Gottes reden, stehen uns nur die Bilder unserer Welt zur Verfügung. Darum spricht Jesus immer wieder in Gleichnissen. Darum spricht er von Gott als einem König. Von einem Großgrundbesitzer. Von einem Vater. Es ist der Versuch, die Unfassbarkeit Gottes in Bilder zu fassen, die unseren Verstehenshorizont nicht überschreiten.

Doch die Bilder sind nicht die Wirklichkeit. Und schon gar nicht lassen sich unsere Machtverhältnisse und Strukturen einfach in die Welt Gottes hinein verlängern. Im Gegenteil: Aus der Perspektive Gottes heraus ist unsere Wirklichkeit heftigster Kritik ausgesetzt. Werden ihre Gesetzmäßigkeiten entlarvt. „Ihr habt gehört, dass die, die in dieser Welt etwas zu gelten meinen, ihre Macht mit Gewalt durchsetzen und dass sie andere gerne klein halten. So soll es unter euch gerade nicht sein.“

So soll es unter euch nicht sein! Was für ein Satz. Was für ein Anspruch. So wie die Welt ist, so soll sie gerade nicht sein. Wie aber dann?

Jesus bleibt in der Welt der Bilder. Indem er diese Bilder aber auf unsere Wirklichkeit anwendet, sprechen sie unvermittelt. Und sie legen frei, wie die Welt nach Gottes Willen sein soll. Hinter welchen Anforderungen wir auch als Christenmenschen immer zurückbleiben. Und mit einem Mal wandelt sich der uns vorgehaltene Spiegel in ein Fenster, durch das wir Einblick in die Wirklichkeit Gottes bekommen. „Wer unter euch groß sein will, der soll euer Diener sein. Und wer der erste sein will, der Sklave aller.“ Wir dürfen uns an den Begriffen Diener und Sklave nicht stoßen. Die Leser des Markus-Evangeliums und wohl auch die Zuhörerinnen und Zuhörer verstanden diese Worte direkt. Es sind Worte der völligen Umkehrung. Die kehren genau diejenigen Verhältnisse um, die Jesus kurz zuvor als Kennzeichen dieser Welt vor Augen geführt hat.

Wer groß sein will in dieser Welt, übt Macht aus. Die Größe Gottes dagegen, kommt gerade im Machtverzicht zum Ausdruck. Die Größe Gottes wird anschaulich im Leben dessen, der wie kein anderer Platzhalter Gottes in dieser Welt ist. Der auf Macht verzichtet. Und gerade deshalb den Machtspiele und Ränken der Großen zum Opfer fällt.

Jetzt ist es an der Zeit, den großen letzten Satz dieser Jesus-Rede noch einmal zu hören: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für die vielen.“ An dieser Stelle ist eine Verstehens-Entscheidung von uns gefordert. Der Chor der Ausleger erklingt hier mehrstimmig. Jesus gibt sein Leben als Lösegeld für die vielen. Einen Hinweis auf das vertraute Gottesknechtslied aus Jesaja 53 wollen viele hier herausklingen hören. Stellvertretend und an unserer Stelle leidet der Gerechte. Und an unserer Stelle trägt er ab, was wir Menschen an Gott nicht gut machen können.

Was es mit dem stellvertretenden Leiden des Gerechten auf sich hat, darauf werden die Prediger der kommenden Sonntage ihr Augemerk richten. Der heutige Predigtext – da bin ich sicher – hat diesen Gedanken nicht im Blick. Der, der sein Leben als Lösegeld gibt, gibt es nicht nur mit seinem Tod. Er gibt es nicht zuletzt gerade auch mit seinem Leben. Er gibt es auch mit seinem Beispiel, das die Größe Gottes im Dienst aufleuchten lässt. Dass darauf verzichtet, im Kreis der Mächtigen der Mächtigste sein zu wollen.
Indem Jesus unsere Fixierung auf die Strukturen der Macht löst, wird er zum Lösegeld, das uns frei macht von der Borniertheit der Mächtigen. Und der Verblendung der Macht. So also soll es unter euch sein. So kommt die neue Wirklichkeit Gottes zum Vorschein mitten im Alten. Im Dienen. Nicht im Herrschen. So mag die Ausrichtung an diesem Jesus unser Leben immer wieder aus den Spuren des Vertrauten herausreißen. Und nicht selten haben Menschen ihr Vertrauen auf die so ganz andere Macht Gottes mit dem Leben bezahlt. Im Dienst an den Menschen und im Ernstnehmen der Nächstenliebe.

Man muss kein Märtyrer werden, um Gottes Nähe zu erleben. Das macht Jesus den beiden Jüngern klar. Wir müssen das Leiden nicht suchen. Mir dieser Behauptung ist in der Kirche über Jahrhunderte Schindluder getrieben worden. Aber auch der Ernst der Nachfolge lässt uns aus den Händen Gottes nicht herausfallen. Sein Leben und sein Sterben weisen uns einen Ausweg aus der unendlichen Spirale der Gesetzmäßigkeiten der Macht und der todbringenden Routinen des Bösen.

Ohne Konflikte wird ein solches Leben in der Nachfolge des Lebens Jesu nicht bleiben. Nicht nach innen. Und schon gar nicht nach außen. Aber darauf kommt es auch gar nicht so sehr an. Das Leiden an der noch andauernden Realität der alten Strukturen kann die ganz andere Welt Gottes nicht mehr aus den Angeln heben.

Es mag uns in aller Regel verwehrt sein, ein Heiliger oder eine Heilige zu werden, um noch einmal auf Dietrich Bonhoeffer zu sprechen zu kommen. Darauf kommt es aber gar nicht mehr an. Darauf kommt es an, glauben zu lernen. Glauben zu lernen - mitten in der Diesseitigkeit unseres Lebens. Verbündet mit denen, die vor uns geglaubt haben und die mit uns glauben. Darauf kommt es an, sensibel zu werden für das Leiden Gottes in dieser Welt. Und für das Leiden des einen, dessen Leben für uns zum Lösegeld geworden ist. Dessen Leben uns zu einem Leben in Menschlichkeit und in Würde befreit. Und dessen Sterben nicht das Ende, sondern einen neuen Anfang gesetzt hat. Gegen alle Regeln der Macht. In Selbsthingabe und Dienst. So soll es unter euch sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Traugott Schächtele


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