„OB IHR WIRKLICH RICHTIG STEHT, SEHT IHR, WENN DAS LICHT ANGEHT!“
PREDIGT ÜBER GENESIS 1,1-5
IM RAHMEN DES GOTTESDIENSTES DER ESG FREIBURG
ZUR ERÖFFNUNG DES SOMMERSEMESTERS 2007
AM 27. APRIL 2008 IN DER CHRISTUSKIRCHE


Liebe Freundinnen und Freunde hier in der ESG,

„Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht.“ Dies ist das Motto für dieses noch ganz frische und junge Sommersemester 2008. Seit 1977 gibt es diese Spielshow für Kinder im ZDF. Schon damals hatte ich die Altersgrenze für diese Sendung wohl überschritten. Ob meine Kinder sie angeschaut haben, habe ich es wohl nie mitbekommen. So wurde ich bei der Vorbereitung dieses Gottesdienstes auf den Stand der Dinge gebracht.

Aber – ganz im Ernst: Wenn man nur diesen Satz hört, hat er schon beinahe etwas Tiefgründig-Philosophisches: „Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr, wenn das Licht angeht.“ Drei Brücken bietet dieser Satz in die Aktualität. Drei Verstehensansätze für uns. „1,2 oder 3: Du musst Dich entscheiden. Drei Felder sind frei.“ So hat schon Michael Schanze, einer der früheren Moderatoren dieser Sendung einst ihr Motto besungen. 1, 2 oder 3. Warten wir’s also ab, für welche Felder wir uns heute entscheiden können.

„Ob ihr wirklich richtig steht,

seht ihr, wenn das Licht angeht.“




Das Licht ging mit Macht an. Irgendwann in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Eine ganze Epoche hatte mit einem Mal das Gefühl, erleuchtet zu sein. Aufklärung nennen wir diese Phase. Verdunklung des Geistes, die an ihr Ende kommt. Die aufgeklärt wird. Schöner kommt dieser Anspruch im Englischen zur Geltung: Enlightenment. Erleuchtung. Das Licht, dass uns zeigt, ob wir richtig stehen, das ist die Vernunft. Und der Verstand.

Habe den Mut dich deines Verstandes zu bedienen. Sapere aude! Von Immanuel Kant stammt dieser Satz. Dem großen Aufklärungsphilosophen. Er steht in seine berühmten Schrift: Was ist Aufklärung? Und der erste Satz der Antwort lautet: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Höchste Zeit, dass den Menschen ein Licht aufgeht. Auf drei Fragen möchte Immanuel Kant eine Antwort geben:

- Was kann ich wissen?

- Was soll ich tun?

- Was darf ich hoffen?

Drei Fragen: 1,2 oder 3 – Du musst dich entscheiden. Drei Felder sind frei.

Ob ihr wirklich richtig steht,

seht ihr, wenn das Licht angeht.


Drei Helfer sollen uns unterstützen, das Licht anzumachen. Zuerst einer, der erst vor wenigen Tagen verstorben ist. Zweitens eine sehr alte Geschichte, zweieinhalbtausend Jahre alt. Und zum dritten – ganz im Sinne der Aufklärung: Unser eigener Verstand. Die Frucht unserer Erleuchtung. Machen wir uns also auf diesen Weg des Nachdenkens. Stellen wir uns dieses Mal – entgegen den Regeln - auf jedes der drei Felder. Und suchen die Antwort auf jeweils eine der drei Fragen:



Feld 1: Was kann ich wissen?

Die erste Frage lautet also: Was kann ich wissen? Bei der Antwort kann uns Edward Lorenz behilflich sein. Am Mittwoch vor einer Woche, am 16. April 2008, ist Edward Lorenz im Alter von 90 Jahren gestorben. Ich weiß nicht, wem von Ihnen und Euch dieser Name auf Anhieb etwas sagt. Edward Lorenz ist eine der Mitbegründer der modernen Chaostheorie. Deren Inhalt lässt sich in dem Satz zusammenfassen. Er ist heute Abend gewissermaßen unser erstes Antwortangebot. Der Satz lautet:

Scheinwerfer an. Jemand liest:

Der Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonasgebiet kann einen Orkan in Europa auslösen.

Als Edward Lorenz, Meteorologe am amerikanischen Massachusetts Institute of Technology (MIT), dieses Bild 1963 in einem Aufsatz einführte, war allerdings noch vom Flügelschlag einer Möwe die Rede, nicht von dem eines Schmetterlings. Bekannt geworden ist dieser Satz aber in der Schmetterlingsvariante. Doch im Grunde ist der Unterschied graduell und darum vernachlässigbar. Welches Tier aber auch immer hier genannt wird, ob die Möwe oder der Schmetterling - Edward Lorenz prägte damit die populäre Formel für eine wissenschaftliche Entdeckung, die unter dem Namen Chaos-Theorie schnelle Karriere machte.

Lorenz ist nicht der alleinige Erfinder dieser Theorie. Aber zumindest doch einer ihrer Väter. Die Chaos-Theorie befasst sich mit dem Verhalten von so genannten nichtlinearen dynamischen Systemen. Erfahrungen mit diesen Systemen gibt es in den verschiedensten Teilbereichen der Forschung in Wissenschaft und Gesellschaft. Erfahrungen mit dieser Theorie machen wir aber auch in den Alltäglichkeiten unseres Lebens. Überall da etwa, wo wir ganz unvermutet plötzlich in einer Schlange stehen. An der Essensausgabe. Bei Einschreibungen und Belegungsverfahren für bestimmte Veranstaltungen. Im Autoverkehr, aber manchmal auch im öffentlichen Nahverkehr.

Kleine Ursache – große Wirkung. Ähnliches lässt sich im großen Stil auch an der Börse beobachten – für Studierende wie für Dozierende allerdings nicht gerade ein bevorzugtes Handlungsfeld. Edward Lorenz’ Hauptaugenmerk galt aber seinem Hauptfachgebiet, der Meteorologie. Er könnte erklären, warum wir nun wochenlang nur sehr „durchwachsene“ Temperaturen hatten. Und gestern und heute dann plötzlich frühlingshaften Sonnenschein. Auch hier stand eine unbedeutende Bewegung der Atmosphäre am Anfang.

Was kann ich also wissen: Kleine Ursache. Große Wirkung. Es bedarf nur geringer Energien, damit sich das Chaos so richtig anbahnen und ausbreiten kann.

- Kleine Pause/Musik -

Feld 2: Was soll ich tun?

Wir kommen zum zweiten Feld. Zur Frage: Was soll ich tun? Der biblische Schöpfungsbericht bietet ein Gegenmodell. Dort steht das Chaos nicht am Ende, sondern am Anfang der Entwicklung. Wir hören noch einmal die ersten Verse der Bibel. Dieses Mal in Anlehnung an die Übersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig.

Scheinwerfer an. Jemand liest:

Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war Irrsal und Wirrsal. Finsternis über Urwirbels Antlitz. Gott Sprach: Licht wird! Licht ward. Gott sah das Licht. Gut war es.

Die Erde war wüst und leer, so übersetzt Luther. Irrsal und Wirrsal, so übersetzen Martin Buber und Franz Rosenzweig. Man bräuchte hier gar keine Übersetzung. Wir alle kennen auch die hebräische Vorlage, die den chaotischen Urzustand beschreibt, das sprichwörtlich gewordene Tohuwabohu, das am Anfang steht.

Doch das Chaos ist nicht von Dauer. Gott setzt die Schöpfung in Gang. Allein durch sein Wort. Wie der Flügelschlag eines Schmetterlings oder einer Taube. Und Gott sprach. Nur wenige Worte, im Grunde ein einziger kleiner Satz, steht am Uranfang. Es werde Licht. Und es ward Licht. Doch die Folgen sind gewaltig. Die gravierenden Folgen von Worten kennen wir alle. Längst nicht alle Worte sind heilsam. Worte können verletzen. Können tief hinein schneiden in unsere Seelen. Worte können aber auch gut tun. Können heilsame, heilende Wirkung entfalten.

Mit unseren Worten können wir teilhaben am schöpferischen Wort Gottes. Denn die Schöpfung ist nicht am Ende. Das Chaos nicht aus der Welt geschafft. Mit der schöpferischen Kraft des Wortes können wir dazu beitragen, dass die Macht des Chaotischen in die Schranken gewiesen wird. Unsere Worte – eingebunden und eingekleidet in das schöpferische und heilsame Wort Gottes!

Das ist dann auch schon eine Antwort auf die zweite Frage:

Was also soll ich tun? Die rechten Worte finden. Heilsame, aufbauende, zu Herzen gehende Worte. Aber auch aufdeckende und entlarvende Worte. Worte, die die Wahrheit ans Licht bringen. Das also soll ich tun: Mit meinen Worten teilhaben am schöpferischen Wort, mit dem Gott dem Chaos Einhalt gebietet!

- Kleine Pause/Musik -

Feld 3: Was darf ich hoffen?

Bleibt das dritte Feld. Die entscheidende Frage: Was darf ich hoffen? Auch hier soll uns ein Satz weiterhelfen, dieses Mal einer aus der Feder des Apostels Paulus. Der schreibt in einem seiner Briefe nach Korinth:

Scheinwerfer an. Jemand liest:

Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi.

Gott macht nicht nur dem Urchaos ein Ende, indem er das Licht ins Dasein ruft. Die Schöpfung geht weiter. Ergreift am Ende auch den Menschen. Erleuchtet ihn. Erleuchtet uns. Nicht zuallererst den Verstand. Sondern das Herz. Man sieht nur mit dem Herzen gut, wie uns - sehr viel später als Paulus - auch der kleine Prinz belehrt.

Worin genau besteht nun diese Erleuchtung? Was lässt uns da hoffen? Die Erleuchtung ermöglicht uns den Blick auf den Menschen. Auf Jesus, der uns modellhaft vorgelebt hat, wie wahres Menschsein möglich ist. Wie Gott den Menschen gemeint hat.

Darauf also können wir hoffen: dass wir Menschen menschlicher miteinander umgehen. So menschlich, dass Gottes Gegenwart uns im wahren Menschsein aufleuchtet. So wie sie in dem aufgeleuchtet ist, von dem wir bekennen, er sei zugleich wahrer Mensch und wahrer Gott gewesen.

Wir sind am Ende unsere Weges: Aufklärung. Aufhellung. Erleuchtung. Ein gutes Programm am beginn eines Semesters. Wissenschaft dient dazu, der Erkenntnis der Wahrheit den Weg zu bereiten. In der Fülle des angebotenen Wissens, sollten wir wissen, wo wir stehen. Sollten wir uns bemühen, richtig zu stehen.

Allein aus uns heraus können wir das nicht wissen. Aufklärung, Erleuchtung tut Not.

- Dient es den Menschen, worum wir uns in unseren Studien bemühen?

- Macht es Menschen klein – und nur Ideen groß?

- Wehrt es dem Unrecht und der Ungerechtigkeit?

- Hat neuer Erkenntnisgewinn die Opfer im Blick? Zeigt er Wege auf, die der Menschlichkeit dienen

- Stehe ich richtig mit dem, wofür ich wertvolle Zeit meines Lebens hergebe?

- Kann ich mich dem aufdeckenden Licht stellen mit dem, wie ich lebe?

Fragen über Fragen. Es ist gut, dass die Wahrheit unseres Lebens ein anderer, eine andere aufdeckt. Eine, die uns mit den Augen der Liebe sieht. Die uns nicht deshalb liebend ansieht, weil wir auf dem richtigen Platz stehen. Sondern die unseren Platz zu einem richtigen macht, weil wir an diesem Platz von Gott angesehen sind.

Immanuel Kant hat im späteren Verlauf seines Lebens seine drei Fragen durch eine vierte ergänzt. Er fragt: Und ich will ihm antworten:

Der Mensch ist der, der richtig steht, weil Gott sein Licht in ihm zu Leuchten bringt. Vielfältig. Bunt. Und mit Lust und Liebe. Nicht nur ein Semester – nein, ein ganzes Leben lang.

Amen.


Traugott Schächtele

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