PREDIGT ÜBER 5. MOSE 6,4-9
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 25. MAI 2008 (1.S.N.TR.)
IN DER AUFERSTEHUNGSKIRCHE IN FR-LITTENWEILER


Liebe Gemeinde,

Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben. In seinem berühmten Vortrag „Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie“ hat Karl Barth im Jahre 1922 diesen Satz formuliert. Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben.

Als Menschen, die also eigentlich nicht von Gott reden können, kommen wir heute einmal mehr nicht darum herum, eben doch von Gott zu reden. So wie schon vor einer Woche. Vor einer Woche haben wir im Kirchenjahr des Fest der Dreieinigkeit gefeiert. Trinitatis. Wegen des sehr frühen Ostertermins gibt es in diesem Jahr gleich 24. Sonntage, die nach dem Trinitatisfest zählen. Ich erinnere mich noch gut an die Gottesdienstbesuche meiner Kindheit. Sehr lang empfand ich jedes Jahr die Reihe dieser Trinitatissonntage. Unerträglich lang.

Die Trinitatiszeit ist die Schwarzbrotzeit des Kirchenjahres. Die Zeit, an der wir lange genug an einer kräftigen und unverzichtbaren Kante Trinitatis-Theologie herumkauen können. Dabei ist es wie im richtigen Leben. Trinitarisches Schwarzbrot bekommt unserer Gesundheit, wie wir alle wissen, erheblich besser als alle Tage weihnachtliche Plätzchen und österliche Schokolade.

Trinitatis – das ist das Fest, an dem der Glaube an Gott in drei Personen im Mittelpunkt steht. Der Sonntag, an dem wir uns daran erinnern, dass Gott von allem Anfang nicht einfältig ist. Dass Gott vielmehr in sich vielfältig und beziehungsreich ist. Dass Gott kommuniziert – nach innen und nach außen.

Gott enthüllt und entfaltet sein auf Beziehung und Kommunikation, seinauf Gerechtigkeit und Barmherzigkeit angelegtes Sein. Der Predigttext für heute, für den 1. Sonntag nach dem Fest der Dreieinigkeit beinhaltet geradezu ein Gegenprogramm. Nicht die Vielfalt, sondern die Einheit Gottes steht im Mittelpunkt. Nicht der der Welt zugewandte, sondern der so ganz andere und zugleich hinreißend an einer Beziehung zum Menschen interessierte, der eine Gott wird zum Gegenstand unseres Nachdenkens.

Dieser heutige Predigttext ist zugleich ein Text, der zu den ganz besonders wichtigen Texten der Menschen jüdischen Glaubens gehört. Es ist beinahe so etwas wie die Formulierung des jüdischen Glaubensbekenntnisses.

Wir hören aus dem 6. Kapitel des 5. Mosebuches die Verse 4-9:

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. 6 Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen 7 und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. 8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, 9 und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Die großen Religionen der Menschheit sind Wortreligionen, liebe Gemeinde. Darum: „Höre, Israel!“ Ihre zentralen Texte sind in heiligen Büchern festgehalten. Im Mittelpunkt stehen Geschichten, die immer wieder weitererzählt werden. Und die Weitergabe der Orientierung gebenden Worte ihrer zentralen Figuren. Ihre großen Feste werden nach überlieferten Liturgien und Abläufen gefeiert. „Höre, Israel!“ Hört zu, alle, die ihr mitfeiert!

Religion lebt von Erinnerung. Von der Erinnerung an die Erfahrungen derer, die früher gelebt haben. Und sie lebt vor allem von der Weitergabe dieser Erinnerung. Wenn diese Kette der Weitergabe der Erinnerung bricht, kommt die Religion in die Krise. Darum ist es richtig und wichtig, dass wir diese Aufgabe der Weitergabe der Erinnerung sehr ernst nehmen. Darum müssen wir von Gott reden! Darum: Höre, Israel!“ Hört zu, alle die ihr mtfeiert!

Doch wie können wir heute noch von Gott reden? Wie können wir so von Gott reden, dass unser Reden nicht belanglos wird? Wie können wir so von Gott reden, dass unser Reden hilfreich bedeutsam wird für die diejenigen, die nach uns auf dieser Erde leben? Genauer gefragt: Wie können wir den Gottesglauben an unsere Kinder weitergeben? Wie gelingt es, ihre Hörbereitschaft zuwecken?

Die Gegenwart ist mitnichten eine Zeit ohne Religion. Die Marktplätze der Religionen sind dicht gefüllt. Mit Menschen, die neugierig die verschiedenen Angebote prüfen. Mit Menschen, denen das Fremde der Religion zur exotischen Erlebnis wird. Mit Menschen, die sich immer wieder neu eigene religiöse Coktails mixen.

Aber dieser dicht gefüllte Markt der Neugierigen darf uns nicht täuschen. Die Weitergabe der Religion ist heute einmal mehr ins Stocken geraten. Die Kette der Überlieferung droht an immer mehr Stellen zu reißen. Als Traditionsabbruch umschreiben wir diese Situation.

Doch wirklich neu ist diese Situation nicht. Die Weitergabe der Religion verläuft in einer Wellenbewegung. Mitreißende Ströme dichter Erinnerung und spärlich fließende Rinnsale wechseln einander ab. In einer solchen Phase des Traditionsabbruches finden sich auch die Menschen wider, an die sich der heutige Predigttext richtet. Die Menschen, die zum Hören aufgefordert werden.

Das 5. Buch Mose, das Deuteronomium, ist ein Dokument, das ganz dem Zweck der wiederauflebenden Erinnerung dient. Selbstverständlich ist der Glaube geworden. Vertraut. Irgendwie Teil der alltäglichen Lebenspraxis. Und genau darin gefährdet. Irgendwie hatte er seine Vitalität, seine Kraft der herausreißenden Erinnerung verloren. Da macht sich im 7. Jahrhundert vor Christus eine Gruppe Reformer ans Werk. Und sie ruft den Ursprungsmythos in Erinnerung. Den Exodus aus Ägypten. Den lebensgefährlichen Weg durch die Wüste. Das genauso mühsame wie gewaltabhängige Einsickern in jenen Landstrich, den die Tradition das gelobte Land nennt. Landnahme heißt dieser Prozess. Allzu friedlich werden wir ihn uns nicht vorzustellen haben.

Als Erinnerungshilfe wählen die Autoren des 5. Mose-Buches die Gattung einer fiktiven Rede. Mose, die zentrale Ursprungsfigur, wendet sich an sein Volk. Hält eine Rede, ehe die Flüchtlinge den Jordan überschreiten. Ehe sie sich daran machen, das neue Land in Besitz zu nehmen. Zentrale Worte der Erinnerung legen die Schreiber des Deuteronomium Mose in den Mund. Und ganz zentral eben diejenigen, über die wir heute nachdenken. Die Erinnerung an den Kern ihres religiösen Bekenntnisses. Die Erinnerung an die besonderen Bedingungen ihres Gottesglaubens. Worte, die die Menschen aufs Neue lehren sollen , wie sie von Gott reden und wie sie Gott in Erinnerung halten sollen. „Höre Israel!“

„Höre, Israel, Adonaj, der Herr ist unser Gott. Er allein.“ Fremd dürfte dieser Satz auch uns nicht wirklich sein. Der ersten Satz des Zehnwortes taucht in der Erinnerung auf: „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Ein gefährlicher Satz ist das. Hochgefährlich. Jan Assmann, der Ägyptologe und der große Prophet des kulturellen Gedächtnisses, sieht genau in diesem Satz die Wurzel vielfältiger Gewalt.

Exklusiv gebärde sich dieser Gott. Und als Protagonisten der Unterscheidung von wahrer und falscher Religion entlarvt er eben Mose. Zwar habe nicht Mose, sondern der Pharao Echnaton diesem exklusiven Gottesverständnis den Weg bereitet. Aber an Mose macht sich diese harte und Gewalt gebierende Grenze bis heute fest. Der eine Gott wird zum exklusiven, alle anderen in ihrem Recht bestreitenden Gott. Wer nicht auf seiner Seite stehe, dessen Religion sei unwahr. Und falsch. Und sie sei deshalb auch mit dem Anspruch, das Recht auf der eigenen Seite zu haben, zu bekämpfen.

Die unselige Geschichte der Gewalt ist tatsächlich Teil der Praxis der monotheistischen Religionen. Aber eher deshalb, weil Menschen sich nur vermeintlich der Sache Gottes angenommen haben – und dabei oft nichts anderes ihre eigenen Machansprüche legitimiert und durchgesetzt haben. Die Gewalt im Namen Gottes zur Durchsetzung eigener Interessen ist Teil der Geschichte der von Menschen pervertierten Erinnerung.

Der Predigttext hat eine andere Erinnerung im Blick. Die Erinnerung an Gott, der das Seufzen seines Volkes hört. Die Erinnerung an Gott, der den Schwachen zum Recht hilft und die Starken in die Schranken weist. Die Erinnerung an Gott, der will, dass wir Zukunft haben. Diese Worte gilt es in Erinnerung zu behalten. Diese Worte sollen wir an unsere Kinder weitergeben. An diese Worte sollen wir uns durch hilfreiche Zeichen Erinnerung lassen.

Bis heute binden fromme Juden beim Beten die Tefillim, die Gebetskapseln an ihren linken Oberarm und zwischen die Augen. Bis heute steht der heutige Predigttext zusammen mit einem weiteren biblischen Text auf einem Pergament, das sich in einem kleinen Kästchen befindet, das an der Haustür und oft auch an weiteren Türen befestigt wird. Mesus nennt man dieses Zeichen.

Zeichen der Erinnerung sind das. Merkhilfen, wie ein kleiner Katechismus. Worte, die Erinnerung wach halten, um Zukunft zu ermöglichen. „Höre Israel!“ Kein Haus sollen wir mehr betreten, ohne uns daran erinnern zu lassen: Gott bleibt unser großes Gegenüber. Gott bleibt einer und einzig. Mag die Welt säkular sein und Gegenstand unseres Forscherdrangs und unserer Neugierde. Gott wird nicht profan. Seine Gegenwart beschreibt den Ort, an dem wir bekennen, was uns heilig ist.

Einschärfen sollen wir diese Worte unseren Kindern. Und über sie reden, ob wir zu Hause oder ob wir unterwegs sind. Religion ist kein Sabbat- oder Sonntagsprojekt. Der Gottesglaube durchdringt und prägt unsere Lebensentwürfe. Nicht im Sinne einer besonderen religiösen Leistung. Sondern als Ausdruck der Liebe.

Gott zu lieben, trägt uns der Predigtext auf. Gott zu lieben mit ganzem Herzen und der Kraft unseres Verstandes. Nichts bestimmt ein Menschenleben so sehr und so umfassend wie die Liebe. Ob im Gelingen oder im Scheitern und Zerbrechen. Und nirgends erweist sich die Kraft unserer Gottesliebe stärker als in der gelingenden Zuwendung zu unseren Mitmenschen.

Wann immer ich diesen Satz höre: „Du sollst deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und von ganzem Verstand“, schwingt jener andere Satz mit, den der Jude Jesus ihm gleich gestellt hat: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Auch dieser Satz gehört zu den zentralen Sätzen des Judentums. Indem sich aber beide Sätze gegenseitig interpretieren und erläutern, entfalten sie eine verstärkte, ja fast potenzierte Kraft.

Eine Gottesliebe, die sich in der Menschenliebe bricht, ist kein exklusives Unternehmen. Jan Assmanns These vom Ursprung der Gewalt im Glauben an den einen Gott findet da ihre Grenze, wo wir Gott nicht länger exklusiv und andere ausschließend denken. Gott wird inklusiv, grenzüberschreitend offen, wo wir sein Angesicht im Gesicht unserer Mitmenschen wieder erkennen. Wo jeder Mensch zum Merkzeichen der Heiligkeit und der Gegenwart Gottes wird.

Es bleibt also möglich von Gott zu reden - solange wir sein Ebenbild im Menschen noch wahrnehmen. Es bleibt also möglich, die Erinnerung weiterzugeben – solange es uns gelingt, Worte der Barmherzigkeit finden. Es bleibt also möglich, auch unsere Kinder mit dieser Erinnerung anzustecken – solange unser Gottesglaube unser eigenes Leben glaubwürdig bestimmt.

Religion ist Wortreligion. Aber doch zugleich nie ohne die Bekräftigung dieser Worte in der Entsprechung durch unsere Taten. Was immer wir tun und was immer wir lassen: Mehr als alles andere wird unser Handeln zum Merkzeichen unseres Glaubens. Vorbilder im Glauben sind Erinnerungshilfen. Sie sind Worte aus Fleisch und Blut. Und nicht ohne Grund bekennen wir als Christinnen und Christen einen Menschen als den, in dem Gottes Wort Mensch wurde.

Indem wir werden, was wir sein sollen, nämlich Mensch, halten wir Gott im Gespräch.

Indem wir werden, was wir sein sollen, nämlich Mensch, schärfen wir die Erwartung unserer Kinder an eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden.

Indem wir werden, was wir sein sollen, nämlich Mensch, halten wir die Erinnerung wach, dass diese Welt- dass der Gottesglaube Zukunft hat und Zukunft ermöglicht. Uns. Und denen, die glauben, wenn wir schon lange und für immer längst aufgegangen sind in Gottes Gegenwart. Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn