CHRISTMETTE 2008
24. DEZEMBER 2008
(HEILIGABEND)
EVANGELISCHE KIRCHE
MARIA MAGDALENA
IN FREIBURG-RIESELFELD


Maria
Weihnachten kann man nicht machen. Weihnachten wird es. Wie bei Maria.

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Und der Engel sprach zu Maria: Siehe du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Heiliger Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten, darum wird dieses Kind auch Gottes Sohn genannt werden. Maria aber sprach: Mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.

Das Bild zeigt die Verkündigung des Engels an Maria. Es stammt vom Hochaltar des Freiburger Münsters. Hans Baldung genannt Grien hat diesen Altar zwischen 151 und 1516 gestaltet.

Für Maria wird es Weihnachten lange vor Weihnachten. Sie war auf Weihnachten nicht vorbereitet. Hatte keine weihnachtliche Gestimmtheit. Der Engel Gabriel reißt sie aus ihrem Alltag heraus. Sie hat nicht damit gerechnet, dran zu sein. Sie hatte kaum eine rechte Vorstellung vom Leben. Ein junges Mädchen. 14, 15 Jahre alt. Eine Ehe in Anbahnung. Ein Zweckbündnis zur Versorgungssicherung. Kaum eine Liebesheirat. Ihr Leben war vorgezeichnet. So wie viele Leben. Ohne allzu große Erwartung.

Da trifft sie die Anrede Gottes. Unvermittelt. Der Engel Gottes reißt sie aus der Bahn. Da wird es Weihnachten. Mitten im Leben. Maria leistet Weihnachten keinen Widerstand. „Mir geschehe, wie du gesagt hast!“ Man kann diesen Satz auch falsch verstehen. Maria, die Frau, die anderen das Feld des Handelns überlässt. Die allem einfach mit Passivität begegnet.

Doch so war das nicht gemeint. Das „Mir geschehe, wie du gesagt hast“ ist ein Akt höchster Aktivität. Ein aktives Geschehenlassen. Nein, das ist keine Ergebenheitsadresse. Keine devote Handlung. Maria wird einfach weihnachtlich hinweg gerissen. Wie von einer Flutwelle. Für Maria wird es Weihnachten, weil sie sich auf Gott einlässt. Weil sie den Worten des Engels Glauben schenkt. Weil sie das Ungewöhnliche wahrnimmt und aufnimmt, wird ihrem Leben alles Gewöhnliche genommen.

Diese ungewöhnliche Nacht lädt uns ein, auch dem
Ungewöhnlichen, dem Ungewohnten, Raum zu geben in unserem Leben. Und ich bin sicher, dass auch diese Weihnacht uns von neuem überraschen wird.

- Zwischenmusik -

Josef
Auch für Josef wird es Weihnachten, noch lange ehe das Kind der Weihnacht geboren wird. Auch er hatte Weihnachten nicht auf dem Plan. Im Gegenteil

Josef wird aus allen Träumen gerissen. Maria ist schwanger. Das hat gerade noch gefehlt. Josef will sich aus dem Staub machen. Will die Lebensaufgabe nicht annehmen, vor die er sich so unerwartet gestellt sieht. Josef hat andere Träume vom Leben.

Da wird es auch für Josef Weihnachten. Im Traum hat er daran nicht gedacht. Und eben im Traum holt Weihnachten ihn dann doch noch ein. Wider Willen. Auch ihm erscheint Gabriel, der Engel Gottes.

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Josef, Marias Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Als er das aber noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau zu dir zu nehmen. Denn was sie empfangen hat, ist vom heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben.

Das Bild zeigt ein Bild auf einer Holztafel von Rembrandt aus dem Jahre 1645. Hier handelt es sich um die zweite Engelserscheinung im Traum. Zu sehen ist dieses Bild in der staatlichen Gemäldegalerie in Berlin.

Von Josef ist kein „Mir geschehe, wie du glaubst, überliefert.“ Das Ölgemälde von Rembrandt zeigt ihn zerknirscht. Josef, für den kaum Platz ist im weihnachtlichen Geschehen. Die Laterne darf er meist halten. Den Stall in Ordnung bringen. Das Feuer am Brennen halten. Josef bekommt den Platz im Hintergrund zugewiesen.

Aber mit einer Nebenrolle kann man Josef nicht abspeisen. Josef ist für Weihnachten unverzichtbar. Ohne, dass es für Josef Weihnachten wird, kann es auch für uns nicht Weihnachten werden. Josef hält Maria und dem Kind die Treue. Die Heilige Nacht ist das große Projekt der Rehabilitierung dieses zu Unrecht übersehenen. Weihnachten holt ihn aus seinen Träumen in die Wirklichkeit. Doch Josef bleibt ein Träumer. Ein zweites Mal erscheint ihm der Engel im Traum. Und warnt ihn vor den Nachstellungen des Königs Herodes. So rettet sein Traum dem Kind das Leben.

Weihnachtliche Träume steigen auch bei uns auf. Alle Jahre wieder. Der Traum vom Frieden auf Erden. Oder zumindest vom kleinen privaten Frieden über die weihnachtlichen Tage. Der Traum vom Ende der Krisen, die uns und diese Welt aus de Angeln zu heben drohen. Der Traum, dass die Welt nach Weihnachten nicht mehr dieselbe ist wie vorher. Der Traum, dass wir noch einmal ganz anders leben können. Vielleicht müssen auch wir aus manchen Träumen einfach nur aufwachen, damit wir damit beginnen können, sie in die Tat umzusetzen.

Träume sind Gottes verborgene Sprache. In dieser besonderen Nacht sollten wir für diese Sprache ganz besonders offen sein.

- Zwischenmuisk -

Die Hirten
Für die Hirten wird es Weihnachten mitten im Alltag. Nicht in der warmen Stube und in der Sicherheit des Wohlstandes. Nein, sie erleben die heilige Nacht an den Rändern der Gesellschaft. Und dennoch mitten im Leben.

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Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Wir sehen einen Ausschnitt aus dem Perikopenbuch Heinrichs II. Das Bild wurde vermutlich nicht sehr weit von hier auf der Insel Reichenau hergestellt. Es stammt aus dem Jahr 1010.

Die Hirten hatten einen schweren Beruf. Man brauchte sie. Aber man mochte sie nicht. Den Platz weit draußen vor den Toren der Stadt hatte man ihnen zugewiesen. Kein besonders weihnachtlicher Ort. Dennoch sind die Hirtenfelder vor Bethlehem ein Hauptspielplatz des weihnachtlichen Geschehens.

Mit einem Mal steht den Hirten der Himmel offen. Mit einem Mal begegnen sie in den Engeln der Wirklichkeit Gottes. Mit einem Mal wird es für sie Weihnachten. Weihnachten am Rande der Gesellschaft. Und doch mitten drin im Geschehen.

Die, die vom Leben nichts mehr zu erwarten hatten. Die, deren Leben sich in den Routinen des Alltags erschöpfte. Die, die jeden Tag aufs neue Kopf und Kragen riskierten, um das eigene Überleben zu sichern – die sind die ersten, die die Botschaft der Engel erreicht: „Euch ist heute der Retter geboren!“

Weihnachtliche Töne mitten im Alltag; Alltäglichkeiten; die Abfolge des Immer-Gleichen, die in sich zusammenfallen, weil Gott sich ins Spiel unseres Lebens einmischt und einbringt – mehr Weihnacht könnte es für uns gar nicht werden. Die Weihnacht der Hirten könnte der Zugang zu unserer Weihnacht werden.

- Zwischenmuisk -

Die Weisen
Am Ende kommt doch noch die Welt der Großen ins Spiel. Von Magiern aus dem Osten berichtet das Matthäus-Evangelium. Die Tradition hat schon sehr bald von Königen gesprochen. Es ist eine ferne Welt, die hier angesprochen wird. Noch einmal Weihnachten den Grenzen. Aber dieses Mal an den Grenzen der Vorstellungskraft.

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Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Von Johannes Wydyz stammt dieser Schnitzalter, der seit 1823 im Freiburger Münster steht. Er wurde aus dem Basler Hof dahin geschafft. Natürlich ist der Altar wesentlich älter. Seine Entstehung wird auf das Jahr 1505 datiert.

Die sternenkundigen Reichen ahnen, dass da ein ganz besonderer Stern am Aufgehen war. Ein neuer Star der religiösen Szene. Einer, der die weite Reise lohnt. Sie werden nicht enttäuscht. Aber sie müssen gewaltig umlernen. Es ist keiner von ihnen, auf den sie da treffen. Kein Prinz in einem fürstlichen Palast.

Nichts anderes finden sie als ein neugeborenes Kind. Noch erbärmlicher als viele andere Geburten. Über einer Absteige bleibt der Stern stehen. Einem unwirtlichen Ort. Tiere, Hirten, allerlei Gesindel. Aber keine Vertreter der Eliten der Mächtigen.

Weihnachten ist kein Fest der oberen Zehntausend. Weihnachten ist das Fest, das aus letzten Erste macht. Das Fest, das den Blickwinkel verändert. Das Fest, das uns die Größe Gottes im Kleinen entdecken lässt. Auch in der Begrenztheit unseres Lebens. Auf den Reichtum der Gaben der Könige kommt es dabei gar nicht an. Eher auf ein Herz, das sich nicht verhärten lässt. Und auf Augen, die Gottes Größe entdecken mitten in unserem alltäglichen Leben.

Weihnachten kann man nicht machen. Weihnachten wird es. Jetzt. In dieser besonderen, heiligen Nacht. Und an allen Tagen des Jahres. Das ist das Besondere an Weihachten. Dass es jeden Tag und jede Nacht aufs Neue Weihnachten werden kann.

- Zwischenmusik -


Traugott Schächtele

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