PREDIGT AM 26. DEZEMBER 2008
- 2. WEIHNACHTSTAG -
ÜBER JOHANNES 1,1-5.9-14
IN DER LUDWIGSKIRCHE IN FREIBURG


Carl Gustav Jung schreibt in seinen Erinnerungen über seine Kindheit: „Ich ging höchst ungern in die Kirche. Der Weihnachtstag bildete die einzige Ausnahme. Der Weihnachtschoral „Dies ist der Tag, den Gott gemacht“ gefiel mir über die Maßen. Am Abend kam der Weihnachtsbaum. Das ist das einzige christliche Fest, das ich mit Inbrunst feiern konnte. Alle anderen Feste ließen mich kalt.“

Weihnachten – das Fest, das kaum jemanden kalt lässt. Statistisch betrachtet, besucht jeder dritte Evangelische in Deutschland an Weihnachten einen Gottesdienst. Weil Weihnachten uns nicht kalt lässt.

Auch heute also noch einmal die Berührung mit dem Zauber dieses Festes. Diesem Fest der Emotionen und der großen Erwartung. Auch heute also noch einmal: Weihnachten! Wie gut, dass es diesen zweiten Feiertag gibt. Denn Weihnachten wird es nicht nur einmal. Weihnachten wird es auf vielfältige Weise. Und immer wieder in anderer Gestalt und Stimmung. Herbeigesehnt von den Kindern am Nachmittag des Heiligabend. Mit großem Durchatmen und einem „Jetzt endlich“ in der Christvesper oder der Christmette in der Heiligen Nacht. Mit dem erwartungsvollen Eintauchen in die immer gleiche und doch immer neue Geschichte von der Geburt dieses Kindes unter widrigen Bedingungen.

Weihnachten ist es – Weihnachten wird es dann am ersten Feiertag. Eine wohltuende Unterbrechung der alltäglichen Beanspruchung. Und zugleich ein Anlass, anfällig für Krisen und emotionale Ausbrüche wie keine andere Zeit des Jahres. Nie sonst gehen die Sehnsucht nach der heilen Welt und die Wirklichkeit eine stärker gefährdete, eine fragilere Beziehung ein als an diesem Tag. An dem Tag, an dem wir feiern, dass Himmel und Erde zusammenfinden.

Wie gut, dass es dann noch einen zweiten Feiertag gibt. Die großen Emotionen – sie erreichen allmählich ein erträgliches Maß. Die Festtagsanspannung - jetzt ist sie einer realistischen Erwartungshaltung gewichen. Jetzt kann es noch einmal und womöglich erst wirklich Weihnachten werden. Herz und Gemüt – sie waren längst von Weihnachten in Beschlag genommen. Jetzt kommt auch unser Verstand nach.

Nach der Weihnacht der großen Geschichten kommt jetzt das Wunder der Weihnacht. Nach Maria und Josef, nach den Engeln und den Hirten, nach Herodes, Qurinius und Augustus, nach dem Stall und den sternenkundigen Weisen aus dem Osten bleibt Raum für die Weisheit der Weihnacht. Für weihnachtliche Theologie. Nicht nur für die erzählte. Nein auch für Worte, die deuten, was erzählt wurde. Für ein altes, anspruchsvolles Lied, das die Botschaft des Mensch gewordenen Gottes noch einmal neu und noch einmal ganz anders zur Sprache bringen will. Dem großen Lied vom Mensch gewordenen Logos ganz am Anfang des Johannes-Evangeliums.

Lesung 1

1Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort 2Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

EG 586,1-3: Es ist ein Wort ergangen

Am Anfang war das Wort! Wenn der Menschgewordene nicht in Worte zu fassen ist, muss er das Wort selber sein. Träger eine Botschaft, die sich selber ausspricht. Und die nicht darauf angewiesen ist, sich in einer Vielzahl von Wörtern zu verlieren.

Goethes lässt Faust einen Anlauf nehmen, dieses Lied vom Mensch gewordenen Wort am Anfang des Johannes-Evangeliums zu übersetzen:

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile !
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat !


Was Luther und Goethes Faust gleichermaßen Mühe macht, ist das Wort Logos. Im Anfang war der Logos. So beginnt das Lied wirklich. „Im Anfang war“ – da hörten nicht nur die Menschen zur Zeit des Evangelisten Johannes einen Anklang an die ersten Worte der Bibel. „Im Anfang schuf Gott.“ Und nichts anderes folgt an sechs Tagen, als dass Gott spricht. Gott spricht sein „Es werde!“ Und immer, so lesen wir, wird es auch. Himmel und Erde. Wasser und Land. Sonne und Mond. Mensch und Tier.

Gott spricht. Und es wird. Der Uranfang hat seinen Grund im Schöpfungswort, das Gott spricht. Es ist nur konsequent, auch im Werden des Menschgewordenen Gottes Wort am Werk zu sehen. Und es Weihnachten werden zu lassen mit dem Satz: Am Anfang war das Wort.

Und doch bricht sich der Logos nicht nur im Wort. Von der Weisheit, die seit allem Anfang bei Gott war, sprechen die Bücher des Alten Testaments. Von der Vernunft, die sich im Logos bricht, spricht die griechische Philosophie. Logos und logisch hängen zusammen. Genauso wie Logos und die –logie – in Theologie und in all den anderen Wissenschaften, die die –logie im Namen tragen. Wissen und Vernunft ist der Logos. Die Erkenntnis, was die Welt im Innersten Zusammenhält. Gott will nicht sein ohne unsere Vernunft. Aber Gott geht in ihr nicht auf.

Was schon vorweggenommene, moderne Zukunft bricht sich bei Faust Raum, wenn er von Sinn spricht. Von dem, was wir als inneres Gerüst unseres Daseins empfinden. Wenn er von Kraft spricht. Von dem, was unser Leben ausmacht. Von dem, worauf wir bauen. Wenn er von der Quelle spricht. Von dem Ort, in dem unsere Lebensgeister ihren Ursprung haben – all das ist seit allem Anfang in Gott gegründet. All das ist gemeint, wenn wir hören, am Anfang war der Logos.

Am Anfang war die Tat. Das ist verwegen und kühn. Nichts anderes ist hier gemeint als das neu machende Schöpfungshandeln Gottes. Am Anfang war die Tat. Gottes Tat. Und es ist Gott, der handelt, wenn wir an Weihnachten feiern, wie Gott sich Raum schafft in unserer Welt. Wie Gottes Unendlichkeit sich begrenzt in der Endlichkeit seiner Schöpfung. In der Begrenztheit eines Menschen.

Gott wird Mensch. Das feiern wir an Weihnachten. Indem Gott Mensch wird, rückt er uns Menschen in ein neues Licht. Am Anfang war das Licht. Weihnachten ist das Fest der Erleuchtung des Menschen. Einer Erleuchtung, die nichts mehr beim Alten lässt. Die der Schöpfung von Neuem Raum gibt. Spielraum des Lebens. Eines Lebens im Licht.

Hören wir, wie jenes alte Lied vom Logos weitergeht:

Lesung 2

5Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. 9Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.

10Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. 11Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, 13die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.


EG 37,3+4: Ich lag in tiefster Todesnacht

„Finitum non capax infinitum.“ Das Endliche vermag das Unendliche nicht zu fassen. Von Johannes Calvin stammt dieser Satz. Dem Reformator aus Genf. Jenem Theologen, dessen 500. Geburtstag wir im kommenden Jahr feiern werden. Wie Endliches und Unendliches zusammenkommen, darum geht es an Weihnachten. Wie der Himmel auf der Erde Raum finden – wie Gott Mensch werden kann. Das ist das große Thema des Weihnachtsfestes.

Der, der vor allem Anfang bei Gott war – der, der selber Gott war und Gott ist, wird Mensch. Wird zum Licht in der Finsternis. Lässt sich ein in die Wirklichkeit des Menschseins. Setzt sich der Begrenztheit eines Menschenlebens aus, das nie länger dauert als von der Geburt bis zum Tod. Gott gibt sich der Endlichkeit hin, damit uns die Tür zur Unendlichkeit geöffnet wird.

Das Endliche vermag die Unendlichkeit nicht zu fassen. Wir Menschen lassen sich anrühren von der Geschichte einer Geburt unter widrigen Umständen. Aber die Unerhörtheit dessen, wovon hier berichtet wird sprengt unseren Horizont. Nein, die Geschichten erzählen nicht von einem Götterkind, das Menschen in die Wiege gelegt wird – so wie es Mythen der Vorzeit tun.

Die Gesichten erzählen von einem, der nichts anderes ist – und nichts anderes sein will, als ein Mensch. Und in dem dennoch die Schöpfungskraft Gottes seit allem Anfang aufleuchtet. Sie erzählen von einem, der die Gewaltigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht. Sie erzählen von einem, der die Letzten Erste und die Ersten Letzte werden lässt. Sie erzählen von rauhen Gesellen, die ihre Herden im Stich lassen und sich auf den Weg machen.

Selbst der Himmel gerät aus den Fugen, wo auf der Erde nichts mehr bleiben kann, wie es war. Ein Stern kündet von der Geburt eines Menschen, der in kein Schema passt – nicht von einem Thronfolger in Rom oder in einer der anderen Metropolen. Nein, sie erzählen von einem, dessen Macht ohne Geld und Waffen auskommt.

Gottes Größe fängt im Kleinen an. Gottes Unendlichkeit bricht sich im Endlichen Bahn. Gottes Licht lässt eine Quelle erahnen, die das Licht des Ur-Anfangs in der Gegenwart zum Strahlen bringt. Und wir erkennen staunend: Die Schöpfung ist noch mitten im Gang. Gottes Licht ändert nicht nur die Perspektive, sondern die Wirklichkeit.

Einmal ist die Regel außer Kraft gesetzt. Einmal schon hat Gottes Unendlichkeit in unserer begrenzten Welt Wohnung genommen. Und unseren beschränkten Horizont zur Unendlichkeit hin geweitet. So kommt unaufhaltsam eine Gegenbewegung ins Rollen. Ein „Yes, we can“ wahrhaft kosmischen Ausmaßes. Eine Veränderung, nicht aufbaut auf den vertrauten Mitteln von Herrschaft und Gewalt. Eine Veränderung vielmehr, in der wir uns als Beschenkte begreifen. Als von Gottes Menschenfreundlichkeit Erfasste. Als von Gottes Gegenwart Erleuchtete, ohne Angst, in unserer Begrenztheit von Gott bloßgestellt zu werden. Als solche, die Gott recht sind, ohne dass wir es selber richten müssen.

Weihnachten wird so zum Fest, das die Augen öffnet. Und das uns mit Vernunft durchdringen lässt, was sich abspielt vor unser aller Augen. Und was uns feiern lässt seit 2000 Jahren. Gott nimmt unter uns Wohnung. Oder wie es im dritten Teil jenes alten Liedes vom Logos heißt:

Lesung 3

14Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

EG 27,2-4: Er kommt aus seines Vaters Schoß/

Die Inkarnation ist das große Geheimnis der Weihnacht. Und ein Herzstück des christlichen Glaubens dazu.

Das Wort ward Fleisch! Das ist die Summe des Evangeliums der Weihnacht. Das Wort ward Fleisch! Das ist der Grund dafür, dass wir Weihnachten feiern. Das Wort ward Fleisch. Gott von allem Anfang und vor allem Anfang Wort und Sinn, Kraft und Tat – Gott, selber Ur-Anfang all dessen was ist, setzt sich der Endlichkeit aus. Nicht irgendwie. Nicht in einem Akt gnädigen sich Herablassens. Nein – in Gestalt des radikalen Machtverzichts.

Gott gibt sich zu erkennen. Wird zum Greifen nah. Bekommt Hand und Fuß. Und ein Herz, das schlägt für diejenigen, die viel zu oft viel zu kurz kommen in dieser Welt. Und die Engel singen Ehre sei Gott in der Höhe. Gott kommt herunter und mischt sich ein in die Märkte des Menschenmöglichen. Und die Engel singen Ehre sei Gott in der Höhe. Gott sinkt tief, bis er ankommt auf dem Boden unserer Tatsachen. Damit wir Menschen im Aufwind der Liebe zu neuen Höhen des Menschlichen emporsteigen. Und die Engel singen Ehre sei Gott in der Höhe.

Gott lässt sein Gottsein aufleuchten im Kind in der Krippe. Mit einem Mal hängt Gottes Gottsein am seidenen Faden des Menschseins. Und die Engel singen vom Frieden auf Erden bei allen Menschen guten Willens.

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns. Und wir sahen seine Herrlichkeit. Am zweiten Tag der Weihnacht blendet uns Gottes Herrlichkeit nicht mehr so wie in der Heiligen Nacht. Und wir können Gottes Schönheit ungeschützter und unvermittelter ins Auge sehen. Der Gesang der Engel geht nicht mehr nur zu Herzen. Sondern erleuchtet auch unseren Verstand. Und wir können einstimmen in das Lob Gottes, dem es genug ist, Gesicht zu zeigen in der Schönheit und in der Würde des Menschseins. Mitten in der Welt. Mitten unter uns. Amen.


Traugott Schächtele

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