»AUFERSTANDEN AUS RUINEN – VOM ENDE DES BABYLON-TRAUMAS«
PREDIGT ÜBER GENESIS 11, 1-9 IM GOTTESDIENST DER ESG FREIBURG
AM 3. MAI 2009 IN DER CHRISTUSKIRCHE


»AUFERSTANDEN AUS RUINEN – VOM ENDE DES BABYLON-TRAUMAS«

PREDIGT ÜBER GENESIS 11, 1-9 IM GOTTESDIENST DER ESG FREIBURG

AM 3. MAI 2009 IN DER CHRISTUSKIRCHE

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich liebe die Atmosphäre auf Flughäfen. Nicht auf den kleinen, sondern den großen, internationalen. Ich liebe das Gewirr von fremden Sprachen. Von einzelnen Wortfetzen, die ich aufschnappe. Und von heftigen Wortschwällen, die Menschen auf ihre Mitmenschen niederprasseln lassen und von denen ich keine Silbe verstehe. Von Wortkaskaden, ins Handy geschrieen, denen ich fasziniert lausche.

Es tut mir gut zu spüren, dass die Welt größer ist als die meiner eigenen Erfahrung. Dass da etwas spürbar wird von der einen Welt. Und wenn ich die Menschen beobachte, die da in fremden Sprachen miteinander kommunizieren, da ahne ich, dass die Themen so verschieden gar nicht sind. Da werden Geschäftsnachrichten ausgetauscht. Da fließen zu den leisen Worten Abschiedstränen. Da schreien sich Menschen voller Emotionen an. Da gibt es dahinplätschernden Small Talk.

Die Sprache ist nicht nur die Quelle aller Missverständnisse, wie der Kleine Prinz meint. Die Sprache ist auch unsere nach außen gekehrte, gleichsam hörbar gemachte Innenseite. Ausdruck unserer Kultur. Medium der Kommunikation. Erweiterung unseres Horizonts, schon gar, wenn wir außer unserer Muttersprache noch weitere Sprachen sprechen und verstehen. Als verschriftlichte oder als Hördatei gespeicherte ist die Sprache auch Grundlage der Bewahrung dessen, was mir wichtig ist. Die Sprache ist die großartige Möglichkeit, anderen einen Blick in meine Seele zu ermöglichen.

Natürlich kenne ich auch die andere Erfahrung. Wenn auch nicht in der drastischen Zuspitzung, wie sie Daniel Kehlmann in seinem neuesten Roman Ruhm beschreibt. Eine Schriftstellerin geht dort in einem für sie fremden Land buchstäblich verloren. Ich lese einen kurzen Ausschnitt:

„Sie sprach einen Polizisten an. Er wandte ihr das Gesicht zu, seine Augen waren schmal und feindselig. Sie versuchte es auf Englisch, Französisch, Deutsch und sogar in jenem verkümmerten Altgriechisch, das sie vor vielen Jahren in einem Universitätsseminar über Aristoteles gelernt hatte. Sie versuchte es mit Pantomime, mit bittendem Händefalten. Endlich streckte er die Hand aus und sagte etwas. Sie verstand es nicht. Er wiederholte es. So ging es ein paar Mal, bis sie begriff, dass er ihren Pass wollte. Er nahm ihn, blätterte darin, sah sie scharf an und schrie einen Satz, den sie nicht verstand. (S. 108/109).

Die Sprache hat hier alle Fähigkeiten verloren, Brücken zwischen Menschen zu bauen, Ihr Klang ist feindselig. Ihre Botschaft bedrohlich leer. Die Sprache wird zum unüberwindlichen Gefängnis, aus dem es keinen Ausweg gibt.

Zwei Sichtweisen auf das eine Phänomen Sprache habe ich eben vorgestellt. Aus meiner Sicht aber doch eher mit einem klaren Übergewicht auf die faszinierenden Möglichkeiten, die uns durch die Sprache eröffnet werden.

Der Text, um den es in dieser Predigt geht, hat - zum einen - auch das Thema Sprache zum Thema. Zumindest in seinem traditionellen Verständnis. Und er tut das eher im Sinn des zweiten Beispiels. Die Vielfalt der Sprache beschneidet die Möglichkeiten der Menschen, sich zu verstehen.

Der Text hat aber – zum zweiten – auch noch zweites Thema. Ein Bild, das manche schon seit ihrer Kindheit kennen. Zumindest mir geht das so. Es ist das Bild vom großen Turm. Vom Turm, der bis fast an den Himmel reicht, und von dem am Ende nur ein Steinhaufen übrig bleibt.

Das Thema, die Sprache, und das Bild, der Turm, sind nur zum Teil richtig. Und um den Text wirklich zu verstehen, müssen wir zunächst die ganzen ersten 11 Kapitel der Bibel in den Blick rücken. Diese ersten 11 Kapitel nennt man die biblische Urgeschichte. Sie sind nicht historisch zu verstehen. Sie bewahren ein exemplarisches Wissen auf. Beschreiben urmenschliche, bis heute gültige Erfahrungen in alten Geschichten der Vorzeit. Ganz grob kennen sie die Geschichten alle:

Erzählt wird von der Erschaffung der Welt. Gleich in zwei Versionen wird davon berichtet. Einmal in der älteren Vorstellung, dass Gott den Menschen wie ein Töpfer aus Ton formt. Und dann in der berühmten Fassung von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen, denen der große Ruhetag, der Schabbat Gottes folgt. Mit diesem Schabbat ist die heile Urzeit aber schon an ihr Ende gekommen. Was jetzt folgt, sind Geschichten unheilvoller Grenzübertritte.



Erzählt wird zunächst davon, wie Adam und Eva die ihnen von Gott gesetzte Grenze übertreten. Sie wollen sein wie Gott. Sie kosten von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse. Der Übergriff bleibt nicht ohne Folgen.

Erzählt wird, wie die Menschen diese Grenze ein weiteres Mal überscheiten. Diese Mal will der Mensch sich zum Herrn über Leben und Tod aufschwingen. Kain schlägt Abel, seinen Bruder tot. Er leidet darunter, dass es ihm nicht gelingen will, seinen Bruder vor Gott auszustechen.

Erzählt wir dann von der Bosheit der Menschen. Der Mensch hat begonnen, die Erde in Besitz zu nehmen. Und was dabei herauskommt, ist ein ständiger Verrat an den von Gott gesetzten Grenzen. Gott beschließt, die Erde mit einer großen Flut von all dem Bösen zu befreien.

Bleibt am Ende als letzte Geschichte unser heutiger Predigttext. Diese Mal wagt sich der Mensch an den Versuch, die Grenze zwischen Himmel und Erde aufzuheben. Er baut sich einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reichen soll. Anstatt den Namen Gottes zu verehren, will sich der Mensch selber einen Namen machen.

Gott reagiert auf jeden Grenzübertritt. Diese Mal, indem er die Baustelle schließt. Aber anders, als es nahe liegt. Gott reagiert nicht mit einem Verbot. Gott reagiert mit der heilsamen Begrenzung der menschlichen Möglichkeiten.

Und Gott sprach: Siehe, es ist ein Volk und eine Sprache unter ihnen allen, und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herab fahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie Gott von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen.

Dem Menschen, der sich anschickt, die Grenze zwischen Gott und Mensch aufzuheben, werden Grenzen gesetzt. Heilsame Grenzen. Gott verwirrt die Menschen, indem er ihre sprachlichen Möglichkeiten einschränkt. Gott nimmt dem Menschen die Möglichkeit, sich gottgleich zu gebärden und zu übernehmen. Eine Schutzmaßnahme ist das. Keine Strafe.

Wie in den Geschichten, die vorausgehen auch. Schauen wir noch einmal kurz zurück. Nach der Geschichte vom Kosten der verbotenen Frucht, werden die Menschen aus dem Paradies vertrieben. Nicht als Strafe, sondern um sie davor zu bewahren, auch noch vom Baum des Lebens zu kosten, die Grenzüberschreitung also zur Katastrophe werden zu lassen.

Als Gott auf Kain trifft, hat dieser Angst, jeder könnte auch ihn nun totschlagen. Da erhält Kain von Gott ein Schutzzeichen. Seine Tat bleibt nicht ohne Konsequenzen. Aber Gott lässt Kain seine bleibende Würde.

Als Gott die Erde mit seiner großen Flut reinigt, lässt er Noah seine Arche bauen. Ein kleiner Ort der Bewahrung, um der Gattung Mensch kein Ende zu machen. Der Regenbogen ist das Zeichen des Friedensschlusses. Gott legt seinen Bogen, sein Kriegswerkzeug aus der Hand.

In unserer Geschichte bleiben Gott darum nur noch die Möglichkeiten der Sprache. Dieses Mal der Sprache als Grenze. Aber eben als Grenze der Bewahrung. Die Sprache ist ein großartiges Medium der Kommunikation. Aber sie kann nicht alle Grenzen überwinden. Ihre Aussagen sind ambivalent. Zweideutig, Immer auch von Missverständnissen geprägt. Die Sprache erlaubt den Blick in die Seele, habe ich vorhin gesagt. Aber bestenfalls schaut man durch ein kleines Fenster. Sieht nur einen Ausschnitt. Und diesen womöglich nicht einmal richtig.

Das Hohe Lied der Liebe kommt mir da in den Sinn. Dort, im 1. Kapitel des 1. Korintherbriefes, schreibt Paulus:

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.

Unser Leben bleibt gekennzeichnet von Vorläufigkeit und Begrenztheit. Alle Versuche, die Grenze zwischen Gott und Menschen zu überschreiten, bleiben gefährliche Unternehmungen. Sie bekommen uns in aller Regel nicht. Die Autoren dieser alten biblischen Geschichten umschreiben diese Erfahrung im Bild des Sprachengewirrs. Sie machen die Erfahrung. Meine sprachlichen Möglichkeiten sind begrenzt. Und damit meine menschlichen Möglichkeiten überhaupt.

Der Turm, dessen Spitze an den Himmel reicht, bleibt ein Traum. Wirklichkeit ist die Erfahrung des Fragments. Lebens mitten in der Trümmervielfalt dieser Welt. Die Ruinen der Gegenwart, auch die Ruinen unserer Lebensgeschichten, sind aber nicht das Zeichen des Endes unserer Möglichkeiten. Sie sind Merkzeichen des neuen Anfangs.

Gott lässt uns schon das Ganze sehen, wo wir noch auf die Trümmer starren. Gott lässt uns schon die Schönheit wahrnehmen, wo uns noch verzerrte Züge entgegenblicken. Dazu eine kleine Geschichte:

Der bekannte Wiener Künstler Gustav Klimt sollte einmal ein Portrait der Patronin Sonja von Knips erstellen. Die Baronin war keine Schönheit. Aber Klimt malte sie so, als sei sie eine solche. Als der Künstler die Baronin einige Jahre später wieder besucht, bleibt ihm eine Überraschung nicht erspart. Die Baronin hatte sich im tagtäglichen Betrachten seines Bildes diesem immer mehr angenähert. Sie war zu der Frau geworden, die Klimt im Bild aus ihr herausgeahnt hatte. Die in ihr liegenden Möglichkeiten waren zur Wirklichkeit geworden. – Soweit diese Geschichte.

Leben heißt, aus den Fragmenten schon vorwegnehmend ein Ganzes machen. Aber es bleibt eben immer ein Leben auf der Baustelle. Die Fülle und die Ganzheit stehen noch aus.

Bleibt ein wichtiger Nachtrag. Es ist ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Glaubens, dass uns Leben in Fülle zugesagt ist. Und auch diese Erfahrung wird in der Bibel wieder im Bild der Sprache zum Ausdruck gebracht. Dieses Mal im Bild der überwundenen Sprachbarriere. Die Gegengeschichte zum heutigen Predigttext ist die Pfingstgeschichte. Dor heißt es:

Sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen. (…) Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt; denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Die Menschen entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Wie hören wir denn jeder seine eigene Muttersprache?

Gottes Gegenwart im Zeichen des gegenseitigen Verstehens. Die Sprache hat ihre trennende Wirkung verloren. Die Grenzen fallen in sich zusammen. Auch die zwischen Gott und Mensch. Nicht indem der Mensch einen Turm baut, dessen Spitze bis an den Himmel reicht. Nein, weil Gott sich nicht zu schade ist, so zu werden, wie wir sind: nämlich ein Mensch.

Nie kommen wir dem Himmel näher als dann, wenn wir uns damit begnügen, ein Mensch zu sein. Keine Sprache vermag Grenzen so wirksam aus den Angeln zu heben wie wahre Menschlichkeit. Unsere Sprachverwirrung endet, wo wir hinter den Grenzen der Sprache den Menschen selber wahrnehmen. Dich und mich. Grenzenlos verbunden durch Gottes guten Geist. Mehr braucht’s nicht zum Leben. Amen.

gibt, wo wir in Worte fassen, was uns nicht loslassen will. Gut, dass wir hier an diesem Ort, in dieser Kirche, reden und hören, singen und beten können. Gut, dass wir jetzt Gottesdienst feiern – mitten in der Baustelle unseres Lebens. Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn