PREDIGT ÜBER MATTHÄUS 5,2-10
GOTTESDIENST ZUR REFORMATION - 31. OKTOBER 2009
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN WOLFENWEILER


Predigttext

Als Jesus aber das Volk sah, ging er auf einen Berg und setzte sich; und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach:

Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.


Kann ein einzelner Mensch die Welt verändern, liebe Gemeinde? Ja und Nein! Ganz alleine wird niemand den Gang der Dinge in dieser Welt verändern können. Dazu bedarf es immer des Einsatzes und der Tatkraft vieler. Aber immer wieder sind es einzelne Personen, die großen Veränderungen den Weg bereiten. Und ich meine jetzt, Veränderungen hin zum Guten.

Wenige Beispiele nur:

Beispiel 1: Vor drei Wochen hat Barack Obama den Friedensnobelpreis bekommen. Er hat noch nichts zum Frieden beigetragen. Noch gar nichts betragen können. Schließlich ist er noch viel zu kurz im Amt. So kritisierten manche die Entscheidung des Nobelpreiskomitees in Oslo.

Ich glaube, die Kritiker haben Unrecht. Barack Obama hat schon viel mehr beigetragen als wir ahnen. Er hat der großen Sehnsucht nach einer anderen, nach einer besseren, einer friedlicheren Welt wieder Leben eingehaucht. Hat sie wieder hörbar gemacht. Auch wenn er selber diese Welt gar nicht schaffen kann – unzählige Menschen haben sich anstecken lassen von dem Traum, wir könnten noch einmal ganz anders leben. Mit mehr Gerechtigkeit. Und weniger Krieg und Gewalt.

Beispiel 2: Vor 45 Jahren, im Jahr 1964, hat ein anderer Mann den Friedensnobelpreis erhalten. Ebenfalls einer mit dunkler Hautfarbe. Sein Vorname hat schon direkt mit dem Anlass zu tun, der uns heute Gottesdienst feiern lässt. Auf den Vornamen Martin Luther hatten seine Eltern ihn taufen lassen. Martin Luther King – er steht für einen Weg des Protestes. Des Protestes gegen die Trennung der Welt in Schwarze und Weiße. Auch er hat die Welt nicht alleine verändert. Aber er hat eine Entwicklung in Gang gesetzt, die der Rassentrennung in den USA allmählich ein Ende bereitete.

Beispiel 3: Nach Martin Luther King darf auch sein Namenspatron nicht fehlen. Martin Luther. Auch er hat eine große Protestaktion durchgeführt. Er hat eine Liste mit 95 Thesen unter die Leute gebracht. Er hat sie – so erzählt man sich - an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen. Heute vor genau 492 Jahren. Am 31. Oktober 1517. Er hat das nicht ohne Grund am 31. Oktober gemacht. Am Tag darauf war Feiertag. 1. November: Allerheiligen. Wie heute auch noch. So konnte Martin Luther damit rechnen, dass viele Menschen in die Kirche kommen würden. Und sie alle mussten an seinen 95 Thesen zum Glauben an Gott vorbeikommen.

Martin Luther hat die Welt gehörig verändert. Halb Europa geriet als Folge der Reformation aus den Fugen. Und ein Jahrhundert später wurde Europa in einem furchtbaren Krieg aufs heftigste erschüttert. Einem Krieg von 30 Jahren Dauer. Allein ein Drittel der deutschen Bevölkerung soll in diesem Krieg sein Leben verloren haben.

Wir haben diesem Martin Luther viel zu verdanken. Sonst würden wir auch heute nicht diesen Gottesdienst feiern. Luther ging es um den rechten Gottesglauben. Und um ein rechtes Einschätzen unserer menschlichen Möglichkeiten.

Bleibt ein viertes Beispiel: Die Erinnerung an den, der für Martin Luther – und nicht nur für ihn – die rechte Erkenntnis Gottes erst möglich machte: Jesus aus Nazareth. Der, den wir als den Christus Gottes kennen und bekennen. Und damit als denjenigen, in dem Gottes Gegenwart in dieser Welt sichtbar wurde.

Auch dieser Jesus von Nazareth hat die Welt verändert. Oder genauer: Er ist immer noch dabei, die Welt zu verändern und zu verwandeln. Die Macht des Todes und seiner Handlanger ist ins Wanken geraten. Bereits überwunden an ihm. Und dennoch nicht völlig aus der Welt. In seiner Nachfolge sind wir auf dem Weg, aber noch nicht am Ziel. Mitten im Alten hat er den Menschen die Augen geöffnet für die neue Welt Gottes. Und ist für uns zum Weg geworden, dieser neuen Welt Gottes in unserem Leben Raum zu geben.

Diese vier eben genannten Beispiele rücken sehr Unterschiedliches in den Blick. Und sie sprechen von sehr unterschiedlichen Menschen und Verhältnissen. Dennoch ist allen Vieren auch etwas gemeinsam, Sie alle haben auf die Macht des Wortes gebaut. Sie haben ihren eigenen Möglichkeiten vertraut, die Worte der Veränderung unter die Menschen zu bringen. Aber vielmehr noch der Kraft des Wortes, mit dem Gott diese Welt verändern kann.

Alle haben sie große Reden gehalten und dabei immer ihre Zuhörerinnen und Zuhörer gefunden. Und das alles mit einer klaren einfachen Botschaft. In frischer Erinnerung ist uns noch das „Yes, we can“, das „Ja, wir können das“ von Barack Obama. In Erinnerung geblieben ist vielen aber auch an die große Rede Martin Luther Kings vom August 1963 in Washington: Sein berühmter Satz: „I have a dream“ – „Ich habe einen Traum.“ Diese Rede war der Anfang vom allmählichen Ende der Rassentrennung in den USA.

Wir erinnern uns gerade heute auch an Martin Luthers Rede vor dem kaiserlichen Gesandten in Worms im Jahre 1521: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Das war die Geburtsstunde evangelischer Freiheit. Die Geburtsstunde des Gewissens des einzelnen. Ich muss mich immer wieder neu selber vor Gott verantworten. Ich kann mich nicht verstecken hinter großen Akteuren des Glaubens. Auch nicht hinter der Autorität Kirche. Martin Luther wurde nicht müde, das ein ums andere Mal zu betonen. Ich kann, ja ich muss in großer Eigenständigkeit meinem Gott entgegen treten.

Auch Jesus hat nach der Überlieferung der Evangelien große Reden gehalten. Die Aussendungsrede. Die Endzeitrede. Gleichnisse immer wieder. Als Hilfe zur Übersetzung seiner Botschaft von der Nähe Gottes. Die größte seiner Reden ist die Bergpredigt. Vor allen anderen hat sie die Welt verändert. Ist mit ihrer Botschaft wirksam bis heute.

Alle Gesetze der Redekunst wirft die Bergpredigt über den Haufen. Sie nimmt keinen langen Anlauf, um den wichtigsten Teil ihrer Botschaft vorzubereiten. Sie setzt mit dem wichtigsten Teil ein. Gleich an ihrem Beginn stehen die Seligpreisungen. Jene acht Sätze, die von der Wucht ihrer Aussage und von ihrer Aktualität nichts eingebüßt haben. Bis heute.

Ich will sie Ihnen jetzt noch einmal vorlesen, dieses Mal in einer anderen Übersetzung.
Glücklich sind, die erkennen, wie arm sie vor Gott sind, denn Gottes Herrschaft und Herrlichkeit gehört ihnen.
Glücklich sind die Traurigen, denn Gott wird sie trösten.
Glücklich sind, die auf Gewalt verzichten, denn sie werden die ganze Erde besitzen.
Glücklich sind, die sich nach Gottes Gerechtigkeit sehnen, denn Gott wird ihre Sehnsucht stillen.
Glücklich sind die Barmherzigen, denn Gott wird auch mit ihnen barmherzig sein.
Glücklich sind, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott sehen.
Glücklich sind, die Frieden stiften, denn Gott wird sie seine Kinder nennen.


- Musikstück des Bläserkreises -

„Glücklich sind…“ – da ist eigentlich die richtige Übersetzung dessen, was im griechischen Text des Matthäus-Evangeliums steht. Aber ganz trauen wir Menschen – und zumal wir Protestanten – dem Glück dann aber doch nicht. „Selig sind …“ übersetzt Martin Luther. „Freuen dürfen sich alle …“ – so hört es sich bei Jörg Zink an. Und wieder eine andere Übersetzung formuliert: „Gott segnet die, die Frieden stiften…“ usw.

Ich will der Vielfalt heute Abend nicht erliegen. Ich will es mit dem Glück versuchen. Und bei ihm etwas verweilen. Glück und Glaube sind wahrhaftig kein Gegensatz. Für den Kirchenvater Augustin ist der Glaube geradezu der Weg, sein Lebensglück zu finden. Warum sollen wir dann das Glück, das in Gott seinen Ursprung hat, an uns vorbeiziehen lassen?!

Nicht um irgendein Glück geht es schließlich. Sondern um das große, tragende Lebensglück. Darum geht Jesus auch auf einen Berg. Genauer noch: Jesus geht auf den Berg, wie es im Text heißt. Von einem jüdischen Ausleger habe ich gelernt: Wo in der Bibel die Nähe Gottes in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht wird, geschieht dies vom Berg herab. Vom Gottesberg.

Bei Mose war das so, als er seinem Volk die Zehn Gebote, die zehn großen Lebensworte Gottes verkündigt. Wenn auch Jesus hier auf den Berg steigt, heißt das: Das, was jetzt folgt, ist unüberhörbar göttliche Lebensweisung. In neuen Worten zwar. Aber diese heben die alte Weisung der Gebote nicht auf. Sie bringen sie eher neu und unter anderen Bedingungen zum Leuchten. Sie wollen einen Weg weisen, unser Lebensglück zu finden.

Warum aber soll gerade am Gedenktag der Reformation dieser Weg zum Glück gepredigt werden? Warum sind heute die Seligpreisungen der Predigttext? Ganz einfach! Weil es Martin Luther um nichts anders ging. Unter einem unglücklichen Stern, so scheint es, stand sein Leben. Sein ursprünglicher Berufswunsch, Jurist zu werden, zerschellt im Gewitter von Stotternhein. „Heilige Anna, hilf, ich will ein Mönch werden.“ – so schwört er. Und er hält seinen Schwur. Statt im Gerichtssaal endet Martin Luther im Kloster. Zumindest zunächst.

Doch je mehr er aufsaugt an theologischer Gelehrsamkeit, desto größer wird sein Unglück. Martin Luther erkennt seine Grenzen. Mag es zu einem tugendhaften Leben vor den Menschen reichen, vor Gott, das weiß er, reicht nicht aus, was er an guten Werken vorzuweisen hat. Sein Lebensweg wird zu einer Reise ins Unglück.

Wäre ihm da nicht mit einem Mal klar geworden: Der Weg ins Glück folgt nicht der Spur meiner guten Werke. Er folgt dem entgegenkommenden Gott. „Und mit einem Male“, so schreibt Luther ein Jahr vor seinem Tod, „mit einem Mal standen mir die Pforten des Paradieses offen.“ Luther findet sein Glück. Findet zurück ins Paradies. Weil er erkennt: Nicht die vollen, sondern die leeren Hände machen mich reich vor Gott.

Um diese leeren Hände geht es in den Seligpreisungen: Um Armut und Trauer. Um Verzicht auf Hochmut und um vorenthaltene Gerechtigkeit. Um ein offenes Herz für Gott und um eine Welt, die nach Frieden schreit. Nicht die sind glücklich, die ihr Leben gründen auf ihrer Schönheit und ihrer Leistung. Glücklich sind die, die Gott schön macht. Weil er ihre Tränen trocknet und in ein Lachen verwandelt. Weil er ihre Herzen füllt. Und weil er ihnen den Frieden in den Schoß fallen lässt.

Was für ein Glück! Unverdient. Und doch lebensentscheidend. Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Das war die große Frage Martin Luthers. Und seine Antwort: Wir haben Gott nie anders als gnädig. Seit der Zusage Gottes an Abraham: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. Seit den Tagen des Mose auf dem Sinai: Ich bin der Herr, dein Gott. Du wirst keine anderen Götter haben außer mir. Seit den Tagen Jesu von Nazareth, der den Menschen zurief: Kehrt um, denn Gottes Reich ist nahe herbeigekommen.

Du bist mir recht! So lernt Luther Gott neu verstehen. Du bist mir recht. Und deshalb darfst du glücklich sein. Kein Wunder, dass Luther mit dem Glück der leeren Hände leben kann. „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ So lauten nicht zufällig die letzten Worte Martin Luthers vor seinem Tod.

Du bist mir recht! Luther findet sein Glück in dieser Zusage. Rechtfertigung aus Glauben nennt er das. „Glücklich seid ihr …Selig seid ihr …“ Das ist die Übersetzung der großen Erkenntnis Luthers in die Sprache der Bergpredigt. „Glücklich seid ihr…“ Diese Zusage soll euch begleiten auf dem Weg in die neue Woche. Mehr als diese Zusage braucht’s nicht. Heute nicht. Und auch sonst nicht.

Kann ein einzelner die Welt verändern? So habe ich eingangs gefragt. Ich will die Antwort noch einmal anders versuchen. Ja, die Welt mag ein einzelner immer wieder verändern. Und sogar ein Stück menschlicher machen. Die Menschen zu verändern. Mich zu verändern. Das vermag ein einzelner nicht. Diese große, diese größte Aufgabe bleibt Gott vorbehalten. Und nicht mehr braucht es dazu, als leere Hände. Und offene Herzen. Damit Gott sie füllen kann. Und damit wir erkennen: Wir sind Gott recht!

Was für ein Glück! Das lässt uns feiern. Auch heute. Am Reformationstag 2009. Amen.


Traugott Schächtele

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