PREDIGT ÜBER 1. KORINTHER 4,1-5
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 13. DEZEMBER 2009
(3. ADVENT)
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN MALTERDINGEN


Jedes Jahr im Advent brechen lila Zeiten an, liebe Gemeinde. Oder um es genauer zu sagen: violette Zeiten. Denn der Behänge an Kanzel und Altar, die Antependien, tregen die Farbe violett. Genauso wie die Stola, die ich mir eigens für diesen Gottesdienst von einem befreundeten Kollegen geliehen habe.

Violett ist seit Jahrhunderten die Kirchenjahresfarbe für den Advent. Lila Zeiten - besondere Zeiten! könnte man sagen. Denn für viele ist der Advent immer noch etwas Besonderes. Kein Zweifel. Lila oder Violett fällt auf. Diese Farbe ist nicht alltäglich. Wer sich auf diese Farbe einlässt, will damit auf etwas aufmerksam machen: Achtung! Hier geht‘s um etwas Besonderes!

Die Frauen haben Lila zu ihrer Farbe erklärt. Sie bringen damit zum Ausdruck: Wir wollen uns nicht länger abfinden mit den alten Rollenzuweisungen. Wir wollen uns miteinander auf einen neuen Weg aufmachen.

Und es gibt durchaus biblische Frauengestalten, die im Advent eine entscheidende Rolle spielen. Elisabeth etwa, die eigentlich schon viel zu alt ist, um noch ein Kind zu bekommen. Und die dann doch Johannes den Täufer zur Welt bringt. Von ihm werden wir gleich noch mehr hören.

Und da ist natürlich noch die Cousine von Elisabeth: Maria. Die ist eigentlich noch zu jung, um schon ein Kind zu bekommen. Vierzehn, fünfzehn mag sie gewesen sein. Und die Geburt ihres Kinder feiern wir jedes Jahr. Und das schon seit 2000 Jahren.

Violett, die Farbe, die auf einen neuen Weg hinweist! Kein Wunder also, dass dem Violett im Farbenreigen des Kirchenjahres eine besondere Rolle zukommt. Violett - Lila- das ist die Farbe der Umkehr. Die Farbe der Buße. Darum ist der Altarbehang auch in der Passionszeit lila. Und genauso am Buß- und Bettag. Lila wird es in den Kirchen immer dann, wenn wir zum Nachdenken aufgefordert sind. Über uns selbst. Und über die Wege, auf denen wir in die Zukunft gehen wollen. Und jedes Mal könnte man darum auch sagen: Lila Zeiten – Umkehrzeiten.

Der dritte Advent ist in der Tradition des Kirchenjahres der Sonntag Johannes des Täufers. Johannes gilt als der Prototyp des Bußpredigers: Seine Bußpredigt hören wir jedes Jahr am dritten Advent: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Diese Botschaft, die dann bald ja auch die Botschaft Jesu wird - wir haben sie zuerst aus dem Mund des Johannes gehört.

Zur Buße, zur Umkehr braucht es eben Mut - noch mehr Mut als zur Farbe. Den Bußcharakter des Advent haben wir heute aber weithin verdrängt und vergessen. Statt Advent feiern wir allenthalben die Vorweihnachtszeit. Dabei soll der Übergang vom Advent zum Weihnachtsfest einen richtigen Umschwung zum Ausdruck bringen. Wie der vom Karfreitag zum Ostermorgen.

In der Liturgie unserer Gottesdienste kann man das noch spüren. In der Passionszeit entfällt im Gottesdienst das österliche “Halleluja“. In den Gottesdiensten des Advent entfällt das “Ehre sei Gott in der Höhe“. Es erklingt erst wieder von neuem in der Christnacht im Lobgesang der Engel bei den Hirten auf dem Feld.

Lila Zeiten - karge Zeiten! möchte man da fast sagen. Denn Lila zeigt an, dass nichts so bleiben kann, wie es war. Dass wir uns darin üben müssen zu verzichten.

Den Predigttext für diesen dritten Sonntag im Advent müsste man eigentlich auch auf lila Papier drucken. Er wirkt beim ersten Hören fremd. Eigentümlich unadventlich. Und doch spiegelt er unüberhörbar das Thema des Advent wieder. Den Unterschied zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte. Dem auch, was wir alle sein könnten. Und worauf wir ja auch alle warten im Advent.

Unsere weihnachtliche Erwartung ist ja nicht einfach nur auf rührselige Geburt irgend eines Kindes gerichtet. Das Besondere an diesem Kind – es besteht darin, dass dieses Kind uns neue Lebensmöglichkeiten eröffnet. Dass es uns Mut machen will noch einmal ganz neu anzufangen.

Und so setzt Paulus im 4. Kapitel des 1. Korintherbriefes mit einer Beschreibung der Anforderungen ein, die an ihn gerichtet wurden - und die eigentlich an uns alle gerichtet sind. An alle, die in ihrem Leben danach fragen, was es denn eigentlich bedeutet, sein Leben an diesem Kind auszurichten, dessen Geburt wir demnächst wieder feiern.

Dafür halte uns jedermann: für Diener Christi und Haushalter über Gottes Geheimnisse. Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.

Mir aber ist's ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist's aber, der mich richtet. Darum richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch ans Licht bringen wird, was im Finstern verborgen ist, und wird das Trachten der Herzen offenbar machen. Dann wird einem jeden von Gott sein Lob zuteil werden.


Ganz sachlich beschreibt Paulus hier das Profil eines Christenmenschen. Zwei Beschreibungen sind dabei von Bedeutung.

Paulus erinnert zunächst an das Bild des Haushalters. Im griechischen steht da das Wort oikonomos, zu deutsch Ökonom. Was ein Ökonom ist, das wissen wir alle. Gerade in einer Zeit, in der die Ökonomen viel Kritik einstecken müssen. Ökonomen sehen die Welt unter eine ganz bestimmten Blickrichtung. Sie werfen den Blick darauf, was eine Sache kostet. Sie rechnen nach, ob wir sie uns leisten können. Man mag an den Ökonomen unserer Tage zu Recht eine ganze Reihe von Fragen haben. Aber ohne Ökonomie kann niemand leben. Die Frage ist nur, wer oder was die Richtlinien unserer ökonomischen Entscheidungen bestimmt.

Normalerweise ist es natürlich das Geld. Paulus ist ein Vertreter einer alternativen Ökonomie. Ökonomin und Ökonom unseres Lebens sollen wir sein, schreibt er vor fast 2000 Jahren nach Korinth. Haushalter nicht unseres Geldes. Sondern Haushalter des rechten oder besser des gerechten Verhaltens. Und Haushalter der Geheimnisse Gottes.

Der Text verwendet aber noch einen zweiten Begriff aus dem Bereich der Wirtschaft. Nicht nur Ökonomen sollen wir sein. Sondern auch Diener. Von Dienern reden wir heute nicht mehr so gern. Dienerinnen oder Diener hatten die Mächtigen und Reichen vergangener Zeiten. Aber von Dienstleistungen ist auch bei uns an allen Ecken und Enden die Rede. Dienstleistung und Service – das sind Schlüsselbegriffe unserer Zeit.

Dienstleister Christi und Ökonom der Geheimnisse Gottes - das Anforderungsprofil für einen Christenmenschen klingt durchaus modern. Aber Paulus geht es mehr um die Sache als um Titel oder Profile. Mit diesen beiden Anforderungen sind zugleich auch die Kriterien umschrieben. Ist der Maßstab angelegt, an dem sich unser Einsatz messen lässt.

Nicht als eine Überforderung versteht das Paulus. Er meint das eher entlastend. Er will sich schützend vor uns stellen. Wir müssen nicht mehr sein als eben dies: Dienstleisterin oder Dienstleister Christi. Okonomin oder Ökonom Gottes.

Auf sich selber hat Paulus diesen Schutz angewandt. Und auch wir können ihn auf uns anwenden. Wenn wir bei der Sache Gottes bleiben, ist das schon genug. Wir müssen nicht immer Großes, gar Großartiges auf die Beine stellen, um Kirche zu sein. Den Ehrenamtlichen in der Kirche sei dies gesagt und den Hauptamtlichen dazu. Wir sind Kirche längst vorher. Wir sind Kirche, wenn wir uns auf das beschränken, was für die Kirche wesentlich ist. Das, was wir leisten können. Das eine mal mehr. Das andere Mal eben weniger.

Den Überforderungen seiner Kritiker stellt Paulus sein spezielles Reduktionsprogramm entgegen. “Richtet doch nicht vor der Zeit“, schreibt er ihnen. “Und urteilt nicht vorschnell und mit unangemessenen Vorgaben. Geurteilt und Beurteilt wird erst am Ende.“ Und das Ende, wie Paulus es versteht, das beginnt mit der Wiederkunft Christi. Und genau darum ist dieser Briefausschnitt eben doch auch ein adventlicher Text.

Er bringt zur Sprache, was wir zu erwarten haben. Und zu erwarten haben wir, dass Gott am Ende ins Licht rückt, was wir selber gar nicht haben sehen können. Selten spricht Paulus derart positiv von der Erwartung des Gerichts. Am Ende steht nicht die große Verdammung. Am Ende steht das Lob Gottes. Aber dieses Mal Gottes Lob für uns. Gottes “ja“ zu uns. Gottes Zusage, dass niemand tiefer fallen kann als in seine Hände.

Wenn es das ist, worauf wir warten im Advent, dann kann ich nur sagen: Lila Zeiten, gute Zeiten! Advent ist die Erwartung der Botschaft, dass Gott gut ist. Und dass es auch mit uns ein gutes Ende nehmen wird.

Gottes Ökonomie hat andere Gesetze als die unsere. Sie fragt nicht nach Geld und Macht. Sie rechnet nicht ununterbrochen gegeneinander auf. Gottes Ökonomie bevorzugt diejenigen, die sonst meist zu kurz kommen. Diejenigen, denen das Leben ihr Recht vorenthält.

Die Narren und nicht die Weisen sind die Fachleute dieses Denkens, schreibt Paulus in den Versen, die dem Predigttext vorausgehen. Oder Paulus im Originalton: „Wer unter euch meint, weise zu sein, der werde ein Narr, dass er weise werde.“

Lila Zeiten - närrische Zeiten! möchte ich darum am Ende auch noch sagen. Kein Wunder, dass die Saison der Narren bereits am 11.11. beginnt. Und im Grunde den ganzen Advent überdauert. An ihrem Lila kann man darum im Advent die Närinnen und Narren Gottes erkennen. Und “geladen bis an sein höchsten Bord“ kommt auch das adventliche Schiff mit seinem lila Segel daher. Gott schenke uns die Geduld, das Warten auszuhalten, ehe im Licht der Weihnacht das Violett am Altar vom strahlenden Weiß

Lila oder Violett – das ist allemal eine Farbe des Übergangs. Keine Farbe von Dauer. Nach dem Weniger des Advent folgt das Mehr der Weihnacht. Dann, wenn das Lila des Advent vom Weiß der Weihnacht abgelöst wird. So strahlend hell wie das Licht, das die Hirten aus dem Schlaf herausgerissen hat.

Doch für heute und für die nächsten elf Tage gilt: Die Tage des Advent – das sind zu Recht lila Zeiten. Weil das Lila zumindest in diesen Tagen auch die Lieblingsfarbe Gottes ist. Amen.


Traugott Schächtele

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