"MEHR BRAUCHTS’S NICHT“
PREDIGT IN DER CHRISTVESPER
AM 24. DEZEMBER 2009 (HEILIGABEND)
IN DER JAKOBUS-KAPELLE IM HOFGUT HIMMELREICH


Liebe Weihnachtsgemeinde hier im Himmelreich!

Das Weihnachtsfest ist ein bescheidenes Fest. Beim Gang durch die Einkaufsstraßen in Freiburg oder auch in Kirchzarten war davon in den letzten Wochen zwar wenig zu spüren. Ums mehr hat uns aber die Lesung des Weihnachtsevangeliums diese Bescheidenheit der Weihnacht vor Augen geführt.

Weihnachten kommt mit wenigem aus. Unbedeutend sind auch die Hauptdarsteller des weihnachtlichen Geschehens. Von wenigen Ausnahmen abgesehen. Aber so unbedeutend sie sind – wir können auf niemandem im weihnachtlichen Geschehen wirklich verzichten.

Weihnachten ohne die Hirten

Eine Weihnacht ohne die Hirten etwa – das geht nicht. Da kann es nicht Weihnachten werden. Wenn die Hirten sich zurückziehen aus dem weihnachtlichen Geschehen, dann geht weit mehr verloren als nur ein Stück Hirtenromantik. Ganz abgesehen davon, dass ihr Leben ohnedies alles andere als romantisch war: unter freiem Himmel und Auge in Auge mit der tagtäglichen Gefahr.

Kaum ein Krippenspiel oder eine Weihnachtserzählung, die auskommt ohne die Hirten. Wenn wir sie wegdenken aus dem Ensemble der weihnachtlichen Hauptdarsteller, dann fehlt der Anknüpfungspunkt für unsere eigene Verstrickung in das weihnachtliche Geschehen. Die Hirten sind unsere Platzhalter. Sie stehen für die Menschen, deren Leben Mühe und Arbeit ist. Und deren Erwartungshorizont sich von Tag zu Tag ein weiteres Stück verfinstert. Mit wirklich Großem ist nicht mehr zu rechnen. Menschen sind das, für die wird es am Ende dennoch hell: mitten in der finsteren Nacht.

Den Hirten gilt die Botschaft der Engel: „Euch ist heute der Retter geboren!“ Sie sind die ersten, die sich auf den Weg machen, die sich einlassen auf die unerhörte, die noch nie gehörte Botschaft.

Wir nähern uns dem Stall nicht selten in der Meinung, das Kind in der Krippe hätte uns nötig; es sei darauf angewiesen, dass wir ihm das Leben ermöglichen – und nicht umgekehrt. So verraten wir den Hirtenanteil, den wir in uns tragen. So verhindern wir, dass wir getroffen werden können von etwas bahnbrechend Neuem. Lassen wir die Hirten im Stall und gesellen uns ihnen zu – damit es hell wird auch in unserem Leben.

Einfache Hirten – mehr braucht’s nicht, damit es Weihnachten werden kann.

EG 29,1: Den die Hirten lobeten sehre

Weihnachten ohne die Weisen

Weihnachten ohne die Weisen – das geht schon eher. Zumindest bei uns. Der große Tag der königlichen Sterndeuter kommt erst in zwei Wochen. Aber auch am 6. Januar ist Weihnachten. Sogar mit dem älteren Recht. Bevor die Kirche begonnen hat, Weihnachten in der Nacht auf den 25. Dezember zu feiern, war der 6. Januar der eigentliche Weihnachtstag.

Dreikönig sagen wir heute so leichthin. Doch von Königen ist in der Geschichte nichts zu lesen. Von Magiern ist da die Rede. Von Menschen, die die Sterne recht zu deuten wissen. Die Magier lehren uns, auch die Zeichen der Zeit recht zu deuten. Wo wir sie aus dem Stall vertreiben, da entschwindet die Weihnacht in die Ferne der Beliebigkeit. Irgend ein Kind, an irgend einem Ort geboren vor mehr als 2000 Jahren – was geht uns das an?

Die himmelskundigen Sterndeuter weisen uns auf die Mitte der Zeit. Seit der Geburt dieses Kindes ist jedes Jahr ein Jahr des Herrn. Anno Domini – im Jahr des Herrn: auch wieder im demnächst anbrechenden Jahr 2010. Ihre Geschenke sind königliche Geschenke. Gold. Weihrauch. Myrrhe. Keine wohlfeilen Konsumartikel. Diese Geschenke anerkennen die Würde dessen, für den sie gedacht sind. Das Kind in der Krippe überragt die Throne der Welt.

Zum Schenken wollen sie auch uns verleiten. Aber nicht aus purer Berechnung oder reiner Gewohnheit. Weihnachtliches Schenken entspringt – recht verstanden – der Erfahrung eigenen Beschenktseins. Als Beschenkte wollen wir anderen Anteil geben. Das uns Zugedachte nicht für uns behalten. Wo wir die Weisen aus dem Stall vertreiben, verkommt unser Geschenk zum bloßen Tauschobjekt.

Schenken wir – aus der Tiefe unseres Herzens. Zeit füreinander. Ein wahrnehmendes Ohr. Ein Wort, das aufbaut. Eine Umarmung, die Spannungen löst. Beschenken wir uns mit wahrhaft weisen Geschenken. Damit es Weihnachten wird und Weihnachten bleibt.

Drei Sternendeuter aus dem Osten. Mehr braucht’s nicht, damit es Weihnachten werden kann.

EG 29,2: Zu dem die Könige kamen geritten

Weihnachten ohne die Engel

Weihnachten ohne die Engel – das geht nicht. Das kann ich mir nicht vorstellen. Im Gegenteil. Die Engel haben gewissermaßen Großeinsatz schon lange vor Weihnachten. Von Gabriel hören wir, der Maria die Geburt ihres Kindes ankündigt. Vom Engel des Herrn wird berichtet, der Josef davon abhält, sich aus dem Staub zu machen; der ihm aber später den lebenserhaltenden Rat gibt, mit Frau und Kind in Ägypten um Asyl nachzusuchen. Der ihn am Ende aber auch darüber informiert, dass sie ohne Gefahr für Leib und Leben wieder in ihre Heimat zurückkehren können.

Und dann nicht zu vergessen die versammelten Engelscharen, die die Hirten aus ihrer nächtlichen Ruhe herausreißen: „Alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen.“ Nein, ohne die Engel kann es nicht Weihnachten werden. Ohne die Engel kann Weihnachten nicht einmal beginnen.

Die Engel sitzen an der entscheidenden Stelle. Nicht nur im Bühnenbild der Weihnacht. Auch in unserem Leben. Engel sind eine Bedingung unseres Überlebens. Nur sie sind noch in der Lage, den Mächtigen den Floh des Friedens ins Ohr zu setzen. Nur die Engel können uns die Augen öffnen, wenn die sichtbare Welt uns den Blick verstellt auf jene so ganz andere Welt, wie Gott sie haben will. Nur die Engel bringen jene Töne zum Klingen, die sonst nicht mehr zu hören sind in unserer lauten Art, Weihnachten zu feiern. Von diesen Engeln können wir nicht genug haben.

Zum Amt der Engel sind wir alle berufen. Unser Wort in Gottes Ohr und dann – so hoffen wir - im Herzen der Menschen. Mehr braucht es nicht, als ein Engel zu sein. Mehr braucht’s nicht, damit es Weihnachten werden kann.

EG 29,4: Lobt ihr Menschen, alle gleiche

Weihnachten ohne Maria und Josef

Weihnachten ohne Maria und Josef, das geht nicht. Beide sind für unsere Vorstellung von Weihnachten unverzichtbar.

Beiden haben wir auch unsere Rollen zugewiesen. Maria, die reine Magd, die an sich geschehen lässt, was Gott mit ihr vorhat. Und die bis heute große Verehrung erfährt.

Und da ist auch noch Josef, den man nicht einmal die Vaterrolle zutraut. Der den Stall ausmisten darf. Der recht ist, die Laterne zu halten. Und der manchmal immerhin das Kind wiegen darf.

Beide sind für Weihnachten unverzichtbar. Beide sind für uns Garanten der Hoffnung, dass Gott an den kleinen Leuten Interesse hat. Dass sich niemand als zu klein fühlen muss. Beides braucht es im Leben. Die Haltung der Demut, die Gott alles zutraut. Und die Haltung der Tatkraft, die das Leben erst erträglich macht. Nicht einseitig verteilt auf Männer und Frauen. Sondern in der Balance einer gerechten Verteilung auf Männer und Frauen.

Maria, das einfache Mädchen, kaum vierzehn Jahre alt; und Josef, der Handwerker, der zupacken kann, wenn es darauf ankommt – von beiden können wir lernen. Mehr braucht’s nicht, wenn es Weihnachten werden soll.

EG 29,3: Freut euch heute mit Maria

Weihnachten ohne das Kind

Weihnachten ohne das Kind in der Krippe – das geht schon gar nicht! Dieses Kind ist doch im Zentrum des Geschehens. Auf das Kind in der Krippe kommt es doch an vor allem anderen.

Doch Weihnachten mit einer Krippe, die leer ist – das kann nicht nur, das muss gehen. Nur wenn die Krippe am Ende leer wird, kommt Weihnachten überhaupt ans Ziel. Und Gott in unser Leben.

Der liebe Gott zum Anfassen, der liebe Gott, den wir auf den Arm nehmen können – das himmlische Kind als Freizeitvergnügen, als Dekoration, als Zierrat unserer eigenen Machwerke – in einem Stall, den wir und warm und behaglich vorstellen, das geht auf Dauer nicht gut.

Gott drängt es zu den Menschen. Gott wird Mensch! – nicht himmlischer Prinzregent. Gott residiert nicht – auch damals nicht im Stall von Bethlehem. Gott gibt keine Audienzen, aber er lässt sich vernehmen. Er gibt sich nicht die Ehre, aber lädt uns ein, ihm die Ehre zu geben: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ Das ist der eigentliche, der tiefere Auftrag der Engel an uns. Dass Gott aus sich heraus geht – und mitten hinein in diese Welt, so dass am Ende sogar die Krippe leer zurückbleibt, das erst eröffnet uns den Weg, die Weihnacht in unser Leben zu ziehen. Und uns über das Fest der Weihnacht zu freuen.


Traugott Schächtele

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