PREDIGT ÜBER HEBRÄER 4,14-16
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 21. FEBRUAR 2010 (INVOCAVIT)
IN DER LUDWIGSKIRCHE IN FREIBURG


Liebe Gemeinde!
Heute feiern wir den Sonntag Invocavit. Predigten am Sonntag Invocavit haben ein berühmtes Vorbild. In den ersten Tagen des Monats März 1522 kehrt Martin Luther von der Wartburg nach Wittenberg zurück. Sein Landesherr Friedrich der Weise hatte ihn dorthin gebracht, um sein Leben zu schützen, das nach dem Reichtags zu Worms hochgefährdet war.

Die Rückkehr Luthers geschah nicht ohne Grund. In Wittenberg war die kirchliche Welt aus den Fugen geraten. Luthers Fehlen hatte dort zu verheerenden Folgen geführt. Der Reformprozess war kaum noch zu steuern. Hitzköpfige Anhänger der Reformation wollten über Nacht die Welt umkrempeln. Und gefährdeten so das ganze Unternehmen einer Reform der Kirche.

Da macht sich Luther schneller als geplant auf den Rückweg nach Wittenberg. Und in einer Reihe von acht Predigten gelingt es ihm, den Prozess wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Die erste Predigt hält er am Sonntag Invocavit des Jahres 1522. Die anderen an den Tagen danach. Diese so genannten Invocavit-Predigten bilden bis heute ein wichtiges Dokument reformatorischer Predigens. „Jeder muss die Hauptstücke des Glaubens genau wissen und gerüstet sein“. So beschreibt Luther die Überschrift seiner Predigten gleich zu Beginn.

Die Hauptstücke des Glaubens – das waren damals Fragen, die heute längst geklärt scheinen. Ob auch die Gemeinde das Abendmahl mit dem Kelch feiern darf. Wie sich das evangelische Abendmahl vom Messgottesdienst unterscheidet. Ob Bilder in Kirchen erlaubt sind. Und welche Bedeutung ihnen zukommt. Manche dieser Fragen stehen allerdings bis heute im Zentrum der ökumenischen Debatte. Bei nächsten ökumenischen Kirchentag werden wir das wieder von Neuem zu spüren bekommen.

Nachdenken über die Hauptstücke des Glaubens - der Sonntag Invocavit und die Passionszeit überhaupt bieten dazu eine gute Gelegenheit. Eine Zeit des intensiven Fragens und Suchens sind diese Wochen. Und in der Aktion „7 Wochen ohne“ wird dieses Bedürfnis von Millionen von Menschen aufgenommen. Jedes Jahr hat die Aktion „7 Wochen ohne“ ein Thema. Und gerade diese Themen weisen immer auf die Hauptstücke des Glaubens hin - um mit den Worten Luthers zu sprechen.

Auch wenn sich 7 Wochen ohne zunächst selber als Fastenaktion beschreibt - in diesem Jahr geht es überhaupt nicht um das Thema Fasten. Im Gegenteil. „Näher“ lautet das Thema in diesem Jahr. „Näher“. Und geworben wird mit den Worten: „Wir laden Sie ein Robinson’sche Einsamkeiten aufzugeben, Bündnisse auszuhandeln, Überraschungsbesuche zu machen, eingeschlafene Kontakte aufzuwecken und einander die Freundschaft zu erklären. Wagen Sie sich aus der Deckung und richtig nah dran, kosten Sie beides aus: die Gänsehaut des Genusses wie der Gefahr. Erkunden Sie die eigenen Grenzen wie auch die Ihrer Nächsten.“

Näher! Näher zusammen. Mehr miteinander. Zu diesem Motto passt sehr gut der Predigttext für den Sonntag Invocavit 2010. Näher! Diese Einladung kann uns die Perspektive angeben, wie der Predigttext zu einem wird, der gut an den Beginn der Passions- und Fastenzeit passt. Ich lese jetzt aus Hebräer 4 die Verse 14-16:

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Martin Luther, liebe Gemeinde, hat den Hebräerbief nicht sonderlich geliebt. Zusammen mit einigen anderen Briefen hat er ihn in seiner Übersetzung des Neuen Testaments weit nach hinten geschoben. Zu schwierig haben ihn die Bilder angemutet, von denen dieser Brief voll ist. Zu sehr befremdeten ihn die Schilderungen, die Bilder aus dem Bereich des Tempelkultes verwendeten. Auch wenn diese Bilder auf Jesus bezogen sind und gleichsam neu interpretiert werden. Zu sehr steht der Bezug auf eine priesterliche Gestalt der Botschaft vom gemeinsamen Priestertum aller Getauften im Weg, an der ihm doch soviel gelegen war.

Luther hat das Problem des Hebräerbriefes ganz pragmatisch gelöst: durch das Wegschieben. So rutscht der Hebräerbrief fast ans Ende des Neuen Testaments. Aber wir wissen heute. Diese Strategie war nicht erfolgreich. Schließlich ist der Hebräerbrief theologisch zu bedeutsam. Ich will es heute mit einer behutsameren Methode probieren. Der der Restauratoren. Ganz vorsichtig will ich womöglich störende Farbschichten abtragen, damit das Gemälde darunter dann hoffentlich in neuem Glanz erstrahlen kann.

Als Hoherpriester wird Jesus hier beschrieben. Uns kommen bei der Nennung dieses Amtes die großen Passionen in den Sinn, die demnächst auch hier in Freiburg wieder aufgeführt werden. Teilweise auch schon wurden. Die Matthäuspassion. Oder die Johannespassion. Wir denken an Kaiphas und Hannas, die beim Prozess gegen Jesus eine bedeutende Rolle spielen. Dadurch ist dieses Amt bei uns eher negativ besetzt. Aber die Bedeutung des Hohenpriesters war damals eine ganz andere. Er war derjenige, der beim Versöhnungsfest das Allerheiligste betreten durfte. Er war der Fürsprecher für die Vielen. Stand auf der Schwelle zur Gegenwart Gottes. Er garantierte die Möglichkeit, der Vergebung und des Neuanfangs.

Die Kluft zwischen dem Heiligen und der großen Zahl der Menschen – sie schiene unüberbrückbar, gäbe es nicht Menschen mit einer besonderen Berufung. Menschen, die diese Kluft stellvertretend und Wege eröffnendend überbrücken können. Garanten der göttlichen Zuwendung zu den Menschen. Genau diese Funktion nahm der Hohepriester wahr. Und genau darin war er unverzichtbar.

Die neue christliche Bewegung ist mit dem Anspruch aufgetreten, das priesterliche Amt einzelner überwunden zu haben. Heilig, so bekannten die erstem Christinnen und Christen, sei die ganze Erde. Priesterin und Priester seien wir darum alle. Und die Erfahrung der Nähe Gottes können wir in darum in dem einen machen, der Mensch wurde wie wir. Und dabei doch Platzhalter Gottes in dieser Welt. In Jesus von Nazareth.

In der Theorie ist das alles richtig. Aber alle Versuche, dies in kirchliche Wirklichkeit umzusetzen, sind von Anfang an immer wieder geschei¬tert. Aus den Hauskirchen der Anfangszeit der christlichen Be¬wegung sind schnell große Kathedralen geworden. Der priester¬losen Zeit des Anfangs folgten schon bald Päpste, Kardinäle und Bischöfe. Aus dem Versuch der Reformatoren, das Priestertum aller Gläubigen zu realisieren, ist sehr schnell das Pfarramt erwachsen. Auch wenn sich dieses in seiner evangelischen Ausformung eigentlich von der Verkündigung des Evangeliums her definiert. Und nicht von priesterlichen Funktonen.

Martin Luther, der große Invocavit-¬Prediger - er hat wirklich von einer anderen Form des Christseins geträumt. Stellt aber schon bald mit einiger Ernüchterung fest: „Dazu habe ich die Leute nicht!“

Die alten, öffentlich sichtbaren und wahrnehmbaren Religionen sind heute vielfach durch verborgene Religionen ersetzt worden. Auch die säkulare Welt hat ihre Heiligen und ihre Priester. Die Priester der Wissenschaft. Die Priester der Medien. Die Priester der Kunst. Die Priester des Finanzwesens. Die Formen des Religiösen in dieser Welt sind nicht kleiner geworden. Höchstens der Anteil der Kir¬chen an diesem Kuchen. Wirklich religionslos ist die Welt nie gewesen.

Versetzen wir uns zurück in das letzte Jahrzehnt des ersten Jahr¬hunderts. Die festlichen Tempelgottesdienste boten keine Möglichkeit mehr, um religiöse Erfahrungen zu machen. Der Tempel war zerstört. Die christlichen Gemeinden hatten die Trennung zum Judentum voll¬zogen.

Aber die Sehnsucht nach dem besonderen Ort, einem Ort, an dem das Heilige, an dem der Heilige, Gott selber, manifest wird, sie ist geblieben. Man erinnerte sich an die Wüstenzeit der alten Israeliten. Und nicht ohne Grund formuliert der Hebräerbrief an einer anderen Stelle: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Aber in Gedanken und für die je eigene Zukunft suchte man sie dann doch.

Ein Zurück zum alten Kult mit seinen vielen Priestern konnte es schließlich nicht mehr geben. Aber die Sehnsucht musste theologisch aufgenommen werden. Dazu bot es sich geradezu an, Jesus von Nazareth in den Kategorien des Priesterlichen zu deuten. Jesus gewissermaßen zum Hohenpriester der Herzen zu machen.

Kein biblisches Buch geht diesen Weg konsequenter als der Hebräerbrief. Über 13 Kapitel versucht er, das Besondere am Wirken Je¬su in den Bildern der vertrauten Religion zur Sprache zu bringen. Der heutige Predigttext ist ein Herzstuck dieses theologischen Denkens.

Jesus wird als der große Vermittler zwischen Gott und Mensch beschrieben. Als der, der die Möglichkeit der Nähe zwischen Gott und Mensch ermöglicht und garantiert. Aber nicht so, dass wir Menschen ihn zum Priester gemacht hätten. Durch Auswahl und einen Akt der Aussonderung. Nein, sein Priestersein gründe in einem Akt Gottes. Gott erwählt den Menschen, damit wir Menschen Gott erwählen können.

Diese Möglichkeit der Nähe zwischen Gott und Mensch – sie ist ein Hauptstück des Glaubens. Und eine anderer Ausdruck dafür, dass wir wegen dieses einen auf keine weiteren Priester angewiesen sind. Weil einer uns diesen Weg vorausgegangen ist. Weil einer ihn für uns gegangen ist. Und ihn immer wieder neu mit uns geht. Mensch wie wir. Und doch gerade in der Radikalität seines Menschseins Träger der Fülle Got¬tes mitten unter uns Menschen.

Das ist gemeint, wenn der Autor des Hebräerbriefes schreibt: „Er wurde versucht, auf die Probe gestellt wie wir. Aber er blieb ohne Sünde.“ Er ist nicht der Ge¬fahr erlegen, sich von Gott loszusagen. Und seine Autonomie, sei¬ne Gottes-Unabhängigkeit, seine Gott-Losigkeit als Grund der eigenen Freiheit zu feiern. Das Evangelium, das wir vorhin gehört haben, der Bericht von der Versuchung Jesu, hat gerade darauf seinen tiefen Sinn.

„Er ist der wahre Hohepriester“ sagt der Briefschreiber. „Er lei¬det mit uns mit in unserer Schwachheit“ Aber dieser wahre Ho¬hepriester ist Jesus gerade dadurch, dass er Mensch wird. Einer von uns. Aber so, dass in seinem Leben Gott selber ins unser Leben gezogen wird.

Wir stehen im Kirchenjahr heute an der Schwelle der Passions¬zeit. Der heutige Sonntag Invocavit ist der erste der sechs Passi¬onssonntage. Noch scheinen Gründonnerstag und Karfreitag sehr weit weg. Noch stehen wir erst am Anfang dieses Weges des Nachdenkens über die Konsequenz der Menschwerdung Jesu. Streng genommen hat dieser Weg schon an Weihnachten begonnen. Kurt Marti, der schweizer Dichterpfarrer hat dies in einem kleinen Weihnachts-Gedicht sehr schön zur Sprache gebracht. Da heißt es:

NICHT ÄGYPTEN IST DER FLUCHTPUNKT DER FLUCHT
DAS KIND WIRD GERETTET FÜR HÄRTERE TAGE.
DER FLUCHTPUNKT DER FLUCHT IST DAS KREUZ.


Der Fluchtpunkt der Flucht ist das Kreuz. Aber nicht der Endpunkt dieses Weges. Der siebte Sonntag ist der Ostersonntag. Der Weg des radikalen Menschseins bewahrheitet sich. Oder noch genauer: Gott bewahrheitet diesen Weg. Das Grab kann nur den Toten festhalten. Das Leben lässt sich durch keinen noch so schweren Stein vor den Menschen in Sicherheit bringen.

So macht Jesus, der Hohepriester, die anderen Priester als Le¬bensvermittler im Grunde überflüssig. Auch wenn sie nach wie vor begehrt bleiben. Und sogar sinnvoll Hilfestellung leisten kön¬nen, wenn sie ihr Amt nicht missbrauchen. Priester ist Jesus daher nur in inzigartiger Weise. Er hält uns allen die Tür zum Heili¬gen offen, durch die zuvor nur ein einziger hindurchgehen durfte.

Heutiges Priesterin- und Priestersein, heutiges Christin- und Christsein, soll sich an diesem Beispiel orientieren. Eintreten für andere. Türen offen halten. Schwachheit zulassen. Freud und Leid teilen. Miteinander im Gespräch bleiben. Dem Heiligen nicht ausweichen, sondern ihm Raum lassen. Das ist hohepriesterlicher Dienst, ausgerichtet am Vorbild dieses Jesus.

Wenn uns das Bild des Hohepriesters heute Mühe macht, können wir es ruhig zurück stellen, um die Sache, um die es geht, zu bewahren. Ich will es noch einmal mit den Worten von Kurt Marti versuchen, mit einem Ausschnitt aus seinem „Nachapostolischen Glaubensbe¬kenntnis. Von Jesus bekennt er:

ICH GLAUBE AN JESUS
GOTTES MENSCHGEWORDENES WORT
DEN MESSIAS DER BEDRÄNGTEN UND UNTERDRÜCKTEN
DER DAS REICH GOTTES VERKÜNDET HAT
UND GEKREUZIGT WURDE DESWEGEN
AUSGELIEFERT WIE WIR DER VERNICHTUNG DES TODES
ABER AM DRITTEN TAG AUFERSTANDEN
UM WEITERZUWIRKEN FÜR UNSERE BEFREIUNG
BIS GOTT ALLES IN ALLEM SEIN WIRD
ICH GLAUBE AN EINE ERFLÜUNG DES LEBENS
ÜBER UNSER LEBEN HINAUS


Man kann es so oder noch einmal ganz anders sagen. Jeder in seiner und jede in ihrer Sprache. Das ist die viel zu oft vergessene Botschaft von Pfingsten.

Wir können religiös sein sogar ganz ohne die Sprache der Religi¬on. Aber nie ohne Bezug auf den, ohne den Religion gar keinen Sinn macht: Gott, den gänzlich anderen und Jenseitigen. Dem wir aber doch nahe kommen könne. Und dem wir in Jesus längst Schwester und Bruder sind. Amen.

Traugott Schächtele

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