WIE KANN ICH MIR GOTT VORSTELLEN UND WAS FÜR EIN MENSCH WAR ER?
THEMA-GOTTESDIENST AM SONNTAG, DEN 21. MÄRZ 2010 (JUDIKA)
IN DER MARIA MAGDALENA GEMEINDE
(Antwort auf eine Frage der KonfirmandInnen)


WIE KANN ICH MIR GOTT VORSTELLEN UND WAS FÜR EIN MENSCH WAR ER?
THEMA-GOTTESDIENST AM SONNTAG, DEN 21. MÄRZ 2010 (JUDIKA)
IN DER MARIA MAGDALENA GEMEINDE


Kennen Sie Klaas Hendrikse, liebe Gemeinde? Vor etwa einem Monat hat er es zu einer erstaunlichen Prominenz gebracht. Klaas Hendrikse lebt in den Niederlanden. Er sagt von sich, er sei Atheist. Er glaubt also nicht an Gott. Trotzdem beschäftigt er sich mit dem Gottesthema. Schließlich ist er Pfarrer und arbeitet nach wie vor in seiner reformierten Kirche.

Klass Hendrikse hat ein Buch geschrieben, das den Titel trägt: Glauben an einen Gott, den es nicht gibt. Er beschreibt Gott so: „Wenn zwei Menschen sich begegnen, dann nennen sie die Erfahrung dieser Begegnung, die Freundschaft, später Gott. Gott ist nichts anderes als menschliche Erfahrung im Gewand religiöser Sprache. Wenn jemand sage, dass er treu sei will und das dann auch ist, dann sei es völlig in Ordnung, diese Beziehung „Gott“ zu nennen.“

Kann er mit dieser Meinung Pfarrer bleiben? Ich zitiere die Antwort aus der Meldung in den Medien: „Er kann. Es taste die Fundamente der Kirche nicht an, wenn einer ihrer Pfarrer die Existenz Gottes leugne, so das Urteil seiner Protestantischen Kirche der Niederlande. Das Argument: Eine Kirche müsse eine solche Meinung auch aus ihren Reihen ertragen; dies sei ein Teil der theologischen Diskussion. Und genau darum geht es Pfarrer Hendrikse auch.“

Und wenn es ihn doch gäbe – diesen Gott, dessen Existenz Klaas Hendrikse bestreitet – wie kann ich mir diesen Gott dann vorstellen? Das ist genau die Frage, die die Konfirmanden gestellt haben. Die Frage, der wir in diesem Gottesdienst miteinander nachgehen wollen. Und auf die wir dann hoffentlich auch eine Puzzel-Teil einer Antwort finden.

Mein Antwortversuch wird immer wieder von Liedstrophen unterbrochen. Es handelt sich um das Lied EG 409 (Gott liebt diese Welt).

EG 409,1: Gott liebt diese Welt

Wie kann ich mir Gott vorstellen? Die Bibel sagt gleich am Beginn der Zehn Gebote: Gar nicht. Denn dort heißt es:

Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott.

Du sollst dir kein Bildnis machen! Gott entzieht sich all unseren Bemühungen, ihn irgendwie festzulegen. Als Standbild. Als Ideologie. Gott erträgt es nicht, wenn wir ihn einzuengen versuchen auf etwas Materielles. Und trotzdem tragen wir Bilder Gottes in uns.

Wie haben sich Menschen Gott durch den Lauf der Geschichte hindurch vorgestellt? Viele der großen Kulturen benötigen keinen transzendenten, jenseitigen Gott. Heilig sind ihnen Quellen und Bäume, Orte und Wettererscheinungen, Steine und Tiere. Solche heiligen Orte sind uns auch in der Bibel überliefert. Bethel und Jerusalem, der Berg Sinai und der brennende Dornbusch.

Der Engel des HERRN erschien dem Mose in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!

Doch in den biblischen Berichten bekommen die Möglichkeiten der direkten Begegnung von Gott und Mensch Konkurrenz. Durch Geschichten der indirekten Begegnung. Gott und Mensch geraten zusehends in Distanz. Dies ist die große Stunde der der Götterboten und der Engel. Engel treten auf, wo die Entfernung im direkten Kontakt nicht mehr überbrückt werden kann.

Auch in den anderen großen Religionen ist das so. Je weiter die Götter auf Distanz gehen, desto mehr verschwimmt aber auch ihre Vielgestalt. Sie werden ununterscheidbar – und sie werden darum einer. Im alten Ägypten haben wir eine Geburtsstätte des Monotheismus. Echnaton, der große Pharao, macht Aton zum alleinigen Gott. Und dann finden wir den Eingottglauben auch bei jener Gruppe, die sich auf die Flucht aus Ägypten macht: die Anhänger Jahwes, die Israeliten. Und dass sind diejenigen, denen wir auch als Christinnen und Christen unseren Gottesglauben verdanken

Ob der Monotheismus, der neben dem einen wahren Gott keine anderen mehr duldet, wirklich der große Verursacher von Gewalt ist - 0b es die mosaische Unterscheidung zwischen richtigem und falschem Gottesglauben wirklich gibt, wie der bekannte Ägyptologe Jan Assmann behauptet, das bedarf einer ausführlicheren Debatte. Dass aber im Namen Gottes unsägliche Gewalt ausgeübt wurde, ist jedenfalls nicht zu bestreiten. Dass daran aber der Monotheismus Schuld habe, ist eine Behauptung, der man mit gutem Recht auch widersprechen kann.

Auf alle Fälle bleibt festzuhalten. Unser Glaube an Gott ist kein Glauben an einen dicht gefüllten Götterhimmel. Wir glauben nicht an eine Vielzahl von Göttinnen und Göttern, die alle eine andere Zuständigkeit haben. Unser Glaube richtet sich an einen einzigen Gott. Gottes Geschlecht kennen wir nicht. Aber immerhin wissen wir aus der Hebräischen Bibel, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat.

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.


Ebenbild Gottes sind wir also. Aber dennoch bleibt Gott unser großes Gegenüber. Gott ist nicht einfach einer von uns. Aber ohne uns Menschen will Gott auf jeden Fall auch nicht sein. Zum Gottsein Gottes gehören wir Menschen unbedingt dazu.

EG 409,2: Gott liebt diese Welt

Wie können wir uns Gott vorstellen? In der Bibel gibt es eine ganze Reihe atemberaubender Geschichten der Manifestation des Göttlichen auf der Erde. Gott ist nicht nur zu spüren im Dornbusch, der nicht verbrennt. Nicht nur in der Feuersäule des Nachts und in der Wolke bei Tag, die den Israeliten den Weg durch die Wüste weisen. Gott kommt überraschend. Und immer auch überraschend anders.

Gott sprach zu Elia: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR wird vorübergehen. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Als das Elia hörte, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging hinaus und trat in den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia?

Gott bindet seine Gegenwart nicht an große, umwerfende Erfahrungen. Mit heiliger Scheu, so scheint es manchmal, geht Gott der Gefahr aus dem Weg, nur die Sensationslust von uns Menschen zu bedienen. Gottes Größe erscheint im Unscheinbaren. Manchmal einfach nur in dürren Worten, die wir Menschen machen. Und aus denen Gott mit einem Mal unter der Hand sein Wort aufleuchten lässt. Im Wort der Weisung, der Thora. Im Wort der Schöpfung. Aber auch im Wort des Zuspruchs zwischen den Menschen.

EG 409,3+4: Gott liebt diese Welt

Wie können wir uns Gott vorstellen? Und was für ein Mensch war er? Jetzt muss noch die zweite Hälfte der Frage zu ihrem Recht kommen.

Die Bibel spricht manchmal sehr menschlich von Gott. Aus dem Paradies wird berichtet, dass Gott die Abendkühle zu einem Spaziergang nutzt. Oder dass Gott zornig wird. Und dass es ihn dann wieder reut.

Diese menschlichen Bilder sind aber nur Verstehenshilfen. Sie sind ein Versuch, die Unanschaulichkeit Gottes trotzdem in Worte zu kleiden. Aber sie verfolgen nicht die Absicht, Gott als Mensch zu beschreiben. Der Mensch ist Gottes Ebenbild. Aber er ist deswegen nicht göttlich.

Trotzdem: Die zentrale Botschaft des Neuen Testaments lautet: Gott wurde Mensch. Oder in der Sprache des Johannes-Evangeliums:

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.


Dieser Satz ist nicht einfach platt zu verstehen. Jesus aus Nazareth ist kein Göttersohn – so wie die griechischen und römischen Götter unzählige Söhne und Töchter haben. Jesus ist kein Zwischenwesen mit gottmenschlicher Natur. Im Gegenteil Seine Göttlichkeit hat ihren Grund gerade darin, dass er seine Menschlichkeit lebt. Dass er sie lebt bis zur letzten Konsequenz. So dass Gottes Gegenwart in ihm aufleuchtet.

In einem komplizierten Prozess der Erfahrung mit Gott und der Bedeutung Jesu macht sich unser Gottesglaube untrennbar am Leben und Sterben Jesu von Nazareth fest. Und wir bekennen die bleibende Bedeutung dieses Gottes für uns, indem wir vom Heiligen Geist sprechen.

Das Geheimnis der Beziehung von Gott, dem Urgrund des Seins, von Jesus, dem radikal in Gott begründeten Menschen, dem Platzhalter Gottes mitten in dieser Welt, und der Erfahrung der Wirklichkeit Gottes in seinem neu machenden Geist – dieses Geheimnis versucht die Trinität zur Sprache zu bringen. Gott ist in sich selber lebendig, vielfältig und beziehungsreich. Aber das wäre einen eigenen Gottesdienst wert.

EG 409,5+6: Gott liebt diese Welt

Wie kann ich mir Gott vorstellen? Die letzte Antwort möchte ich mit Hilfe eines kleinen Satzes von Dietrich Bonhoeffer geben. Der Satz klingt so ähnlich wie das Buch von Klass Hendrikse, von dem ich eingangs gesprochen habe. Dessen Buch trägt ja den Titel: Glauben an einen Gott, den es nicht gibt. Der Satz von Dietrich Bonhoeffer lautet: Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.

Das Buch von Klass Hendrikse bestreitet die Existenz Gottes. Der Satz von Dietrich Bonhoeffer, der zunächst ganz ähnlich klingt, mein das Gegenteil. Bonhoeffers Botschaft lautet: Es gibt Gott nicht wie es die Götter im griechischen und römischen Götterhimmel gegeben hat. Diese waren irgendwie da. Und niemand hätte damals ernsthaft ihre Exstenz bestreiten wollen. Ob ich mich um sie kümmere oder nicht, ob die Menschen damals das getan haben, das ist eine ganz andere Frage.

Genau so will Bonhoeffer Gott gerade nicht verstanden wissen. Gott ist eben nicht irgendwie da. Eingeordnet in unsere Welt. Aufgestellt auf den Kamin-Sims der schönen Dinge. Ich kann hinsehen. Oder auch nicht.

Gott, so wie Bonhoeffer ihn versteht, ist nur Gott, wenn er für mich und mein Leben relevant ist. Wenn die Tatsache, dass ich mit Gott rechne, mein Leben verändert. Gott, der Jenseitige, kommt mir nah und ist die treibende Kraft der Veränderung. Meiner Beziehungen in Liebe und Vergebungsbereitschaft. Meiner Mitwelt in der Bereitschaft, sie zu wahren. Der Kirche als Salz und Sauerteig dieser Welt. Wenn Gott nicht für diese Kraft der Veränderung steht, ist es nicht Gott, von dem die Rede ist.

Von Gott können wir im Sinne Bonhoeffers nur in der Kategorie des Glaubens sprechen. Der Glaube wird so zur sinnvollen Bedingung, überhaupt sinnvoll von Gott zu reden. An dieser Bestimmung müssen alle Gottesbilder zerschellen. Ich will nur an einen Gott glauben, der nicht irgendwie da ist, sondern an einen, der mich „unbedingt angeht“ Einen, der mein Leben in Frage stellt und neu zu gründen vermag.

Ein solcher Glaube will nicht Recht haben, sondern er will mich zum Leben verlocken. Zu einem gelingen und sinnvollen Leben. Und genau darum geht es bei der Frage nach Gott zu allererst. Ehe all unser Suchen und Fragen im großen Lob Gottes ans Ziel kommt. Amen.


Traugott Schächtele

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