Unüberhörbar von Gott reden
PREDIGT ÜBER 1. KORINTHER 10,23-24 UND 31
GEHALTEN ANLÄSSLICH DER EINFÜHRUNG
ALS PRÄLAT DES KIRCHENKREISES NORDBADEN
AM SONNTAG, DEN 18. JULI 2010 (7.S.N.TR.)
IN DER HEILIGGEISTKIRCHE IN HEIDE


1. Die Kirche – eine konfliktfreie Zone, liebe Gemeinde! Der Predigttext für den heutigen 7. Sonntag nach Trinitatis könnte diesen Eindruck vermitteln. In den meisten evangelischen Kirchen wurde heute Vormittag über diese kirchliche Eintracht seit den ersten Tagen gepredigt: „Sie verkauften alles und teilten aus. Sie lebten einträchtig und waren beliebt. Bei ihren Mitmenschen und bei Gott.“

Die Kirche – eine konfliktfreie Zone also schon seit ihren Anfängen. Wir alle wissen: Es war damals nicht so. Und heute auch nicht. Wenige Kapitel nach dem Predigttext der Apostelgeschichte fallen Menschen tot um, weil sie heimlich Geld für sich behalten haben. Doch auch ohne diese ernsten Konsequenzen wissen wir: Wo immer Menschen zusammen leben und zusammen arbeiten, bleiben Konflikte nicht aus. Überall ist das so. In der Gesellschaft. Aber auch in der Kirche.

Kirche und Welt – konfliktreiche Zonen! So möchte ich die Gegenthese zum allzu friedlichen Bild der ersten Christenheit formulieren. Und mich mit der Predigt der Frage zuwenden: Wie verhalten wir uns glaubwürdig in dieser Welt gerade angesichts der bisweilen bedrängenden Realitäten? In einer Welt, die wir vieles oft nicht mehr überschauen und verstehen. In einer Welt, die uns mit ihren Problemstellungen nicht selten einfach überfordert.

Und mitten in dieser Welt: die Kirche, die Salz der Erde und Licht dieser Welt sein soll – und sein will.

2. Auch Paulus wurde vor solche Herausforderungen gestellt. Die Gemeinden fragen nach. Und er antwortet. Ein ums andere Mal. Aus der Antwort des Paulus auf eine Anfrage aus Korinth stammt der Predigttext für diesen Gottesdienst. Ich lese Verse aus 1. Korinther 10:

Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf. Niemand suche das Seine, sondern was dem andern dient. Was ihr auch tut, das tut alles zu Gottes Ehre.

Alles ist erlaubt! Gleich zweimal hintereinander eröffnet Paulus mit dieser Feststellung seinen Gedankengang, liebe Gemeinde. Alles ist erlaubt. Und im Unterschied zur Zeit des Paulus vor beinahe 2000 Jahren können wir heute noch hinzufügen: Es ist nicht nur alles erlaubt. Es ist auch alles möglich! Zumindest fast alles. Die Zukunft, so scheint es, ist endgültig in der Gegenwart angekommen,

Wo vieles möglich und alles erlaubt ist, da muss es Konflikte geben. Und Konflikte sind weder von vornherein schlecht. Noch sind sie vermeidbar. Nicht der mögliche Konflikt ist das Problem. Sondern unser Umgang damit. Die Möglichkeiten und Risiken unseres Umgangs liegen dabei ganz eng beieinander. Ermöglicht uns unser Glauben hier einen anderen Umgang? Hilft er uns, den Einbruch der Zukunft besser zu bewältigen?

Längst haben wir ein digitales Netz um die Erde gespannt. Lernen und Leben ohne Computer – das ist fast nicht mehr vorstellbar. Wir holen uns die Welt heim ins Wohnzimmer. Aber unsere Seelen halten dem atemberaubenden Tempo oft nicht mehr Stand. Und ich frage mich: Kann uns unser Glaube zu einem heilsameren Lebenstempo verhelfen?

Die genetische Ausstattung des Menschen wird wählbar. Wir sind versucht auszusortieren, was dem Ideal der Perfektion nicht gerecht wird. Nur der Verweis auf die Würde des Lebendigen setzt hier noch Maßstäbe. Und ich frage mich: Kann unser Glaube die Würde des Menschen wahren helfen?

Wir erleben die Macht der ökonomischen Sachzwänge. Was Bestand haben und Geltung erlangen soll, muss sich rechnen. Oder doch zumindest finanzierbar bleiben. Und wir spüren, dass Schönheit und Wahrheit von anderem Wert sind als das, was wir in ökonomischen Bilanzen darstellen können. Und ich frage mich: Können wir - mitten in der Ökonomie materieller Werte - zu einer entlastenden Ökonomie des Glaubens finden?

3. Auch Paulus spürt die Zweideutigkeit der befreienden Errungenschaft seines Lebens. Einerseits lebt er aus der Einsicht: Der Glaube an den einen Herrn macht vom Einfluss aller anderen Herren frei. Und doch muss er auch damit leben, dass andere diese Freiheit des Evangeliums erst mühsam in ihr Leben ziehen müssen. Und dass dies nicht ohne Folgen für ihn selber bleibt.

Konkret ging es damals unter anderem um die Frage: Dürfen Christinnen und Christen bei einer Einladung durch einen Nichtchristen geweihtes Opferfleisch essen, wenn sie ausdrücklich darauf hingewiesen werden? Der Predigttext enthält die Antwort des Paulus in allerknappster Form. Paulus schreibt: Auch wenn es euch womöglich nichts ausmacht – wenn ihr damit das Gewissen eurer Mitmenschen belastet, ist es besser, ihr verzichtet. Die Verse des Predigttextes erläutern und begründen die Antwort des Paulus

Die Fragen, die uns heute bedrängen, sind zunächst kaum die nach dem Götzenopferfleisch. Aber es sind die Fragen nach dessen postmodernen Varianten. Dahinter geht es doch etwas Grundsätzliches. Da geht es um die Frage: Wie verhalten wir uns als Christinnen und Christen glaubwürdig in der Welt – ohne uns aus der Welt zurückzuziehen? Doch zugleich ohne unser Eigenes dranzugeben. Ohne die Konflikte und Spannungen, die entstehen, einfach zu verdrängen?

Nicht nur wie bei Paulus im Umgang mit anderen Religionen stellt sich diese Frage. Sondern gerade auch im Umgang mit dem, was Menschen glauben, die sich nicht religiös verstehen. Was können sie von uns lernen? Was können wir womöglich von ihnen lernen?

Es sind dies genau die Fragen, mit denen sich Oberkirchenrat Michael Nüchtern vielfältig auseinandergesetzt hat, von dem sich die Landeskirche vor einer knappen Woche hat verabschieden müssen. Er hat hier vielfach Klärendes und Erhellendes beigetragen.

4. Wie eine Befreiung wirkt hier die Antwort des Paulus. Alles ist euch erlaubt. Kein: Du darfst nicht! Kein Drohen mit ewigen Höllenqualen. Stattdessen: Alles ist euch erlaubt! Aber dieser Satz könnte uns ja auch aufs Heftigste verunsichern. Er könnte und hineinwerfen in ein Meer der Beliebigkeit. Er könnte uns der verheerenden Konsequenz aussetzen, nur noch uns selbst zum Maßstab zu werden.

Darum gibt Paulus diesem Imperativ der Freiheit einen Rahmen. Alles ist euch erlaubt. Aber nicht alles erweist sich als nützlich. Alles ist euch erlaubt. Aber nicht alles baut auf! Alles ist euch erlaubt! Aber nicht alles ist hilfreich für eure Beziehung zu den Menschen, mit denen ihr zusammen lebt. Vor Ort und weltweit.

„Sehen – nicht auf das seine, sondern auf das, was dem anderen dient“, heißt diese Programm, das Paulus als Lösung anbietet. Ein gutes Programm auch für einen Prälaten. Sehen – nicht auf das seine, sondern auf das, was dem anderen dient. Dennoch bin ich spontan geneigt, diesem Satz erst einmal zu widersprechen. Sich selber auszunehmen. Nur die anderen im Blick zu haben. Das geht auf Dauer nie gut. Das macht krank. Gerade auch Pfarrerinnen und Pfarrer sind gefährdet, was diese Krankheit angeht.

Doch wir brauchen diesen Satz auch nicht losgelöst aus seinem Zusammenhang verstehen. Gottseidank! Der andere, die andere und ich - das gehört für Paulus zusammen. Ich muss mich nicht außen vor halten. Aber ich bin nicht das Maß aller Dinge. Die Rücksicht auf das, was dem anderen dient – sie bereichert mein Leben. Auf das seine schauen aus der Perspektive der anderen, darauf kommt es Paulus an.

Um gelingende Gestaltung von Beziehungen geht es also. Es geht darum, dass wir darauf achten, dass unser Verhalten unseren Mitmenschen den Weg ins Leben erleichtert. Und ihn gerade nicht verbaut. Um die Wahrheit des Lebens geht es. Nicht um das Rechthaben wollen. Mag uns alles erlaubt sein, so müssen wir doch nicht von allem Gebrauch machen.

5. Natürlich beschäftigen nicht nur wir in der Kirche uns mit der Frage nach gelingenden Beziehungen. Wir können hier auch von andern lernen. Etwa vom Neurobiologen Joachim Bauer. Er beschreibt das Ziel der anderen, denen wir dienen sollen, wie Paulus das nennt, mit zwei Sätzen. Zum einen: Ich möchte dazugehören. Zum anderen: Ich will zeigen, was ich kann. Wo diese Prämissen verletzt werden, werden Menschen krank. Wo sie außer Kraft gesetzt werden, haben wir nicht mehr im Blick, was den anderen dient. Auch der Philosoph Axel Honneth wirbt für eine Kultur der Anerkennung, wie er das nennt. Für ihn sind Beziehungskonflikte zugleich soziale Konflikte. Zeichen einer Bemühung um Bestätigung, Wertschätzung und Respekt. Dieser Konflikt muss ausgehalten, seine Bemühung arbeitung muss gestaltet werden.

6. Paulus steht zu dieser Position nicht im Widerspruch. Aber er erweitert sie in einer ganz bestimmten Perspektive. Indem wir den anderen dienen, leisten wir einen Beitrag zur Ehre Gottes. Indem wir den Wahrheiten der anderen nachspüren, entdecken wir für uns die Wahrheit Gottes. Es gibt keinen besseren Weg, das Gottesthema in der Welt im Schwange zu halten, als den, die Würde der Menschen zu wahren.

Glauben heißt dann auch, des Zusammenhangs zwischen der gelingenden Beziehung zu den Menschen neben mir und der Beziehung zu Gott gewahr zu bleiben. Solcher Glaube befreit. Zum Auskosten der Freiheit zuallererst. Aber nicht auf Kosten anderer. Solcher Glaube befreit. Und nicht selten auch zum Verzicht. „Wir wollen nicht alles machen, was machbar ist“. Das ist ja auch einer der Leitsätze unserer Landeskirche, den wir ruhig ab und an aus der Versenkung hervorholen dürfen.

Wer heute für Grenzen plädiert, macht sich verdächtig. Wer für Grenzen plädiert, hemmt, so scheint es, den Fortschritt. Alles ist möglich. Alles ist erlaubt. Wer möchte hier als Spielverderber dastehen!

7. Alles ist euch erlaubt! Dieser Satz will Leben ermöglichen. Durch eine je und je aus Glauben getroffene Entscheidung. Er ist weder ein Freibrief für Beliebigkeit noch ein Dokument der Beschädigung unserer Freiheit. Er ist eine Ermutigung, unser Leben nicht mit der Vorgabe zu belasten, es immer und allen recht zu machen. Es ist eine Aufforderung, uns nicht vorschnell wieder Regeln zu unterwerfen, die der Freiheit des Glaubens im Wege stehen. Es ist eine Ermutigung, unüberhörbar von Gott zu reden in dieser Welt. Dem Gottesthema Raum zu geben. Und davon zu sprechen, dass Gott sich in einem Menschen zu erkennen gibt.

Alles ist uns erlaubt. Aber weil nicht alles erbaut, müssen wir prüfen, worauf es wirklich ankommt. Dem anderen dienen. Und Gott die Ehre zu geben. Gerade als Kirche sollten wir diesem Denken den Weg bereiten. Die Kirche als Ort der gelingenden Beziehung: zwischen Menschen, die ganz unterschiedlich von Gott sprechen. Zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Zwischen Jungen und Alten. Frauen und Männern. Skeptikern und Glaubensgewissen. Zwischen Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen. Zwischen Pfarrerinnen und Pfarrern und den Angehörigen anderer Berufsgruppen. Zwischen Mitarbeitenden in der Gemeinde und in Schule und Hochschule. Zwischen Mystik und Diakonie. Die Kirche als Ort der gelingenden Beziehung. Diese großartige Möglichkeit, diesen Auftrag, sollten wir uns auch in Zukunft nicht entgehen lassen!

Ermutigend und befreiend im Inneren. Und beispielhaft für die Gesellschaft. Vor Konflikten muss uns nicht Angst sein, wo uns alles erlaubt ist. In dem, was dem Nächsten dient. Und zur Ehre Gottes. Das lasst uns feiern. Amen.

Traugott Schächtele

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