ABHEBEN INS GLÜCK: HIMMLISCHE PERSPEKTIVEN
PREDIGT ÜBER LUKAS 24,32-34 IM RAHMEN DES SEMESTERTHEMAS
"DAS SCHWERE LEICHT GEMACHT"– SUMMERTIME AND THE LIVIN´IS EASY“
IM GOTTESDIENST DER ESG FREIBURG AM 27. JUNI 2010


Lesung: Lukas 24,30-34

Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.

Liebe Freundinnen und Freunde hier in der ESG!

„Ich setzte meinen Fuß in die Luft! Und sie trug!“ Ein atemberaubendes Gedicht. Zumindest für mich. Diese zwei Sätze von Hilde Domin lassen mich nicht mehr los, seit ich sie zum ersten Mal gehört habe. „Ich setzte meinen Fuß in die Luft! Und sie trug!“ Leicht, fast schwerelos kommt diese eine Zeile daher. Man spürt beinahe die berauschende Luftigkeit, die von diesen ihnen ausgeht. Und doch verliere ich nicht den Halt, wenn ich diese Worte höre. Im Gegenteil. Ich erlebe diese Zeilen wie eine Botschaft, die Halt verspricht, wo eigentlich alles dagegen spricht.

Um die Leichtigkeit des Seins ging’s in diesem Sommersemester. Auf der Grundlage des Lukas-Evangeliums das Schwere leicht zu sagen – das war die Herausforderung an die Predigerinnen und Prediger. Und damit auch an mich. Mit Leichtigkeit auch in der Quantität soll diese Predigt daherkommen. Kurz! Und doch nicht ohne klare Botschaft. Ein Fest des Lebens zwischen Fußball und Konzert!

Ich will das Lukas-Evangelium heute von hinten her in den Blick nehmen. Nicht Matthäi, sondern Lukas am Letzten. Da, wo das Evangelium nach all dem Gewichtigen, was voraus ging, noch einmal ganz leicht wird. So leicht, dass der, der seine Füße in die Luft setzt, mit einem Mal abhebt. Gar nicht mehr da ist. Darum will ich dem Text der Lesung, die wir gehört haben, noch einen weiteren Text hinzufügen. Aus demselben 24. Kapitel. Aber eben die allerletzen Verse:

Lukas 24,50-53

Er führte sie aber hinaus bis nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott.

Himmelfahrt heißt das, was wir da eben gehört haben. Himmelfahrt ist noch ein Feiertag im Kalender. Trotz Vatertag im Westen und Herrentag im Osten. Himmelfahrt – nicht um Abschied geht es da. Deswegen kann ich auch fröhlich über diesen Text predigen. Himmelfahrt ist kein Fest des Abschieds. Sondern eines der Verwandlung. Deswegen lässt Lukas sein Evangelium nicht nur mit diesem Bericht des Emporgehoben – Werdens enden. Er setzt noch einmal mit der Himmelfahrt ein, wenn er seine Geschichte der Apostel schreibt. Wer das Geheimnis der Leichtigkeit erst einmal entdeckt hat, will sich der Schwerkraft des Lebens gar nicht mehr aussetzen.

Aber jetzt doch von vorne. Diese Geschichte ist ja nicht der erste, in der Lukas sich dieser Leichtigkeit annimmt. Der Leichtigkeit dessen, den nichts mehr halten kann. Und der Leichtigkeit derer, die zurückbleiben. Und denen diese Erfahrung buchstäblich Beine macht. Sie in Bewegung versetzt.

„Sie kehrten zurück und priesen Gott“ - so heißt es am Ende der Himmelfahrtsgeschichte. Und in der Geschichte, die wir als Lesung gehört haben, dem Bericht vom Ergehen der beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus klingt es noch poetischer: „Brannte nicht unsere Herz, als er mit uns redete? Und sie standen auf und kehrten um.“ Vorher war es ihnen ähnlich ergangen, wie den Jüngern bei der Himmelfahrt: Sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihren Augen. Wieder so eine Erfahrung der Leichtigkeit. Der, um den sich alles dreht, lässt sich nicht festhalten.

Das ist ein durchgängiger Wesenszug des Jesus-Bildes. Nicht nur des Lukas-Evangeliums. Jesu Leichtigkeit auf dem Berg der Verklärung. Mitten im Leben eine Geschichte, die die Zukunft vorwegnimmt. Jesus schon im vorweggenommenen himmlischen Dialog mit den Großen seiner jüdischen Religion. Mit Mose und Elia. Schon wie eine vorweggenommene Himmelfahrt auf Zeit. Schon in der Leichtigkeit, die die Füße in die Luft setzt. Kurze Zeit danach stiegen sie wieder den Beg hinunter. Kehren zurück mitten ins Leben. Mitten in die Wirklichkeit.

Jesu entrückende Leichtigkeit. Sie ist nicht nur eine Erfahrung derer, die ihm ganz nahe stehen. Ein letztes Beispiel. Die aufgebrachte Zuhörerschaft bei der ersten Predigt Jesu in Nazareth, seinem Heimatort – sie will den Prediger mit dem ungeheuerlichen Anspruch einen Abhang hinunterstürzen. Aber – so heißt es im Text lapidar – „er ging mitten durch sie hindurch.“ Keine Möglichkeit ihn festzuhalten. Zu leicht einfach, um ihn dingfest zu machen. Weder für seine Freunde. Noch für seine Feinde.

Er setzt seinen Fuß in die Luft. Und sie trägt. Ich möchte das nicht spekulativ wegrationalisieren. Etwa mit dem Verweis auf die besondere Natur dieses besonderen Menschen. Jesu Leichtigkeit wird zur Erfahrung mitten im Leben. So wie das auch Hilde Domin beschreibt. Und wie es auch zu unserer eigenen Erfahrung werden kann.

Die Leichtigkeit, die trägt. Die Leichtigkeit, die Zukunft vorwegnimmt. Die Leichtigkeit, die uns dem Himmel nahe bringt. Und die uns abheben lässt ins Glück – das ist die Leichtigkeit des Glaubens. Das ist die Erfahrung einer Wirklichkeit, die sich nicht abfindet mit dem, was wir als Realität beschreiben. Das ist die Erfahrung einer Wirklichkeit, die vom Vertrauen in die Möglichkeiten Gottes lebt. Das ist die Erfahrung einer Wirklichkeit, die uns dem Himmel näher bringt. Jenem Ort unbeschreiblicher Leichtigkeit, an dem es nichts mehr gibt, das uns klein macht und bedrückt. Das ist auch die Erfahrung, zu der uns die Taufe beflügeln will: zu leben in der Leichtigkeit derer, die ihre Hoffnungen auf Gott setzen.

Es käme drauf an, es mit dieser Leichtigkeit einmal zu probieren. Buchstäblich abzuheben und alles hinter uns zu lassen. Himmelfahrt mitten im Alltag. Dem Bösen wie durch einen Vorhang hindurch zu entrinnen. Unsere Herzen würden brennen. Und wir würden uns von neuem auf den Weg machen. Und das Fest der Leichtigkeit des Lebens feiern. Anders gesagt. Wir setzten unsere Füße einfach in die Luft. Und sie trägt. Amen.

Traugott Schächtele

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