„PFLEGER UND KÜMMERER DURCH GOTTES GEIST“
PREDIGT ÜBER RÖMER 8,14-17
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 5.9.2010 (14.S.N.TR.) ANLÄSSLICH DES JUBILÄUMS 450 JAHRE ESPS
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN SCHÖNAU


Liebe Festgemeinde!

Herzlichen Glückwunsch zum 450. Geburtstag! Dieser Glückwunsch gilt heute zu allererst dem Geburtstagskind, der Pflege Schönau mit allen, die dort arbeiten oder von ihr profitieren. Aber mein Glückwunsch gilt natürlich auch all jenen, die in einem weiteren Sinn mit diesem Jubiläum verbunden sind. Und das ist – da bin ich sicher – die Mehrzahl derer, die heute diesen Festgottesdienst mitfeiern. Das sind all diejenigen, die mit diesem Ort Schönau zu tun haben. Als Bürgerin und Bürger. Oder als Mitglied der hiesigen evangelischen Gemeinde.

Zur Festgemeinde gehören aber auch all diejenigen, die auf ganz unterschiedliche Weise in die 450-jährige Geschichte der Pflege Schönau eingebunden sind. Oder nach und nach eingebunden wurden. Nicht zuletzt durch den Nutzen, den sie aus ihrer Kirche, ihrem Pfarrhaus oder ihrer Wohnung ziehen. Gerade mit der Erfüllung dieser Aufgaben erfüllt die Pflege Schönau bis heute den Zweck der Stiftung. Ihr Ertrag, so heißt es in der Stiftungsurkunde, darf für nichts anderes als für „Kirchen, Schulen und Spitäler und andere dergleichen milde Sachen“ verwendet werden. Etwa 85 Pfarrhäuser werden durch die Erträge derzeit unterhalten. Und ca. 40 Pfarrstellen durch die Pfarrpfründestiftung dazu. Wenig ist das nicht!

Auch ich selber habe als Dekan zumindest dienstlich neun Jahre in Räumlichkeiten gearbeitet, die der Pflege Schönau gehören. Wer heute in der evangelischen Kirche in Baden arbeitet, kommt gar nicht umhin, der Pflege Schönau zu begegnen, es sei denn, er oder sie geht bewusst mit Scheuklappen durch die Welt.

Selten, liebe Gemeinde, habe ich im Vorfeld einer Predigt so viel gelernt. Denn dankenswerter Weise bin ich mit vielen Informationen versorgt worden, die mir die Geschichte der Pflege sowie der Stadt und des Klosters Schönau vor Augen geführt haben. Und die vielen historischen Quellen und die vielfältigen Namen der Verantwortlichen in Kirche und Politik hätten mich zu einer außerordentlich schwierigen Suche nach einem geeigneten Predigttext verleiten können.

Gottseidank hat mich der Predigttext, der für diesen 14. Sonntag nach Trinitatis vorgeschlagen ist, vor dieser Suche bewahrt. Denn er eignet sich in bester Weise, um die Geschichte der Pflege Schönau zu deuten.

14 Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. 15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. 17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Ein Herrschaftswechsel, der Folgen hat! Man könnte die ganze Geschichte der Pflege Schön als Geschichte von Herrschaftswechseln und deren Folgen beschreiben. Am Beginn. Bei der berühmten 2 zu 5 Aufteilung des Kirchengutes im Jahre 1705. Nach der Aufhebung des Landesherrlichen Kirchenregiments, d.h. als die Landesherren nicht mehr automatisch auch die Leitung der Kirche innehatten. Aber auch im Herrschaftswechsel der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Und im Neuanfang danach.

Ein Herrschaftswechsel hat Folgen! Um einen Herrschaftswechsel in ganz grundsätzlicher Art geht es Paulus in dem Text, den wir eben gehört haben. Um die Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus legt Paulus der Gemeinde in Rom seinen theologischen Entwurf vor. Darin beschreibt er, wie das Leben der Christinnen und Christen auszusehen hat, wenn sie in ihrem Leben einen solchen Herrschaftswechsel vorgenommen haben. Ihr Leben steht dann unter einem neuen Vorzeichen. Die sie nun prägende Kraft ist der Geist Gottes.

Leben unter dem Vorzeichen des Geistes Gottes ändert unser Verhalten. Muss unser Verhalten ändern. Sonst bedürfte es ja dieses Geistes nicht. Wo Menschen in ihrem Leben nach dem Geist Gottes fragen, sich diesem Geist aussetzen, stellen sie sich auch die Frage nach einem anderen, besseren Verhalten. Da fragen sie nach einer neuen, auch um einer die Welt erneuernden Ethik. Wo der Geist Gottes im Spiel des Lebens mitmischt, da fragen sich Menschen: Wie handle ich gut? Wie handle ich recht?

Ein ums andere Mal haben sich auch die Verantwortlichen für die Pflege Schönau diese Frage gestellt. Stellen müssen. Denn wer Verantwortung für Besitz und Vermögenswerte wahrzunehmen hat, wird dieser Frage nie entkommen. Schon gar nicht, wenn es um Besitz und Vermögen der Kirche geht. Insofern geht es nicht nur um Ethik im Allgemeinen. Sondern ganz konkret auch um ganz aktuelle Fragen. Um Fragen der Wirtschaftsethik.

Gerade darum gibt es zwischen dem Predigttext und der Pflege Schönau eine wunderbare Verbindungslinie. Die Geschichte der Pflege Schönau ist auch eine Geschichte, wie Menschen darum gerungen haben, dem Geist Gottes in ihrem Leben Raum zu geben. Im Geschenk des Gelingens. Und im mühsamen Ringen um den rechten Weg.

„Gottes Geist gibt unserem Geist Zeugnis, dass wir Gottes Kinder sind.“ So beschreibt Paulus diesen Gedanken. Gottes Geist beschränkt sich eben nicht darauf, unberührbar über dem Wasser zu schweben, während unten ein Tohuwabohu herrscht. Gottes Geist teilt sich mit. Gottes Geist mischt mit. Und er mischt sich ein. Gottes Geist nimmt gewissermaßen Gestalt an. In unserem Planen. In unserem Denken. In unserem Handeln.

Da wird unter nicht leichten Verhältnissen ein Kloster gebaut. Das Kloster einer innerkirchlichen Reformbewegung, wie es die Zisterzienser ja waren. Und das Kloster war für die Menschen der Region gewiss ein Segen. Doch Gottes Geist ist nicht nur im Spiel, als das Kloster Erfolg hat. Als es wächst. Als es seinen Besitz vermehrt.

Gottes Geist bleibt im Spiel. Auch dann, als die ruhmreiche Geschichte des Klosters an ihr Ende kommt. Und der Segen immer noch nicht aufhört zu fließen! Auch in Gestalt von Besitz. Auch im sinnvollen ökonomischen Planen. Nicht die Ökonomie an sich ist dem Geist Gottes verdächtig. Sondern eine falsche Ökonomie. Das ist eine, die nur der Gier und dem Ego dient. Und nicht dem Menschen! Das ist eine die nicht Gott dient, sondern dem Mam¬mon, um es in biblischer Sprache zu sagen.

Das es ihr um den Menschen gehen soll, das trägt die Pflege Schönau schon in ihrem Namen. Als das Kloster im Jahre 1560 aufgehoben wird, wird die ökonomische Verantwortung einem Pfleger übertragen. Was für ein schönes Amt! In der württembergischen Landeskirche gibt es noch den Kirchenpfleger. Ein Pfleger ist ein Leitungsverantwortlicher. Heute würden wir sagen ein Manager. Aber im Amt des Pflegers schwingt noch etwas anderes mit. Fürsorglichkeit höre ich da heraus. Die Bereitschaft, sich zu kümmern.

Pfleger und Kümmerer – sie waren nicht nur vor 450 Jahren nötig. Wir bräuchten sie auch heute wieder ganz dringend! Und darum ist dieser Name der Pflege mehr als nur historischer Zierrat. Er ist Mahnung und Verpflichtung Und er muss Programm sein und bleiben!

„Gottes Geist teilt sich unserem Geist mit“, schreibt Paulus nach Rom. Wo dies geschieht, sind wir nicht nur Menschen, die sich durchwursteln. Menschen, die irgendwie handeln. Da werden wir Pflegerin und Pfleger in göttlichem Auftrag. Da gewinnen unser Tun und unser Lassen eine zusätzliche, eine heilsame Dimension.

Wie geschieht es nun, dass sich Gottes Geist unserem Geist mitteilt? Paulus benutzt für seine Antwort einen Ausdruck aus der Ökonomie, genauer gesagt aus dem Nachlassrecht. Sind wir Gottes Kinder, so schreibt er, dann sind wir zugleich auch Erben. Erben des Geistes Gottes. Und Miterben Christi.

Der Ausdruck des Erbes ist hier ungewöhnlich. Ein Erbe bekommen wir nicht als Gnadenakt überlassen. Ein Erbe steht uns rechtmäßig zu. So wie uns also auch Gottes Geist zusteht. Wie einer Erbin oder einem Erben. Wir sind also berechtigt, uns von diesem Geist beeinflussen zu lassen. Meist ist höchste Vorsicht geboten, wenn sich jemand unseres Geistes bemächtigen will. Durch die Methoden der Werbung. Im schlimmsten Fall durch Formen der Gehirnwäsche. Dann sind wir aber nicht Erben, sondern Opfer.

Als Erbin und Erbe des Geistes Gottes können wir uns selbstbewusst und guten Gewissens zu einem neuen Verhalten befähigen lassen. Als Kinder Gottes brauchen wir uns nicht zu schämen, wenn wir anecken, wo wir aus Gottes Geist heraus handeln – wenn es denn Gottes Geist und kein Ungeist ist.

Denn Gott ist sich nicht zu schade, seinen Geist in unserem Tun und Lassen vernehmbar zu machen. Seinen Geist aufleuchten, ja Form finden zu lassen in dem, wie wir unser Leben gestalten. Weil Gott einer, aber in sich dreifaltig ist. Weil Gott seinen Geist aufscheinen lässt in dem, den wir als seinen Sohn bekennen. Und der uns auffordert, unser Leben noch einmal ganz neu zu wagen.

Jesus, den Geistträger Gottes, nennt Paulus den Erben. Uns nennt er die Miterben. Und als Miterben sollen wir uns so verhalten, dass man uns das abspürt. „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!“ Als Gottes Kinder sind wir Pflegerin und Pfleger des Guten. Sind wir Kümmerin und Kümmerer für Gerechtigkeit und Wahrheit.

Natürlich haben wir diesen Geist nicht wie einen Besitz. Und ein ums andere Mal werden wir dabei hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben. Pflegerin und Pfleger des Guten im Auftrag Gottes zu sein, ist eine lebenslange Herausforderung. Und stellt uns immer wieder neu unter die Aufgabe der Umkehr von falschen Wegen. In jedem Menschenleben ist das so. Und gewiss auch in der Geschichte der Pflege Schönau.

Und doch ist die 450-jährige Geschichte dieser Pflege ein hilfreiches Beispiel, wie Gottes Geist Einfluss nimmt. Eine Veranschaulichung dessen, was Gott uns in dieser Zeit zumutet und zutraut. Geleitet durch seinen Geist. So wie wir alle befähigt sind, in unserem Leben zu veranschaulichen, wie Gottes Geist die Welt zu Guten verändern kann.

Das Erbe dieses Geistes nimmt uns immer neu in die Pflicht. Es fordert uns heraus, uns immer neu zu hinterfragen. Es fordert uns auf genau zu prüfen, wes Geistes Kinder wir sind. Und kaum einer Herausforderung können Menschen heute stärker scheitern als an der des wirtschaftlichen Handelns. Das haben uns die letzten Jahre und Monate deutlich vor Augen geführt.

„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!“ Das ist nicht einfach Zusage, sondern auch der Maßstab, an dem wir gemessen werden.

Gut, dass es Gottes Geist selber ist, der uns dabei nicht im Stich lässt. Nicht erst seit 450 Jahren. Sondern seit Gott durch seinen guten Geist in dieser Welt Gestalt annimmt. Das lasst uns am meisten feiern heute. Vor allem anderen. Amen.

Die ganze Predigt finden Sie hier
Traugott Schächtele

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