DER DRACHE
PREDIGT IM RAHMEN DER REIHE „TIERE IN DER BIBEL“
AM SONNTAG, DEN 12. SEPTEMBER 2010
IN DER MELANCHTHONKIRCHE IN MANNHEIM


LL EG 628,1-3: Ich lobe meinen Gott

Zu Abschluss dieser Predigtreihe wird es noch einmal gefährlich, liebe Gemeinde. Das letzte Tier, über das gepredigt wird, das ist der Drache. Es gibt Tiere, die sind kuschelig und andere, die sind glitschig. Es gibt Tiere, die wirken bedrohlich wegen ihrer Größe und andere, die sind einfach nur putzig. Es gibt Tiere, die sind durchaus bissig und sie eignen sich nicht einfach als Haustiere. Andere sind harmlos und einfach pflegeleicht.

Beim Drachen ist alles anders. Und beim Drachen, so wie ich die Bibel schildert, schon gar. Darum wird es heute gefährlich. Beim Drachen geht es ums Ganze. Beim Drachen geht es um die Grenze zwischen Gut und Böse. Beim Drachen geht es um Leben und Tod.

Wir kennen den Drachen aus Märchen und Erzählungen. Aus Sagen und Heiligenlegenden.

„Große Krallen, weite Schwingen und ein langer gezackter Schwanz“ – so findet man den Drachen beschrieben. So kennen wir ihn aus bildlichen Darstellungen. Er ist eine Mischung aus Raubtier, Vogel und Schlange. Dabei verbindet er vor allem die negativen, gefährlichen Eigenschaften dieser Tiere.

Dabei hat der Drachen nicht überall so schlechte Karten. In China gehört er zu den Tieren, die den Charakter eines Jahres prägen. Das nächste Jahr des Drachens ist 2012. Und wer im Zeichen des Drachen geboren ist, hat einen überaus positiven Charakter. Über solche Personen heißt es: „Menschen, die im Jahr des Drachen geboren sind, sind gesund, energiegeladen, langlebig, leicht erregbar, ungeduldig und hartnäckig. Auf der anderen Seite sind sie zuverlässig, ehrlich, mutig und strahlen Selbstvertrauen aus. Sie streben nach Harmonie und Rechtschaffenheit.“

Auch in den neueren Kinderbüchern kommt der Drache gut weg. Man braucht keine Angst mehr vor ihm zu haben. Er wird zum Spielgefährten. Zum Begleiter und Beschützer. Nichts davon gibt es in den älteren Drachengeschichten. Wo ein Drache auftaucht, da gibt es Auseinandersetzungen bis aufs Blut. Da gibt es Kämpfe, in denen nur einer überleben kann. Georg rühmen wir bis heute, indem wir ihm den Beinamen der „Drachentöter“ gegeben haben. Und auch der Erzengel Michael hat, wie die Apokalypse berichtet, mit dem Drachen gerungen. Und es gibt eine große Zahl bildhafter Darstellungen dieses Sieges über den Drachen.

EG 263,1+2: Sonne der Gerechtigkeit

Heute aber soll’s um den Drachen in der Bibel gehen. Und da hat der Schmusedrachen überhaupt keinen Platz. Einen ersten biblischen Drachentext haben wir am Anfang als gemeinsamen Psalm gebet:

Du hast das Meer gespalten durch deine Kraft,
zerschmettert die Köpfe der Drachen im Meer.
Du hast dem Leviatan die Köpfe zerschlagen.


Ein erstes wird hier schon klar: Der biblisches Drache kommt aus dem Meer. Und das Meer ist das Sinnbild des Chaos schlechthin. Das ist schon auf der ersten Seite der Bibel so. Als Gott die Welt ins Leben ruft, muss er zunächst die Gewalt des Wassers eindämmen. Er schützt die Erde vor den Urwassern, indem er wie eine Glocke das Firmament über die Erde stülpt. Dann trennt er Land und Meer, um überhaupt einen Lebensraum zu schaffen.

Die Urfluten sind die Bedrohung schlechthin. Bei der Erzählung von Noah, der Geschichte von der großen Flut, öffnet Gott noch einmal deren Schleusen. Am Ende steht alles unter Wasser. Hinter dieser Angst vor dem Wasser steht eine alltägliche, besser müsste man hier sagen eine alljährliche Erfahrung. Wenn der Euphrat oder der Tigris, die großen Flüsse im Zweistromland, über die Ufer traten, musste man um sein Leben besorgt sein. Die große Überschwemmung in Pakistan vor wenigen Wochen oder auch der Tsunami in Thailand vor einigen Jahren lassen uns noch etwas ahnen, wie groß die bedrohliche Kraft des Wassers wirklich ist.

Und die Verkörperung dieses Wassers, sein Urtier schlechthin, das ist der Leviathan. Wer das Wasser besiegen will, der muss den Leviathan töten. Wenn Gott also der Schöpfer ist, der dem Urwasser Einhalt gebietet, dann gibt es keinen anderen Weg als den Leviathan aus dem Weg zu schaffen. Der Drache muss weg, damit aus dem Chaos der Kosmos Gottes werden kann.

Ähnlich wie den Drachen Leviathan gibt es auch den Drachen Rahab. In Psalm 89 heißt es:

Du herrschest über das ungestüme Meer,
du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben.
Du hast Rahab zu Tode geschlagen
und deine Feinde zerstreut mit deinem starken Arm.


Auch hier zeigt Gott seine Macht, indem er dem Meeresungeheuer den Kampf ansagt. Dies gilt auch, als Israel sich aus der Verbannung in Babylon zurück in sein Land sehnt. Wenn Gott schon den Drachen besiegt hat, dann wird er auch mit den Königen in Babylon fertig werden. Deshalb lesen wir im Buch des (Zweiten) Jesaja:

Wach auf, wach auf, zieh Macht an,
du Arm des Herrn!
Wach auf, wie vor alters zu Anbeginn der Welt! Warst du es nicht, der Rahab zerhauen und den Drachen durchbohrt hat?


Zunächst erscheint der Drache als Verkörperung der Urgewalt am Anfang. Er ist ausgesprochen mächtig. Aber seine Macht ist, so scheint es, gebannt! In der Schöpfung hat der Drache nichts mehr zu sagen. Doch die Offenbarung des Johannes holt den Drachen aus der Vergangenheit zurück. Seine Macht, so spüren die Menschen, ist nicht wirklich gebannt. Im Gegenteil der Drache ist so mächtig wie eh und je.

EG 263,3: Schaue die Zertrennung an

Die Offenbarung des Johannes wurde in den 90er-Jahren des 1. Jahrhunderts nach Christus geschrieben. Die Menschen leiden unter der brutalen Macht des römischen Reiches. Gleich mehrfach taucht in der Offenbarung das Bild des Drachen auf.

Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt. Und es erschien ein anderes Zeichen am Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen, und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.

Im Hintergrund steht wohl die Bedrohung des neugeborenen Jesus-Kindes durch den König Herodes. Dass dieser das Kind töten will, ist nicht einfach nur ein Ereignis im Hinterhof des römischen Reiches. Es ist das Zeichen eines noch größeren, himmlischen Kampfes:

Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron. Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte. (…) Und es entbrannte ein Kampf im Himmel: Michael und seine Engel kämpften gegen den Drachen. Und der Drache kämpfte und seine Engel, und sie siegten nicht, und ihre Stätte wurde nicht mehr gefunden im Himmel. Und es wurde hinausgeworfen der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt, und er wurde auf die Erde geworfen, und seine Engel wurden mit ihm dahin geworfen.

Im Himmel hat der Drache seine Macht verloren. Aber auf der Erde wütet er umso mehr. Denn die Geschichte geht weiter:

Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen. Und das Tier, das ich sah, war gleich einem Panther und seine Füße wie Bärenfüße und sein Rachen wie ein Löwenrachen. Und der Drache gab ihm seine Kraft und seinen Thron und große Macht. Und die Menschen beteten den Drachen an, weil er dem Tier die Macht gab, und beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich, und wer kann mit ihm kämpfen?

Das Böse schlechthin, verkörpert im Drachen und dem anderen Tier. Und nichts kann böses Tun übertreffen, als die Infragestellung Gottes:

Und es tat sein Maul auf zur Lästerung gegen Gott, zu lästern seinen Namen und sein Haus und die im Himmel wohnen. (…) Und ihm wurde Macht gegeben über alle Stämme und Völker und Sprachen und Nationen. Und alle, die auf Erden wohnen, beten es an.

Das Ur-Chaos des Anfangs – es wird auf Dauer gestellt. Das Böse ist zwar überwunden. Aber nur in dem Raum, dem wir Menschen den Namen Himmel gegeben haben. Auf der Erde ist das Böse, ist der Böse noch wirksam. Das Böse, so erfahren es die Menschen zur Zeit der Offenbarung des Johannes, das sind die Mächte, die die Menschen verehren, wenn sie Gott den Abschied gegeben haben.

Damals war das der römische Staat mit seinem Anspruch, das ganze Leben der Menschen zu bestimmen. Aber der Drache des Bösen ist nicht tot. Er erscheint nur in unterschiedlichen Gewändern. Er wechselt seine Rolle. Aber er gibt seinen Anspruch nicht auf, die Welt beherrschen zu wollen.

In der Mitte des 17. Jahrhunderts schreibt der englische Philosoph Thomas Hobbes ein sehr wichtiges Buch über den Staat. Der Mensch ist des Menschen Wolf, sagt Thomas Hobbes. Wir alle fallen im Grunde nur übereinander her, es sei denn, der Staat legt uns Fesseln an. Droht mit Strafen, wenn wir die Regeln des Zusammenlebens brechen. Aber dieser Staat ist dennoch ein gefährliches Tier. Und nicht ohne Grund nennt er den Staat darum den Leviathan. Gibt ihm den Namen des Meeresungeheuers in den Psalmen.

Wir haben heute einen anderen Staatsbegriff. In der Demokratie sollte, so will es das Grundgesetz, alle Macht vom Volke ausgehen. Aber häufig setzen sich andere auf den freigewordnen Thron: Der Glaube an eine Ideologie – wie zur Zeit des Nationalsozialismus. Der Glaube an die Wissenschaft, die alles erklären kann. Und scheinbar alles in Griff hat. Der Glaube an die Macht des Geldes oder des Marktes. Wie wir es heute oft erleben.

Höchste Vorsicht ist geboten. Der Drache ist noch nicht erledigt. Aber trotzdem macht uns die Offenbarung des Johannes auch Hoffnung. So wie sie es auch den ersten Leserinnen und Lesern schon gemacht hat. Denn im Himmel wird der Sieg über den Drachen bereits gefeiert. Noch einmal aus der Offenbarung des Johannes:

Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott. Und sie haben ihn überwunden durch des Lammes Blut und durch das Wort ihres Zeugnisses und haben ihr Leben nicht geliebt, bis hin zum Tod. Darum freut euch, ihr Himmel und die darin wohnen!

EG 263,4+7: Tu der Völker Türen auf

Der Himmel, das ist der Ort, wo schon Wirklichkeit ist, worauf wir noch warten. Darum ist der Himmel auch nicht irgendwo. Er ist mitten unter uns. Er beginnt dort, wo wir nicht dem Drachen die Ehre geben, sondern Gott. Wo wir uns einsetzen für Gerechtigkeit. Wo wir Lieder des Friedens singen und nicht der Macht des Stärkeren vertrauen.

Das ist also das, was uns vom Nachdenken über die biblische Bedeutung des Drachen bleibt. Der Drache verkörpert das Chaos. Er tritt auf als Anwalt des Bösen. Oder er ist das Böse selber.

Gerade darum ist der Drachen für uns so attraktiv. Er wird zum Bundesgenossen, wenn Menschen sich Gott entgegenstellen wollen. Er wirbelt alles durcheinander. Tritt die Gerechtigkeit mir Füßen. Schwemmt den Frieden davon.

Aber der Drachen hat seine Macht verloren. Wenn wir ihm angstfrei entgegentreten. Wenn wir ihn spüren lassen, dass er keine Macht mehr über uns hat.

Wo der Drachen entmachtet ist, da ist der Himmel. Wo der Drachen entmachtet ist, breitet sich Gottes Reich aus. Wo wir dem Drachen den Laufpass geben und die Götzen von ihren Sockeln stürzen, beginnt eine neue Zeitrechnung. Dann ist das Jahr des Drachens an sein Ende gekommen.

Johann Crüger hat das in der Mitte des 17. Jahrhunderts in einer Liedstrophe zum Ausdruck gebracht, die wir gleich auch singen werden:

Trotz dem alten Drachen,
Trotz dem Todesrachen,
Trotz der Furcht dazu!
Tobe, Welt, und springe,
ich steh’ hier und singe
in gar sichrer Ruh.
Gottes Macht hält mich in acht,
Erd und Abgrund muss verstummen,
ob sie noch so brummen.


Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Die Zeit der Drachen ist vorbei. Amen.

PL EG 396,1-3.6: Jesu, meine Freude


Traugott Schächtele

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