PREDIGT
AUS ANLASS DES GEDENKENS
AN DIE UMGESTALTUNG DER KIRCHE VOR 25 JAHREN
AM SONNTAG, DEN 19. SEPTEMBER 2010 (16.S.N.TR.)
IN DER JAKOBSKIRCHE IN KA-WOLFARTSWEIER


Liebe Gemeinde!
Natürlich möchte ich zunächst meiner Freude Ausdruck geben, dass ich heute zu diesem silbernen Jubiläum als Prediger zum Gelingen dieses Festgottesdienstes beitragen darf. Mehr als 20 Jahre ist es her, seitdem ich hier in Wolfartsweier mein Lehrvikariat absolviert habe. Ich denke sehr gerne an diese Zeit zurück.

Als Abschiedsgeschenk habe ich damals eine Fotographie der Altarwand dieser Kirche geschenkt bekommen. Über alle Umzüge seitdem hinweg hängt dieses Bild in meinem Arbeitszimmer. Ich habe also diese Kirche täglich vor Augen. Auch deshalb bin ich gerne wieder hierher zurückgekommen.

Die Geschichte dieser Kirche ist eine Geschichte des vielfältigen Wandels. Und das längst nicht nur im Blick auf die Baugeschichte.

Gewandelt und verändert hat sich der Name. Aus der alten Kirche St. Margaretha wurde eine Jakobskirche. Margaretha war die Patronin der gebärenden Frauen. Und ihr Gedenktag, der 20.Juli entschied darüber, an wen im Fall, dass der Bauer starb, die Ernte fiel. An den Lehnsherrn, wenn er vor dem 20. Juli starb. Oder an die Familie, wenn der Todestag später lag.

Gewandelt und verändert hat sich auch die Konfession. Im Jahre 1556 nimmt Markgraf Karl II. die lutherische Konfession an. Und mit ihm damals automatisch auch alle Untertanen.

Gewandelt und verändert hat sich auch dieser Kirchenbau selber. Und das vor 25 Jahren nicht zum ersten Mal. Bereits im Jahre 1744 wurde diese Kirche schon einmal nach Westen erweitert. Vor 25 Jahren durch einen kleinen Anbau erneut in diese Richtung. Und nach Norden gleich noch dazu.

Gewandelt und verändert hat sich damals auch die Ausrichtung der Kirche. Nicht mehr Ost-West. Sondern seit 25 Jahren Nord-Süd.

Gewandelt und verändert hat sich auch die künstlerische Ausstattung. Die Wand hinter dem Altar wurde neu gestaltet. Und ein Teil der Kirchenfenster.

Als ich im Jahre 1989 hierher kam, war alles noch ganz frisch. Den Zauber des Anfangs und des Neuen habe ich miterlebt. Aber auch Fragen und Nichtverstehen. Ja, auch Tränen gab es zu trocknen.

Kirchen – das sind eben Gebäude, an denen Emotionen hängen. Wären sie uns egal, bräuchten wir sie nicht.

Diese Kirche ist ein Haus des Wandels, weil jede Kirche ein Haus des Wandels ist – und sein muss. Dieser Wandel gräbt sich ein in Lebensgeschichten. Das haben die Gespräche eben anschaulich gemacht. Dieses Gebäude ist den Menschen nicht egal. Ob in Zustimmung oder Ablehnung – es ist ein Haus, das uns herausfordert. Ein Haus eben des Wandels und der Veränderung. Ein Haus des über viele Jahre Vertrauten. Und dann doch eben auch der Zumutung des Neuen.

Im 1. Buch Mose wird im 28. Kapitel eine spannende Geschichte erzählt. Unzählige Male wird im Laufe der Geschichte auch in dieser Kirche über diese Geschichte gepredigt worden sein. Die Hauptfigur heißt wie die der Namensgeber dieser Kirche: Jakob. Auch sein Leben ist eines des Wandels und der Veränderung.

Jakob ist eigentlich der geborene Zweite. Schon bei der Geburt kam er zu spät. Sein Zwillingsbruder Esau wurde vor ihm geboren. Aber Jakob ist clever. Er kann die Rangfolge noch einmal drehen. Er luchst seinem Bruder das Erstgeburtsrecht und seinem Vater den Segen ab. Und plötzlich ist er obenauf. Sein Bruder hat das Nachsehen.

Aber da wandelt sich sein Leben. Ändert die Richtung. Esau trachtet ihm nach dem Leben. Und aus dem Sieger von gestern wird der Flüchtling von heute. Ein Wandel, eine Veränderung, dieses Mal ins Negative.

Als Jakob auf seiner Flucht zum ersten Mal Rast macht, hat er ist er auf dem harten Boden der Tatsachen angekommen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Unwirtlich gibt sich der Ort. Nur ein Stein bietet dem Flüchtigen Platz für sein müdes Haupt. Eine wahrhaft harte Realität, die den eben erworbenen Segen scheinbar Lügen straft. Aber auch hier geht die Geschichte des Wandels weiter. Statt der Realität des unwirtlichen Ortes bestimmt ein zukunftsweisender Traum das weitere Geschehen. Und Jakobs weiteres Leben!

Und Jakob nahm einen Stein von der Stätte und legte sich an dieser Stelle schlafen.12Und ihm träumte, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze bis an den Himmel, und die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.
16Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. 18Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er neben seinen Kopf gelegt hatte, stellte ihn auf wie ein Denkmal, goss Öl oben darauf 19und nannte die Stätte Bethel, das bedeutet: Haus Gottes. Zuvor hatte der Ort Lus geheißen.


Nach dieser Nacht war nichts mehr wie es war, liebe Gemeinde. Und eine Geschichte setzt ein, die der ihrer Kirche durchaus Verbindungslinien hat.

Zunächst: Auch hier ändert sich ein Name. Nicht von Margaretha zu Jakob. Sondern von Lus zu Beth El. Aus dem schlichten Ortnamen Lus wird der Name eines Heiligtums. Beth El. Haus Gottes. Ein Heiligtum entsteht da, wo wir einen Ort ausgrenzen. Ihm eine bestimmte, eine besondere Bedeutung zuschreiben. Für Jakob ist klar. Dieser Ort ist ein besonderer Ort. Dass Gott ihm erschienen ist, an dieser besonderen Stelle, das macht diesen Ort zu einem besonderen Ort.

Eigentlich kennen wir in der evangelischen Kirche keine heiligen Orte. Heilig ist die ganze Schöpfung. Und damit auch die ganze Erde. Und um mit Gott in Kontakt zu kommen, sind wir nicht an die Kirche gebunden.

Aber gleichzeitig wissen wir: Es gibt Orte, da fällt es uns leichter, uns an Gott zu wenden. Allein. Oder eben in großer Zahl. So wie an diesem Morgen hier in Wolfartsweier. Und mögen es keine heiligen Orte sein. Besondere Orte sind Kirchen allemal.

Gut also, dass es also dennoch Kirchen gibt. Gut auch, wenn wir diese besonderen Räume achten und würdig behandeln. Gut auch, wenn wir sie uns etwas kosten lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber zurück zu Jakob und Beth El. Jakob baut keine Kirche. Aber er markiert den Ort. Er stellt den Stein, an dessen Rand er geschlafen hat, auf. Er errichtet ein kleines Denkmal.

Genauso ist es mit unserer Kirchen. Kirchen sind Orte aufgestellter Steine. Aber Steine, die mit einem Mal mehr sind als toter Stoff. Kirchensteine werden lebendig. Fangen an zu sprechen. Durch die Art, wie sie zu einem Ganzen verbunden sind. Vor allem aber durch Menschen, denen sie so lieb und wichtig sind, dass sie sich immer wieder zu diesen Steinen herbeilocken lassen.

Darum gestalten wir unsere Kirchen. Kirchen sind gestaltete Lebensräume auf Zeit. Lebensräume in der Nähe Gottes. Darum bauen wir unserer Kirchen um und an sie an. Darum bemühen wir uns um ihre Schönheit. Darum gibt es Kunst in der Kirche.

In ihrer Anfangszeit waren die Reformatoren, vor allem die aus der Schweiz, der Kunst nicht sonderlich zugetan. Das Gebot, „Du sollst Dir kein Bildnis machen!“, haben sie missverstanden. Und mit Hämmern und Äxten unschätzbare Kunstwerke zerstört. Bilderstürmer nannte man diese Menschen.

Gottseidank gab es bei ihnen keine Bilderstürmer, als diese Jakobskirche vor einem Vierteljahrhundert ihre künstlerische Ausgestaltung bekam. Ihre Kirche predigt schon, wenn man sie betritt. Ein Haus der lebendigen, der sprechenden Steine und Wände. Ein Christus - aus einem Guss und doch vielfach gebrochen. Aus Elementen des Alltäglichen geformt. Und doch einer, der uns mit seinem eindrücklichen Gesicht an keinem Platz dieser Kirche unbehelligt lässt. Nicht makellos ist seine Schönheit, sondern herausfordernd. Ein Anblick, der bei jedem auf eine Stellungnahme drängt.

Neben den Elementen des Alltäglichen die Elemente des Lebens. Essen und Trinken. Brot und Wein. Niemand, ganz egal welchen Glaubens er oder sie auch ist, kann auf diese Elemente verzichten. Wir sind auf sie angewiesen, solange wir leben. Und noch einmal werden wir hineingezogen in eine Geschichte des Wandels und der Veränderung.

Wie Jakobs toter Stein einen Ort des Lebens markiert, so markieren Brot und Wein mit einem Mal ein Lebensmittel in einem ganz anderen Sinn. Die Balken des Kreuzes lösen sich voneinander. Das Holz der Vernichtung verliert seinen Schrecken. Trägt Früchte. Lässt Brot und Wein Halt finden.

Diese Wand predigt, noch ehe ein Wort gesprochen wurde. Wie die Fenster: Der zerrissene Vorhang, die zerbrochene Mauer, die zum Boten der Auferstehung werden. Der brennende Dornbusch, der auf Pfingsten verweist. Feuer, sonst eher ein Element der Zerstörung – es wird zum Element der Beflügelung. Zum Sinnbild des Wandels durch den Geist Gottes.

Steine, die predigen. Bilder, die sprechen. Träume, die wahr werden. Jakob ist ein Mensch auf der Flucht. Er ist auf einem Reise mit ungewissem Ausgang. Und es wird Jahrzehnte dauern, bis er zurückkommt. Die Realität ist hart wie der Stein an seinem Kopf.

Aber in seinem Traum nimmt er das gute Ende vorweg. Im Traum berühren sich Himmel und Erde. Der schier unendliche Abstand zwischen Gott und Mensch, der sich in seinem Flüchtlingsleben scheinbar zeigt – er ist, so träume es ihm, überbrückbar geworden. Engel seht er auf und niedersteigen. Dieser Traum spricht, noch ehe Gott gesprochen hat. Aber die Zusage und das Bild, das Kunstwerk des Traumes, sie ergänzen einander: „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wohin du auch gehst!“

Noch ist es für Jakob ein Traum. Doch der Flüchtling von einst kehrt als reicher Mann zurück. „Siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wohin du auch gehst!“ Gott hält Wort. Weil es ihn nicht hält in himmlischer Abgeschiedenheit. Weil Gott sich zu erkennen gibt. Mitten im Alltäglichen. Mitten unter uns.

Ferne jenseitige Sphären sind Gottes Sache nicht. Kelch und Brot werden so zum Zeichen des Lebens. Weil der Mensch selber zum Zeichen der Gegenwart Gottes wird. Dieser eine, besondere Mensch, dessen Lebensgeschichte sich bricht in der Kunst an der Altarwand und in den Fenstern. Dieser eine: Jesus aus Nazareth, den wir als den Christus Gottes bekennen.

Auch sein Leben ist eine Geschichte des Wandels und der Veränderung. Dem Tod ausgesetzt. Und doch am Ende unser Weg in Leben, das bleibt. Ein Mensch wie wir und doch der Plathalter Gottes in dieser Welt. Der, aus dessen Gesicht uns Gottes Gegenwart entgegenleuchtet. Ein einzelner nur – und doch der, dem wir Bruder und Schwester werden können.

Unbehaust bis ans Ende – und dann doch Ursache für die Erkenntnis: Hier ist nichts anderes als Gottes Haus.

Gott braucht keine Kirchen, um zu uns zu sprechen. Aus dem Gesicht jedes Menschen können wir uns Gottes Gegenwart entgegenleuchten lassen. Gott braucht keine Kirchen, um zu uns zu sprechen. Aber wir können dankbar sein, dass wir sie haben. Wir brauchen sie. Denn sie helfen uns, uns auf Gott hin auszurichten. Und die Zeichen seiner Gegenwart, die Pforten des Himmels zu entdecken. In unserem Leben.

An die 800 Jahre mögen es bald sein, dass Menschen in dieser Kirche mit Gottes Gegenwart rechnen. Dass sie noch steht – und dass sie seit 25 Jahren noch einmal ganz neu zu sprechen begonnen hat – das ist ein Grund zur Dankbarkeit. Und es ist auch ein Grund zum Feiern. Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn