PREDIGT ÜBER MATTHÄUS 14,22-33
GEHALTEN IM GOTTESDIENST AM 30. JANUAR 2011
(4.S.N.EP.)
IN DER PAULUSKIRCHE IN ETTLINGEN


Liebe Gemeinde!

Ich bin vergnügt
erlöst
befreit
Gott nahm in seine Hände
Meine Zeit
Mein Fühlen Denken
Hören Sagen
Mein Triumphieren
Und Verzagen
Das Elend
Und die Zärtlichkeit


Mit diesen Worten beginnt ein wunderschöner Text von Hanns Dieter Hüsch. „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.“ Wer so reden kann, steht über den Dingen. Wird so leicht von nichts mehr umgeworfen.

Eine Existenz, gegründet auf einer festen Überzeugung. Eine Überzeugung, die alles einschließt: „Das Elend. Und die Zärtlichkeit.“ Und natürlich kommt Hans Dieter Hüsch auch ins Fragen.

Was macht dass ich so fröhlich bin
In meinem kleinen Reich
Ich sing und tanze her und hin
Vom Kindbett bis zur Leich


Wer so tanzen kann, vom Kindsbett bis zur Leich, muss fest gegründet sein. Oder gezeichnet von der Leichtigkeit derer, die glauben. Wer so tanzen kann, geht nicht unter. Wie stürmisch die Wogen des Lebens sich auch gebärden. Wer so tanzen kann, kann auch über’s Wasser gehen.

Genau darum geht es im Predigttext für diesen vierten Sonntag nach Epiphanias. Ein bekannter, schöner Text, der aber selten gepredigt wird. Weil es diesen vierten Sonntag nach Epiphanias nur ganz selten zu feiern gibt. Nur dann, wenn Ostern extrem spät gefeiert wird. So, wie in diesem Jahr.

Hört also, was der Evangelist Matthäus im 14. Kapitel seines Evangeliums berichtet:

Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

Dieser Predigttext ist gewissermaßen ein Gegentext zu dem Gedicht von Hanns Dieter Hüsch. Die Jünger werden zum Sinnbild der Alltagserfahrung. Auch vielfach der unseren. Die Winde kommen ihnen stürmisch entgegen. Das rettende Ufer rückt in immer weitere Ferne. Mit aller Kraft versuchen sie, die Situation in den Griff zu bekommen.

Leben als Leben in stürmischen Zeiten. Keinem Leben bleiben solche Erfahrungen erspart. Sie kosten viel Kraft. Und wenn wir mitten drin stecken, ahnen wir häufig lange nicht, woraus sich die rettenden Kräfte speisen sollen. Und wir erfahren unser Leben als kräfteraubendes Unternehmen mit offenem Ausgang.

Die stürmische Bootsfahrt der Jünger erfährt eine gang besondere Wendung. Ihre Sehnsucht nach Hoffnung spielt ein böses Spiel mit ihrer Wahrnehmung. Der, der ihnen Sicherheit verleiht, erscheint vor ihren Augen. Ein böses Spiel der Sinne.

Und die vagen Hoffnungen verwandeln sich in Furcht. Wem die Sinne versagen, schwinden auch bald die Kräfte. Träfe da nicht dieser Satz mitten in ihre Aussichtslosigkeit: „Habt keine Angst! Ich bin’s!“

Ein um’s andere Mal verändert dieser Satz die Perspektive von Menschen. „Fürchtet euch nicht!“ ruft schon der Engel den Hirten auf den Feldern vor Bethlehem zu. „Fürchtet euch nicht!“, sagt der Engel zu den Frauen, die das Grab leer vorfinden. „Fürchtet euch nicht!“, sagt der Auferstandene, der die mutlosen Anhänger findet.

„Fürchtet euch nicht!“ – das sagt auch die Gestalt, die den Jüngern auf dem Wasser entgegenkommt. „Ich bin es doch!“ Was für eine wunderbare Erfahrung! Mitten in den Fluten, die uns alle Kräfte rauben, nimmt uns einer die Angst. Sagt einfach: „Ich bin es doch. Ich bin jetzt da!“

Wir wollen jetzt von dieser Erfahrung singen, dass da einer kommt, der sich auf unsere Seite stellt, indem wir die erste Strophe des Liedes mit der Nr. 66 singen: „Jesus ist kommen!“ (Legen Sie ein Bändchen ein, wir singen nachher noch weitere Strophen dieses Liedes).

EG 66,1: Jesus ist kommen

Jesus ist kommen – das war auch die Erfahrung der Jünger. Aber ein Grund ewiger Freude ist das nicht. Stattdessen Furcht und Geschrei. Und Petrus macht die Verzweiflungsprobe, die wir so gut kennen. „Wenn es dich wirklich gibt, Gott, dann mach, dass dies oder das geschieht. Dann mach, dass ich gesund werde. Dann mach, dass ich diese Stelle bekomme. Dann mach, dass mir gelingt, was ich mir vorgenommen habe.“

Oder eben wie bei Petrus: „Wenn du der bist, für den wir dich halten, dann lass mich auf dem Wasser zu dir kommen.“ Was für eine unsinnige Forderung! Verständlich. Und doch ohne Perspektive. Es reicht doch, wenn wir festen Boden unter den Füßen haben. Über’s Wasser muss keine und keiner von uns gegen können. „Wenn du uns helfen willst, dann lass mich … Wenn du Gott bist, dann musst du …“

Und: Jesus lässt den Petrus gehen. Urteilt nicht wie ich. Sagt nicht: Was für eine unsinnige Forderung. Jesus lässt den Petrus gehen. Wider alle Vernunft. Ein Glaube, der Berge versetzt. Ein Glaube, der alle Furcht ins Nichts zusammenfallen lässt. Ein Glaube, der selbst das möglich macht, was unmöglich und unsinnig zugleich ist. Unglaublich: Petrus setzt seine Füße auf’s Wasser. Und geht.

Keine einmalige Erfahrung. „Ich setzte meinen Fuß in die Luft. Und sie trug.“ So hat Hilde Domin in einem ihrer wunderschönen Gedichte diese Erfahrung beschrieben. Oder eben noch einmal Hanns Dieter Hüsch in der Fortsetzung seines Gedichts:

Was macht dass ich so furchtlos bin
An vielen dunklen Tagen
Es kommt ein Geist in meinen Sinn
Will mich durchs Leben tragen


Ein Geist, der mich verwandelt. Wasser, das trägt. Stricke des Todes, die reißen. Von dieser unmöglichen Möglichkeit wollen wir singen. Dieses Mal mit der zweiten Strophe des Liedes Nr. 66:

EG 66,2: Jesus ist kommen

Es kommt, wie es kommen muss. Es kommt, wie es fast immer kommt. Der Enthusiasmus weicht dem grauen Alltag. Der Glaube wird in die Strudel des Lebens hineingerissen. Der Verstand sagt: Das geht doch alles gar nicht! Und Petrus droht zu sinken.

Jetzt erst sind wir an dem Punkt, auf den es wirklich ankommt. Die Ergriffenheit durch das Außergewöhnliche mag uns zu Höhenflügen führen. Aber Leben müssen wir in den Widrigkeiten des Alltags. Mit nassen Füßen bisweilen, wenn wir zu sinken drohen. Aber nicht ohne die Hand, die sich entgegenstreckt.

„Warum hast du gezweifelt?“, fragt Jesus. Was für eine Frage. Wer von uns käme nicht schon nach dem ersten Schritt über’s Wasser ins Zweifeln. Es geht nicht immer nur über die Erfahrung des Außergewöhnlichen. Es ist nicht die Möglichkeit, über’s Wasser zu gehen, von der wir leben können. Es ist die rettende Hand, die sich uns entgegenstreckt. Immer und immer wieder. Dieses „Habt keine Angst. Ich bin doch da!“

Jetzt hat Petrus festen Grund unter den Füßen. Sogar auf dem Wasser. Jetzt ist er so gehalten, dass ihn nichts mehr zu halten vermag.

„Du bist also wirklich da!“ bekennen die Jünger. Wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen, wenn die Wogen über uns hereinbrechen. Schon gar nicht vom Geist dessen, auf den dieser Jesus ein ums andere Mal ihren Blick richtet.

Das lässt auch uns wieder singen. Wir singen jetzt die Strophen 3 und 8 vom Lied Nr. 66.

EG 66,3+8: Jesus ist kommen

Leben, das sich an diesem Jesus ausrichtet. Leben, das sich gründet im Gottesglauben. Petrus wird zum Platzhalter für unseren Glauben. Steht hier wirklich für alle, die es wagen, mit diesem Glauben über’s Wasser zu gehen. Für alle, die zu versinken drohen. Und die dann doch gehalten sind.

Die Tradition hat diesen Text mit der Überschrift versehen: der sinkende Petrus. Das ist viel zu kurz gedacht. Besser müsste die Überschrift lauten: Der gehaltene Petrus. Der, der immer wieder die Spur des Lebens findet. Auch dann, wenn Wind und Wellen toben.

Noch einmal will ich Hanns Dieter Hüsch das Wort geben. Sein Gedicht endet mit der Antwort auf seine Fragen:

Was macht dass ich so unbeschwert
Und mich kein Trübsinn hält
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
Wohl über alle Welt


Das wär’s doch: Nicht mehr schreien müssen aus Furcht. Sondern lachen können, weil sich mir die rettende Hand entgegenstreckt.

Was bleibt mir da, als mich dankbar dem anzuvertrauen, der zu mir sagt. Hab keine Angst. Ich bin doch da!“ „Fluch, Jammer und Tod“ sind an ihre Grenzen gestoßen. Und vom Leben verschlungen.

Was bleibt mir, als zu staunen. Zu danken. Und zu schweigen. Und genau darin Gott die Ehre zu geben.

Amen.

Traugott Schächtele

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