PREDIGT ÜBER JESAJA 40,12-31 (IN AUSWAHL)
AM SONNTAG, DEN 6. FEBRUAR 2011
IN DER JOHANNESGEMEINDE IN HD-NEUENHEIM


Wer ist Gott? Wie ist Gott?, liebe Gemeinde? Diese Frage steht im Mittelpunkt der heutigen Predigt. Natürlich geht es in jeder Predigt um das Gottesthema. Aber meist in Verbindung mit anderen Fragestellungen. Wenn es um die rechte Ethik, das rechte Unterscheiden von Gut und Böse geht. Von Unkraut und Weizen, um die Sprache der Evangeliums-Lesung aufzunehmen. Es geht um Gott in Form zugesprochener Worte des Trostes. Es geht um Gott, wenn wir auf Orientierung warten in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt.

Heute soll’s um die Frage nach Gott gehen, einfach so. Ohne gleich wieder anderes zu bezwecken. Um Gottes Willen. Und damit natürlich immer auch um uns Menschen willen. Das hängt natürlich mit dem heutigen Predigttext zusammen. Aber da muss ich sie erst noch um etwas Geduld bitten.

Wer also ist Gott? Und wie ist Gott? In der ersten Antwort, die ich ihnen geben möchte, werden wir ausdrücklich in unserem Denkvermögen herausgefordert.

„Gott ist das, worüber Höheres nicht gedacht werden kann“. Das also ist das erste Angebot einer Antwort. Vor beinahe eintausend Jahren wurde dieser Satz formuliert. Von Anselm von Canterbury, einem der großen Theologen des Mittelalters. „Gott ist das, worüber Höheres nicht gedacht werden kann“. Dieser Satz ist der Kernsatz seines berühmten Gottesbeweises.

Anselm unterscheidet zwischen dem, worüber wir uns nur eine Vorstellung machen, und dem, was in der Realität tatsächlich auch existiert. Wenn wir also von Gott nur eine Idee im Kopf haben, würde die tatsächliche Existenz diese Idee noch übertreffen. Diesen Gedankengang wendet er auch auf Gott an. Und endet bei seinem Satz, dass wir uns darüber hinaus nichts Höheres mehr vorstellen. Und das, worüber wir Höheres nicht mehr vorstellen könnten, das sei eben Gott. So lautet in knapper Form der Gedankengang seines Versuches, Gott zu beweisen.

Es hat noch viele Versuche von Gottesbeweisen gegeben. Der katholische Philosoph Robert Spaemann hat erst vor drei Jahren ein Buch veröffentlicht, das den Titel trägt, der letzte Gottesbeweis. Wir wissen, dass Gottesbeweise am Ende nur diejenigen überzeugen, die ohnedies schon an Gott glauben. Ganz egal, ob diese Beweise eher philosophisch vorgehen, wie Anselm. Oder ob sie die Existenz Gottes aus der Natur, der Geschichte oder auch der Erfahrungen ableiten wollen.

Skeptiker bleiben allen Gottesbeweisen gegenüber skeptisch. Weil Glauben gerade nicht meint, von Richtigkeiten überzeugt zu sein. Weil Glauben vielmehr meint, der Wahrheit auf der Spur zu sein. In die Wahrheit hineinzuspringen. Sein Vertrauen zu riskieren. Weil Glauben allemal ein großes Experiment bleibt. Mit offenem Ausgang. Aber getragen von der kühnen Vision, alles könnte noch einmal ganz anders sein. Alles könnte am Ende gut werden.

So, wie wir es gleich im Predigttext für diesen 5. Sonntag nach dem Epiphaniasfest hören werden. Noch eineinhalbtausend Jahre vor Anselm von Canterbury, in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts vor Christi Geburt, nähert sich ein anderer Theologe der zentralen Frage nach Gott. Ein uns namentlich unbekannter Prophet, dessen Gedanken wir ab Kapitel 40 im Jesajabuch wiedergegeben finden.

An seine Landsleute im babylonischen Exil richtet er seine Überlegungen. Er stärkt ihre Hoffnung auf einen baldigen Wandel ihrer Lebensverhältnisse. Er sagt ihnen Gottes Gegenwart in ihrer Situation zu. Er packt sie gewissermaßen bei ihrem Gottesglauben. Und er spürt. Worte haben es oft schwer, wenn die Realität dagegen zu sprechen scheint.

Und der Prophet ahnt, dass die pragmatische Weltsicht die Oberhand behalten könnte. Lösungen der komplizierten eigenen Situation mag es durchaus geben. Aber ob sie im Gottesglauben wurzeln, das müsste sich erst noch erweisen.

Da springt dieser Prophet für Gott in die Bresche. Nicht mit klugen Erwägungen. Sondern indem er seinen Glauben öffentlich macht. Indem er sagt, was doch in dieser Situation eigentlich Gott selber sagen müsste:

Wer misst die Wasser mit der hohlen Hand, und wer bestimmt des Himmels Weite mit der Spanne und fasst den Staub der Erde mit dem Maß und wiegt die Berge mit einem Gewicht und die Hügel mit einer Waage? Wer bestimmt den Geist des Herrn, und welcher Ratgeber unterweist ihn? Wen fragt er um Rat, der ihm Einsicht gebe und lehre ihn den Weg des Rechts?

Mit wem wollt ihr denn Gott vergleichen? Oder was für ein Abbild wollt ihr von ihm machen? Der Meister gießt ein Bild, und der Goldschmied vergoldet's und macht silberne Ketten daran. Wer aber zu arm ist für eine solche Gabe, der wählt ein Holz, das nicht fault, und sucht einen klugen Meister dazu, ein Bild zu fertigen, das nicht wackelt.

Wisst ihr denn nicht? Hört ihr denn nicht? Ist's euch nicht von Anfang an verkündigt? Habt ihr's nicht gelernt von Anbeginn der Erde? Er thront über dem Kreis der Erde, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken; er spannt den Himmel aus wie einen Schleier und breitet ihn aus wie ein Zelt, in dem man wohnt; er gibt die Fürsten preis, dass sie nichts sind. Kaum sind sie gepflanzt, da lässt er einen Wind unter sie wehen, dass sie verdorren.

Mit wem wollt ihr mich also vergleichen, dem ich gleich sei? spricht der Heilige. Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen?

Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Menschen werden müde und matt, und junge Leute straucheln und fallen; aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden.


Atemholen ist jetzt erst einmal angesagt. Eine kleine Verschnaufpause. Worte haben wir gehört, die auch von dem sprechen, über den Höheres nicht gedacht werden kann. Aber noch einmal ganz anders wie bei Anselm. Weil Gott selber zu Worte kommt. Der Prophet gewissermaßen an seiner Stelle spricht. Und sich doch ganz zurücknimmt.

Habt ihr nicht gehört? Wisst ihr’s denn wirklich nicht? Fast entrüstet kommt diese Anfrage daher. Es ist doch gar keine Frage des ob der Existenz. Es ist bestenfalls eine, die uns daran erinnert, recht hinzuhören. Und recht hinzusehen.

Nein, es ist kein Gottesbeweis. Denn fraglich ist für den Propheten nicht, ob es diesen Gott wirklich gibt. Zu fragen ist für ihn nur, wie man Gott ernstlich außen vor halten, wie man Gott überhören und übersehen kann. Zu fragen ist für ihn, wie man meinen kann, die Gottesfrage ließe sich im reflektierenden Nachsinnen erledigen.

Und Martin Luthers berühmter Satz aus seinem Großen Katechismus steigt in mir auf: "Woran du nun dein Herz hängst und worauf du dich verlässt, das ist dein Gott!“ Von Ersatzgöttern ist auch im Predigttext die Rede. Von Gottesbildern aus Gold oder aus Holz. Von Ersatzgöttern die einem Vergleich doch gar nicht wirklich Stand halten können. Gott ist einfach nur empört, dass Menschen sich damit zufrieden geben. „Damit wollt ihr mich wirklich vergleichen? Darauf wollt ihr euer Leben gründen? Darin wollt ihr die Wahrheit selber entdecken?“

Wo Gott doch den Himmel ausspannt. Wo Gott Fürsten den Garaus macht. Wo Gott nicht auf Einsicht aus ist, sondern selber Einsicht vermittelt. Nicht in stolzen „Schaut-her-so-bin-ich“-Sätzen bringt der Prophet Gott ins Gespräch. Vielmehr in Form der Frage, die uns Raum lässt zur Antwort.

Einer Antwort, die für den Propheten aber doch gar nicht mehr der Alternative bedarf. Einer Antwort, die Gott als den ganz Jenseitigen erweist. Als den, über den Höheres nicht nur nicht gedacht werden kann. Sondern der sich unserem denkerischen Durchdringen am Ende gänzlich entzieht.

Und dabei doch diesseitig erfahrbar bleibt. Erfahrbar als der, der das Geschick wendet. Erfahrbar als der, der den Mutlosen aufrichtet. Erfahrbar als der, der den Orientierungslosen wieder Richtung gibt. Als der, der das Kleine groß und das Schwache stark macht. Erfahrbar doch auch als die, die Menschen tröstet, wie eine Mutter ihre Kinder.

„Menschen werden müde und matt, und junge Leute straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden.“ Der Predigttext hört eigentlich schon vor diesen Sätzen auf. Aber wie kann ich von Gottes Größe reden, wenn ich verschweige, dass die sich gerade darin erweist, dass das Kleine groß und das Unbedeutende wichtig wird.

Ja, dass nicht einmal das Unkraut vorschnell dem Feuer der Vernichtung preisgegeben wird, um noch einmal an das Sonntags-Evangelium zu erinnern. Ob es sich wirklich um Unkraut handelt, das wird sich ohnedies erst ganz am Ende erweisen. Vorher erweist Gott seine Größe gerade dadurch, dass er die Sonne scheinen lässt über Gerechte und Ungerechte.

Jesus von Nazareth, der viele solcher Geschichten erzählt hat, hat das Buch diesen unbekannten Propheten bestens gekannt. So oft zitiert er diesen Propheten, dass man den Eindruck haben kann, dieses Buch ab Jesaja 40 sei sein Lieblingsbuch gewesen. Dass das Kleine groß und das Schwache stark wird, Kranke gesund gemacht und Ausgeschossene wieder zurückgeholt werden, das war sein großes Thema. Sein Lebensthema, das sich am Ende seinem eigenen Geschick widerspiegelt. Der am Ende im eigenen Tod wie gescheitert da steht und da hängt, der wird zum Bürge der Hoffnung auf neues Leben.

Es ist auch sein Gott, der so groß ist, dass unsere Gedanken ihn nicht zu fassen vermögen. Und der sich so klein machen kann, dass er Raum findet in der Hütte jedes Menschenlebens. Und der unser Leben so leicht machen will, dass wir uns beflügelt in die Luft erheben wie ein Adler.

Von diesem Gott können wir nicht groß genug denken. Von diesem Gott können wir bestenfalls zu wenig und nie zuviel erwarten. Dass Gott nicht alle unsere Wünsche und Sehnsüchte erfüllt, gehört zu den schmerzlichen Erfahrungen jedes Menschenlebens. Und es soll auch hier nicht verschwiegen werden.

Gerade in seiner Größe bleibt Gott uns nicht selten auch fremd. Und wir wünschen wir uns Gottes Handeln immer wieder viel näher an dem, von dem wir glauben, es sei richtig und wichtig. Wenn uns der Gang der Dinge in dieser Welt Mühe macht. In der großen Welt der Wissenschaft und der Politik. Gerade die Entwicklungen der letzten Tage und Wochen lassen uns zwischen Hoffnung und Sorge hin und her schwanken.

Auch in der kleinen Welt unserer persönlichen Beziehungen kann so vieles ins Wanken geraten kann. Dann bleibt uns nur, Gottes Gegenwart auch in seinem Schweigen, dem vermeintlichen oder auch dem Tatsächlichen, zu erahnen. Und darauf zu hoffen, dass ein anderer Mensch uns seine Worte leiht. Und dass sein Glaube unsere Hoffnungen nährt.

Wer ist Gott? Wie ist Gott? So habe ich eingangs gefragt. Größer ist Gott als unser Denken und unsere Einsicht. Und uns doch näher als wir ahnen. Näher als wir uns manchmal selber sein können. Weil Gott unter der Hand, gegen alle Erfahrungen und gegen allen Augenschein, unser Leben verwandelt und alles neu macht. Und uns immer wieder neu die Flügel des Glaubens wachsen lässt.

So ist nur Gott. Unvergleichlich! Wenn das kein Trost ist! Wenn uns das nicht leben lässt, was dann?! Amen.

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Eingangsgebet

Gott, Jenseitiger und uns zugleich ganz nah,
ein Leben lang sind wir auf der Suche nach dir.
Wir suchen dich,
wenn wir dankbar auf eine Woche zurückschauen
und uns aufmachen in eine neue Woche,
von der wir nur ahnen, was sie uns wirklich bringt.
Gib dich doch zu erkennen, Gott!

Wir suchen dich,
wenn uns die Medien mit Bildern belasten,
die deine verletzliche und geschundene Welt zeigen:
Bilder aus Ägypten, aus Tunesien, aus dem Jemen,
Bilder von Menschen an vielen Orten dieser Erde,
die Unrecht und Krieg ausgesetzt sind,
Bilder von Menschen, die zum Opfern von Naturkatastrophen wurden wie zuletzt in Australien.
Gib dich doch zu erkennen, Gott!

Wir suchen dich, Gott,
wenn uns der Glaube an dich durch die Finger rinnt,
und wir schon gar nicht mehr damit rechnen,
dich wirklich zu finden.
Damit wir dich erkennen und die Suche nach dir uns nicht ins Leere laufen lässt,
rufen wir zu dir: Herr, erbarme dich!

Tagesgebet

Wir suchen dich im Himmel, Gott, aber du lässt dich auf der Erde finden. In jedem offenen Blick, der mich ermutigt und erfreut. In einer wohltuende Geste der Zuneigung. Vor allem aber im ungläubigen Staunen über deinen Gegenwart, selbst da, wo wir gar nicht mit dir gerechnet haben

Wahrnehmen möchte ich dich in den vielen großen und kleinen Hinweisen auf deine Gegenwart, beflügelt durch deinen guten, heilmachenden Geist, der Menschen verwandelt durch alle Zeiten hindurch.

G: Amen.


Traugott Schächtele

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