„IN DEINE HÄNDE BEFEHLE ICH MEINEN GEIST“
PFARRKOLLEG IM BERNEUCHNER HAUS KLOSTER KIRCHBERG 14. – 20. MÄRZ 2011
GEISTLICHE TAGESIMPULSE


15. März 2011: Abgeben können

„Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“

Dieser Vers ist das geistliche Leitwort dieses Pfarrkollegs. „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Eigentlich greift es dem Gang der Dinge ja voraus. Es ist das letzte Wort Jesu vor seinem Tod. Zumindest bei den drei synoptischen Evangelisten. Über das letzte Wort bei Johannes werden wir am Freitag miteinander nachdenken.

Heute geht es um das Abgeben können. „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Eigentlich ist dieser Vers ja ein Psalmvers. Entnommen aus dem 31. Psalm. Es ist nicht der einzige Psalm, der in der Passionsgeschichte eine Rolle spielt. Noch bedeutende ist ja der Beginn des 22. Psalms. Jesu Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlasen?“. Dieser Vers steht morgen im Zentrum unseres Nachdenkens.

Heute nun also: „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Warum sind denn die letzten Worte Jesu für uns so bedeutend? Warum sind überhaupt letzte Worte bedeutend? Martin Luthers: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ Oder Dietrich Bonhoeffers: „Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens!“

Letzte Worte sind ehrliche Worte. Oder sie sollten es zumindest sein. Am Ende des Lebens gibt es doch eigentlich keinen Raum mehr, sich und anderen etwas vorzumachen. Wann, wenn nicht auf der Schwelle des Todes, sollen unsere Worte denn wahrhaftig werden? Wann, wenn nicht an der Schwelle des Todes, müssen wir uns dem stellen, was hinter uns liegt. Und dem, worauf wir zugehen.

Dennoch: Es bleiben verschiedene Möglichkeiten, sich diesem letzten Moment zu stellen. Es kann ein letztes Aufbegehren sein, ein letzter Widerspruch gegen einen Weg, den ich eigentlich nicht gehen will. Es kann ein letzter verächtlicher Blick sein auf die, die zurückbleiben. Auf die womöglich auch, die mit schuld sind daran, dass ein Mensch sterben muss. Es kann auch ein letztes Nicht-wahr-haben-wollen sein. Ein letzter vergeblicher Versuch, davonzulaufen, wo längst kein Entfliehen mehr möglich ist.

Es bleibt uns aber auch der Weg, den Jesus uns hier vorzeichnet. Den Weg des absoluten Vertrauens. Den Weg des letzten Abgeben-Könnens im Leben. Des entscheidenden Abgeben-Könnens. Was soll denn sonst bleiben, wenn wir unser Leben endgültig nicht mehr selber in den Händen haben.

Jesus macht uns hier ein Doppeltes vor: Er stellt uns sein unbedingtes Vertrauen auf Gott vor Augen. Eine letzte Einwilligung, den Weg zu gehen, den er jetzt gehen muss. Aber er formuliert diese Einwilligung nicht mit eigenen Worten. Irgendwann haben wir keine Worte mehr. Schon gar, wenn es darum geht, sich der Unbegreiflichkeit des Todes zu stellen. Und damit auch der Unbeschreiblichkeit Gottes.

Auch Jesus bedient sich hier der Worte anderer. Er macht auch in dieser Hinsicht ernst mit der Menschwerdung. Jesus bedient sich der Worte des Gebetsbuches seines jüdischen Volkes. Des Buches der Psalmen. Gut, wenn wir einen Vorrat an Worten mit uns führen, aus dem wir schöpfen können, wenn wir selber keine Worte mehr haben.

Die Vorratskammer der Menschen sind in dieser Hinsicht heute meistens nicht mehr sehr dicht gefüllt. Oder es befindet sich viel an Spreu in diesen Vorratskammern. Und wenig von dem, das uns nährt, wenn wir darauf angewiesen sind. Was uns heute eher abgeht, und womöglich noch mehr unseren Kindern, das sind Bibelworte. Liedverse, Katechismusstücke.

Wir können heute alles aus dem Internet abrufen. Aber wenn es auf’s Ganze geht, wenn wir „zu Tode gefordert sind“ wie Martin Luther in seiner ersten Invocavit-Predigt sagt, dann nützt es wenig, wenn uns ein anderer seine Worte ins Ohr schreit oder auf den Bildschirm projiziert – dann muss das, was uns trägt und nährt, von innen kommen.

Der Jude Jesus aus Nazareth verfügte über diesen Schatz der Frommen, wenn ich das einmal so sagen darf. Er kannte die Texte seiner Bibel. Er liebte die Worte vor allem des Zweiten Jesaja. Und er lebte mit den Psalmen.

Die Psalmen sind ein Lebensbuch. Auch noch am Ende. „Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Da ist alles enthalten, worauf es ankommt. Die innige Gottesbeziehung: Vater. Abba, lieber Vater übersetzt Luther eine andere Stelle. In den Händen dieses Vaters weiß sich der Psalmbeter geborgen. In die Hände dieses Vaters übergibt Jesus sein Leben an dieser entscheidenden Stelle.

Wem Gott seinen Geist einhaucht, der erwacht zum Leben – wie Adam. Geist meint hier das Ganze seiner Existenz. Nicht nur den Ort des Verstandes und der Vernunft. Wer seinen Geist aushaucht, gibt sich in Gänze auf – oder gibt sich in die Hände Gottes. So wie der, dessen letzte Worte wie bedenken in diesen Tagen. Jesus aus Nazareth. Jesus, den wir als den Christus Gottes bekennen.

Er war genau darin ganz Mensch, dass er sich ganz auf Gott verlassen hat. Und ganz Gott, weil Gottes Gegenwart durch ihn und in ihm sichtbar wurde. Der Mensch, der sich radikal auf die Seiten der Menschen stellt. Der Sohn, der sein Sein im Vater gründet. Der seinen Geist in Gottes Hände befiehlt. Der seinen Geist aushaucht. Und der durch Gottes Geist sein Leben dem Tode entreißt. Für immer.

„Vater, in Deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Wie befreiend, wenn wir den Weg fänden, dies nachsprechen zu können. Auch an der Schwelle zum Tod. Genauer noch: An der Schwelle zum Leben ohne Ende. Bei Gott. Wie gut, wenn wir in dieser Woche ein Stück näher an dieses Ziel herankommen., unseren Geist in Gottes Hände zu legen.. Sogar jetzt. Mitten im Leben.



16. März 2011: Bedürftigkeit aushalten lernen

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

„Mich dürstet.“


Sieben Worte Jesu am Kreuz sind uns überliefert. Wir haben aber nur an fünf Vormittagen Gelegenheit, über diese Worte Jesu nachzudenken. An zwei Tagen habe ich dabei zwei Worte zusammengebunden.

Heute ist einer der beiden Tage. „Bedürftigkeit aushalten lernen“. Mir diesem Thema habe ich eine Brücke gefunden, die die beiden Worte dieses Vormittags zusammengebunden. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und: „Mich dürstet.“

Ich will den Blick zuerst auf das zweite, das kleine Wort lenken. Mich dürstet. Jesus hat Durst. Nicht zum ersten Mal wird davon in der Bibel berichtet. Im vierten Kapitel des Johannes-Evangeliums trifft Jesus die samaritanische Frau am Jakobsbrunnen: „Gib mir zu trinken“, bittet Jesus die Frau. Wir alle kennen diese Geschichte. Diese Frau ist auf ihre Weise ebenfalls bedürftig. Durstig. Lebensdurstig. Wasser des Lebens sagt Jesus ihr zu. Wasser, das ihren Durst nach Leben stillt.

Jesus hat Durst. Wahrer Mensch bis zuletzt. Verletzlich. Müde. Und eben auch durstig. Der Durst markiert eine zentrale Bedürftigkeit des Menschen. Mehr noch als der Hunger. Durst können wir auf Dauer nicht aushalten.

Jesus bekommt Essig zu trinken. Nicht so köstlich wie der Wein beim vorausgegangenen Abendmahl. Der aus dem Schwamm gesogenen Essig leidet den Tod Jesu ein. Mensch, wahrer Mensch bis zuletzt. Bedürftig an dem Urelement des Lebens.

Bedürftigkeit nach dem Urelement des Lebens signalisiert Jesus auch mit dem anderen, dem großen Wort: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Erneut ein Psalmwort. Erneut ein geprägter Text aus dem Liederbuch seiner jüdischen Mutterreligion. Jesus ist gottesbedürftig. Erstaunlich bei einem, den wir nicht nur als wahren Menschen, sondern eben auch als wahren Gott bekennen.

Aber mehr noch als in seinem Durst kommt hier das Menschsein Jesu zum Tragen. Nicht mehr:“ Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“, wie bei seiner Taufe. Auch dort hat sich Jesus in die Rehe der wasserbedürftigen Menschen gestellt. Er erwies sich als taufwasserbedürftig.

Hier stellt sich Jesus noch einmal in die Reihe der Menschen. In die Reihe der Menschen, denen ihr Gott abhanden kommt. Hier stellt sich Jesus in unsere Reihe. Die Gottesfinsternis ist eine Urerfahrung jedes Gottesglaubens. Nur wenn wir Gott gefunden haben, laufen wir Gefahr, ihn auch wieder zu verlieren.

Die Begegnung mit Gott – sie kann sich auch in der Begegnung mit der Leerstelle Gott ereignen. Im Durst nach dem verloren gegangenen Gott. Der Beter des 22. Psalms gibt aber in der Erfahrung der Gottesferne seinen Gottesgauben gerade nicht auf. Er wendet sich nicht ab. Er wendet sich dem sich scheinbar abwesenden Gott zu.

„Mein Gott, mein Gott“ – wer so rufen kann, gibt Gott nicht verloren. Weil Gott den nicht verloren gibt, der so betet. Weil Gott uns nicht verloren gibt. Wo die eigenen Worte fehlen, bergen uns die Worte anderer. Wie die des Psalms. Es ist kein Zeichen geistlicher Schwäche, sich im Gebet der Worte anderer zu bedienen. Wir müssen nicht frömmer sein wollen als Jesus es war.

Das Psalmgebet auf seinen Lippen leiht auch uns bisweilen die Worte. Es müssen nicht die Psalmen sein. Die Bibel hat da noch einiges mehr zu bieten. Und nicht nur sie. Es können auch Liedstrophen sein, die sich in uns eingebrannt haben. Es können Textfragmente sein. Wortfetzen. Gedichte. Es gibt unzählige „Verweltlichungen“ biblischer Gedanken. Wir könnten auch sagen Inkarnationen.

Und manchmal entdecken wir den verloren geglaubten Gott an einem Ort, wo wir am wenigsten damit gerechnet haben. Manchmal lässt Gott sich sogar im Tod entdecken.

Bei Jesus war das so. Die Zeichen der Gottverlassenheit schienen den Sieg davonzutragen. Aber am Ende gibt Gott uns den Fest-Wein des Ostermorgens zu trinken. Voller Leben. Jedes Mal neu, wenn wir der Einladung an den Tisch des Herrn folgen. Und vom Kelch des Heils trinken.

„Mich dürstet!“ Wenn wir das sagen, müssen wir auch sagen wonach es uns gelüstet. Nach Leben, das mehr ist als kurzfristige Bedürfnisbefriedigung. Nach dem, was Leib und Seele gut tut. Und wenn es Essig ist, den man uns zu trinken gibt, muss das nicht nur von Übel sein. Es stärkt die Sehnsucht nach dem, was unserer Durst nach Leben nachhaltig zu stillen vermag.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wenn uns nach dieser Klage zumut ist, wird Gott sich nicht beckmesserisch und überheblich daneben stellen und sagen: Du darfst so nicht über mich reden. Du hast womöglich nur nicht richtig gesucht.

Aufsteigen kann in uns vielmehr die Einsicht, dass wir dabei in guter Gesellschaft sind. Weil die Gegenwart Gottes sich auch in seiner Verborgenheit erweisen kann. Und weil Gott uns unsere vergebliche Suche nicht zum Vorwurf macht. Sondern mit uns aushalten hilft. Und durchhalten. Wenn Gott uns in der Gottesverdunklung ganz zu entschwinden droht. Wenn uns nur noch der Glauben der anderen hilft.

Bedürftigkeit aushalten lernen – die nach dem, was unseren Durst stillt. Die nach Leben, das getragen ist und sich lohnt. Und die Bedürftigkeit nach Gott, die unserem Glauben seinen Rhythmus gibt. Den Rhythmus des Lebens.



17. März 2011: Einen neuen Platz zugewiesen bekommen

„Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

„Frau, siehe, das ist dein Sohn!“ und: „Siehe, das ist deine Mutter.“


Über das Thema Platzanweisung möchte ich heute Vormittag mit ihnen nachdenken. Vielmehr noch über die Veränderung vertrauter Plätze. Einen neune Platz zugewiesen bekommen. Darum soll es jetzt gehen.

Erneut habe ich heute zwei der Worte Jesu am Kreuz zueinander in Beziehung gesetzt. Zwei Worte, die anscheinend wenig miteinander zu tun haben. Und die doch Nähe zueinander aufweisen.

Zum einen der Satz: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Zwei Menschen werden mit Jesus ans Kreuz gehängt. Jesus auch hier Mensch unter Menschen. Zwei Menschen, die für zwei Wege stehen, mit dieser entscheidenden Lebenssituation umzugehen.

Einer, der auch in dieser Situation nicht den Weg zur Einsicht findet. Einer, der sich nicht durchringt zu sagen: „Ich war’s!“ Einer, der in seiner Entscheidung gefangen bleibt. Und Jesus Vorwürfe macht. „Wenn du Gottes Sohn bist, dann ist jetzt deine letzte Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen.“ Einer, der nicht ahnt, worauf es jetzt ankommt.

Aber da gibt es auch noch einen anderen Weg. Das ist der Weg, für den sich der zweite Mitgekeuzigte entscheidet. Er findet den Ausweg. Gewissermaßen in letzter Minute. Aber nicht zu spät. „Denke an mich, wenn du an den Ort kommst, der mir verwehrt bleibt. Ich habe nichts mehr zu hoffen, es sei denn, ich kann mich an deinen Hoffnungen festhalten.

Wir wissen alle: Er täuscht sich nicht. „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein. Heute hat sich deine Kehrtwendung für dich als Rettung erwiesen.“ Er bekommt einen neuen Platz angewiesen. Nicht mehr unter seinesgleichen. Bleibt zurecht nicht länger ausgeschlossen aus einer Zukunft mit Gott.

Er hat Zukunft. In der Zukunft desjenigen, der ihm den Weg zeigt. Der für ihn zum Weg wird. Er hat den Platzwechsel vollzogen. Hin zur Menschlichkeit. Hin auf die Seite dessen, dessen Verbrechen es war, nichts anderes sein zu wollen, als ein Mensch. Und gerade darin Platzhalter Gottes unter uns.

Es gibt einen zweiten Platzwechsel unter dem Kreuz. Ein Platzwechsel in Form eines Beziehungswechsels. Beziehungen werden verändert. Werden neu geknüpft. Es ist der Gekreuzigte selber, der diesen Platzwechsel anordnet. Der Beziehungen neu definiert.

„Siehe, das ist dein Sohn“, sagt Jesus zu seiner Mutter. Und deutet auf den Jünger, der ihm besonders ans Herz gewachsen ist. „Siehe, das ist dein Mutter“, sagt Jesus. Und stellt den Jünger mitten hinein in ein neues Lebensverhältnis. So erweist sich Jesus als der, der Verantwortung übernimmt. Bis zuletzt.

Fragen steigen in mit auf. Ob das so einfach geht? Beziehungen müssen doch wachsen, sage ich mir. Zwischen denen, um die es geht. Beziehungen können doch nicht angeordnet werden. Ich frage mich weiter: Wird da nicht auch einer privilegiert? Muss Jesus denn einen Lieblingsjünger haben.

Es ist auf alle Fälle eine ehrliche Aussage. Eine, die das wahre Menschsein Jesu aufleuchten lässt. Auch für den Prediger der Feindesliebe gibt es Menschen, die sind ihm mehr ans Herz gewachsen als andere. Feindesliebe heißt nicht, Emotionen zu unterdrücken. Feindesliebe und Nächstenliebe meinen beide, uns unserer Emotionen gewahr zu werden. Und ihnen Grenzen zu setzen.

Maria und der Lieblingsjünger können sich gegenseitig den nicht ersetzen, der kurz darauf sein Leben aushaucht. Aber sie müssen an ihren alten Plätzen nicht erstarren. Bleiben offen für neue Wendungen des Lebens. Bleiben offen für neue Menschen. Und für neue Beziehungen.

In diesen Tagen steigen bei Still-Sitzen viele Gedanken in uns auf. Stehen und Beziehungen vor Augen. Gelingende und vom Zerbrechen gekennzeichnete. Solche, die uns gut tun. Und solche, die uns belasten. Beziehungen sind nie etwas Statisches. Beziehungen beschreiben Leben im Wandel. Muten uns immer wieder einen Platzwechsel zu. Aber nie die völlige Heimatlosigkeit.

„Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Selbst der radikalste Platzwechsel mutet uns nicht mehr zu als die Rückkehr an den Ort, von dem wir einst ausgegangen sind. Die Rückkehr in die Nähe Gottes.

Es sind sehr unterschiedliche Platzwechsel, die mit den beiden Worten vom Kreuz heute im Mittelpunkt stehen sollen. Auf der einen Seite der radikale Wechsel der Lebensdeutung beim einen der beiden Verbrecher am Kreuz. Im Angesicht Jesu kann er sein Leben zwar nicht im Rückblick ändern. Aber er kann seine Perspektive wandeln. „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“

Bei Maria und dem Lieblingsjünger ist es ebenfalls ein radikaler Wechsel. Der beruht auf der Offenheit, nicht sich, sondern einen anderen Menschen neu sehen zu lernen.

Beide Platzwechsel sind darauf angewiesen, dass einer uns die neue Sichtweise ermöglicht. Und uns spiegelt. Die beiden Worte Jesu am Kreuz sind Wegmarkierungen zu neuen Orten. Und sie ermöglichen Hoffnung auf Leben sogar im Angesicht des Todes.

Der kleine Platzwechsel unter dem Kreuz bereitet schon auf den großen Platzwechsel des Ostermorgens vor. Wenn der Tod seinen Platz räumen muss. Und dem Leben zum Durchbrich zu verhelfen.

Heute noch können auch wir dem Paradies nahe sein. Heute noch kann uns das Leben überrumpeln und überraschen. Etwas Schöneres kann es doch überhaupt nicht geben.



18. März 2011: Mit anderen Augen gesehen werden

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“

Ein starker Satz ist das. Und ein höchst irritierender dazu. Ein Satz, den ich nur dann wirklich verstehe, wenn ich mir die Augen öffnen lasse, damit ich fähig bin, die Welt und die Menschen um mich herum, mit anderen Augen zu sehen.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Warum irritiert mich dieser Satz? Er irritiert mich deshalb, weil ich mir sehr sicher bin, dass sie sehr wohl gewusst haben, was sie tun. Weil auch wir in der Regel wissen, was wir tun. Weil auch ich doch meist weiß, was ich tue.

Will Jesus mildernde Umstände erreichen für die, die ihm ans Leben gehen? Einige der modernen Hirnforscher würden Jesus Recht geben. Der Mensch hat keinen freien Willen, sagen sie. Er handelt so, weil sein Gehirn ihm sein Handeln vorschreibt. Wir wissen also wirklich nicht, was wir tun. Wir Menschen heute. Und die Helfershelfer der Mächtigen vor 2000 Jahren. Als Handlanger des Todes erweisen wir uns allesamt. Damals und heute. Die Ereignisse in Japan führen uns das gerade in dieser Woche eindrücklich vor Augen.

Wo bleibt die Verantwortung derer, die Jesus an Kreuz gebracht haben, wenn sie nicht gewusst haben, was sie tun? Wo bleibt unsere Verantwortung, wenn wir es auch nicht wissen?

Ich glaube, die Antwort ist viel einfacher. Und sie ist auch ohne Neurobiologen und Hirnforscher zu finden. Wir wissen nicht, was wir tun, weil wir nicht bei dem bleiben, was wir nach Gottes Willen sein sollen. Kein Mensch wird von vornherein zum Töten geboren. Auch nicht zum Bösen. Heute nicht. Und damals nicht. Aber längst nicht immer gelingt es uns, wirklich das Leben zu leben, das uns zugedacht ist. Mutter Theresa wird der Satz zugeschrieben: „Viel Kälte ist unter den Menschen, weil wir uns nicht so herzlich geben, wie wir sind.“

Darauf also könnte dieses Wort Jesu am Kreuz zielen. Es ist kein Wort der Entschuldigung. Auch keines der Entschuldung. Es ist vielmehr eines der Klarstellung.

Schuld bleibt. Und damit auch Verantwortung. Sonst würde diesem Jesus-Wort am Kreuz keine Bitte um Vergebung vorausgehen.

Die Bitte, die Jesus an seinen Vater richtet, ist das andere, das irritiert. Mehr als einmal berichten die Evangelien, dass Jesus einem Menschen zuspricht: „Dir sind deine Sünden vergeben.“ Der Gekreuzigte versagt sich diesen Satz. Er wendet sich an seinen Vater. Warum tut er dies? Um Schaden von den Schergen anzuwenden? Um mit der Menschwerdung bis ans Ende radikal Ernst zu machen? Im Philipper-Hymnus heißt es: „Er verzichtet darauf, seine Göttlichkeit festzuhalten wie ein Räuber seine Beute. Stattdessen nimmt er die Gestalt eines Knechtes an.“

Wir wissen nicht, warum Jesus sich auf diese Weise an seinen Vater wendet. Wir müssen es auch nicht wissen. Viel wichtiger ist es, wenn wir den Blick, den Jesus auf seine Peiniger richtet, auch zu unserem machen können. Viel wichtiger ist es, wenn wir das auch vermögen: Einen Menschen so sehen, wie Gott ihn gemeint hat. Einen Menschen nicht nach seiner Ansicht beurteilen, sondern nach seiner Aussicht.

Eine kleine Geschichte kann illustrieren, was ich meine: Der bekannte Wiener Künstler Gustav Klimt sollte einmal ein Portrait der Baronin Sonja von Knips erstellen. Die Baronin war keine Schönheit. Aber Klimt malte sie so, als sei sie eine solche. Als der Künstler die Baronin einige Jahre später wieder besucht, bleibt ihm eine Überraschung nicht erspart. Die Baronin hatte sich im tagtäglichen Betrachten seines Bildes diesem immer mehr angenähert. Sie war zu der Frau geworden, die Klimt im Bild aus ihr herausgeahnt hatte. Die in ihr liegenden Möglichkeiten waren zur Wirklichkeit geworden. (Sich entscheiden, Kalender 7 Wochen ohne 2009, edition chrismon, Hamburg 2009)

Genau das ist gemeint mit der Aufforderung, wir sollten unsere Mitmenschen so sehen, wie Gott sie gemeint hat. Wir sollten unsere Mitmenschen nicht nach ihrer Ansicht bei uns beurteilen, sondern nach ihrer Aussicht bei Gott. Und unsere Aussicht ist die, dass wir als Gerechtgesprochene vor Gott stehen. Dies gilt für uns genau wie für die Schächer.

Bei Martin Luther können wir – sinngemäß - die schönen Sätze lesen: „Gott liebt uns nicht, weil wir schön sind. Vielmehr sind wir schön, weil Gott uns liebt.“ Genauso verhält es sich mit der Vergebungsbitte Jesu: Es geht nicht um Vergebung für die Schergen, weil ihr Vergehen nicht so schwer wiegt. Nein: Sie erhalten Vergebung zugesprochen bekommen, weil Jesus sie noch mit anderen Augen zu sehen vermag als denen, die sie als Täter öffentlich machen.

„Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Wer so spricht, ist offen für den neuen Blick auf die alte Wirklichkeit. Und fängt so an, die Wirklichkeit zu verändern.

Wenn wir in der Stille sitzen, drängen sich vor unserem inneren Auge womöglich immer wieder Menschen und Situationen in unsere Stille hinein. Menschen, die manchmal auch mit dazu beitragen, uns unser Leben schwer zu machen. Situationen, die für uns immer noch nicht abgeschlossen sind. Vielleicht gelingt es uns, den neuen Blick zu üben. Zu übern, sie anders zu sehen. Das wäre ein Anfang, der nicht ohne Folgen bleibt. Und es wäre im Sinne dessen, dessen letzte Worte wir bedenken in diesen Tagen.



19. März 2011: Das Wesentliche getan haben

„Es ist vollbracht!“

Aus und vorbei.

Schluss endlich! Jetzt.

Und ein für alle Mal.

Was einst begonnen hat in einem Stall,

sich auszubreiten schien

auch jenseits aller Grenzen,

die Botschaft, dass die Fernen auch dazugehören.

Und dass die Amen eine Perspektive haben.

Dass Kranke Hoffnung finden und genesen.

Und dass das Reich der Himmel gegenwärtig sei -

Das scheitert alles an der Wirklichkeit.

vorbei ist, was die Erde neu gemacht.

Es ist vollbracht!

Die noch das Sagen haben,

seh’n nicht länger zu,

wie man, wofür sie steh’n

aus ihren Händen nimmt.

Wie Gottes Gegenwart in viele Hände fällt.

Wie heil’ge Orte der Kontroll’ entrinnen.

Und wie der Gottesglaube auf den Weg sich macht

hin zu den Menschen.

Und wie vertraute Hierarchien zu wanken scheinen.

Sie setzten ihre Pläne klug ins Werk,

den einen brechen sie heraus aus seiner Freunde Schar.

Und machen so dem Spuk ein Ende.

Für sie ein leichtes Spiel –

das wäre doch gelacht:

Es ist vollbracht!

In Unschuld wäscht der Statthalter die Hände,

lässt nicht beirren sich von schlechten Träumen,

die seine Frau ihm kreideweiß gebeichtet.

Muss tun, was jetzt zu tun ist,

will den Frieden wahren.

Gibt den frei, der dem Kaiser

doch längst nicht mehr gefährlich werden kann

Und gibt den dran,

der ernsthaft durchaus nicht bestreitet,

dass ihm selbst auch ein Königtum zu eigen.

Pilatus weiß, dass manchmal keine Wahl ihm bleibt

Um zu entscheiden, was kein Mensch ersehnt.

Und in der Politik sind Freunde immer rar.

So wie die Wahrheit, nach der er wenig fragt.

Auch wenn die Frage „Was ist Wahrheit?“

wir immer noch bis heut’ mit ihm verbinden.

Und so wagt er den Irrtum seines Lebens.

Vergeblich traut er seiner Herrschermacht.

Es ist vollbracht!

Nicht erst an Ostern

Kommt der Weg zum Ziel,

den er als Mensch sich auferlegt

bis hin zum letzten Atem.

Menschwerdung endet hier im Tod.

Der Weg des Logos in die dunkle Welt

Ist angelangt am Tiefpunkt,

Schreibt Johannes.

Er wartet nicht, bis weiße Linnen

die man im leeren Grab gefunden

zum Zeichen werden,

für den Sieg des Lebens-

Dass Ostern wird, ist Gottes Werk allein.

Was der tat,

der mit Freunden durch die Lande zog

und häufig nicht einmal am Abend wusste,

wo er zur Nacht ein Lager fände,

das ist vorbei,

seit er den letzten Atemzug gemacht.

Es ist vollbracht!

Aus und vorbei.

Und keinen gibt es,

der noch einen Cent auf den gesetzt,

um den es jetzt geschehen.

Und alle laufen auseinander.

Nur heimlich treffen sie sich noch im alten Kreis,

um zu erzählen, wie es mit ihm war.

Da reißt die Botschaft sie aus ihrer Lethargie:

„Er lebt! Wir haben ihn gesehen!“

Und keinen lässt die Gute Nachricht los.

Er lebt. Der Tod hat ausgespielt.

Und hell erstrahlt der Ostermorgen

nach jener dunklen Nacht:

Es ist vollbracht!

Vollbracht – und dabei ging doch jetzt erst alles los.

Die vorher lieber schwiegen,

die fangen an zu reden.

Die Fischer, denen eben erst der Mut gesunken war.

Die Frauen, die so sehr auf diesen Jesus bauten.

Sie alle brechen jetzt ihr Schweigen.

Und ihre Zahl wird größer.

Es werden immer mehr.

Wie Feuer brennt’s den Menschen in den Herzen.

Und alle Grenzen fallen jäh in sich zusammen.

Die Fernen werden nah.

Die Nahen fern.

Der nicht im Grabe geblieben war,

bleibt gegenwärtig.

Und lässt auf’s Neue alle Throne wanken.

Dass er bis heute unter uns lebendig,

das hätte damals keiner je gedacht.

Es ist vollbracht!

An uns ist’s nun,

ihm Herz und Sinn zu öffnen.

Mit ihm zu rechnen, wo sonst die Richtung fehlt.

Nach Gott zu fragen.

Und dann ihn zu finden,

der Mensch war bis zum Tod,

uns dadurch nah.

Wer Gott im Spiel des Lebens will entdecken,

der stößt auf den,

den man zum Schweigen brachte.

Sein Schweigen war beredt:

Ein großes Ja, das Gott zum Leben sagt.

Und zu uns allen.

Es war sein Weg vom Stall zum Kreuz

und dann vom Kreuz ins Leben

durch den Gott Unerhörtes für uns möglich macht:

Es ist vollbracht!


Traugott Schächtele

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