PREDIGT ÜBER GENESIS 22,1-13
AM SONNTAG, DEN 10.APRIL 2011 (JUDIKA)
IM MELANCHTHONHAUS IN SCHWETZINGEN


Menschen können Irren, liebe Gemeinde. Und manchmal hat ein Irrtum verhängnisvolle Folgen. Führt zum Scheitern. Manchmal bewahrt ein Irrtum auch vor noch größerem Schaden. Und eröffnet uns eine ganz neue Perspektive. Einen neuen Weg ins Leben.

Wie Irren und Scheitern zusammengehören. Und wie daraus womöglich Gutes entstehen kann, darum soll es in der heutigen Predigt gehen. Der, der dabei im Mittelpunkt steht, das ist Abraham.

Abraham, das wissen sie, ist eine zentrale Figur gleich für drei Religionen. Nicht nur für das Christentum. Sondern auch für das Judentum. Und für den Islam. Was bewundern gleich drei Religionen an diesem Abraham? Sie bewundern seinen Glauben. Halten ihn für vorbildlich. Und das vor allem wegen der Geschichte, um die es in der heutigen Predigt geht.

Sarah, die Frau Abrahams, hat im hohen Alter noch ein Kind geboren. Den Isaak. Er soll der Stammvater eines großen Volkes werden. Dies hat Gott den beiden Alten, Abraham und Sarah versprochen. Nachkommen soll er haben so zahlreich wie die Sterne am Himmel. Wie der Sand am Meer. Eigentlich könnte Abraham jetzt aufatmen. Jetzt ist er am Ziel seines Lebens. Doch da passiert folgendes:

Ich lese aus der Genesis, dem 1. Buch Mose, Verse aus Kapitel 22:

Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich. Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.

Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.


Schon der erste Satz reizt zum Widerspruch: Gott versucht den Abraham. Stellt ihn auf die Probe. Will seinen Glauben austesten. Eine Närrin und Narr, wer diesem Gottesbild Glauben schenken will. Dieser Vorstellung, Gott habe sich darauf verlegt, den Glauben der Menschen einem Stresstest zu unteziehen. Wie man das derzeit mit den Banken macht. Oder mit dem Projekt Stuttgart 21.

Ich will mir das gar nicht erst vorstellen: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast und opfere ihn zum Brandopfer auf einem Berg, den ich dir zeigen werde.“ Und dies, nachdem Isaak nun ja gerade derjenige ist, über den die Hoffnungslinie in die Zukunft verlaufen soll. Ich kann es und will es einfach nicht glauben, hier Gott am Werk zu sehen. Zumindest nicht so.

Fremd bleibt mir dieser Gott. Fremd bleibt mir aber auch dieser Abraham, der nicht einmal den Mund aufmacht, um nur ein einziges Wort des Widerspruchs zu formulieren. Kein: „Mein Vater, wenn’s möglich ist, lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Kein Versuch, mit diesem Gott zumindest noch einmal ins Gespräch zu kommen. Mit ihm zu rechten.

Nein, Abraham macht sich auf den Weg. Einfach so. „Und gingen die beiden miteinander“. Gleich zweimal wird so lapidar von diesem schweren, ja unglaublichen Gang berichtet. „Und gingen die beiden miteinander.“

Fremd bleibt mir auch dieser Isaak. Lässt sich auf’s Holz binden. Ohne irgend eine Form des Widerstand zu riskieren. Kein Versuch des Entrinnens. Kein Zweifel am rechten Handeln seines Vaters. Wie könnte dieser Isaak Gott zukünftig noch seinen Vater nennen, wenn schon sein leiblicher Vater ihm diese Prüfung nicht erspart. „Da reckte er seine Hand aus und fasste das Messer ...“ Weiter will ich den Satz gar nicht wiederholen.

Was bleibt, ist Unverständnis. Ist Zorn. Ist die Weigerung, dieser Geschichte theologisch noch einen Sinn abzuringen. Zumindest nicht fahrlässig und vorschnell. Schließlich kennen wir die Geschichte von ihrem Ende her. Sind wir als Christinnen und Christen nachträglich sogar mit aufgenommen in diese Kette von Hoffnungsgeschichten Gottes mit seinem Volk. Sind wir - mit den Worten des Paulus gesprochen - aufgepfropft in den Ölbaum derer, deren Ur-Eltern Abraham und Sarah sind. Wir kennen die Geschichte nur aus der Perspektive des Happyends. Das reduziert unsere Abwehrhaltung. Aber den Skandal dieser Geschichte kann das nicht aus der Welt schaffen.

Wege haben wir uns ersonnen, diese Geschichte abzuschleifen. Sie erträglicher zu machen. Indem wir sie distanziert zu erklären suchen. Sie stehe am Übergang vom Menschenopfer zum Tieropfer, sagen die Religionswissenschaftler. Dies macht die Sache aber auch nicht besser. Ich halte die Geschichte für einen Irrtum. Einen Irrtum, der die Katastrophe und das Scheitern nur noch knapp abwenden kann.

Aber es ist nicht der einzige Irrtum, wen es um Abraham geht. Da irrt zum Beispiel auch Martin Luther. Für Luther ist ja der Glaube ganz zentral. Und das Vorbild der Glaubenden, das ist ja auch für ihn Abraham. Und darum übersetzt Luther Römer 3,28: „Wir sind davon überzeugt, dass der Mensch gerecht wird nicht durch die Werke des Gesetzes. Sondern allein durch den Glauben.“ Allein steht da aber nicht. Dieses Wort hat Luther als Übersetzer eingefügt. Weil er übersehen hat oder weil er nicht sehen konnte oder wollte, worum es dem Paulus ging. Dazu gleich.

Luther litt unter dem Zweifel, ob er es mit seinem Leben Gott wirklich recht macht. Ob Gott mit ihm zufrieden sein kann. Oder in seiner Sprache: Ob er vor Gott gerechtfertigt ist. Und weil keine religiöse Anstrengung ausreicht, um wirklich sicher zu sein, hat er den Glauben als seinen Ausweg entdeckt. Wir sind nicht gerecht, weil wir recht handeln. Gerecht sind wir, weil Gott uns seine Annahme zusichert. Weil Gott uns gerecht spricht. Ohne dass wir Gott mit unserer religiöser Leistung überzeugen müssen. Gerecht werden wir durch unseren Glauben. So wie Abraham.

Aber eine Frage müssen wir uns schon stellen. Hat Abraham Gott nicht gerade durch sein Handeln überzeugen wollen? Durch die Bereitschaft, nicht einmal seinen Sohn zu verschonen? Hätte ein glaubender Abraham nicht ein Wort des Zweifels und der Klage an seinen Gott richten müssen?

Auf alle Fälle hat Luther sein Problem lösen können. Sein Restrisiko, seine letzte Unsicherheit, ob er Gott genügt. Luther setzt eine neue Lebenssicherheit dagegen. Allein durch den Glauben werden wir gerecht. Und gerettet.

Aber Paulus hat im Römerbrief etwas ganz anderes im Sinn. Ihm ging es um die Frage, wie diejenigen den Weg zu Gott finden, die nicht dem Judentum angehören. Die Menschen aus den Völkern. Aus den Heiden, wie Luther übersetzt. Für die Menschen jüdischen Glaubens gab es ja den Weg der Thora. Mussten nun alle zuerst Juden werden, um zu Gott zu finden?

Die theologisch revolutionäre Entdeckung des Paulus lautet: Nein, dieser Umweg ist nicht nötig. Der Glaube reicht aus. Von welchem Glauben spricht Paulus? Er spricht vom Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Das ist der Weg zu Gott. Für die Menschen, die nicht aus dem Judentum kommen.

Und auch Paulus beruft sich auf Abraham. Und auf dessen Glauben. Und irrt womöglich auch, weil er den schrecklichen Gehorsam dieser Geschichte, die Erzählung von der Beinahe-Opferung Isaaks für einen Ausdruck des Glaubens hält.

Womöglich ist Abraham selber diesem Irrtum erlegen. Hat wirklich gemeint, dass Gott diese schreckliche Tat von ihm will. Und hat fast das Scheitern seiner großen Zukunftshoffnung riskiert. Als er schweigt. Und gehorcht. Und geht.

Martin Luther, im Blick auf Abraham und seinen Glauben womöglich im Irrtum verfange. Genauso wie Paulus, auf den er sich beruft. Irrend womöglich Abraham selber. Zumindest hätte er doch irre werden müssen. Irre an einem Gott, der ihm diese schreckliche Tat zumutet.

Irrt hier womöglich Gott selber. Schießt Gott mit dem, was er Abraham zumutet, über das Ziel hinaus? Fast wage ich nicht diese Frage zu stellen. Irren ist menschlich, sagen wir schließlich. Also nicht göttlich Der Irrtum hat am Ende auf Seite des Abrahams gelegen. Und wir sind froh, dass sein Irrtum nicht das letzte Wort hat.

Denn wir können diese Geschichte nur von ihrem Ende her ertragen. Vom Anruf des Engels her. „Lege deine Hand nicht an den Knaben!“

Irrt am Ende also womöglich Gott, wenn er Abraham zumutet, das Leben seines Sohnes dran zu geben? Wir stehen derzeit ja mitten in der Passionszeit. Zwischen Judika und Psalmsonntag. In etwas mehr als eineinhalb Wochen gedenken wir wieder eines Menschen, der sein Leben drangegeben hat. Eines Menschen, von dem wir wieder sagen, sein Vater habe ihn nicht verschont. Gott selber also als Drahtzieher einer noch schrecklicheren Katastrophe. Weil da kein Widder aufindbar war. Weil der, der da in den Tod geht, uns schont. Damit wir unser Leben heil davon bringen.

Einer, der geopfert wird, für uns. Hat Gott am Ende also doch ein Opfer nötig? Dieses Mal ohne Happy ende wie bei Isaak. Braucht Gott am Ende zumindest dieses eine Opfer, um uns gegenüber wohl gesonnen, gnädig gestimmt zu werden? Und da wir Menschen eben nicht in der Lage sind, Gott ein würdiges Opfer darzubringen, opfert Gott sich gewissermaßen selber? Gibt sich dran als Menschgewordener?

Schwer nachvollziehbar. Und mit dem Gott der Liebe und dem Schöpfer dieser Welt doch kaum zu vereinbaren. Zumindest für mich nicht. Zu viele Opfer haben wir in dieser Welt zu beklagen: Kriegsopfer. Folteropfer. Opfer der Verhältnisse. Verkehrsopfer. Erst am vergangenen Freitag wieder acht solche Opfer im Sandsturm auf der Autobahn bei Rostock. Und jeden Tag neue Oper in den Ländern Nordafrikas und des Mittleren Ostens. Wo Menschen ihr Leben lassen, weil sie sich nach Freiheit sehnen.

Gott will, dass wir Menschen frei sind. Aber solche Opfer, da bin ich mir sicher, solche Opfer sind Gottes Sache nicht. Und sie helfen mitnichten, ihn gnädig zu stimmen. Solche Opfer machen Gott bestenfalls zornig. Zornig auf die, die sie verursachen. Dargebracht dem Gott Machterhalt. Dem Gott Erfolg. Dem Gott Kommerz. Wir müssen alles daran geben, damit die Opfer dieser unglückseligen Machart immer weniger werden.

Die Rede vom Opfer macht für mich Sinn nur in einem anderen Verständnis. Dann nämlich, wenn ich die befeiende und entlastende Erfahrung mache: Jemand tritt für mich ein, weil meine Kräfte nicht ausreichen. Oder weil er oder sie bereit ist, mehr einzubringen als andere. Oder mehr als ich es könnte. Und weil ich dafür keinen Preis zahlen muss. Solche Opfer sind ein Geschenk!

Er hat sich geopfert. Das sagen wir manchmal über einen Menschen. Und wir meinen damit: Er oder auch sie hat sich über alle Möglichkeiten hinaus eingesetzt. Hat die Sache anderer zur eigenen gemacht. Da ist einer, der hat unsere Zerrissenheit, die Bruchstückhaftigkeit, die Unvollkommenheit unseres Lebens zu seiner Sache gemacht. Und uns dadurch neue Lebensmöglichkeiten eröffnet hat.

Nur in diesem Sinn macht für mich auch die Rede vom Opfer Christ überhaupt einen Sinn. Gott tritt für uns ein. Gleichsam stellvertretend. Macht unsere Unmöglichkeiten dennoch zur Möglichkeit in seinen Augen. Solche Oper kommen manchmal daher im Gewand des scheinbaren Irrtums. Wie bei dem, der am Karfreitag sein Leben lässt. Aus und vorbei sein Eintreten für eine Welt, die so aussieht, wie Gott sie gemeint hat.

Ein Irrtum wäre es gewesen, hätte Gott dieses Opfer nicht ins Recht gesetzt. Hätte Gott am Ende nicht das Leben den Sieg davon tragen lassen. Bei Isaak. Vor allem aber bei dem, dessen Sieg über den Tod wir am Ostermorgen feiern. Gott setzt den Irrtum des Karfreitags ins Recht. Macht dem Scheitern den Garaus. Und bringt die Lieder des Lebens von neuem zum Erklingen.

Gott setzt diejenigen ins Recht, die zum Oper werden. Weil andere sie ihrer Würde und ihrer Freiheit berauben. Wie den Isaak. Wie den, in dem wir am Ostersonntagmorgen seine Gegenwart selber erkennen. Wie uns selber. Zwischen Scheitern und Erfolg. Zwischen Glück und Leid. Zwischen Leben und Tod.

Weil wir Gott mit unserem Leben nicht gleichgültig sind. Der heutige Predigtext ist nämlich einen Vers zu kurz. Direkt im Anschluss heißt es über die Stätte des Beinahe-Opfers:

Und Abraham nannte die Stätte »Gott sieht«. Daher man noch heute sagt: Auf dem Berge, da Gott sieht.

Gott sieht! Was für ein Name! Gott sieht, was uns zu schaffen macht und die Luft zum Atmen nehmen will. Gott sieht unsere Unvollkommenheit und unsere Zerbrechlichkeit, unser Leiden und unsere Verzweiflung. Und macht sie zu seiner eigenen.

Gott sieht – dieser kleine Satz wird zu Abrahams großem Bekenntnis. Gott sieht, wo Kräfte nach uns greifen, denen wir uns nicht gewachsen fühlen. Gott sieht.

Und Abraham kann am Ende nicht nur blind und ohne Widerspruch gehorchen. Abraham kann auch glauben. Er glaubt, dass Gottes Zusage Leben möglich macht. Gegen den Augenschein. Nicht selten gegen alle Vernunft. Aber nie gegen das Leben selber. In diesem großen Glauben Abrahams sind wir gut aufgehoben mit unserem kleinen Glauben.

Nein, nichts wird uns einfach erspart in diesem Glauben. Aber am Ende wartet nicht das Nichts. Nicht der Irrtum. Nicht das Scheitern. Und schon gar kein sinnloses Opfer. Weil Gott will, dass wir leben. Amen.


Traugott Schächtele

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