MORGENANDACHT ZU PSALM 104,24-28 BEI DER FRÜHJAHRSTAGUNG DER LANDESSYNODE
AM FREITAG, DEN 15. APRIL 2011
IN BAD HERRENALB


HERR, wie sind deine Werke so groß und viel!
Du hast sie alle weise geordnet,
und die Erde ist voll deiner Güter.
Da ist das Meer, das so groß und weit ist,
da wimmelt's ohne Zahl, große und kleine Tiere.
Dort ziehen Schiffe dahin; auch der Leviathan,
den du gemacht hast, um mit ihm zu spielen.
Es warten alle auf dich,
dass du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.
Wenn du ihnen gibst, so sammeln sie;
wenn du deine Hand auftust,
so werden sie mit Gutem gesättigt.


Liebe Schwestern und Brüder!

Plagiate sind „in“ in diesen Tagen. Die Chinesen beherrschen diese Kunst des Nachahmens meisterhaft. Wissenschaftler tun es. Auch ein Politiker ist vor einiger Zeit als Abschreiber enttarnt worden.

Plagiate gibt es auch in der Bibel. Matthäus und Lukas haben abgeschrieben. Vor allem bei ihrem Evangelistenkollegen Markus. Wir haben da wenig Mühe damit. Sie haben dieselben Quellen benutzt, sagen wir vornehm und verständnisvoll zugleich.

Oder wir sagen: Ein Brief ist vom anderen abhängig. Wie der Epheserbrief vom Kolosserbrief. Weil der Autor des Epheserbriefes die Botschaft des Kolosser bearbeitet und vertieft hat.

Bei den Evangelien und bei den beiden Briefen ist das nicht schlimm. Da waren Menschen am Werk, die denselben Glauben teilten. Denen es darum ging, die Botschaft Jesu weiterzugeben. Und deshalb sind auch Pfarrerinnen und Pfarrer froh, wenn sie gelegentlich bei einem Kollegen oder einer Kollegin eine gute Predigtidee finden.

Bei den Psalmversen, über die ich heute mit ihnen nachdenken will, ist das anders. Gravierend anders. Der 104. Psalm ist der schönste Schöpfungspsalm in Alten Testament. Die Schönheit der Schöpfung wird in wunderbaren Bildern beschrieben. Wir lesen vom Klippdachs und von jungen Löwen. Es geht um den Menschen und seine Arbeit. Und wir hören das wunderbare Lob des Schöpfers aus beinahe jeder Zeile hervor klingen. Der ganze Psalm ist ein beredtes Bekenntnis zu Gott, in dessen Schöpfung sich Gottes Schönheit selber widerspiegelt.

Aber auch dieser Psalm ist abgeschrieben. In wesentlichen Teilen. Gerade auch in den Versen, über die ich heute mit ihnen nachdenke. Abgeschrieben aber nicht bei einem anderen Psalmbeter Israels. Die Vorlage stammt aus einem ganz anderen Zusammenhang. Aus einer ganz anderen Religion. Und sie preist einen ganz anderen Gott!

Mehr als 800 Jahre älter ist dieses andere Lob des Schöpfers. Es gilt dem ägyptischen Sonnengott Aton. Verfasser ist vermutlich niemand anders als der Pharao Echnaton. Der Mann der schönen Nofrete, deren Büste sicher viele schon in Berlin gesehen haben.

Auch das Lied des Echnaton preist den Schöpfer, der alles so herrlich gemacht hat. Sein Lied beschreibt das Meer, voller Fische und anderer Tiere. Auch das Lebenselixier des Meeresdrachens. Des Leviathans. Und zugleich der Ort, auf dem die Schiffe andere Küsten erreichen können.

Auch das Lied des Echnaton beschreibt die Barmherzigkeit eines eines Schöpfers, der die Seinen mit Gutem satt macht. Aber sein Gott ist nicht derselbe Gott, den wir mit dem 104. Psalm preisen.

Das Lied des Echnaton muss durch die Jahrhunderte hindurch und über Grenzen hinweg bei den Menschen bekannt geblieben sein. In ihren Köpfen. Und in ihren Herzen. Ein Lied, so bekannt, dass ein unbekannter Psalmbeter keine Mühe hat, seinem Gott zuzuschreiben, was in Urzeiten ein Pharao für seinen Sonnengott in Anspruch nahm.

Bei aller Gemeinsamkeit: Unterschiede bleiben. Der wichtigste: Der Sonne kommt nicht mehr der Staus einer Gottheit zu. Die Sonne, der Mond und die anderen Gestirne, sie sind Schöpfungswerke Gottes. Leuchten, die Gott an den Himmel gesetzt hat.

Unterschiede bestehen aber auch zwischen diesem 104. Psalm und den biblischen Schöpfungsberichten. Der Mensch des 104. Psalms hat keinen göttlichen Auftrag mehr, sich die Erde untertan zu machen. Er ist Geschöpf unter Geschöpfen. Darin hat er seine Würde. Darin wird aber auch seine Begrenztheit offenkundig. Es sind eher die Tiere, denen die besondere Aufmerksamkeit des Psalmbeters gilt.

Was aber aus jeder Zeile neu hindurchschimmert: Es ist Gottes Zuwendung, von der die ganze Schöpfung lebt. Johannes Calvin schreibt in seiner Auslegung des 104. Psalms: „Status mundi in Dei laetitia fundatus est.“ +++ Der Bestand der Welt hat seinen Grund in der Freude Gottes.“ Der Psalm beschreibt Gott, wie er mit seiner Schöpfung spielt, sogar mit dem gefährlichen Leviathan. Der Leviathan, - er ist also gewissermaßen das Krokodil in der großen Badewanne des lieben Gottes.

Schöner kann man nicht beschreiben, dass die Schöpfung für Gott Spiel ist. Lebensspiel. Voller Anmut. Voll Leichtigkeit. Nicht einfach etwas, das Gott sich mühsam abringen muss. Nichts, wovon er sich am siebten Tag ausruht. Der 104. Psalm setzt noch einmal einen anderen Akzent: Er singt vom Spiel des Lebens, das seinen Ursprung hat im Schöpfungsspiel Gottes.

Bleibt ein letztes. Die Schöpfung – sie ist der gemeinsame Lebensgrund und der gemeinsame Lebensraum für alle und alles. Unabhängig von der Religion. Unabhängig von unserer Prägung. Unabhängig von unseren Werten und unserer Einstellung. Aber abhängig davon, dass wir pfleglich mit ihr umgehen. Wir Menschen kommen nicht ungeschoren davon, wenn wir der Schöpfung Gewalt antun. Dabei darf der Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung nicht an den Grenzen einer Religion enden.

Oder anders formuliert. Es gibt keine tragfähigere Brücke und kein notwendigeres Verbindungsstück zwischen den Menschen als die gemeinsame Verantwortung. Kein aussichtsreicherer Weg zur Gemeinsamkeit, als die gemeinsame Fürsorglichkeit für die ganze Schöpfung. Das war damals so, als ein Pharao über die Schöpfung ins Staunen geriet. Das war auch so, als ein Psalmsänger über seinen Schöpfergott in den höchsten Tönen ins Schwärmen kam.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir hinter dieses Staunen an der Schöpfung nicht zurückfallen. Und wenn wir zufrieden sind, Teil des großen Spieles der Schöpfung zu sein. Und uns dabei in Gottes Händen aufgehoben wissen. Amen.

+++ Zitiert nach Klaus Bäumlin, dem ich auch weitere Anregungen verdanke: http://www.bernermuenster.ch/sites/kg/predigten/95a62_Psalm104.pdf
Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn