PREDIGT ÜBER HEBRÄER 13, 7-9b; 14-16
GEHALTEN IM GOTTESDIENST AUS ANLASS DES 200.TODESTAGES VON GROßHERZOG KARL FRIEDRICH
(+ 10.6.1811)
AM 8. JUNI 2011IN DER STADTKIRCHE IN KARLSRUHE


Liebe Gemeinde!

Nichts macht den Menschen so sehr zum Menschen als die Fähigkeit, sich zu erinnern.

• Weil wir uns erinnern können, sind wir in der Lage, aus der Vergangenheit Konsequenzen zu ziehen und zu lernen.

• Weil wir uns erinnern, sind wir fähig, Erkenntnisse und Erfahrungen zu verknüpfen und so Wissenschaft zu betreiben.

• Weil wir uns erinnern, nehmen wir wahr, was einen Menschen liebenswert macht und sind selber in der Lage zu lieben.

• Weil wir uns erinnern, müssen wir Belastendes nicht verdrängen und sind fähig uns immer wieder zu vergeben. Die Fähigkeit zur Vergebung und zum Neuanfang ist wohl das, was den Menschen überhaupt erst wirklich zum Menschen macht.

Die Erinnerung ist es auch, die diesen heutigen Gottesdienst in besonderer Weise prägt. Die Erinnerung insbesondere an Großherzog Karl Friedrich.

Er ist nicht nur als ideal-typischer Vertreter eines aufgeklärten Absolutismus von Bedeutung. In unserer badische Landeskirche darf er getrost als einer der Väter jener Entwicklung erinnert werden, die der Union von lutherisch und reformiert Glaubenden den Weg bereitete . Als Karl Friedrich am 10. Juni 1811 starb, sollte es noch zehn weitere Jahre dauern, ehe sich die beiden evangelischen Konfessionen zu einen unierten Landeskirche zusammenschlossen.

Was aber in die über 65 Jahre dauernden Regierungszeit des ersten Großherzogs fiel, war die Erweiterung seines Territoriums und die seiner Untertanen auf fast das Zehnfache. Auf diesem Weg fiel ihm im Jahre 1771 die Verantwortung auch für die Gebiete der katholischen Baden-Badener Linie zu.

So stand er vor der Aufgabe, die evangelisch und die katholisch geprägten Teile der Markgrafschaft zusammenzuführen. Aus dieser ihm zugefallenen praktischen Verantwortung heraus wurde Karl Friedrich zu einem Gestalter der Ökumene aus politischer Vernunft. Selbst Papst Clemens XII. ließ sich damals zu einem Lob dieser auf Ausgleich ausgerichteten Politik verleiten. Insofern wurde der Verantwortung Karl Friedrichs der erst später vollendeten badischen Kirchen-Union schon wirksam vorgearbeitet. Nicht zuletzt dadurch, dass es bereits ab 1807 einen gemeinsamen Oberkirchenrat gab.

Seine politische Gestaltungsmöglichkeiten übte Karl Friedrich so aus, dass er in seinem Gewissen „niemand anderem als dem allgewaltigen Gott Rechenschaft“ geben wollte, wie er selber einmal formulierte. Die „Pflichten der Religion und der Tugend“, um ihn noch einmal zu zitieren, waren für ihn nicht zu trennen. Seine Frömmigkeit war lutherisch in pietistischer Einfärbung, zugleich verbunden mit reformiertem Zug, den Glauben ganz praktisch ins Leben zu ziehen.

Ich bin in meinem Leben den Auswirkungen dieser Art von politischer Frömmigkeit mehr als einmal begegnet. Als Kind, das im nördlichen Zipfel des Markgräfler Landes aufgewachsen ist. Und das die zwar unsichtbare, aber nach wie vor real wirksame Grenze zum erst ab 1806 badischen und vormals vorer-österreichischen Freiburg in vielfacher Hinsicht plastisch erlebte.

Begegnet bin ich dem Wirken Karl Friedrich als Pfarrer einer Gemeinde etwas südlich von hier gelegen, deren erste katholische Kirche sich der großherzoglichen religiösen Toleranz verdankt.

Begegnet bin ich der Geschichte des ersten Großherzogs als Dekan in Freiburg, der 2006 für die Planung und Durchführung der 200-Jahrfeier der Anfänge evangelischer Kirchlichkeit und evangelischer Tradition in Freiburg verantwortlich war – eben weil Freiburg und der Breisgau ab 1805 badisch geworden waren. Der ökumenische Geist, in dem die Freiburger diesen Aufbruch gestalteten, kann nur als einmalig und vorbildlich bezeichnet werden.

Darauf, dass sich auch der Evangelische Oberkirchenrat hier in Karlsruhe dem großherzoglichen Wirken verdankt, hatte ich vorhin schon hingewiesen.

Die Nachhaltigkeit des Wirkens von Großherzog Karl Friedrich in die Gegenwart, auch 200 Jahre nach seinem Tod, verdient größte Anerkennung.

Grund genug haben wir also, uns zu erinnern. Nicht an einen Heiligen. Und nicht an einen Menschen, dem alles nur leicht von der Hand gegangen und der vor Fehlern gefeit gewesen wäre.

Aber wir erinnern uns an einen Menschen, der sich in einer langen Kette derer eingereiht hat, die politische Verantwortung aus christlicher Überzeugung wahrgenommen haben.

Wenn wir uns erinnern, geschieht das immer in zwei Richtungen: Zum einen im Blick zurück: Wir nehmen dankbar wahr, was war. Wir schauen mit ehrlichem Blick. Und zugleich in Respekt und großer Dankbarkeit.

Erinnerung befreit aber auch zum Blick nach vorn. Die Zukunft unterscheidet sich von der Vergangenheit in einer spezifischen Weise. Vergangenheit will verstanden werden. Zukunft aber muss gestaltet werden. Politisch geht die Zukunft Badens schon seit Jahrzehnten in enger Verzahnung in einem gemeinsamen Bundesland mit Württemberg. In den beiden großen Kirchen ist Baden nach wie vor als eigenständige Größe präsent. In Nachbarschaftlicher Verbundenheit und in ökumenischer Vernetzung weltweit. „Mit allen Völkern in der Welt befreunde“ –so beschreibt etwa die Unionsurkunde der badischen Landeskirche aus dem Jahre 1821 das eigene Selbstverständnis.

Neben dem historischen Verstehen und dem politischen Gestalten muss es ein Drittes geben: die theologische Deutung dessen, was sich im Profanum, im Bereich des Weltlichen ereignet.

Nicht ohne Grund hat die Lesung aus dem Hebrärerbrief den Charakter der ermahnenden Erinnerung. Sie hält die Erinnerung daran wach, was wir denen zu verdanken haben, die uns weitergeben, was schon vor uns Bestand hatte. Die großen Lehrer der alten Zeiten als Agenten der Erinnerung, wie wir das heute nennen. Diese Förderer der Erinnerung sehen und erklären. Sie mutmaßen und rätseln. Sie wagen den Blick in die Zukunft. Und sehen oft nicht mehr als undurchsichtigen Nebel.

Karl Friedrich war kein Lehrer der Kirche. Aber er war ihr durch seinen eigenen Glauben in hohem Maße verbunden. Und er nahm zugleich seine kirchenpolitische Verantwortung wahr.

Zugleich ja eigentlich zuallererst erinnert der Text aber auch an die heilsame Qualität des Beständigen, an den wir als den Herrn der Kirche bekennen: „Jesus Christus, gestern und heute. Und derselbe auch in Ewigkeit.“ Das ist der Aufruf an eine Erinnerung mit Bestand. Weil wir in diesem Jesus Gott selber am Werk sehen. Und weil aus ihm Gottes Menschenfreundlichkeit unübersehbar und durch alle Zeiten der Kirche hindurch hervorleuchtet.

Nicht der stetige Umtrieb wird zum Kennzeichen zukunftsfähigen Handelns. Nicht die immer neue Erkenntnis. Das ständig neue Event. Sondern das feste Herz, das sich nicht von jeder neuen Mode des Denkens verunsichern lässt.

Der Grund solcher Sehnsucht nach Verlässlichkeit liegt auf der Hand: „Wir haben hier keine bleibende Stadt. Vielmehr suchen wir die zukünftige.“ Bei fast jeder Beerdigung sprechen und hören wir diesen Satz. Und darum passt er auch wunderbar zum Anlass eines 200. Todestages. „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Fündig werden wir da, wo wir uns erfolgreich im Teilen üben. Wer teilt, bringt Gott ein Opfer dar. „Gutes zu tun und miteinander zu teilen – das vergesst nur nicht.“ So klingt es uns noch einmal aus dem Hebräerbrief entgegen. Gutes zu tun und miteinander zu teilen.

Der politische Impetus allein reicht hier oftmals nicht mehr aus. Hier sind wir auf Hilfe angewiesen, die über die Möglichkeiten irdischer Verantwortung weit hinausreicht. Der wahre Summus Episkopus der Kirche ist ein anderer.

Und wo immer wir an den Großherzog und an andere irdische Leitungsverantwortliche der Kirche erinnern, dürfen wir die Erinnerung an den wahren Herrn der Kirche nicht aus den Augen verlieren.

Moderate et prudenter – mit Maß und Vernunft, so der Wahlspruch Karl Friedrichs, hat der eine regiert. Gnädig und barmherzig regiert ein anderer. Vergebung ist der Schlüssel, um mit der Vergangenheit recht umgehen zu können. Hoffnung und Vertrauen bilden die Wegmarken, die für uns die Brücke in die Zukunft schlagen.

Dankbar sind wir für Menschen, die in Verantwortung vor Gott die Weltgestaltung zu ihrer Sache gemacht haben und machen. Und dass beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in der vergangenen Woche auch weltliche Themen ausgiebig zu ihrem Recht kamen, ist weder Zufall noch Irrtum. Sie gehören zu einer christlichen Existenz untrennbar dazu. Ob bei Karl Friedrich damals oder bei uns heute.

Aber das ist allemal nur das eine. Das andere ist: Gott selber gibt die Welt den Mächten des Bösen nicht preis. Durch alle politischen Veränderungen hindurch. Jenseits aller Umgestaltungsprozesse, vor denen auch die Kirche nicht verschont bleibt. Und unabhängig von Entwicklungen, die den Menschen in ganz anderen Zusammenhängen Sinn und Halt für ihr Leben versprechen.

Die Suche nach der zukünftigen Stadt war Teil des Lebens und Wirkens von Großherzog Karl Friedrich. An diesem Projekt des Suchens nach dem tragenden Grund und der sinnvollen Lebensgestaltung sind wir alle selber beteiligt. Und wir werden diese Verantwortung auch an die weiterzugeben haben, die nach uns kommen. Denn auch wir haben hier keine bleibende Stadt.

Aber wir haben Gelegenheit, unser Leben so zu gestalten, dass Gott seine Freude an uns haben kann. „Wohl zu tun und mit anderen zu teilen, das vergesst nicht!“

Geteilt wurde in einem demokratischen Gemeinwesen längst die Regierungsgewalt. Teilen – und hoffentlich in gerechter Weise – müssen wir die Ressourcen und die Lebensgrundlagen dieses einen Planeten Erde.

Teilen – und hoffentlich auch im Blick auf einen gelingenden Weg in die Zukunft – sollen wir auch die Hoffnungen und Visionen, die uns in unserem Leben Sinn vermitteln. Als Christinnen und Christen haben wir dabei unseren eigenen, ganz besonderen Beitrag zu leisten.

In allen Suchbewegungen und allem Wandel unseres Lebens ist uns verlässliche Orientierung zugesagt. Orientierung, die Bestand hat, weit über 200 Jahre hinaus. Durch das Beispiel dessen, in dem Gottes Gegenwart Wohnung genommen hat mitten in unserer Welt: „Jesus Christus, gestern und heute. Und derselbe auch in Ewigkeit.“ Davon lasst uns reden. Auch heute. Amen.


Traugott Schächtele

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