PREDIGT ÜBER JOHANNES 16,7-13
GEHALTEN IM GOTTESDIENST ANLÄSSLICH DER FUSION
DER BOXBERG- UND DER EMMERTSGRUNDGEMEINDE ZUR LUKASGEMEINDE
AM PFINGSTSONNTAG, DEM 12. MAI 2011


Liebe Lukas-Gemeinde!

Abschied und Neuanfang – das ist das Thema dieses Gottesdienstes. Abschied von einer vertrauten Form der Kircheseins vor Ort. Abschied von vertrauten gemeindlichen Strukturen. Und zugleich kein Abschied, der ins Ungewisse oder gar ins Leere läuft. Sondern einer, der uns hilft zu lernen. Einer, der uns zu einem neuen Aufbruch verhelfen soll.

Abschied und Neuanfang, sie gehören untrennbar zusammen. Abschied und Neuanfang - das ist auch das Thema des vorgeschlagenen Predigttextes für das Pfingstfest 2011. Und damit auch für diesen Gottesdienst, in dem und mit dem die Fusion der Boxberggemeinde und der Emmertsgrundgemeinde zur Lukasgemeinde vollzogen wird. Der, um dessen Abschied es geht, er ist noch da. Aber er mutet seinen Freunden zu, den Blick über das Gewohnte und Vertraute hinaus zu richten. Und er gibt dem Abschied dadurch einen Sinn, dass er ihn zur Bedingungen dessen macht, was kommt.

Hören wir also auf das, was Jesus nach dem Bericht des Evangelisten des Johannes den Seinen mit auf den Weg gibt.

Ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.

Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.


An Pfingsten feiern wir: Wir sind nicht von allen guten Geistern verlassen. Im Gegenteil! Pfingsten ist in ganz besonderer Weise das Fest der Gewissheit, dass Gottes guter Geist unser Leben bleibend durchweht. Sogar dann, wenn alle Erfahrung in die gegenteilige Richtung zu deuten scheint. Sogar dann, wenn es erst einmal darum geht, mit der eigen Trauer fertig zu werden. Wenn es darum geht, das Loslassen einzuüben.

Da haben die Freundinnen und Freude dieses Jesus aus Nazareth auf’s Ganze gesetzt. Und – wie es ihnen scheinen muss – am Ende doch verloren. Trotz der umwerfenden Erfahrung des Ostermorgens. Doch Ostern – das war eine einmalige Erfahrung. Auf diesen einen, auf seine Auferstehung bezogen. Und gerade darin unvergleichlich. Keine Erfahrung auf Dauer. Und schon gar nicht eine Erfahrung für alle.

Auch Himmelfahrt, das Fest, das wir vor zehn Tagen gefeiert haben, war das Fest dieses einen. An Himmelfahrt werden wir gewahr, dass der Auferstandene nicht auf Dauer der Gegenwärtige ist. Zumindest nicht so, wie er zuvor unter seinen Freundinnen und Freunden lebendig und gegenwärtig war.

Himmelfahrt – dieser Tag markiert das Ende der Erscheinungen des Auferstandenen. Himmelfahrt – es ist das Fest der Einsicht, dass die Erfahrung des „Ich bin nach wie vor mitten als derselbe unter euch!“ weder auf Dauer zu haben noch auf Dauer zu stellen ist. In dieser Hinsicht ist auch Himmelfahrt ein Fest des schmerzlichen Lernens. Und zugleich das Abschieds mit einer Perspektive für die Zukunft. Himmelfahrt ist schon ganz auf Pfingsten hin ausgerichtet.

Ostern und Himmelfahrt – sie blieben Tage der Erinnerung an diesen einen, ohne Bedeutung für uns alle - wenn nicht Entscheidendes dazukäme. Wenn sich nicht jener Geist einstellte, von dem der Christus des Predigttextes sagt: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.

Um diesen Tröstergeist geht es an Pfingsten. Allerdings bin ich mir sicher: Der Predigttext kehrt die Abfolge von Abschied und Trost einfach um. Der Trost, der aus den Worten des Abschieds Jesu wie die Ansage einer besseren Zukunft klingt – dieser Trost war längst zur Erfahrungen dessen geworden, der uns als Evangelist Johannes entgegentritt. Und der im Grund als Getrösteter auf den Abschied Jesu zurückschaut.

Trost ist keine Anleihe bei einer fernen Zukunft. Trost meint die Erfahrung der besseren Gegenwart. Die Gewissheit, dass der Augenschein nicht das letzte Wort über unser Leben hat.

Beistand verspricht der scheidende Christus des Johannes-Evangeliums. Den Geist sagt er den seinen zu, der alle und alles zu verwandeln vermag. Gottes Gegenwart und die Gegenwart dessen, der dem Tod nicht das letzte Wort lässt- sie sind unlösbar ineinander verwoben. Verwoben in Gestalt der Zusage, dass der Weg, den dieser Jesus gegangen ist, nicht ins Leere läuft. Und dass die Tränen des Karfreitags nicht das Ende der mit ihm in Gang gekommenen Hoffnungsgeschichte markieren. Weil sich jener Geist des Trostes und der Wahrheit eingestellt hat. Jener Geist, der den schmerzlichen Abschied, den entscheidenden Bruch, den alles entscheidenden völlig neuen Anfang in einem gänzlich neuen Licht erstrahlen lässt.

Es ist gut, dass es diesen Abschied gibt. Weil nur er den Neuanfang ermöglicht. Durch die Gegenwart dieses Geistes, der aus Gott kommt und in dem Gott selber präsent ist. Gerade deshalb ist dieser tröstliche Geist mehr als alles andere ein Geist der Wahrheit. Ein aufdeckender und offen legender Geist. Kein Geist, der schonungslos offen legt, sondern einer, der die Wahrheit enthüllt wie ein bergendes Gewand. Der sogar die schmerzliche Wahrheit behutsam zur Sprache bringt. Sie Orientierung gebend und zurecht bringend eröffnet. Die Wahrheit über die Sünde. Über die Gerechtigkeit. Und über das Gericht.

Die Wahrheit über die Sünde. Sünde.Der Begriff scheint aus der Mode gekommen. Und mit der Verdunstung des Gottesglaubens scheinen auch die Tage dieses Begriffs gezählt. Doch Sünde meint nicht einfach verfehlte Moral oder die Aufgabe einer allgemein verbindlichen Ethik. Sünde bezieht sich auf den Irrtum, wir kämen voneinander los. Sünde meint die Überheblichkeit, es genüge, nur die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Sünde meint, den Nächsten dran zu geben. Und zu vergessen, dass wir uns in allem verdanken. In dem, was wir tun. Und in dem, was wir sind. Was uns im Innersten ausmacht. Sünde meint den Irrglauben, dass wir ohne die Unterscheidung von Geschöpf und Schöpfer auskommen könnten.

Zur Wahrheit über die Sünde kommt die Wahrheit über die Gerechtigkeit. Kein Thema ist in den Medien derzeit so präsent wie das der Gerechtigkeit. Oder besser noch: das der vorenthaltenen Gerechtigkeit. Gerettete Banken und gesteigerte Armut. Vorenthaltene Freiheit und militärische Versuche, diese zu erzwingen. Unvorstellbar teure Euro-Rettungsschirme und ertrinkende Flüchtlinge – vor unser aller Augen.

Das Dickicht der Wahrheit bei all diesen Fragen scheint kaum zu durchdringen. Doch der Einwand, dies sei kein pfingstliches Thema, täuscht. Wer, wenn nicht der Geist von Pfingsten, wäre in der Lage, hier zur aufdeckenden Wahrheit zu verhelfen.

Bleibt die Wahrheit über die Zukunft. Jene Wahrheit, die hin- und her schwingt zwischen dem Immer-weiter-so und der Einsicht, dass wir uns und unsere Kinder nicht länger unkalkulierbaren Risiken und den Gefahren todbringender Strahlen über Tausende von Jahren aussetzen dürfen. Die Wahrheit schwingt hin und her zwischen dem resignierenden „Es hat alles ja doch keinen Sinn“ und dem Aufbruch der Wutbürger und der Mut-Christen. Der vor einer Woche zu Ende gegangene Deutsche Evangelische Kirchentag hatte darin sein Thema. Da wird auch mein Herz sein! Da, wo es den Geist des Lebens spürt. Da, wo die Hoffnungen auf Zukunft genährt werden.

Und mitten drin wir Menschen. Hin und her gerissen zwischen dem einen wie dem anderen. Engagiert für eine Welt, in der auch unsere Nachkommen noch Luft zum Atmen haben. Und eingebettet in eine Kirche, die sich selber nicht anders verstehen kann als Gottes Volk, das fürs erste immer noch unterwegs ist.

Das noch lange nicht am Ziel ist. Das gefeit ist gegen die Illusion, wir könnten uns schon niederlassen. Wir hätten das meiste hinter uns. Als Volk Gottes unterwegs gestalten wir Kirche zwischen Versuch und Irrtum. Verschieben wir Grenzen. Gründen wir Gemeinden neu. Nicht, weil wir über den Geist der Wahrheit verfügten. Nein. Wir tun das, weil wir wissen, dass allein der tröstende Geist des Pfingstfestes uns beflügeln kann. Und dass er uns Mut macht, aufzubrechen auch in neues, unbekanntes Land.

Er macht uns Mut, die Wahrheit beim Namen zu nennen – ohne die eigene Verstrickung und die eigene Anfälligkeit für die Geistlosigkeit zu bestreiten und zu leugnen. Ohne gleich besserwisserisch an dem herumzumäkeln, was Menschen mit den Gaben ihres Verstandes ersonnen und entschieden haben. Aber nicht ohne die Demut, dass der Irrtum die Schwester der Erkenntnis ist. Und dass wir umso mehr den Geist der Wahrheit auch als Geist der Vergebung nötig haben.

Es lohnt sich, noch einmal auf die Worte des Predigttextes zu hören: Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden.

Solche Wahrheit ist unverzichtbar. Und viel mehr noch: Diese Wahrheit lässt uns leben. Auch als neu zusammengebundene Lukasgemeinde - als Gemeinde auf dem Boxberg und im Emmertsgrund unter veränderten Rahmenbedingungen.

Dieser Geist lässt uns leben. Denn der Geist dieser Wahrheit ist einer, der nicht eigene Interessen verfolgt. Es ist der Geist der unaufhörlichen und zugleich unerhörten Präsenz Gottes. Der Geist, der die Einzigartigkeit von Ostern für uns alle Wirklichkeit werden lässt. Es ist der Geist dessen, der will „dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1Tim 2,4) Ein Geist, auf dessen Wirken zu verzichten wir uns nun wirklich nicht leisten können. Nicht bei der Gestaltung der Formen unseres Kircheseins. Und schon gar nicht bei der Übernahme von Verantwortung für die Welt.

Daran will uns Pfingsten erinnern. Es macht keinen Sinn, wenn wir uns vor diesem Geist in Sicherheit bringen wollten. Oder wenn wir unseren Gottesglauben zu leben versuchten, ohne daran festzuhalten, dass es die Wirklichkeit Gottes selber ist, die sich einmischt in die todbringenden Spiele und Ränke dieser Welt.

Viel mitreißender und hinreißender noch müssten wir Pfingsten feiern. Das Fest des Weges nicht der rechten Lehre, sondern des rechten Lebens. Das Fest, in dem Gott selber uns herausreißt aus den vertrauten Gleisen und uns von unseren Grenzen befreit.

Pfingsten - das ist das Lernfest des befreiten Glaubens. Höchste Zeit für Pfingsten. Höchste Zeit für den Geist, der aus Gott kommt. Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn