PREDIGT ÜBER DEUTERONOMIUM 6,4-9
GEHALTEN ANLÄSSLICH DES 275JÄHRIGEN BESTEHENS
DER STADTKIRCHE WEINHEIM
AM SONNTAG, DEN 26. JUNI 2011 (1. S.N.TR.)


Herzlichen Glückwunsch, liebe Gemeinde! Herzlichen Glückwunsch zum 275. Geburtstag ihrer Stadtkirche hier in Weinheim. Dieser Glückwunsch muss am Anfang stehen. Schließlich war dieses Jubiläum der Anlass dafür, dass mich ihr Pfarrer Dr. Stefan Royar heute als Prediger eingeladen hat.

275 Jahre Stadtkirche, das heißt auch 275 Jahre Gottesdienste am Sonntagmorgen. 275 Jahre Taufen und Trauungen. Wenn diese Steine sprechen könnten, uns würde Hören und Sehen vergehen. Einiges aus der 275jährigen Geschichte konnte ich schon nachlesen. Schließlich kann man den Johannisbrief wunderbar auch im Internet abrufen. Trotz des hohen Alters der Kirche ist ihre Gemeinde also jung geblieben und auf dem Stand der Möglichkeiten der weltweiten Kommunikation.

275 Jahre Stadtkirche – wie kann man dieses Jubiläum angemessener feiern als eben mit einem Gottesdienst. Wenn wir in jedem Gottesdienst feiern, dass Gott es nicht aushält in himmlischer Abgeschiedenheit. Wenn wir in jedem Gottesdienst feiern, dass Gott seinen Ort findet inmitten seiner Schöpfung, mitten unter uns Menschen – wenn wir in jedem Gottesdienst feiern, dass Gott sich darauf eingelassen hat, unter uns gegenwärtig zu sein als Mensch unter Menschen, dass Gott sich einmischt in alle Spiele des Lebens – die Spiele der Lebensfreude und die Ränkespiele des Bösen – wenn wir das immer wieder neu feiern, wie sehr müsste all das gerade heute unser Thema sein.

Unter den Predigttexten für den 1. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest findet sich einer, der sich dem Gottesthema in viel direkterer Weise nähert als andere Texte das tun. Dieser Text soll darum heute im Zentrum der Predigt stehen. Ich lese aus dem 5. Buch Mose im sechsten Kapitel die Verse 4 bis 9:

4Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. 6Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen 7und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. 8Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, 9und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Ein großes Wagnis ist es allemal, diesen Text heute zu predigen, liebe Gemeinde. „Höre, Israel!“ Schon der erste kleine Halbsatz macht klar: Wir sind nicht der erste Adressat dieser Auforderung. Die, denen dieser Satz gilt, das sind andere. Israel! Das sind die Menschen, die sich unter Gottes Führung auf den Weg gemacht haben von Ägypten, aus der Befreiung aus der Sklaverei, zurück in ihre Heimat. Die, denen dieser Satz gesagt wurde, das sind die Menschen Israels.

Ein Kernsatz ihres Gottesglaubens ist dieser Text für Menschen aus dem Judentum bis heute geblieben. Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein!“ Das ist gewissermaßen ihr Glaubensbekenntnis.

Gerade vor einem Monat bin ich von einer Reise nach Israel zurückgekommen. Des öfteren haben wir dabei auch an Gottesdiensten in der Synagoge teilgenommen. Und wir haben gesehen, wie fromme Menschen jüdischen Glaubens die Verse des heutigen Predigttextes in Lederkapseln, um die Hand und an die Stirn gebunden hatten. Wie an den Türpfosten fast aller Häuser dieser Text angebracht war: Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.

Dort, wo Menschen jüdischen Glaubens wohnen und Gottesdienst feiern in ihren Synagogen, kommt dieser Text zu seinem Recht bis heute. Und er ist auf vielfach Weise auch hier in Weinheim zu seinem Recht gekommen, dort, wo Menschen ihren jüdischen Glauben gelebt haben. Zeugnisse jüdischen Glaubens kann man ja bis heute hier vor Ort finden.

Und du sollst diese Worte binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Heute sind diese Worte nun Grundlage der Festpredigt zum 275. Geburtstag ihrer Stadtkirche. Dürfen wir das überhaupt? Schließlich hat niemand hier sich diese Worte an Hand und Kopf gebunden. Schließlich hat niemand wohl eine Mesusa an seiner Haustür angebracht. Es gibt Gründe dafür, dass wir das dürfen. Drei will ich nennen.

Zunächst: Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Der Gott, an den uns diese Ermahnung sehr direkt erinnert, das ist derselbe Gott, der auch im Mittelpunkt unseres Glaubens steht. Gewiss: Uns galt der Text nicht zuerst. Und er gilt uns überhaupt nur, wenn wir wissen, dass wir allemal erst der zweite Adressat sind. Wenn wir dem ersten seinen Platz nicht streitig machen.

Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Das ist - dennoch! - eine Aufforderung zum Glauben an denselben Gott. Zum Glauben an Gott, der will, dass auch wir keine anderen Götter haben außer ihm. Die Ökumene des Gottesglaubens, besser gesagt, des Glaubens an den einen Gott – sie geht über die Grenze nur einer Religion hinweg. Und wir wissen, dass heute auch viele Menschen einer weiteren, dritten Religion unter uns leben, die fünfmal am Tag zum Gebet gerufen werden mit dem Hinweis auf diesen einen Gott.

Leicht ist es nicht immer, in dieser Ökumene des Glaubens an den einen Gott zu leben. Missverständlich, ja gefährlich ist es bisweilen. Aber so ist es unter Verwandten. Auch unter Verwandten des Ein-Gott-Glaubens. Wir können sie uns nicht aussuchen. Wir sind aneinander gebunden. Und kommen in diesem Glauben aber nicht so einfach voneinander los.

Und mitten in dieser auch im Glauben so komplizierten Welt haben Christenmenschen vor 275 Jahren diese Kirche gebaut. Unübersehbar im Stadtbild. Und unter verwandtschaftlichen Konflikten, die damals auch innerhalb der engen Familie der Evangelischen geherrscht haben. Bis zur Einheit von reformiert und lutherisch Gesinnten im Jahre 1821 sollte es auch hier im Süden noch 85 lange Jahre dauern.

Warum sind wir uns so sicher, dass wir an den an denselben Gott glauben wie die ersten Adressaten dieses Textes? Wo wir es doch auf andere Weise tun. In anderen Gebäuden und Vorstellungen. In anderen Formen. So sehr anders, dass wir vor zwei Generationen nicht davor gefeit waren, diesen ersten Adressaten jüdischen Glaubens ihr Lebensrecht auf heftigste Weise ganz zu bestreiten. Wo Christenmenschen auf die furchtbarste Weise versagt haben. Und schuldig wurden.

Jetzt komme ich zum zweiten Teil der Antwort auf die Frage, warum dieser Text auch uns gilt. Zumindest ein Satz des Predigttextes muss ihnen bekannt vorgekommen sein. Nämlich: Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Jesus hat mit diesem Satz einmal geantwortet. Als er gefragt wurde, welches das höchste Gebot sei. Jesus hat aber noch einen weiteren Satz dazugefügt, einen, den wir im dritten Buch Mose finden: Du sollst deinen Nächsten lieben. Er ist wie du.

Jesus hat antwortet, wie er es als frommer Angehöriger seiner jüdischen Religion nur tun konnte. Jesus hat sich sicher diesen Satz auch an die Hände und an die Stirn gebunden, wenn er in die Synagoge ging. Im Glauben an diesen Jesus sind wir in die Geschichte dieses Satzes mit hinein genommen: Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Als Jude hat Jesus diesen Satz in sein Leben gezogen.

Als Christenmenschen ziehen wir diesen Jesus aber noch einmal ganz anders in unser Leben. In dem Bekenntnis, dass uns aus seinem Gesicht die Menschenfreundlichkeit Gottes entgegenleuchtet. Und im Vertrauen, dass Gottes guter Geist uns Wege weist, diese Welt und uns selber zum Guten zu verändern.

Wir feiern heute den ersten Sonntag nach Trinitatis, dem Fest der Dreieinigkeit Gottes. Das Fest des Glaubens an Gott, der in sich selber lebendig und vielfältig ist. Und der uns in seiner Vielfältigkeit entgegenkommt. Und dabei doch ein und derselbe bleibt. Untrennbar verbunden bleiben wir im Glauben an den einen Gott, an den wir uns wenden mit den Worten Jesu. Etwa wenn wir mit seinen Worten beten: Vater unser im Himmel.

Aber wir gehen doch einen eigenen, anderen Weg, wenn dieser Jesus selber für uns zur Brücke wird, an diesem Gottesglauben teilzuhaben. Der eigene, andere Weg manifestiert sich auch in eigenen, anderen Orten der Feier dieses Gottes. In kleinen häuslichen Gemeinschaften am Beginn des Weges der christlichen Gemeinden. In vielfältigen Kirchenbauten und Gottesdiensträumen weltweit. Aber auch im Bau dieser Stadtkirche hier in Weinheim vor 275 Jahren.

Kirchen sind für uns keine ausgegrenzten heiligen Orte. Heilig ist die ganze Erde. Aber Kirchen sind Orte, an denen es uns leichter fällt – leichter fallen könnte - , uns auf Gott hin zu öffnen. Kirchen sind keine ausgesonderten Orte. Aber sie sind Orte, an denen wir exemplarisch leben und feiern. An denen wir in der Gemeinschaft am Tisch des Herrn vorwegnehmen, was in seiner Fülle noch aussteht: die Welt, in der wir dem andern als Schwester und Bruder erkennen. Die Welt, in der wir teilen, was wir zum Leben brauchen. Die Welt, die uns eine Ahnung vermittelt von dem, was wir bisher nur als Sehnsucht durch unser Leben tragen.

Kirchen müssen keine Türme haben. Aber die Türme sind unübersehbare Hinweise darauf, dass sich Menschen auf diesen Gott einlassen. Dass sie nach Gott fragen. Türme sind Hinweise auf den Ort, an dem Wirklichkeit wird, wonach wir uns hier in diesem Leben ausrichten. Türme sind Hinweise auf den Himmel.

Gut, dass wir solche Orte haben. Gut, dass im Grunde jeder Ort für uns zu einem solchen Ort der Erkenntnis Gottes und des Einübens im Glauben werden kann. Gut, wenn wir uns überhaupt immer wieder neu einüben in jenem Glauben, der uns an den einen Gott erinnert.

Mit diesem heutigen ersten Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest beginnt eine lange Reihe von Sonntagen, die nach diesem Fest gezählt werden. 19 Sonntage werden es in diesem Jahr sein.

Ich erinnere mich gut, wie es mir als Kind mit diesen Sonntagen erging. Ich liebte die besonderen Namen der Sonntage der Passions- und der Osterzeit. Oculi, Laetare, Reminiscere. Kantate, Rogate, Exausi. Am besten gefiel mir – wie könnte es anders sein - der Name des Sonntags nach Ostern: Quasimodogeniti.

Aber dann folgten die Monate der Trinitatiszeit. Eine Zeit, die kein Ende nehmen wollte. Langweilig kam mir das vor. Es war die Schwarzbrotzeit des Kirchenjahres. Die Zeit ohne liturgische Sahnehäubchen. Heute weiß ich längst, dass Schwarzbrot gesünder ist. Und dass die Trinitatiszeit hilfreich sein kann, über das eigene und das Besondere meines Glaubens, unseres Glaubens nachzudenken.

Mit dem Lauf der Jahre einer Kirche mag das ähnlich sein. Viele Schwarzbrotjahrzehnte werden sich da in 275 Jahren aneinandergereiht haben. Alle 25 Jahre ein Jubiläums-Festmahl. So wie heute.

Aber Vorsicht: Das stimmt nicht ganz. Jeder Sonntag, jeder Gottesdienst unterbricht diese Schwarzbrotjahre mit einem Fest. Und an jedem Tag der Woche, auch an den Tagen, an denen kein Gottesdienst gefeiert wird, lädt diese Kirche ein. Als Ort des Nachdenkens und des Nachsinnens. Als Ort, innezuhalten und zur Ruhe zu kommen. Sie lädt ein, mir darüber klar zu werden, was ich mit meinem Leben will. Was ich mit meinem Leben soll.

Immer wieder neu lädt diese Kirche ein, Klarheit zu gewinnen. Darüber, wer Gott ist. Welchen Raum ich Gott in meinem Leben zugestehe. Und wer an den anderen Plätzen in mir Wohnung genommen hat. Wer den Mut hat, sich als Konkurrent Gottes zu gebärden.

Wie jede Kirche lädt auch diese ein, diesen Satz ins Leben zu ziehen: Der Herr ist Gott, der Herr allein. Das ist nicht immer leicht. Es fordert uns einiges ab. Und es mutet uns einiges zu. Aber spannend ist es doch allemal. Auch in den nächsten 275 Jahren. Darum noch einmal: Herzlichen Glückwunsch! Und vor allem: Gottes Segen! Amen.


Traugott Schächtele

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