PREDIGT ÜBER LUKAS 15,1-10
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 10. JULI 2011 (3.S.N.TR.)
IN KIESELBRONN


Liebe Gemeinde!
Wir leben, so kann man immer wieder lesen, in einer Spaßgesellschaft. Die Menschen haben immer mehr Freizeit. Und in dieser Zeit, in der sie nicht durch ihren Beruf eingespannt sind, und in der sie keine anderen Verpflichtungen haben, versuchen sie, sich zu zerstreuen. Da wollen die Menschen Spaß haben. Da wollen sie sich einfach ihres Lebens freuen. Vielleicht ist das hier in Kieselbronn noch ganz anders. Aber völlig abgeschirmt von der Welt leben sie hier ja schließlich auch nicht.

Gewiss, da hat sich einiges geändert gegenüber den Werten früherer Generationen. Da waren andere Begriffe wichtig. Fleiß. Pflichtgefühl. Solidarität. Verantwortung für die Gemeinschaft. Diese Begriffe sind nicht völlig aus der Mode. Aber sie prägen nur noch das halbe Leben. Daneben steht der Anspruch, dass die Menschen Spaß haben wollen. Entspannung. Freizeit. Und Freude.

Wir müssen das nicht einfach nur beklagen. Wirtschaftlich geht es vielen – gewiss nicht allen, ich weiß das – so schlecht nicht. Die Menschen fahren in Urlaub. Und sie sind froh, wenn sie Luft holen können. Und Zeit haben für das, was ihnen Spaß macht. Den meisten von uns, so glaube ich, wird es so gehen.

Im Predigttext für diesen heutigen dritten Sonntag nach Trinitatis geht es auch um den Spaß. Geht es auch darum, woran jemand seine Freude findet. Es geht um den seltenen Fall, dass wir lesen und hören können, was Gott Spaß macht. Woran Gott seine Freude hat. Aber hören sie selbst. Ich lese aus dem 15. Kapitel des Lukas-Evangeliums die Verse 1 bis 10:

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. 3Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? 5Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. 6Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. 7Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
8Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? 9Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. 10So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.


Ganz nach den Gesetzen unsere Welt verhalten sich die beiden, von denen Jesus erzählt ja nicht, liebe Gemeinde. Da lässt einer 99 Schafe im Stich – nur um einem Schaf nachzugehen. Und was ist mit den 99? Wenn er zurückkommt, dann sind die womöglich in alle Winde zerstreut. Wäre es nicht sinnvoller, der Hirte würde sich verstärkt um die 99 kümmern, damit er von diesen nicht auch noch eines verliert. Und er noch weitere Verluste erleidet. Ein Schaf von Hundert. Das ist gerade ein Prozent Verlust. Damit könnte der Schäfer doch wahrhaftig zufrieden sein.

Aber was hören wir am Ende dieser Geschichte? Gott freut sich mehr über dieses eine Schaf, das zurückgeholt wird, als darüber, dass ihm ja 99 Schafe nicht davongelaufen sind.

Auch in der Kirche argumentieren wir anders. Da heißt es: Es kostet weniger Energie, Aktivitäten zu entwickeln, die die Menschen in der Kirche halten. Menschen zurückzuholen, die der Kirche den Rücken zugewandt haben, das ist viel aufwändiger. Der eine, der austritt, ist uns nicht egal. Aber unser Einsatz gilt zuallererst den 99. Er gilt denen, die regelmäßig in die Kirche kommen. Er gilt denen, die schon dazugehören.

Genauso unsinnig wie der Schäfer verhält sich auch die Frau, von der wir gehört haben. Sie hat einen von zehn Silbergroschen verloren. Das ist immerhin ein Verlust von zehn Prozent. Aber auch sie wäre besser beraten, diesen einen Groschen dranzugeben. Und die verbliebenen neun zu investieren. Oder anstatt Zeit sinnlos zu vergeuden, nur um den einen Groschen zu finden, hätte sie die Zeit des Suchens anderweitig nutzen können. Und dabei den Verlust mehr als nur wettgemacht.

Und erneut lesen wir: Gott hat seine Freude an einem solchen Verhalten. Gott, so scheint es, hält es nicht einfach mit dem, was uns vernünftig scheint.

Auch hier, so meine ich, machen wir es in der Kirche nicht so wie diese Frau. Zumindest wenn’s ums Geld geht. Wir versuchen mit dem, was uns verblieben ist, sinnvoll zu wirtschaften. Es zu investieren in Kirchenkompassprojekte. Oder in Baurücklagen. Wir wissen: Verluste gehören im Leben dazu. Und darum bemühen wir uns, mit dem verantwortlich umzugehen, was uns geblieben ist. Und versuchen, das, was wir haben, zu investieren und zu vermehren.

Als Kirche, so scheint es also, stehen wir im Widerspruch zur Botschaft dieser beiden Gleichnisse Jesu. Und Gott, so scheint es uns auch, steht mit seiner Freude über das eine gerettete Schaf und den einen wiedergefundenen Groschen im Widerspruch zu dem, was vernünftig ist.

Doch womöglich ist dieses Urteil ein vorschnelles. Es lohnt sich also, ein zweites Mal hinzuschauen. Und womöglich auch gründlicher als beim ersten Mal.

Jesus sucht die Nähe der Menschen, die eher am Rande der Gesellschaft stehen. Er wendet sich Zöllnern und Sündern zu. Er hat Kontakt mit denen, zu denen andere gerne Abstand halten. Das ruft die Kritiker auf den Plan. Die Pharisäer und Schriftgelehrten, sie murren. Und irgendwie kann ich das auch verstehen. Da mühen sie sich ab, es Gott recht zu machen. Da versuchen sie, so zu leben, dass Gott seine Freude an ihnen haben könnte – aber Jesus, der interessiert sich eher für die anderen.

Ich weiß nicht, was sie sagen würden, liebe Gemeinde, wenn sie am Sonntagmorgen hier vergeblich auf ihren Pfarrer warten. Und wenn sie ihn zur Rede stellten, wird er ihnen erklären, dass es da irgend jemanden gegeben hat, der dringender auf ihn angewiesen war als diejenigen, die hier in der Kirche umsonst auf ihn gewartet haben. Sie wären zurecht verärgert. Nur Gott, der hätte seine Freude an ihrem Pfarrer gehabt.

So ähnlich können wir uns die Situation durchaus vorstellen. Warum hat es dieser Jesus so mit den Randsiedlern der Gesellschaft? Warum liegen ihm die so sehr am Herzen, die wir viel lieber links liegen lassen?

Im Grunde ist die Antwort einfach. Gott handelt nicht nach den Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie. Gott handelt nach den Gesetzmäßigkeiten der Liebe. Und die Liebe, das wissen wir alle, die Liebe fragt nicht nach dem, was sich rechnet. Mehr noch: Nichts setzt den Gesetzen der Wirtschaft so zu – nichts stellt sie stärker in Frage und setzt sie sogar außer Kraft als eben die Liebe.

Der Schäfer fragt eben nicht danach, wie es den 99 Schafen recht macht. Er sorgt sich um das eine Schaf, das ihm ans Herz gewachsen ist. Und das sich auf Wege verstiegen hat, die womöglich lebensgefährlich sind. Die pure Vernunft hätte ihm zugerufen: Bleib, wo du bist. Die Liebe, die im übrigen auch nicht ohne Vernunft ist und schon gar nicht ohne Verantwortung – sie sagt: Sorge dich nicht – geh!

Und was die Frau suchen lässt, ist nicht die Geldgier. Diese Frau, die den einen Groschen verliert, sie will zusammenhalten, was ihr anvertraut ist. Der pure Menschenverstand hätte ihr geraten: Was kümmert dich dieser eine Groschen. Aber die Verantwortung, die sie wahrnimmt, sagt: Auf das Kleine und Unscheinbare kommt es an, wenn man Großes vollbringen will. Und sie tut, was die Verantwortung ihr zutraut: Lass es drauf ankommen. Geh dem einzelnen nach. Und du wirst das Ganze gewinnen.

So ist Gott, liebe Gemeinde. So ist nur Gott. Weil wir uns überfordern damit, dem einzelnen zu seinem Recht zu verhelfen. Alles dran zu geben. Um das Ganze zu gewinnen. So ist nur Gott. Und die Liebe.

Etwas davon umzusetzen, das sollte uns Menschen aber doch auch gelingen. Die Liebe sollte uns das Risiko wert sein. Wo wir Menschen dem einzelnen nachgehen, wo wir nicht fragen, ob es sich rechnet, sondern ob es Menschen rettet. Und bewahrt. Ihnen einen Sinn aufzeigt. Ob es sie unsere Liebe spüren lässt – da, liebe Gemeinde, das ist Kirche.

Die Kirche, das ist der Ort, an dem die Liebe die Gesetze des Marktes aus den Angeln hebt. Die Kirche, das ist der Ort, an dem der einzelne so wahrgenommen wird, wie Gott ihn gemeint hat. Die Kirche, das ist der Ort, wo wir diejenigen nicht aus den Augen lassen, die Wege gehen, die in die Irre führen. Oder am Ende womöglich sogar ins Nichts.

Mensch sein, das heißt immer auch zu leben in der Gefährdung des in die Irre Gehens. Mensch sein, das heißt immer auch mit der Möglichkeit zu leben, dass wir dem Irrglauben verfallen, wir könnten es alleine richten. Da ist es gut, wenn wir wissen, dass Augen der Bewahrung auf uns gerichtet sind. Dass wir auch dann nicht ins Nichts fallen, wenn wir die Abstürze des Lebens nicht vermeiden können.

Und das Schöne ist: Dass wir den Neuanfang wagen können. Tagtäglich. Dass wir umkehren können von unseren Irrwegen, das ist keine Frage des Abwägens von Aufwand und Nutzen. Es ist das Ergebnis dessen, was Gott tut, um Spaß an uns Menschen, Spaß an mir zu haben. Es ist das, woran Gott selber Lust und Freude empfindet.

Das ist es, was Jesus mit diesen beiden Geschichten denen sagt, die ihre liebe Mühe mit ihm haben. Die, denen er dann noch eine weitere, dritte Geschichte erzählt. Nämlich die des Vaters, der sich die Rückkehr seines Sohnes sein Bestes kosten lässt. Und einfach ein Fest feiert.

In vielen Gemeinden unserer Kirche wird heute ein Tauffest gefeiert. Allein in unserer badischen Landeskirche werden um die Tausend Menschen getauft. Im Jahr der Taufe, das wir in der EKD begehen. Auf dem Weg zum 500. Jahrestag der Reformation im Jahr 2017. Jede Taufe ist ein kleines Fest. Ein Fest, das teilhat am großen Fest der Umkehr, zu dem wir eingeladen sind.

An diesem Fest ohne Ende bei Gott haben wir alle teil. An jedem Sonntagmorgen. Aber nicht nur. Mit jedem Atemzug, der uns leben lässt. Weil Gott uns nachgeht. Darum lasst uns weiter feiern. Hier und heute. Und jeden Tag unseres Lebens neu. Amen.



Traugott Schächtele

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