MAN(N) BRAUCHT KIRCHE!
PREDIGT IM FESTGOTTESDIENST BEIM GEMEINDEFEST
DER EVANGELISCHEN KIRCHENGEMEINDE DALLAU
AM 25. SEPTEMBER 2011 IN DER ELZBERGHALLE DALLAU


Liebe Festgemeinde!

Man(n) braucht Kirche. Das ist das nicht nur das Thema dieses Gottesdienstes. Es soll natürlich auch das Thema der Predigt sein. Das ist nicht gerade eine leichte Aufgabe, die mir Ihr Pfarrehepaar da gestellt hat. Denn ich hatte ja im Vorfeld keine Ahnung, wie viele von ihnen, die sie hier Gottesdienst feiern, Männer und wie viele Frauen sind.

Meist sind die Frauen in den Gottesdiensten ja in der Mehrheit. (Und ich nehme fast an, dass das heute auch nicht soviel anders ist.) Das heißt, wir feiern einen Gottesdienst für Männer und Frauen! Ich halte also keine Predigt nur für Männer. Die Frauen dürfen also gerne dableiben.

Dafür gibt es auch gute Gründe: Einer findet sich im Thema dieses Gottesdienstes: Man(n) braucht Kirche! Das zweite „N“ ist da in Klammern gesetzt. Dass man Kirche braucht, ist also eine allgemeine Erfahrung. Keine, die nur einem Geschlecht vorbehalten bliebe. Kirche, das ist eine Angelegenheit für Frauen und Männer, für Junge und Alte. Für Kinder und Erwachsene.

Von dieser Erfahrung handelt auch das Lied, das wir eben gesungen haben: Wir haben Gottes Spuren festgestellt.“ Wir – das ist kein Wort nur einer Person. In diesem „wir“ sind wir alle verbunden. Als Frauen und als Männer. Und wenn wir auch noch gesungen haben: „Zeichen und Wunder haben wir gesehen“ – dann ist das auch eine Erfahrung, die wir gemeinsam machen können. Keine, die nur einem Geschlecht vorbehalten bliebe. Auch wenn Männer manchmal meinen, dass sie diese Zeichen und Wunder doch selber am besten vollbringen könnten. Doch davon gleich.

Jetzt soll erst einmal die Bibel zu Wort kommen. Gleich auf den ersten Seiten geht es da um das Verhältnis von Männern und Frauen.

Im ersten Kapitel der Bibel heißt es ganz lapidar:

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Und ein Kapitel weiter lesen wir:

Und Gott sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Partnerin machen, die zu ihm passt. Da ließ Gott einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen. Und er nahm eine seiner Rippen und schloss die Stelle mit Fleisch.

Und Gott bildete eine Frau aus der Rippe, die er von dem Menschen nahm, und brachte sie zu ihm. Da sprach der Mensch: Das ist doch Leben von meinem. Und Fleisch von meinem Fleisch.


Mann und Frau sind sich also Partnerin und Partner. Sie sind sich hilfreiches, gleichwertiges Gegenüber. Wenn wir den Text ernst nehmen, den wir eben gehört haben, dann gilt: Nicht zuerst geschaffen oder erst dann später. Nicht mehr wert oder weniger. Männer und Frauen - sie sind einfach Menschen. Menschen, die sich gegenüberstehen als Partnerin und Partner. Die aufeinanderbezogen sind. Zwei Pole des Lebens im gemeinsamen Menschsein.

Die Bibel bringt das im Hebräischen schon in den Namen für Frau und Frau zum Ausdruck. Isch heißt Mann. Oder noch besser Mensch, solange es nur ein solches Geschöpf Gottes gibt. Und Ischah heißt Frau. Dasselbe Wort, einmal mit männlichem und einmal mit weiblichen Geschlecht. Mensch und Menschin müssten wir das eigentlich übersetzen.

Und in dieser Zuordnung, in diesem sich gegenseitigen Ergänzen, sind Mann und Frau Ebenbild Gottes. Nicht der Mann ist also Gottes Ebenbild, wie das auch die Kirche früherer Jahrhunderte immer behauptet wurde. Eine irrsinnige Behauptung, die immer noch nachwirkt. Der Mensch in seinem gegenseitigen Aufeinanderbezogen sein ist Gottes Ebenbild. Und deshalb ist auch Gott kein Mann. Gott ist vielmehr die Quelle der so bunten, so unterschiedlichen Möglichkeiten des Menschseins.

Alle Menschen können das für sich in Anspruch nehmen. Alle Menschen sind Gottes Ebenbild. Weder gilt dies nur für Männer. Noch nur für Menschen, die so sind wie wir. Perfekt müssen wir nicht sein. Auch nicht ständig erfolgreich. Auch nicht nur übereinstimmen in dem, was wir glauben. Gottes Vielfältigkeit und Vielseitigkeit übertrifft die unsere noch bei weitem.

Das wäre also die erste Erkenntnis dieses Sonntagmorgens: Als Männer und als Frauen sind wir einzigartig, wichtig und wertvoll. Weil wir in unserer Vielfalt etwas von Gottes Vielfalt widerspiegeln.

Jetzt aber zurück zu unserem Thema: Man(n) braucht Kirche. Und jetzt mutig mit beiden „N’s“ geschrieben. Nicht etwa braucht die Kirche vor allem die Männer. Männer brauchen die Kirche! Und jetzt stehen wir endgültig vor der Frage: Was hat es nun auf sich mit uns Männern? Wann ist ein Mann ein Mann? Darüber hat sich ein Mann singend seine Gedanken gemacht. Wir hören jetzt einfach ein wenig hinein:

Einspielung „Männer“ (Herbert Grönemeyer) - bis erstes Mal: Wann ist ein Mann ein Mann?

Die meisten von ihnen werden dieses Lied kennen. Das Lied „Männer“ von Herbert Grönemeyer. Es ist sehr treffend, wie Grönemeyer die Männer beschreibt. Anspruch, Wahrheit und Klischee über die Männer sind da ganz gut in Worte gefasst. Nichts wirklich Neues. Aber eine gute Beschreibung des Männerbildes, das sich viele Zeitgenossen in ihren Köpfen haben.

„Männer sind auch Menschen“ heißt es gegen Ende. Und „Männer sind etwas sonderbar.“ Und jeder Kehrvers schließt mit der Frage: „Wann ist ein Mann ein Mann?“ Herbert Grönemeyer hat leider keine Strophe zur Rolle der Männer in der Kirche angefügt. Dabei gäbe es dazu viel zu sagen.

Zeitgleich mit uns wird auch in Freiburg Gottesdienst gefeiert. Freiburg ist meine Heimatstadt. Deshalb verfolge ich immer noch mit Interesse, was sich dort abspielt. Es sind dort noch ein paar Menschen mehr als hier. Um die 100.000 werden da wohl zusammengekommen sein. Es ist ein Mann, der da den Gottesdienst leitet. Und die mit ihm die Kirche leiten, das sind auch Männer.

Aber auch diese Kirche lebt nicht nur von den Männern. Sie ist auf die Frauen angewiesen. Wie unsere Kirche auch. Gerade seit einem halben Jahrhundert haben wir in der evangelischen Kirche auch Pfarrerinnen. Das sollte uns etwas geduldiger machen. Und etwas hoffnungsvoller. Auch in unserer Schwesterkirche wird sich da bald einiges ändern. Da bin ich sehr zuversichtlich.

Vor wenigen Jahrzehnten hießt es auch bei uns: Männer leiten die Kirche. Frauen tragen sie. Inzwischen sitzen eine ganze Reihe von Frauen auch im Kollegium des Evangelischen Oberkirchenrats. In den Ältestenkreisen sowieso. Da haben die Frauen heute meist die Mehrheit. Die Männer tauchen da häufig ab. Sie sind immer noch dabei, ihre neue Rolle auch in der Kirche zu finden. Weil Mann Kirche doch auch dringend braucht! Darum soll es gleich noch gehen. Jetzt singen wir erst wieder miteinander.

EG 662,1-4: Schenk uns Weisheit

Mit Weisheit und Mut wird es auch in der Kirche der Zukunft gut weitergehen. Auch in den Gemeinden vor Ort. Auch hier in Dallau. Und in Auerbach.

Unsere Gesellschaft hat sich verändert. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das steht so im Grundgesetz. Und wir sind dabei, dies auf allen Ebenen wirklich werden zu lassen. Das ist aber keine Erkenntnis unserer Tage. Paulus hat das schon geschrieben. Ausgerechnet Paulus, von dem viele glauben, dass er mit den Frauen seine liebe Mühegehabt hat. Paulus schreibt in seinem Brief an die Gemeinde in Galatien:

Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Hier ist nicht Mann noch Frau! So weit wie Paulus sind wir in der Kirche noch nicht. In der Kirche und in den Gemeinden heißt es häufig: Hier ist mehr Frau als Mann. In den Ältestenkreisen ist das heute vielfach so. Bei den Theologie Studierenden. In den Gemeindegruppen. Auch in den Chören und Kantoreien. In den Posaunenchören ist das anders. In den Kirchenleitungen ist es meist auch noch anders. Und bei der Kirchensteuer. Da zahlen Männer noch den größeren Teil. Weil sie meist mehr verdienen. Aber da hat auch die Gesellschaft noch einiges an Arbeit und an Veränderung vor sich.

Hier ist nicht Mann noch Frau, sagt Paulus. Und er meint. Wenn es um unser Verhältnis zu Gott geht, gibt es zwischen Frauen und Männern keinen Unterschied. Wie ist da also mit den Männern in der Gemeinde? Sie haben keine Zeit. Der Beruf nimmt sie in Anspruch.

Frauen haben auch keine Zeit. Und viele nimmt auch der Beruf in Anspruch. Neben dem, was sie zu Hause noch leisten müssen. Aber irgendwie muss es da noch etwas andere geben. Eine kirchliche Hemmschwelle für Männer. „Wann ist ein Mann ein Mann?“ fragt Herbert Grönemeyer. Und wir müssen die Frage für uns zuspitzen: Wann ist ein Mann ein Mensch, der in der Gemeinde findet, was ich guttut?

Natürlich: Viele finden dort ja auch so einiges. Wir stehen ja noch nicht in der Gefahr, dass wir Männer unter Artenschutz stellen müssen. Aber vielleicht werden manche Männer für sich noch nicht fündig. Vielleicht müsste es auch Angebote speziell für Männer geben. So wie es ja auch Angebote speziell für Frauen gibt. Veilleicht müssen Männer die Frage von Herbert Grönemeyer für sich selber beantworten: „Wann ist ein Mann ein Mann?“

Als Kirche brauchen wir die Männer. Wie die Männer auch die Kirche brauchen. Eine Kirche, in der nur die Männer das Sagen haben, die hat keine Zukunft. Eine Kirche ohne Männer auch nicht.

Deshalb machen sie sich als Gemeinde auf den Weg. Denken darüber nach, welche besonderen Angebote für Männer sie machen können. Sie können da Neues ersinnen. Und von den Erfahrungen von anderen lernen. Spannende Bücher gibt es zu Haus. Die geistlichen Reden zur Männerbefreiung von Richard Rohr. Franz Alts: Jesus – der erste neue Mann.

Noch besser ist es, sich über die eigenen Erfahrungen auszutauschen. Ganz offen. Ohne de Schein zu wahren. Das fällt Männer noch schwerer als Frauen. Ich bin gespannt, welche Wege sie einschlagen werden. Welche neuen Angebote für Männer, die entdecken: Ich brauche die Kirche. Und die Kirche kann mich gut gebrauchen.

Frauen haben in den letzten Jahrzehnten die Kirche verändert. Mit ihrer besonderen Art, Christin zu sein. Vielleicht gelingt es den Männern auch, etwas Neues einzubringen. Nicht mit den alten Männergewohnheiten, die die Kirche schon seit 2000 Jahren kennt. Sondern mit neuen Antworten auf die Frage: Wann ist ein Mann ein Mann?

Und am schönsten wird es dann, wenn Männer und Frauen zu neuer Gemeinschaft finden. Als Christin und Christ. Als Schwester und als Bruder. Einander ergänzend. Aber doch auch mit dem Mut, das je eigene zu leben.

Grönemeyer (Männer) anklingen lassen. Aus dem Lied heraus die Lautstärke steigern. Aber nur soweit, dass die Fortsetzung der Predigt akustisch verstehbar bleibt.

Und vielleicht könnte Herbert Grönemeyer dann doch noch eine Männerstrophe ergänzen:

Männer brauchen Kirche.
Männer bringen Gott ins Spiel
Männer lernen Machtverzicht.
Männer verdanken den Frauen viel.
Männer wollen zur Kirche gehen,
weil sie Gottes Volk dort sehn.

Grönemeyer-Lied in Lautstärke zurücknehmen und auf Null fahren

Eine Kirche aus Frauen und Männern. Dahin sind wir längst gemeinsam unterwegs. Nicht immer im gleichen Tempo. Und häufig mit unterschiedlichen Vorstellungen. Und manchmal mit ordentlichen Konflikten. Aber es ist eben eine Kirche. Darüber können wir uns schon heute freuen. Davon können wir auch jetzt schon singen: Freut euch, wir sind Gottes Volk! Amen.

EG 611,1-4: Freut euch, wir sind Gottes Volk

Traugott Schächtele

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