„KEIN TAG OHNE BEKENNTNIS“
PREDIGT ÜBER MATTHÄUS 10,26B-33
GEHALTEN AM 31. OKTOBER 2011 (REFORMATION)
IN DER STIFTSKIRCHE IN MOSBACH


Kein Tag ohne Bekenntnis, liebe Gemeinde. Kein Tag, an dem wir nicht gefordert sind offen zu legen, was uns wichtig ist im Leben. Welche Prioritäten wir haben. Was wir uns etwas kosten lassen.

Bekenntnisse werden uns heute eher weniger im Bereich unseres Glaubens abgefordert. Bekennen sollen wir uns zu Europa. Und zum Euro. Bekennen sollen wir uns zu den Werten, die uns verbinden. Bekennen muss ich mich, wenn ich einen Bußgeldbescheid bekomme. Und wir gefragt werde, ob ich der Fahrer war.

Kein Tag ohne Bekenntnisse. Bekennen muss ich mich gegenüber denen, mit denen ich zusammenlebe. Ob der tragende Grund noch stabil genug ist. Ob die gemeinsame Liebe noch trägt.

Kein Tag ohne Bekenntnisse. Aufgeklebt auf Autos, damit jeder sehen kann, welchem Fußballclub meine Sympathie gehört. Welchen Urlaubsort ich bevorzuge. Wie ich meine Freizeit verbringe. Bekenntnisse, nicht abverlangt, sondern freiwillig für andere sichtbar gemacht.

Vom Bekenntnis unseres Glaubens habe ich noch gar nicht gesprochen. Die Aufforderung Jesu, unseren Glauben zu bekennen, ist das Thema der Predigt an diesem Reformationstag 2011. Als Predigttext sind Worte aus Matthäus 10 vorgeschlagen. Ich lese die Verse 26b-33:

26bEs ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern. 28Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. 32Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. 33Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.
An Reformation kommen wir um das Bekennen gar nicht herum. Die Reformation – sie verdankt sich dem mutigen Bekenntnis erst weniger Menschen. Dann aber einer immer größeren Zahl. An drei Lebensbekenntnissen eines der ganz Großen in dieser Reihe will ich zunächst erinnern. Ganz am Beginn, am 16. Juli 1505 steht das erste Bekenntnis. Ein persönliches Bekenntnis, das einen Schock auslöst.

Ein junger, karriereträchtiger Jurastudent hat seine Freunde eingeladen. Zu einem abendlichen Beisammensein. Nicht zum ersten Mal tut er das. Er sei ei hurtiger und fröhlicher Gesell, sagt man ihm nach. Doch dieses Mal ist alles anders. „Das war’s dann“, sagt der junge Mann am Ende. „Ich bin dann mal weg. Ich geh ins Kloster.“

Martin Luther heißt der junge Mann. Gerade 22 Jahr alt. Er bricht alles Brücken hinter sich ab. Geht ins Kloster. Wird Mönch. Eine Katastrophe. Für seine Eltern. Für seine Freunde.

Aber er ist nicht allzu lange weg. Schon gar nicht für immer. Ansonsten säßen wir heute nicht hier. Feierten auch nicht diesen Gottesdienst. Ende Oktober 1517, heute vor genau 494 Jahren, wird er mit einem Schlag bekannt. Mit dem Schlag des Hammers, der seine 95 Thesen öffentlich macht. Indem er sie an die Kirchentür nagelt.

Von da ist es nicht mehr allzu weit zum zweiten Lebensbekenntnis. Kirche und Kaiser fühlen sich herausgefordert. Wollen ihn auf dem Reichstag dingfest machen. Am 18. April 1521 soll er jenen berühmtesten seiner Sätze gesprochen haben: „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir!“ Die Geburtsstunde des individuellen Gewissens. Vor meinem Gewissen muss mein Leben Bestand haben. Und vor Gott. Nicht vor dem Tribunal meiner Mitmenschen.

Wenn ich nicht anders kann, kann niemand anderes von mir fordern. Anspruchsvoll ist das. Fordernd. Manchmal auch überfordernd. Aber dieser Weg war unumkehrbar. Und wenn wir heute beklagen, dass der einzelne sich manchmal zu wichtig nimmt. Dass die Distanz zu gemeinsamen Institutionen, dass der Abstand zu Staat und Kirche immer größer wird, dann haben wir hier im Worms die Geburtsstunde dieser Entwicklung. Auch da, wo sie auf Irrwege geführt hat, die man ihr nicht anlasten kann. Und die ihren Wert nicht außer Kraft setzen.

Luthers Einsicht hinterlässt Spuren. Viele springen auf den Zug auf. Fürsten und Gelehrte. Reichsritter und Humanisten. Als Luther 1546 stirbt, ist Europa verändert. Haben auch viele Kriege heftige Spuren hinterlassen. Und der heftigste, der 30-jährige, sollte erst noch kommen.

Auf dem Todesbett hören wir das dritte Lebensbekenntnis Martin Luthers. Er stirbt keinen Tod des Triumphes. Zeitlebens bleibt er skrupulös. Leidet auch an den Verwundungen, die seine Erkenntnis der Welt beigebracht, die er anderen zugefügt hat. Zimperlich ging er mit seinen Gegnern selten um.

Aber er wusste auch: Der Gang der Dinge liegt nicht in meiner Hand. Und dann spricht er diesen Satz, dieses dritte Lebensbekenntnis: „Wir sind Bettler. Das ist wahr.“ Es geht nicht um Verdienste. Es geht darum, das Leben als Geschenk wahrzunehmen. Es geht darum, zu erkennen, dass wir Gott recht sind, noch ehe wir unsere Spuren hinterlassen haben. Das Wesentliche im Leben, es widerfährt uns als Geschenk.

Diese Erkenntnis hat damals die Welt verändert. Hat damals die Kirche in zwei Ströme auseinander fließen lassen. Und in diesen Strömen fließt sie immer noch. Obwohl sie an Luthers Lehre längst nicht mehr zerbrechen müsste. Und so feiert die Kirche, Wand an Wand und Tür an Tür. Wie hier in dieser Stiftskirche in Mosbach. Gut, dass die trennende Wand mittlerweile einen Durchgang hat. Gut, dass man die Mauern, so wie in der Gemeinde in Freiburg, in der ich bis zum Sommer des Vorjahres gelebt habe, gut, dass man dort die Mauern einfach wegfahren kann.

Sind es unsere Bekenntnisse, die uns immer noch trennen? Das Apostolische, das wir nachher noch sprechen werden, ist uns doch gemeinsam. Ebenso wie das zweite große Bekenntnis der alten Kirche. Das Nicaenum. Lassen wir den Predigttext noch einmal zu uns sprechen. Und prüfen wir ihn, ob es uns hier weiterhilft.

Gleich in dreifacher Hinsicht macht er eine Aussage, was es mit dem Bekennen aus sich hat. Die erste: „Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar werden wird.“ Bekenntnisse kann man nicht unter Verschluss halten. Bekenntnisse haben einen unaufhaltsamen Drang ins Leben. Was wirklich unser Bekenntnis ist, was wirklich bedeutsam ist für unser Leben und nicht nur eine modische Zutat, das wird man uns abspüren. Bekenntnisse, die sich verbarrikadieren in den vier Wänden des eigenen Herzens, das geht gar nicht. Das sind keine. Es sind Bekenntnisattrappen. Nur: Tragen können sie uns nicht.
An Luther kann man das sehr schön sehen. Er war im Grunde kein öffentlicher Mensch. Eine politische Rolle wollte er nie einnehmen. Aber indem er seinem Gewissen folgt, dringt sein Bekenntnis nach außen. Erzielt er Wirkung. Weil sein Bekennen ihn öffentlich macht.

Das zweite: Bekenntnisse brauchen Mut, und sie machen Mut. Bei einem bekannten Philosophen, bei Karl Popper, heißt es einmal. An Hypothesen stirbt man nicht. Hypothesen sind Annahmen. Vermutungen, die immer neu der Bewahrheitung bedürfen. Das unterscheidet sie von einem Bekenntnis. Bekenntnisse müssen wir nicht ständig neu der Realität aussetzen, um sie auf ihre Tauglichkeit hin zu überprüfen. Bekenntnisse taugen etwas, weil sie uns den Realitäten standhalten lassen. Und manchmal um den Preis des eigenen Lebens.

Auch hier wäre ein ums andere Mal an Luther zu erinnern. An seinen Auftritt in Worms. Und an seinen Satz, den er sagt, als seine Freunde ihn von dieser Reise abhalten wollen: „Und wenn so viele Teufel in Worms wären wie Ziegel auf den Dächern, so will ich doch hinein!“ Diese Furchtlosigkeit, sie verdankt sich einem Bekenntnis.

Bleibt ein drittes, das wir dem Predigttext entnehmen können: Sich zu bekennen, das ist nicht nur ein menschliches, es ist zugleich ein göttliches Geschäft. Auch Gott liebt es, sich zu bekennen. Und nichts ist Gott näher, nichts ist Gott lieber als das Bekenntnis zu uns Menschen. So sehr bekennt sich Gott, dass er sich selber dem Risiko des Menschseins aussetzt. So sehr bekennt sich Gott, dass er sich selber dran gibt. Und selbst dem Tod nicht aus dem Weg geht.

Aber Gottes Bekennen findet im Tod nicht seine Grenze. Gott bekennt sich am Ostermorgen auf’s Neue. Gott bekennt sich unüberbietbar. Indem er den Tod in seine Grenzen weist. Und dem Leben zum Triumph verhilft. Das Bekenntnis des Ostermorgens, es ist die Mutter aller Bekenntnisse. An ihr muss sich all unser Bekennen messen lassen.

Dabei sind die letzten beiden Sätze des Predigtextes durchaus voller Sprengkraft. „Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ Vor allem der letzte Satz hat es in sich. Gegenübergestellt werden zwei Weisen des Lebens. Zwei Arten des Verhältnisses zu Gott. Bekennen. Und Verleugnen.

Über das Bekennen haben wir schon nachgedacht. Bleibt ein Blick auf die andere Möglichkeit. Bleibt ein Blick auf die Möglichkeit, Gott zu verleugnen. Gott verleugnen, wie geht das? Ich habe Menschen kennen gelernt, die von sich sagen: Sie können nicht an Gott glauben. Aber sie haben mit dieser Unmöglichkeit, an Gott zu glauben, mehr gerungen, als die meisten Menschen mit ihrem Gottesglauben.

An Gott zu glauben, heißt immer neu um Gott ringen. Wir haben diesen Glauben nicht als unumstößlichen Besitz. Wir haben ihn bisweilen nur noch als eine offene Wunde. Aber solange diese Wunde offen bleibt. Solange ich mich nicht damit abfinde, dass die Stelle Gottes in meinem Leben leer bleibt, ist auch der Unglaube eine Art des Glaubens. Weil wir auch im Glauben manchmal Bettler sind. Und nur mit leeren Händen da stehen.

Die Leichtfertigkeit, mit der wir manchmal mit der linken Hand und mit halbem Herzen an Gott glauben und unseren Glauben bekennen, sie ist gefährlicher und näher dran an dem, was der Predigtext mit verleugnen meint, als die mit vollem Einsatz gewagte Gottsuche.

Was bleibt also von unserer Spurensuche des Bekennens am Reformationstag 2011? Kein Tag ohne Bekenntnis. Das habe ich eingangs gesagt. Kein Tag ohne Bekenntnis – das wäre ein gutes Programm auch für einen Glauben, der sich aus dem Geist der Reformation speist. Kein Tag ohne das Bekenntnis, dass wir Gott recht sind – ohne Vorbedingung. Aber mit Folgen.

Wenn ich mich vor Gott gerechtfertigt weiß, kann ich nicht mehr so leben, als habe ich mich vor denen zu rechtfertigen, die mir das Leben schwer machen.

Wenn ich mich vor Gott gerechtfertigt weiß, kann es mir nicht egal sein, wenn Mitmenschen ihr recht abgesprochen und wenn ihr Recht mit Füßen getreten wird.

Wenn ich mich vor Gott gerechtfertigt weiß, kann ich mich nicht auf Dauer damit abfinden, dass unser Bekennen jeweils in den eigenen vier Wänden unserer Konfessionen und Kirchen stattfindet. Der Gedenktag der Reformation – er kommt dort ans Ziel, wo wir ihn als gemeinsamen, als ökumenischen Impuls zum Bekenntnis des Glaubens verstehen und begehen. Und wir ahnen alle, dass wir da noch eine ordentliche Wegstrecke zurückzulegen haben. Und wir wissen zugleich doch alle: Gottes Geist vermag unsere Mauern schneller einzureißen, als wir es zu hoffen und zu träumen wagen. Das Bekenntnis verleiht all unserem Kleinglauben Flügel.

Nichts anderes feiern wir also heute, als dass unser Glaube uns Flügel verleiht. Mit diesen Flügeln kann es keinen Tag ohne Bekenntnis geben.

Und darum lasst uns jetzt auch gemeinsam in das Bekenntnis unseres Glaubens einstimmen. In der Gemeinschaft mit allen, mit denen wir im Glauben verbunden sind:

- Apostolikum –

Amen.


Traugott Schächtele

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