CHRISTMETTE 2011 IN DER STADTKIRCHE IN SCHWETZINGEN


Der Engel bei Maria – die Ankündigung

EG 30,1-3: Es ist ein Ros entsprungen

Meditation zu Lukas 1,30-33

Besonders weihnachtlich war es ihr nicht zumute. Mirjam – wir nennen sie Maria - war noch sehr jung. Keine 20. Aber nach damaliger Lebenserwartung hatte sie schon bald das halbe Leben hinter sich. Höchste Zeit, an die Hochzeit zu denken. An die Gründung einer Familie. An Kinder. Im Alter, das wusste sie, würde sie auf ihre Kinder angewiesen sein.

Josef, der Holzbauer, er würde ein guter Vater werden. Aber nur nichts überstürzen. Alles so, wie es der guten Sitte entsprach. Erst die Verlobung. Dann die Hochzeit. Und irgendwann dann auch Kinder. Mirjam hatte eine klare Vorstellung von ihrer Zukunft.

Ein Engel kommt ihr dazwischen. Der Engel der Beauftragung mit einem Lebensthema. Engel kommen immer dazwischen. Werfen immer aus der Bahn. Der Engel kündigt ihr an, was ihre Pläne über den Haufen wirft. Eine Schwangerschaft. Eine ungewollte, besser ein von Gott gewollte Schwangerschaft. Eine Schwangerschaft um Gottes willen. So hat der Engel zur jungen Frau Mirjam gesprochen:

Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.


Also doch keine Katastrophe. Eine neue Welt nimmt ihren Ausgang, wo Kinder keine Katastrophe sind. Auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe der ZEIT dieser Woche steht zu lesen: „Jede Geburt (…) zeugt von der Verheißung, dass etwas Neues beginnt. Und sei es bloß ein neuer kleiner Mensch.“

Neue Menschen sind Boten der Hoffnung, dass etwas weitergeht. Dass wir Zukunft haben. Neue Menschen, die geboren werden. Neue Menschen, die in unseren Gesichtskreis treten. Neue Menschen, zu denen auch wir werden können.

Der Engel, der zu Maria kommt – er setzt ihre vertraute Sicht auf die Welt außer Kraft. Er wird zum Boten einer neuen Sicht auf das Leben. Wo wir die Katastrophe sehen, sagt der Engel: Fürchte dich nicht! Du hast Gnade bei Gott gefunden.

Das lässt uns freuen. Das lässt uns träumen.

Die Engel und Josef, der Träumer

EG 47: Freu dich, Erd und Sternenzelt

Meditation zu Matthäus 1,20+21

Besonders weihnachtlich war es ihm nicht zumute, dem Josef. Noch ahnt er nichts von dem Bild, das sich spätere Generationen von ihm machen werden. Josef. Die Figur am Rande. Josef, der, auf den es an Weihnachten doch gar nicht ankommt.

Er darf die Krippe ausbessern. Und den Stall abdichten. Nur mit dem Kind hat er nichts zu tun. Es braucht Josef nicht in dieser Geschichte. Braucht es ihn wirklich nicht?

Ganz unschuldig ist Josef nicht, dass wir so fragen. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte sich aus dem Staub gemacht. Hätte das Projekt Leben mit Maria zum Scheitern gebracht. Dieses Kind hat er nicht gewollt.

Jetzt wird alles zu kompliziert. Jetzt müsste er ja Verantwortung übernehmen. Nein, jetzt nichts wie auf und davon. Aber die Geschichte raubt ihm den Schlaf. Lässt ihn träumen.

Und im Traum kommt auch ihm ein Engel dazwischen. Der Engel der Mahnung zur Verlässlichkeit. Seine Botschaft lautet so:

Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden.


Josef wird erwachsen. Er macht sich nicht davon. Josef bleibt. Er stellt sich der Herausforderung. Er steht zu seiner Maria. Und vor allem: Er steht zu ihrem Kind.

Mitten im Schlaf kommt ihm ein Engel dazwischen. Weil Engel immer dazwischen kommen. Wie damals, als Josef erfährt: Maria ist schwanger. Wie später, als ihm der Engel ein zweites Mal erscheint. Und ihm den Auftrag gibt: Bring das Kind in Sicherheit. Flieh schnell nach Ägypten. Wie Jahre später, als er wieder träumt. Und ihm erneut ein Engel erscheint. Und ihn einlädt zurückzukehren. Die Gefahr für das Kind, so der Engel – sie ist vorüber.

Doch der Schein trügt. Das Kind bleibt gefährdet. Seine Rettung ist nicht von Dauer. Kurt Marti, der schweizer Dichterpfarrer, fasst den Sinn der Rettung in klare Worte:

Nicht Ägypten ist der Fluchtpunkt der Flucht.
Das Kind wird gerettet für härtere Tage.
Der Fluchtpunkt de Flucht ist das Kreuz.


Doch davon ahnt Josef nichts. Er kann aufatmen. Die Flucht ist keine Lösung. Es ist gut, dass Josef gelieben ist. „Fürchte dich nicht! Hab keine Angst! Ich bin doch da.“ So lautet für ihn die Botschaft der Engel.

Die Engel auf den Feldern vor Bethlehem

Orgel und Violine

Meditation zu Lukas 2,10-14

Kein Krippenspiel kommt ohne die Hirten aus. Doch so weihnachtlich, wie wir uns ihr Leben vorstellen – so idyllisch und so romantisch ging es damals nicht zu. Und weihnachtlich war es den Hirten schon gar nicht zumute.

Die Hirten – sie sind die Randsiedler ihrer Zeit. Unangenehme Gesellen, mit denen man lieber nicht so viel zu tun hatte. Wer damals ein Stück hätte schreiben wollen über Gott, der sich den Menschen zuneigt – an die Hirten hätte er oder sie wohl kaum gedacht.

Doch wo die Welt am dunkelsten scheint, da lässt Gott es am hellsten werden. Und fortan sind die Hirten nicht mehr wegzudenken aus den weihnachtlichen Spielen. Und das, was den Hirten Hören und Sehen vergehen lässt, das sind die bekanntesten Sätze der Weihnachtsgeschichte:

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.


Jetzt gibt es für die Engel kein Halten mehr. Sie überfluten die Geschichte. Engel kommen immer dazwischen. Doch jetzt kommen sie nicht nur den Hirten dazwischen. Was sie berichten, ist allem Volk widerfahren. Damals schon. Und bis heute.

Und zum Zeichen der neuen Zeit Gottes erklären sie eine Windel. Ein weißes Stück Stoff, das Kariere macht. Als Windel in der Krippe. Als Grabtuch des Auferstandenen am Ostermorgen. Als Friedensfahne mitten im Krieg. Als weißer Altarbehang an Weihnachten in den Kirchen. Auch hier bei uns.

Ein weißes Stück Stoff. Ein Fetzen Hoffnung. Sie reichen aus, um der Zukunft den Weg zu bahnen. Weihnachten ist das Fest der Hoffnung auf den Zipfel Leben, der uns allen bleibt. Weihnachten ist das Fest der Gewissheit, dass aus Kleinem Großes entstehen kann. Dass ein Kind zum Boten wird, dass Gott unsere Welt nicht aus der Hand gibt.

Weihnachten ist das Fest der Hoffnung, dass Gott sich auch in Zukunft einmischt in alle bösen Ränkespiele dieser Welt. Und wer den einen Engel erst einmal entdeckt hat, wird bald auf weitere stoßen. In einer wunderschönen Erzählung von Selma Lagerlöf werden einem griesgrämigen Hirten die Augen geöffnet. Auf einmal sieht er, was ihm zuvor noch verborgen war. „Nicht nur rings um den Hirten waren Engel“, heißt es da. „Sondern er sah sie überall.“

Wo wir den einen Engel der Rettung entdecken, sind die vielen anderen nicht fern. Schon gar nicht in dieser besonderen Nacht der Nächte. Denn so wird es auch von den Hirtenfeldern berichtet:

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.


Diese Botschaft will und zum Staunen bringen. Und zum Singen.

EG 24,1-3.6: Vom Himmel hoch


Traugott Schächtele

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