„MEINE KRAFT IST IN DEN SCHWACHEN MÄCHTIG!“
PREDIGT ÜBER DIE JAHRESLOSUNG 2012
GEHALTEN IN DER CHRISTUSKIRCHE IN MANNHEIM
AM 1. JANUAR 2012


Liebe Gemeinde!
Dem Jahresanfang ist eine ganz besondere Stimmung eigen. Nicht so sehr bestimmt von der Erwartung des großen Atemholens wie das Weihnachtsfest. Von der Sehnsucht nach der großen Unterbrechung. Dem Innehalten in dem, was sonst unseren Alltag bestimmt.

Der Übergang von Sylvester ins neue Jahr – die ersten Tage des neuen Jahres - sie richten unseren Blick wieder deutlich nach vorne. In die Zukunft. Sachte bisweilen noch. Aber unweigerlich. Mit dem 1. Januar beginnt der Jahreslauf von neuem.

Der Zauber der heiligen Nacht wandelt sich in den Reiz, die eigenen Schritte in das noch unberührte Neuland des Jahres 2012 zu setzen. Das spiegelt sich auch in der Kantate wieder, die wir eben gehört haben.

Die Engel sind für’s erste wieder verschwunden. Die Hirten wieder zurück bei ihren Herden. Maria und Josef machen sich mit ihrem Kind auf den Weg in die Verpflichtungen und Rituale des Lebens. Das hieß damals konkret: Das Kind wird beschnitten. Wird aufgenommen in den großen Kreis derer, von denen es lernen soll, Gott ns Spiel seines Lebens zu bekommen. Und es bekommt seinen Namen.

Jesus – Jeschua – auf Deutsch Gott hilft–- dieser Name beschreibt gleichsam das Motto für diesen ganzen, einzigartigen Lebenslauf. Aber nicht nur ein komplettes Leben, auch ein einziges Lebensjahr kann ein Thema haben. Wenn wir uns zu verständigen hätten, diesem Jahr 2012 ein Motto zu geben – welchen Namen würden uns dann wohl in den Sinn kommen? Lautete sein Name: „Neue Gesundheit“ - nach einer überstandenen Krankheit? Oder „Zweiter Versuch“ - nach heftigen Beziehungskrisen? Lautete es „Endlich Erfolg“ – nachdem vorher vieles nicht gelungen war?

Wir können den Blick auch ins Weltgeschehen wenden. Gibt es Anlass, den Namen „Arabischer Sommer“ zu wählen – nachdem der vorausgegangene arabische Frühling sich in vielen Ländern häufig schon wieder in einen Winter zu verwandeln droht? Und so viele Hoffnungen auf eine Zukunft in Gerechtigkeit und Freiheit enttäuscht wurden. Manche werden auch mit dem Namen „Stabilität und Vertrauen“ liebäugeln. Und damit die Hoffnung verbinden, dass die finanzpolitischen Balancen sich allmählich wieder einstellen.

Und es wäre gewiss zu wünschen, dass einer der Namen des neuen Jahres auch „Sieg der Klima-Vernunft“ lauten könnte. Schließlich müssen gerade auf diesem Gebiet wegweisende Entscheidungen getroffen werden.

Seit dem Jahr 1930 dauert der Brauch, das Jahr auch aus kirchlichem Blickwinkel unter ein Thema zu stellen. Die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen wählt für jedes Jahr eine Jahreslosung aus. Dieses Jahr steht sie im 2. Korintherbrief im 12. Kapitel. Dort heiß es im 9. Vers:

Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig

Dieser Satz liegt irgendwie quer zu den Namensangeboten, die ich eben gemacht habe. Und er scheint beim ersten Hören zu bestätigen, was Friedrich Nietzsche in seiner Schrift „Der Antichrist“ über das Christentum sagt. Es sei eine Religion der Schwachen. Eine Religion all derer, die bei der Verteilung der Macht zu kurz gekommen seien.

In dieser Schwäche kann doch kaum der Kern, der Ursprung von Stärke liegen! Ein Stück weit kann ich diese Kritik durchaus nachvollziehen. Wer gestalten will und nach vorne bringen, wem es nicht ausreicht, abzuwarten und zuzusehen, wie doch so manches in die falsche Richtung läuft und am Ende gar „den Bach heruntergeht“ – um es einmal umgangssprachlich zu sagen – wer so geprägt ist, möchte sich nicht nur seiner Schwäche rühmen. Der oder die möchte helfen, das Ruder herumzureißen. Und möchte am Ende doch auch noch frohen und ehrlichen Herzens Christin oder Christ sein können.

Meine Kraft ist in de Schwachen mächtig. Das soll das kirchliche, das ökumenische Motto im Jahr 2012 sein. Macht sich die Kirche hier selber Mut angesichts so mancher Krisen, vor denen sie nicht verschont bleibt?

So einfach ist dieser Satz nicht zu verstehen. Kein schlichtes Heiligsprechen der Armut, obwohl Jesus die Armen selig preist. Kein Satz des Ausschlusses von Menschen, die in dieser Gesellschaft Verantwortung tragen – obwohl Jesus darauf hinweist, dass die Mächtigen ihren Untergeben häufig Gewalt antun. Und dann fortfährt: Wer unter euch der erste sein will, der sein euer alle Diener.

Aber wie gesagt: So einfach ist das nicht mit den Schwachen. Und mit dem Verstehen dieses Satzes. Und es lohnt sich allemal, erst einmal genauer hinzuschauen. Zu sehen, woher dieser Satz stammt. Und wie Paulus ihn gemeint hat.

Versetzen wir uns in die Welt der ersten Christinnen und Christen, irgendwann in der Mitte der 50er Jahre des ersten Jahrhunderts. Paulus ergeht es so, wie viele anderen Menschen heutzutage auch. Er hat es mit einem Male mit Konkurrenz zu tun. Hyperapostel nennt er sie. Überapostel übersetzt Luther. Sie haben alles, was man ihm abspricht. Sie überzeugen mit ihrer Redegabe. Dagegen sei die des Paulus schwach. Sie sagen, was die Leute hören wollen. Sie kommen gut an. Bringen Empfehlungsschreiben mit. Haben ihre Wurzeln wie er im Judentum. Und legen gerade darauf Wert. Verhalten sich so, wie die Leute es von Apostel erwarten. Vollbringen Erstaunliches. Sind Erfolgstypen

Paulus gerät unter Druck. Gerät in schwieriges Fahrwasser. Aber er räumt nicht das Feld nicht vorzeitig. Er kämpft. Greift seine Gegner mit deren eigenen Waffen an. Jetzt bringt er seine Vorzüge in die Auseinandersetzung ein. Paulus präsentiert sich mit seinem ganzen Qualitätsportfolio, mit seinen ganzen Vorzügen bzw. mit dem, was er dafür hält. Auch er sendet nun seine Bewerbungsmappe nach Korinth. Wie seine Konkurrenten vorher auch.

Seine Botschaft ist alles andere als bescheiden. Er ist sich sicher, er übertrifft sie in allem.

Sie sind Israeliten. Ich auch,
Sie sind Diener Christi. Ich noch mehr.
Sie haben viel investiert. Nicht so viel wie ich.
Ich war öfter gefangen - wurde öfter gefoltert
als sie alle.
Tagelang bin ich als Schiffsbrüchiger auf dem Meer getrieben.
Ich wurde ausgeraubt.
Ich habe religiöse Erfahrungen gemacht.
Wurde entrückt.
Vor Jahren schon.
Als jene noch gar nicht auf dem Plan waren.
Ich könnte mich zu Recht auch rühmen, sagt er. Aber ich tu’s nicht.

Und wo er’s dann doch tut, rühmt er nicht sich. Er rühmt den, dem er all das verdankt. Nämlich Gott. „Wenn ich mich rühmen will, will ich mich meiner Schwachheit rühmen. Und damit ich nicht in Gefahr gerate, zu hoch von mir zu denken, habe ich eine Übermutsbremse erhalten. Ich bin geplagt und gepeinigt. Eine heftige Krankheit macht mir zu schaffen.

Mehr als einmal habe ich Gott gebeten, mich zu befreien von dieser Geisel. Doch nichts anderes habe ich gehört als die Ermahnung. „Sei zufrieden mit dem, was ich dir zugedacht habe. Lass es dir an meiner Gnade genug sein. Meine Wirkkraft – sie ist in den Schwachen mächtig.“

Da also hat es seinen Ursprung, das Jahresmotto für dieses Jahr 2012. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Keine Idealisierung der Machtlosigkeit. Aber ein Hinweis, Gottes Machterweis nicht an den falschen Orten zu suchen. Keine Aufforderung, dem Erfolg zu entsagen, ist dieser Satz. Aber eine Mahnung, sich nicht auf ihn zu gründen. Keine Hochschätzung allein der Armen. Aber eine Warnung, sich nicht über die Armen zu erheben.

Wenn Paulus sich seiner Schwachheit rühmt, dann nimmt er nichts von dem zurück, das er selber eingebracht hat an Engagement. Und an missionarischer Kühnheit. Aber er weiß, dass es damit noch nicht sein Bewenden hat. Sonst wären die Hyperapostel im Recht.

Schwachheit – damit meint Paulus den Verzicht, sich selber zum Maßstab zu machen. Sich alles auf die eigenen Fahne zu schreiben. Paulus singt nicht nur hier das Lied der Schwachheit, wie er sie versteht. Er tut dies auch in einem anderen Zusammenhang.

Mehrfach kommt er in seinen Briefen an die Gemeinde in Korinth auf einen Konflikt zu sprechen. Da gibt es in Korinth Christenmenschen, die lieben es, im Tempelrestaurant zu dinieren. Dass das Fleisch dort fremdem Göttern geweiht ist, das interessiert sie nicht mehr. Der Glaube an den einen Gott, der Glaube an Jesus Christus, so sind sie sich sicher, der hat sie gegen solche Überlegungen immun gemacht.

Andere haben hier jedoch größte Skrupel. Fühlen sich persönlich verunsichert, ja angegriffen durch den Freimut der anderen. Durch die Lebensgewohnheiten derer, die sich nicht scheren, woher dieses Fleisch stammt. Die Starken nennt Paulus diese Gruppe. Und die, die Skrupel haben, nennt er die Schwachen.

Deren Schwäche, deren mangelnden Freimut aber, macht Paulus zum Maßstab. Die anderen, die Starken, sollen verzichten. Um den Schwachen den Atem des Glaubens zu erhalten. Der Glaube, er muss gerade da seine Größe entfalten, wo er die Schwachen nicht ausblendet.

Ich gebe gerne zu: Manchmal ärgert es mich auch, dass wir uns immer am schwächsten Glied orientieren und ausrichten sollen. Vor allem dann, wenn sich die so genannten Schwachen als neue Starke aufspielen. Wenn sie plötzlich nicht nur das Tempo bestimmen. Sondern auch die Spielregeln. Ich bin sicher: So hat Paulus das nicht gemeint.

Schwach sein, so wie ich Paulus verstehe, das heißt, sein Vertrauen auf Gott setzen. Gerade dann, wenn mir sonst der Boden unter de Füßen weg bricht. Schwachsein heißt aber nicht, den Kleinglauben zum Maßstab zu machen.

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Das ist ein Wort des Zuspruchs. Vor allem dann, wenn unser Glaube am seidenen Faden hängt. Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Das ist kein Freischein für einen Glauben in Gleichgültigkeit. Für einen Am-Ende-ist-alles-sowieso-egal-Glauben. Solcher Glaube entfaltet keine Kraft. Bestenfalls lähmt er die Gutwilligen.

Der Jahreslosung geht es darum in einer ganz besonderen Perspektive um den Glauben. Auch um den schwachen, den angefochtenen, den immer wieder neu zu erringenden Glauben. Es geht ihr nicht um einen Glauben, der austauschbar wäre und beliebig. Oder am Ende gar käuflich und wohlfeil.

Es ist gewiss nicht unser Erfolg, der den Glauben bewahrheitet. Aber er diskreditiert ihn auch nicht. Es geht allerdings auch nicht einfach um ein wenig Glauben. Oder - um es mit Worten Karl Barths zu sagen -, um „das Bisschen Zimt zur Speise“, das dem Glauben dann die nötige Kraft für unser Leben verleiht.

Entscheidend ist, woran wir unseren Glauben ausrichten. Wem unser Glaube gilt. Nämlich dem, der selber in Schwäche die größte Kraft entfaltet. Als Kind in einer Krippe. Als einer, der auf alle Insignien der Macht verzichtet. Als Mensch, der im Tod der Bosheit den Garaus gibt. Und am Ende ein leeres Grab hinterlässt. Und das Leben davonträgt.

Ein Jahr wünsche ich Ihnen, dass sie ihr je eigene Stärke entfalten lässt. Selbst da, wo ihnen nichts bleibt als das Eingeständnis, dass die eigenen Kräfte nicht ausreichen.

Ein Jahr aber ebenso, dass sie nach ihren Möglichkeiten und mit all ihren Kräften mitgestalten und durchleben können. Ein Jahr, in dem Gottes Macht sie alle ein ums andere Mal überrascht.

Möge sich am Ende auch das Jahr 2012 als Jahr erwiesen, dem zu Recht der Name zukommt „Schwachheit, die stark sein lässt“.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Jahr 2012 mit den Worten des Schusschorals der vierten, der Neujahrs-Kantate aus dem Weihnachtsoratorium.

Jesus richte mein Beginnen,
Jesus bleibe stets bei mir,
Jesus zäume mir die Sinnen,
Jesus sei nur mein Begier,
Jesus sei mir in Gedanken,
Jesu, lasse mich nicht wanken!

Amen.


Traugott Schächtele

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