PREDIGT IM GOTTESDIENST
ANLÄSLICH DES ZUSAMMENSCHLUSSES DER GEMEINDEN HEILIGGEIST UND PROVIDENZ
AM 15. JANUAR 2012 (2.S.N.EPIPH.) IN HEIDELBERG


Liebe Gemeinde!

Angemessene Worte sind gefragt, wenn zwei Gemeinden zusammen Gottesdienst feiern, weil sie sich als eine Gemeinde auf den Weg in die Zukunft machen. Zwei Gemeinden lassen ihre Grenzen in sich zusammenfallen. Verbinden sich zu einer neuen, größeren Gemeinde. Und sie tun dies, um nach außen wie nach innen noch besser als evangelische Kirche wahrgenommen zu werden. In der Innenstadt, der City und in der ganzen Stadt.

Soll, ja darf ich als Prälat einfach nur gratulieren, weil da sichtbar zusammenwächst, was in der Innenstadt Heidelbergs doch längst zusammengehört? Gratulationen sind angebracht, wo gefeiert wird. Auch wenn die Festtagsfreude bisweilen noch etwas verhalten ist. Und sich eher die Erinnerung an manche Phasen der Schwarzbrotzeit einstellt. An unzählige Besprechungen und Sitzungen. An Bedenken, die zu überwinden waren. An offenen Fragen, auf die eine Antwort gefunden werden musste.

So manches wird noch Zeit brauchen, ehe sich dann unbeschwerte und gar ungetrübte Festtagsfreude einstellen kann. Aber irgendwann muss das Feiern ja seinen Anfang nehmen. Warum nicht heute!

So will ich es auf alle Fälle nicht versäumen, Ihnen vor allem meinen Respekt zu zollen zum Anlass dieses Gottesdienstes. Und es auch an Worten der Ermutigung für die nächsten Schritte nicht fehlen lassen.

Woher ließen sich solche Worte der Ermutigung nehmen, wenn nicht aus den biblischen Texten, die unseren Gottesdiensten ihr Thema und ihr Gepräge geben.

Für diesen heutigen zweiten Sonntag nach dem Epiphaniasfest sind als Predigtext Worte aus de zweiten Kapitel des ersten Korintherbriefes vorgeschlagen. Ich lese zunächst die Verse 1-5:

1 Als ich zu euch kam, liebe Schwestern und Brüder, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. 2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. 3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, 5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Manchmal, liebe Gemeinde – manchmal wünschte ich mir, der Apostel Paulus lebte noch mitten unter uns. Nicht nur, dass ich ihn manches fragen und über anderes auch mit ihm streiten wollte – und ich bin sicher, er würde heute wie damals keinem Anlass zu theologischen Disput aus dem Weg gehen.

Nein, ich würde diesem Paulus gerne begegnen, um noch besser zu verstehen, was er mit diesen Zeilen meint. Da schreibt ein Mensch, ohne nur im Geringsten zu ahnen, dass sein Brief auch noch in 2000 Jahren Gegenstand des Nachdenkens und Quelle der Orientierung im Glauben sein könnte. Er schreibt, ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass gerade seine Gedanken, seine theologischen Reflexionen eine neue Bewegung nachhaltig prägen und formen würden.

Niemand, wirklich niemand hat auf die Kirche und die Entwicklung ihres theologischen Profils so viel an entscheidendem Einfluss ausgeübt wie dieser Paulus. Ihm und seiner Strategie der Grenzüberschreitung haben wir doch ganz wesentlich zu verdanken, dass diese Kirche heute in ökumenischer Verbundenheit den Erdball umspannt; wenn auch manchmal in bleibender Spannung und bisweilen auch Unversöhnlichkeit

Das vor uns liegende Jubiläumsjahr 2013, in dem wir des 450. Geburtstages des Heidelberger Katechismus gedenken - es wird einiges dieser weltumspannenden ökumenischen Verbundenheit und Buntheit auch in diese Stadt und in dieser Gemeinde bringen.

Umso mehr erstaunt es mich, wie unsicher, wie angegriffen und in Frage gestellt dieser Paulus zu seinen Zeiten war. Ja, ein kluger und gewandter Schreiber sei er schon, sagt man hinter seinem Rücken. Aber wenn er da sei, wenn er predige und für seine Sache werbe, klinge manches nicht sehr überzeugend. Und nirgends mehr als gerade in Korinth muss sich Paulus heftiger Konkurrenz erwehren. Da tummeln sich längst andere Agenten der Guten Nachricht, die smart und rhetorisch geschickt für die Sache des Evangeliums werben. Elegante, erfolgsorientierte Werbespezialisten der neuen Bewegung des Gottesglaubens.

Wenn nun Paulus schreibt, dass er nicht mit „hohen Worten und hoher Weisheit“ die „Geheimnisse Gottes“ verkündigt, kann man die schrillen Töne der von ihm Enttäuschten wie die seiner Gegner doch unschwer überhören. Wer so schwächelnd, so wenig überzeugend, ja auch so glanzlos daherkomme, der könne eigentlich doch wirklich nichts wegweisend Neues von sich geben.

Das ist einer der Gründe, weshalb ich mir Paulus manchmal als Gegenüber wünsche. Ich will mir ein eigenes Bild machen. Einen eigenen Eindruck gewinnen von diesem Menschen, der anscheinend längst nicht alle überzeugt hat – und dann doch eine langfristige, nachhaltige, nun schon über 2000 Jahre anhaltende Wirkung erzielt. Und der dabei alle seine Konkurrenten bei weitem übertrifft. Und vergessen macht.

Wie ist dies diesem Paulus gelungen? Eigentlich ist seine Vorgehensweise so einfach wie überzeugend. Paulus beherrscht die Kunst der rechten Unterscheidung. Es war sicherlich viel mehr als eine geschickte Taktik, um sich aus der Schusslinie seiner Kritiker zu bringen. Und es ist viel mehr als geschicktes Understatement, wenn Paulus von der Bedeutung seiner Person ablenkt. Und die Blickrichtung neu ausrichtet.

Paulus gelingt es offenbar, seine Art der Präsentation von dem zu unterscheiden, was er zu sagen und weiterzugeben hat. Ja mehr noch. Er zieht aus der scheinbaren Schwäche seiner Person und seiner Art zu predigen eine direkte Linie zum Inhalt dessen, was er predigt. Denn im Mittelpunkt seines Eintretens für diesen neuen Zugang zum Gottesglauben, im Zentrum seines Predigens steht nicht eine triumphierende göttliche Lichtgestalt. Stattdessen schreibt Paulus nach Korinth: „Ich halte es für wichtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.“

Die Jahreslosung für dieses Jahr 2012 kommt mir in den Sinn. Dieser Satz, den derselbe Paulus an dieselbe Gemeinde, an dieselben Menschen in Korinth geschrieben hat. Kurze Zeit nach den Worten des heutigen Predigttextes. Damals schreibt Paulus: „Mein Kraft ist in den Schwachen mächtig!“ Dieser Satz ist die Antwort, die er von diesem Christus erhält, als er ihm seine eigene Schwäche klagt. Nicht einfach nur die Schwäche seines Auftretens. Sondern auch die Beeinträchtigungen seiner Gesundheit. “Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

Das ist das Geheimnis des Erfolgs des Apostels Paulus. Sein Erfolg gründet gerade in dem, was seine Kritiker ihm vorwerfen. Und er kann darin gründen, weil sich Gott sich selber schwach macht und in diese Welt hinein begibt. Wie kann aus Schwäche Stärke werden?

- Kleine Orgelmeditation zu EG 64: „Der du die Zeit in Händen hast“ (Erinnerung an Jahreswechsel)

Bisher haben wir nur den ersten Teil des Predigttextes für diesen Sonntag gehört. Der Predigttext geht noch weiter. Da heißt es also in direkter Fortsetzung dessen, was ich vorhin gelesen habe, in den Versen 6-10:

6 Wovon wir aber reden, das ist Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt.

9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3):


- Orgel lässt leise aus EG 147 („Wachet auf“) anklingen „Kein Aug hat je gespürt …“ – Ich lese den nächsten Vers in die Musik hinein. -

»Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben.«

- Warten, bis Orgel endet -

10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Zwei Formen der Weisheit werden einander gegenübergestellt. Die Weisheit dieser Welt auf der einen Seite. Und als Gegenüber die Weisheit der Vollkommenen oder auch die Weisheit Gottes.

Und noch einmal wünsche ich mir Paulus selber herbei. Und ich würde ihn fragen: „Warum, lieber Paulus, warum muss man die Welt immer erst madig machen, um Gott ins Spiel zu bringen?“ Und womöglich würde mir Paulus dann klarzumachen versuchen, dass es gar nicht so sehr um zwei Weisen der Wahrheit geht. Sondern eher um zwei Weisen, das in den Blick zu nehmen, was offenkundig vor Augen ist. Es geht also darum zu lernen, wie wir das Alte, Vertraute noch einmal neu sehen können.

Die Kraft, die uns dabei hilft, diese neue Weise des Sehens zu lernen, das nennt Paulus den Geist. In diesem Geist erkennt er in seiner eigenen Schwäche einen Weg, trotzdem erfolgreich wirken zu können. In diesem Geist kann er den Gekreuzigten predigen als den Weg, die Wirklichkeit Gottes wahrzunehmen und ins Leben zu ziehen.

Es ist der Geist, sagt Paulus, der den Perspektivwechsel ermöglicht. Es ist der Geist, der Paulus davon befreit, den Erfolg seiner Predigt selber garantieren zu müssen. Es ist dieser Geist, der auch uns davor bewahrt, das Gelingen unseres Lebens, auch den Erfolg der kirchlicher Mühen selber machen und verantworten zu müssen.

Und wenn denn dieser Paulus denn schon einmal hier wäre, ich würde ihn fragen, welche Worte der Ermutigung er denn ihnen mit auf den Weg geben würde - als Heiliggeistgemeinde und als Providenzgemeinde auf dem Weg in die gemeinsam Zukunft. Fragen würde ich ihn, wie der Geist dazu verhelfen könnte, eine neue Sicht auf die Kirche und die Gemeinden zu gewinnen.

Und wer weiß – dieser Paulus könnte vom Streit zweier Rabbinen erzählen. Vom Streit von Rabbi Schammai und Rabbi Hillel. Beide etwas älter und früher geboren als der Rabbi aus Nazareth, der dem Leben des Paulus eine neue Richtung gegeben hatte. „Eure Hochzeit als Gemeinde“, so könnte Paulus beginnen, „sie erinnert mich an den Streit dieser beiden Rabbinen.

„Wie sehr soll man eine Braut bei der Hochzeit loben?“ Darüber waren sie in Streit geraten. „Je nach der Schönheit“, sagte Rabbi Schammai. Schließlich hat Gott uns geboten, stets bei der Wahrheit zu bleiben.“ Rabbi Hillel sah das anders: „Die Braut ist immer zu loben. Denn wenn ihr Mann sie liebt, muss sie schließlich einfach schön sein. Weil sie für ihn schön ist.“

Und Paulus würde fortfahren: „Ich sehe euren Zusammenschluss als Gemeinden wie diese Braut, über die die Hillel und Schammai in Streit geraten waren. Und ich sage euch, ich halte es mit meinem Rabinenkollegen Hillel. Damit bin ich immer am besten gefahren. Ich sage euch: Die Braut ist auf alle Fälle zu loben. Und ihr, die ihr die neue Schönheit der beiden zusammenwachsenden Gemeinden noch gar nicht kennt, wie viel mehr müsst ihr heute das Lied ihrer Schönheit singen!.

- Orgel lässt für einige Sekunden Anklänge des Hochzeitsmarsches anklingen -

Womöglich würde Paulus auch noch erklärend hinzufügen: „Lernt, euch von eurer Zukunft her zu sehen, von eurer gemeinsamen Zukunft. Und nicht von eurer getrennten Vergangenheit, wie glorreich sie auch gewesen sein mag. Nicht im Verlorenen, sondern im neu Hinzugewonnenen liegt eure Schönheit.

Fangt an, euch von euren Gaben her zu betrachten. Vom dem, was ihr einbringt. Und nicht so sehr von dem, was ihr in Gefahr geraten seht. In der Fülle eurer gemeinsamen Möglichkeiten liegt eure Schönheit.“

In Predigttext erzählt Paulus nichts von Rabbi Hillel. Aber er zitiert einen Vers aus dem Propheten Jesaja: „Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott denen bereitet, die ihn lieben.“

Ich bin Paulus dankbar für seine Worte der Ermutigung, auch wenn er nicht persönlich anwesen ist. Wir haben seinen Brief nach Korinth gelesen, auch wenn wir ihn nicht ihn selber sprechen konnten, sondern nur seine dürren Worte haben. Aber in der Schwäche des Wortes entfaltet Gottes Kraft ihr Wirken. Wie in den bloßen Zeichen von Brot und Wein die Fülle der Gegenwart Gottes zu spüren und zu feiern ist. Wie im Gekreuzigten die Wirklichkeit Gottes selber aufleuchtet.

Und darum möchte ich ihnen am Ende doch noch einmal und gänzlich ohne Vorbehalt gratulieren. Zur Schönheit der Braut, die ich vor Augen habe. Zu den dürren Buchstaben vieler Beschlüsse, aus denen ihr Zusammenschluss zu einer Gemeinde zu seiner Stärke und zu seiner Schönheit finden wird. Denn unser Glaube – um noch einmal Paulus zu Wort kommen zu lassen – „unser Glaube steht nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.“

Deshalb haben sie allen Grund, sich zuversichtlich und mit Gottvertrauen auf den Weg in die Zukunft machen. Amen.

- Orgel nimmt Predigt improvisierend auf -




Traugott Schächtele

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