PREDIGT
ÜBER DAS LIED „WER NUR DEN LIEBEN GOTT LÄSST WALTEN“ (EG 369)
AM SONNTAG, DEN 12. FEBRUAR 2012 (SEXAGESIMAE)
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN BAMMENTAL


Liebe Gemeinde!

Mein Lieblingslied soll ich predigen – mit dieser Bitte hatte sich Pfarrer Zimmermann schon vor Monaten an mich gewandt. Mein Lieblingslied?! Was sich im ersten Augenblick als verlockendes Angebot anhörte, entwickelte sich schnell zu einer großen Herausforderung. Ich hatte mir darüber zuvor keine Gedanken gemacht. Denn ich singe viele Lieder sehr gerne.

Die Erkenntnis für mich war also: Ich habe nicht ein Lieblingslied. Ich habe mindestens eines für jede Zeit des Kirchenjahres. Im Advent „Die Nacht ist vorgedrungen“. An Weihnachten „Ich steh an deiner Krippen hier“. In der Epiphaniaszeit „Jesus ist kommen“. An Ostern „Auf, auf mein Herz mit Freuden.

Ich will hier aufhören. Denn ich müsste noch viele nennen. Und neben die alten Choräle treten viele neuere oder neue Lieder. Darum ist es schön, dass wir heute auch so viel aus dem blauen Liederbuch singen.

Ich habe mich der Frage nach dem Lieblingslied dann noch einmal anders genähert. Habe mich gefragt, welche Lieder, welche Choräle ich unabhängig vom Kirchenjahr immer gerne singe. Mit welchen ich eine Erinnerung verbinde. Welche mir zu Herzen gehen, ohne dass ich immer genau weiß, warum. „In dir ist Freude“ – das Lied mit diesem schnellen tänzerischen Rhythmus aus dem 16. Jahrhundert gehört dazu. Oder eben auch das Lied, über das ich heute predigen möchte: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Um uns einzustimmen, singen/hören wir die erste Strophe:

EG 369,1: Wer nur den lieben Gott lässt walten

Wann immer ich dieses Lied singe oder höre, taucht eine Filmszene vor meinem inneren Auge auf. Ich hätte sie Ihnen gerne gezeigt heute Morgen. Aber es war technisch in der Kirche wohl nicht möglich. Die Szene spielt in dem Film Vaya con Dios. Einem Film aus dem Jahre 2002. Da sind drei Mönche auf dem Weg zu ihrem Mutterkloster in Italien. Die Mönche gehören einem Orden an, der im Singen den Weg des Zugangs zum heiligen Geist findet. Einer der Mönche, Benno, kommt unterwegs von seiner Mission ab. Wird schwach. Und erliegt seiner Leidenschaft. Diese gilt alten Handschriften und alten Büchern.

Unterwegs – nämlich in Karlsruhe – machen ihm die Jesuiten das Angebot, bei ihnen zu forschen. Und Benno nimmt dieses Angebot an. Aber er hat nicht mit der Findigkeit seiner Mitbrüder gerechnet. Die wissen, mit welchem Lied sie Benno wieder in die Spur bekommen. Mit dem Lied „Wer nur den leben Gott lässt walten.“ Sie bringen den Organisten dazu, dieses Lied zu spielen. Obwohl es in diesem Gottesdienst gar nicht vorgesehen war. Und dann übertönen sie den Gemeindegesang mit ihren wunderschönen Oberstimmen – bis dann auch Benno in den Gesang einfällt. Und sich den beiden anderen anschließt. So können sie sich wieder zu dritt auf den Weg nach Italien machen. Wenn sie Gelegenheit haben, schauen sie sich diesen Film unbedingt an. Er lohnt sich. Vaya con Dios! Geh mit Gott!

Was dieser Film vor Augen führt, ist dies: Lieder können Menschen verändern. Lieder können Menschen buchstäblich unter die Haut gehen. Können Menschen zum Weinen bringen. Oder können sie glücklich machen. Lieder können einem durchs Leben begleiten. Einem die Richtung weisen. Orientierung geben. Lieder können auch heilen. Das weiß jeder, der einmal mit einem Kind „Heile, heile, Segen“ gesungen hat.

Unser Lied heute Morgen, das Lied „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ – das ist ein heilendes Lied. Ein Trostlied. Von der ersten bis zur siebten Strophe. Wir singen/hören jetzt aber erst einmal die Strophe 2:

EG 369,2: Was helfen uns die schweren Sorgen

Georg Neumark hat dieses Lied gedichtet und auch die Melodie dazu geschrieben. Er wurde im Jahre 1621 in Langensalza in Thüringen geboren. 1640, mit 19 Jahren, macht er sich auf den Weg nach Königsberg, um dort Jura, also die Rechtswissenschaften zu studieren. Im ersten Anlauf kann er diese Absicht nicht erfolgreich in die Tat umsetzen. Ob es Kriegswirren waren oder die Folge eines Überfalls – er muss fliehen. Ein Jahr später – 1641 – taucht er in Kiel auf.

Dort entsteht dieses Lied. Gerade 20 Jahre ist er alt, als er den Text dichtet und die Melodie komponiert. 34 geistliche Lieder stammen am Ende aus seiner Feder. Wirklich bekannt wird aber nur dieses Lied, um das es heute geht.

Eine hohe geistliche Reife kann man dem Text abspüren. Einen tiefen Glauben. Ein großes Gottvertrauen. „Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“ Sie hören das Gleichnis vom Ende der Bergpredigt hier aufgenommen. Es kommt also darauf an, worauf wir uns gründen im Leben. Worauf wir uns gründen wollen. Und ob wir sorgfältig vorgehen, wenn wir die Häuser unseres Lebens planen. Oder um eine Formulierung aufzunehmen, die heute gerne verwendet: ob wir mit der nötigen Sorgfakt vorgehen, wenn wir uns an den Baustellen unseres Lebens abarbeiten.

Georg Neumark ist ein Seelsorger. Er kennt die Menschen gut. Und wer weiß, wie sie reagieren, wenn es einmal nicht so gut läuft. Das ist heute ja nicht anders. Wir klagen. Und wir jammern. Das tut erst einmal gut. Und wir dürfen uns das auch zugestehen. Denn Klagen entlastet.

Aber es ist gewissermaßen eine Erstreaktion. Irgendwann muss es damit sein Bewenden haben. Und das Klagen darf schon gar nicht der Grundto unseres Lebens werden. „Was helfen uns die schweren Sorgen? Was hilft uns unser Weg und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen beseufzen unser Ungemach?“ Am Ende wird es damit nicht besser. Oder wie Georg Neumark es sagt: Es wird nur noch schlimmer: „Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit!“

Klagen hilft also nur fürs Erste. Dann muss etwas anderes folgen. Die Medizin, die Georg Neumarkt empfiehlt, lautet: Abwarten. Aber nicht Aussitzen. Sondern Abwarten mit Gottvertrauen. „Man halte nur ein wenig stille und sei doch in sich selbst vergnügt.“ Kein leichter Rat ist das. Abzuwarten. Und das auch noch mit Vergnügen. Aber Georg Neumarks Leben verlief auch nicht immer nur in der Erfolgspur. Schon gar nicht in der Zeit, in der er dieses Lied dichtet. Er ist so arm, dass er seine Gambe verkaufen muss. Sein letzter Besitz. Und für ihn als Musiker eine Katastrophe.

Seine Armut in dieser Zeit war so sprichwörtlich, dass im 19. Jahrhundert sein Leben in Form einer Oper auf die Bühne kommt. Heute würden wir sagen: Sein Leben wurde verfilmt. 1859 wird in Weimar zur Uraufführung dieser Oper eingeladen. „Georg Neumark und die Gambe“. Ein Stück, das von der Armut eines umherziehenden Hauslehrers handelt.

Nicht auf die Bühne kommt die Fortsetzung des Lebens. Georg Neumark macht die Erfahrung: Dieses Warten dauert nicht bis zum St. Nimmerleins-Tag. Irgendwann hat alles ein Ende. Auch die schwerste Zeit. „Er kennt die rechten Freudenstunden, er weiß wohl, wann es nützlich sei.“ Lebensklugheit schimmert da hindurch. Und wohl auch eigene Erfahrung. Und dann kommt Gott auch wieder ins Spiel. Nimmt die Fäden unseres Lebens in die Hand. Gott kommt – „eh wir’s uns versehn“.

Aber jetzt möchte ich diese beiden Strophen ersten einmal mit ihnen singen/sie hören.

EG 369,3: Man halte nur ein wenig stille

EG 369,4: Er kennt die rechten Freudenstunden

Gott kommt. Eh wir’ uns versehen. Georg Neumarks Leben spiegelt diese Glaubenszuversicht wider. Er kann doch noch studieren. Und er wird am Ende Bibliothekar und Hofdichter bei Herzog Wilhelm, dem IV. von Sachen-Weimar. In Weimar stirbt er 1681 im Alter von 60 Jahren. Wenige kennen heute noch seinen Namen. Aber unzählige kennen und lieben sein Lied. Dieses Lied, das heute im Zentrum dieses Gottesdienstes steht.

Die fünfte Strophe könnte aus unserer Zeit stammen. Da lässt er uns von der Drangsalshitze singen. Vom Gefühl, dass Gott uns verlassen hat. Von der Erfahrung auch: Den einen fällt in den Schoß, was anderen nicht einmal mit harter Arbeit gelingt. Was Neumark hier beschreibt, nennt man heute burnout. Drangsalshitze. Menschen sind davon betroffen, die ausgebrannt sind. Die nicht mehr können. Denen die Sicherheit des Alltäglichen abhanden gekommen ist.

Erneut empfiehlt er: abwarten! „Die Folgezeit verändert viel und setztet jeglichem sein Ziel.“ Alles hat ein Ende. Auch lange Phasen des Unglücks. Zeiten der Gottverlassenheit. Hier spürt man: Da dichtet ein junger Mensch. Denn längst nicht immer reicht es aus, einfach anzuwarten Längst nicht immer regelt sich alles von selber. Längst nicht immer stellt sich die Gesundheit wieder von alleine ein. Längst nicht immer finden belastete Beziehungen wieder zusammen. Längst nicht immer hört das Glück der einen auf. Und das der anderen beginnt.

Georg Neumark mag da vergönnt gewesen sein. Georg Neumark hat mit seinem Gottvertrauen auf’s Ganze gesehen keinen Schiffbruch erlitten. Was aber, wenn das nicht gelingt? Wenn die Krankheit bleibt und die Kräfte schwinden. Wenn sich die Trauer nicht verflüchtigen will. Dann ist es gut, wenn wir Menschen an unserer Seite wissen. Menschen, die mit den Weinenden weinen. Und mit den Schweigenden ihr Schweigen aushalten.

Dann ist es auch gut, sich an den zu erinnern, der seinem Weg keine neue Wendung ehr geben konnte. An dem der Kelch nicht vorüberging. Der gebetet mit den Worten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Verlassen war er, bis sein Leben ans Ende kam. Aber das war nicht das letzte Wort, das über sein Leben gesprochen wurde. An Ostern machen sich die Erfahrung fest: Wo wir am Ende sind, ist Gott noch lange nicht am Ende. Da setzt Gott einen neuen Anfang. Am Ende trägt das Leben den Sieg davon. Aber jetzt wollen wir erst die 5. Strophe miteinander singen:

EG 369,5: Denk nicht in deiner Drangsalshitze

Wo wir am Ende sind, ist Gott noch lange nicht am Ende. Da setzt Gott einen neuen Anfang. Eine Ahnung davon finden wir auch im Lied von Georg Neumark. Gott findet sich nie ab mit dem Status quo. Dem Reichen lässt er seinen Reichtum durch die Finger gleiten. Den Armen bringt er zu Ehren. Der Lobgesang der Maria kommt mir in den Sinn: Er stürzt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Hungrige füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Gott liebt den Wechsel. Auch den großen, gewaltigen Wechsel. Wird Mensch. damit wir neu den Zugang zu Gott finden. „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein!“ An Weihnachten haben wir das gesungen. Ein Lied, das ich auch von Herzen gerne singe. Bei Neumark heißt es: „Gott ist der rechte Wundermann, der bald erhöhn, bald stürzen kann.“

Was bleibt? Was können wir mitnehmen aus diesem Lied außer der Botschaft abzuwarten? So einfach will schließlich auch Neumark sich nicht verstanden wissen. Er fügt jetzt ein Dreifaches hinzu: „Sing! Bet! Und geh’ auf Gottes Wegen!“ Und das Singen steht ganz am Anfang.

Lebe einfach in diesem Gottvertrauen, sagt er. Gott macht am Ende alles neu. Und er schließt sein Lied noch einmal ganz programmatisch. Fast pathetisch. Ähnlich wie in der ersten Strophe: „Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht!“

Die vielen Zeuginnen und Zeugen des Glaubens mögen uns in den Sinn kommen. Menschen, die dieses Gottvertrauen in ihr Leben gezogen haben. Große Namen: Wie Martin Luther. Dietrich Bonhoeffer. Mutter Theresa. Oder auch Albert Schweitzer.

Aber noch mehr sei an die vielen anderen erinnert. Menschen, deren Namen wir oft gar nicht kennen. Und auf deren Schultern unser Glauben oft aufbaut. Deren Erfahrungen die Kirche geprägt haben. Die uns den Raum geöffnet haben, dass wir heute selber auch glauben können.

Großeltern, die ihren Enkeln von Gott erzählen. Religionslehrerinnen und Religionslehrer, die mehr als drei Jahrzehnte Schülerinnen und Schüler die Themen nahebringen, die ihnen die Agen öffnen, Und die sie sensibel für Recht und Gerechtigkeit machen. Kirchenälteste, die Verantwortung wahrnehmen für ihre Gemeinde. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Diakonie, die Menschen in Not den Glauben an ein Stück Menschlichkeit zurückgeben.

Alles nur Beispiele von Menschen, die das ihre „treu verrichtet“ haben. Wir müssen in unserem Leben unseren eigenen Weg des Glaubens finden. Unsere eigenen Möglichkeiten, Gott in unsrem Leben Raum zu geben. Und Menschen so zu begegnen, dass etwas von der Gottesebenbildlichkeit zum Leuchten kommt.

Gott wird uns nicht fragen, warum wir nicht geglaubt haben wie Mose oder Paulus. Wie Maria und die Frauen am Grab. Wie Martin Luther oder Bonhoeffer. Vielleicht wird Gott wird uns fragen, warum wir nicht alle unsere Gaben genutzt. Und den Glauben in der Fülle unserer Möglichkeiten gelebt haben.

Bange sein muss uns vor dieser Frage nicht. Gott schaut uns allemal mit gnädigen Augen an. Gott unterstützt uns, wo wir uns abmühen. Aber Gott liebt uns, wenn wir singen. Amen.

EG 369,6: Es sind ja Gott sehr leichte Sachen

EG 369,7: Sing, bet und geh auf Gottes Wegen

Fürbitten

Hinweis Kehrvers: Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Singen sollen wir, du Gott der Töne, die zu Herzen gehen. Darum beten wir für alle, die sich schwer damit tun mit diesem Singen; für allen, denen die Lieder im Hals stecken bleiben; für alle, die mundtot gemacht werden.

Für die Angehörigen lasst uns beten, die um einen lieben Menschen trauern, damit sie getröstet werden und damit die Lieder der Hoffnung auf ewiges Leben bei dir in ihnen erklingen können.

Wir wissen, Gott, dass du uns hörst. Darum lasst uns gemeinsam singen:

Alle: Denn welcher seine Zuversicht

auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Beten sollen wir, du Gott, der du dich anrühren und ansprechen lässt. Für alle beten wir, die ihr Vertrauen verloren haben; für alle, denen der Glaube durch die Finger rinnt; die den Möglichkeiten des Betens nicht mehr trauen können.

Wir wissen, Gott, dass du uns hörst. Darum lasst uns gemeinsam singen:

Alle: Denn welcher seine Zuversicht

auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Auf deinen Wegen sollen wir gehen, Gott, der du uns Auswege ermöglichst und uns immer wieder neue Wege in die Zukunft weist. Für alle lasst uns beten, die in ihrem Leben nach Orientierung suchen; die nicht wissen, welche Wege sie gehen sollen; die auch den Weg zu dir nicht mehr finden.

Für alle lasst uns beten, die nach Wegen des Friedens suchen, in Syrien, du wo immer Menschen einander Unrecht und Gewalt antun.

Wir wissen, Gott, dass du uns hörst. Darum lasst uns gemeinsam singen:

Alle: Denn welcher seine Zuversicht

auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Des Himmels reichem Segen sollen wir trauen, Gott, der du uns immer neu aus deinem Segen leben lässt. Für alle lasst uns beten, die sich nach diesem Segen sehnen, damit ihr Leben gelingt. Für alle aber auch, die nicht sehen können, wie reich du sie in ihrem Leben gesegnet hast und auch in Zukunft immer wieder neu segnest.

Wir wissen, Gott, dass du uns hörst. Darum lasst uns gemeinsam singen:

Alle: Denn welcher seine Zuversicht

auf Gott setzt, den verlässt er nicht.


Traugott Schächtele

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