PREDIGT IM GOTTESDIENST
AM BEGINN DER DEKANSWAHLSSYNODE
AM MONTAG, DEN 19. MÄRZ 2012
IN DER CHRISTUSKIRCHE IN PFORZHEIM


Liebe Synodalgemeinde!

Was für ein schöner Montag! Eine entscheidende Wahl folgt der nächsten. Gestern haben die Mitglieder der Bundesversammlung Joachim Gauck zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Heute sind Sie als Älteste der Dekansgemeinde und als Mitglieder der Bezirkssynode zur Wahl eines neuen Dekans, genauer gesagt einer neuen Dekanin aufgerufen.

Wer die Wahl hat, muss sich entscheiden. Muss ja sagen. Oder nein. Kann sich auf jeden Fall nicht durchlavieren. „Ja, ja“ soll unser Votum lauten. Oder „nein, nein.“ Genau dieser Vers aus der Bergpredigt soll im Mittelpunkt dieser Predigt stehen. „Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“

Ich bin nicht ohne Absicht auf diesen kleinen Vers gekommen. Im Kirchenjahr stehen wir derzeit ja mitten in der Passionszeit. Gestern haben wir den Sonntag Laetare gefeiert. Am kommenden Sonntag haben wir den Sonntag Judika.

Viele Menschen begehen die Passionszeit als ihre ganz persönliche Fastenzeit. Mehr als zwei Millionen Menschen beteiligen sich seit Jahren auch an der Aktion Sieben Wochen ohne.

Es gibt viele Wege, diese Wochen zu gestalten. Der beispielhafte Verzicht auf die kleinen Annehmlichkeiten des Lebens ist das eine: kein Alkohol, keine Süßigkeiten. Andere arbeiten sich an anderen Gewohnheiten ab. Manchmal auch an kleinen persönlichen Eigenheiten, die sie in Griff bekommen wollen. Auf ständig laufender Musik. An mangelnder Dankbarkeit. An der fehlenden Bereitschaft, andere anders sein zu lassen. Immer ist ein Impuls mit der Aktion verbunden. Eine Absicht, die etwas von uns fordert. Die uns irgendwie besser machen will.

Dieses Jahr finde ich die Aktion so spannend wie schon lange nicht mehr. Auch in diesem Jahr wird uns etwas zugemutet. Aber nicht in dem Sinn, dass wir wieder ein kleines Stück weiter kommen sollen auf dem Weg, es einfach nur besser zu machen.

Dieses Jahr lautet das Motto: Gut genug! Und dann erst im kleiner gedruckte Untertitel: Sieben Wochen ohne falschen Ehrgeiz. Sieben Wochen, in denen es einfach reicht, ein Mensch zu sein. Ohne Zielvorgaben, die erfüllt sein müssen. Ohne darunter zu leiden, wenn nicht alles so kommt, wie ich es mir wünsche. Sieben Wochen, in denen das Gelingen kein Muss ist. In denen das Scheitern einfach ist, was es ist. Eine der möglichen Optionen in der Normalität des Lebens. Sieben Wochen, in denen ich sein darf, was ich doch auch zuallererst bin: ein Mensch!

Deshalb passt dieses Motto auch wunderbar in die Passionszeit. Denn der, an denen wir uns immer wieder neu erinnern lassen in diesen Wochen, der kommt uns in dieser Zeit gerade nah in seinem Menschsein. So nah, dass er am Ende auch die Erfahrung mit uns teilt, die keinem und keiner von uns entgeht: die Erfahrung der Zerbrechlichkeit und der Endlichkeit unseres Lebens.

Diesem Menschsein möchte ich nachspüren. Und mich auf die Suche machen nach Sätzen, die dabei Orientierung geben können. In der Bergpredigt finde ich solche Sätze. Sätze, die dieses Menschsein nicht billig und wohlfeil machen. Sätze aber auch, die wie eine Befeiung bei mir ankommen. Wie eine Ermutigung, mich auf das Abenteuer des Menschseins einzulassen.

Gleich an ihrem Anfang wird aller Druck von unseren Schultern genommen. Selig wird gepriesen, wem die Erfahrungen des Menschseins nicht erspart werden. Selig sind die, die zu wenig haben. Die hungern. Die leiden. Die wenig oder nichts auf die Erfolgswagschalen der Welt legen können.

Dann werden ganz konkrete Wege aufgezeigt, wie das Leben tatsächlich gelingen kann. Gleich sechsmal beschäftigt sich der Bergprediger mit einer Lebensregel der Tradition. Einer Regel, die nicht außer Kraft gesetzt wird. Die aber eine Akzentuierung, eine Neuausrichtung erfährt.

Jedes mal wird seine Stellungnahme eingeleitet mit dem Satz: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist – ich aber sage euch!“ Wir könnten auch sagen: „Ihr wisst, dass bei uns Folgendes in Geltung steht. Noch besser wäre es, ihr würdet gleich dies oder jenes tun!“

Um zentrale Fragen des verlässlichen Zusammenlebens geht es. Um das Vergelten und um das Töten. Um die Gabe von Almosen, d.h. um die diakonische Fürsorge, und um die Liebe zu den Feinden. Am Beispiel der Ehe geht es um die Zerstörung der tragenden Grundlagen des gelingenden Zusammenlebens. Und es geht – um das Schwören.

Bei uns mag gerade das kein Thema sein. Der Täuferbewegung zur Zeit der Reformation ist gerade diese Auforderung ganz wichtig gewesen. In einem ihrer zentralen Texte, dem sogenannten Schleitheimer Täuferbekenntnis aus dem Jahre 1527, ist gerade der Verzicht auf das Schwören einer der zentralen Punkte.

Ich will mich heute aber nicht auf das Schwören konzentrieren. Denn damit wäre wieder ein Verbot verbunden. Mich spricht mehr an, wie in positiver Weise umschrieben wird, wie wir reden sollen: Ja, ja! Oder nein, nein. Alles andere, so heißt es, bringt uns ab von dem, wie Gott unser Leben gemeint hat. Alles andere führt ins Unglück.

Ja, ja. Nein, nein – taugen die beiden Wörter als Grundprinzip für das Experiment Menschsein? Sieben Wochen ohne Zunächst: Es macht uns Menschen geradezu aus, dass wir ja sagen können. Oder nein. Dass wir Zustimmung signalisieren können. Oder Ablehnung. Dass wir in den einen Weg einwilligen. Und auf den anderen verzichten.

Zunächst: Ja oder nein – das sind die Grundelemente des digitalen Zeitalters. Ja oder nein - 1 oder Null – Energie oder keine Energie - auf dieser Unterscheidung – oder besser auf komplexen Systemen dieser Alternative - basiert jeder Computer. Es braucht nicht die elegante Verbindung der Zahlen von 1 bis 10. Es reicht die Alternative von 1 und 0, von ja und nein, um unsere technisierte Welt in Gang zu halten.

Aber die Bedeutung dieser beiden Möglichkeiten trifft nicht nur die Äußerlichkeiten unserer Welt. Ja sagen zu können. Und nein. Das sind die Grundvoraussetzungen menschlicher Freiheit. Wir sind keine Marionetten. Weder sind wir Marionetten unserer Geschichte und unserer Herkunft. Noch sind wir Marionetten eines verborgenen himmlischen Plans, von dem wir nicht abweichen können.

Nicht ohne gute Gründe haben auch unsere Mütter und Väter im Glauben immer wieder dieser Versuchung widerstanden. Auch gegenüber manchen Aussagen des Kirchenvaters Augustin. Oder anderen des Reformators Johannes Calvin. Wobei beide eher die Größe und die Menschenfreundlichkeit Gottes im Blick hatten. Nicht die Unfähigkeit des Menschen, sein Leben eigenverantwortlich führen zu können.

Ja zu sagen und nein. Das umschreibt wesentliche und ganz konkrete Entscheidungen unseres Lebens. Ja sagen Menschen, wenn sie sich auf den Weg der Ehe begeben. Ja sagen Menschen, wenn sie gefragt werden, ob sie eine Aufgabe oder ein Amt annehmen. Ja sagen sie, wenn sie bei einer Wahl einer Partei oder einer Person ihre Stimme geben.

Ja muss ich aber jeden Tag auf’s Neue zu meinem Leben insgesamt sagen. Nur wer hier ja sagen, allen möglichen Widrigkeiten zum Trotz, wird am Ende auch zufrieden leben. Und glücklich. Wo sich zuviel grundsätzliches Nein untermischt. Wo das Leben auf Dauer fremd und feindselig daherkommt, können Menschen am Ende auch krank werden.

Daher ist es gut, wenn wir immer wieder auch nein sagen. Wenn wir widerstehen, wo unser Verstand Vorsicht signalisiert. Und wo unser Herz nicht mit will. Kinder machen wir Mut, nein zu sagen, wenn Menschen ihnen zu nahe kommen. Politisch sagen wir nein, wenn Menschen klein gehalten und entwürdigt werden. Nein sagen wir – hoffentlich! – auch, wenn sich Lebenswege als Irrwege erweisen und wir seinen Kurs korrigieren und neu ausrichten müssen.

Eure Rede sein ja, ja, nein, nein. Alles andere ist vom Übel. Und führt ins Verderben. Dahinter steckt mehr als nur bloße Lebensweisheit. Es ist eine Art knappste Summe des Menschseins überhaupt.

Was aber machen wir, wenn wir uns weder zum einen noch zum anderen durchringen können? Weil sich diese Alternative als zu wenig aussagekräftig erweist? Was machen wir, wenn wir unterschiedliche Perspektiven haben? Wenn mir nur ein Ja verantwortlich erscheint, einem anderen oder einer anderen aber nur ein nein bleibt? Was mache ich, wenn mir zur einen Entscheidung der Mut und zur anderen die Kraft fehlt? Was bleibt mir, wenn ich einfach nicht weiß, was jetzt dran ist?

Manchmal ist das ja geradezu der Normalfall des Menschseins. Die Zweideutigkeit. Der offene Ausgang. Die mangelnde Einsicht, welche Konsequenzen ein Ja oder ein Nein jeweils hat.

Hier könnte uns ein anderer Satz weiterhelfen. Ein Satz aus dem Lukas-Evangelium, der auch von Jesus stammt oder stammen könnte; der aber nur in einer Handschrift des Neuen Testaments überliefert ist (Lukas 6,5). Auch eine Art Seligpreisung. Der Satz lautet: „Wenn du weißt, was du tust, bist du selig.“

Die Freiheit eines Christenmenschen lähmt nicht. Sie beflügelt. „Der Heilige Geist ist kein Skeptiker“, hat Martin Luther darum einmal geschrieben. Und an anderer Stelle sogar Mut gemacht mit seinem berühmten „Pecca fortiter. Sündige tapfer!“

Das womöglich falsche nein und das nicht ehrliche ja – sie sind nicht einfach die Katastrophen unseres Lebens. Sie bleiben allemal aufgehoben im großen Ja, mit dem Gott uns entgegentritt. In jenem Ja, das Gott gesprochen hat, indem er sich einließ auf unser Menschsein. In dem er ja sagte zur Verletzlichkeit und zur Brüchigkeit des Lebens selber.

Indem Gott uns wissen lässt: Mein Leben- es ist allemal gut genug! – um es mit dem Motto der diesjährigen Aktion Sieben Wochen ohne zu sagen.

Sieben Wochen – oder besser noch knapp drei – kann ich es noch einmal darauf ankommen lassen. Kann mutig ja und fröhlich nein sagen. Und vielleicht wachsen mir gerade dabei Flügel – wie der symbolischen Titelfigur der diesjährigen Aktion. (Kalender zeigen)

„Eure Rede sei ja, ja, nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ Was uns vom Übel fernhält, das ist die Aussicht auf gelingendes Menschsein. Auf tragenden Grund. Auf das uns geschenkte rechte Wort zur rechten Zeit. Ohne falschen Ehrgeiz. Aber in der Aussicht österlicher Gewissheit. Gottes ja zum Leben hat Bestand.

So können wir leben. Zwischen ja und nein. Wo wir das erkennen, mag auch uns am Ende nichts anderes bleiben als die Feststellung: „“Was für ein schöner Montag!“ Amen.

Traugott Schächtele

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