„DER TEMPEL GOTTES, DER SEID IHR!“
PREDIGT ÜBER 1. KORINTHER 3,9-12; 16.17
IM GOTTESDIENST 200 JAHRE PAULUSKIRCHE
AM SONNTAG, DEN 6. MAI 2012 IN EPPELHEIM


Liebe Festgemeinde hier in Eppelheim!

Am Anfang soll – wie könnte es anders sein! – ein Glückwunsch stehen. Sie feiern in diesem Jahr und in besonderer Weise an diesem Wochenende und mit diesem Gottesdienst den 200. Geburtstag Ihrer Pauluskirche. Dazu möchte auch ich Ihnen ganz persönlich, aber auch im Namen der Landeskirche ganz herzlich gratulieren.

200 Jahre, das mag sich nicht besonders alt anhören. Es gibt Kirchen, die sind Tausend Jahre alt und älter. Romanische. Byzantinische. Aber bei 2000 Jahren Geschichte der Kirche sind 200 Jahre immerhin 10 Prozent. Und das ist keineswegs wenig. Über 10 Prozent der Kirchengeschichte war diese Kirche hier der Ort, an dem sich die evangelische Gemeinde hier in Eppelheim zum Gottesdienst getroffen hat.

Gottesdienste wurden an diesem Ort auch schon früher gefeiert. Zumindest seit dem Jahre 1364 ist eine erste Vorgängerkirche sicher nachzuweisen – das habe ich in Ihrem Kirchenführer nachgelesen. So werden aus diesen 10 Prozent sogar schon 33 Prozent. Und das ist dann immerhin ein Drittel der Jahre der Geschichte der Kirche, in denen sich hier Menschen zum Gottesdienst versammelt haben.

Sie dürfen also zurecht stolz sein auf diese Kirche. Und auf diesen Ort, an dem sie gebaut wurde. Zugleich aber haben Sie allen Grund zur Dankbarkeit. Für diese Kirche, deren Jubiläum Sie feiern. Dafür, dass Sie als beinahe über diese ganze Zeitspanne von hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begleitet worden sind. Von Pfarrerinnen und Pfarrern. Über viele Jahre doch auch schon von Gemeindediakoninnen oder Gemeindediakonen. Seit es diese Kirche gibt, haben Menschen die Orgel gespielt. Seit es diese Kirche gibt, gibt es Kirchendienrinnen oder Kirchendiener. Und zusammen mit den Haupt- und Nebenamtlichen haben unzählige Ehrenamtliche in der Gemeinde mitgearbeitet.

Ihr Kirchenjubiläum bietet also Gelegenheit zum dankbaren Rückblick. Zugleich ist es aber auch Anlass, den Blick zuversichtlich in die Zukunft zu richten. Mit Ihrer Kirche und mit Ihrem Gemeindehaus sind Sie, was Gebäude angeht, bestens ausgestattet. Und wenn Sie einmal auflisten, was der Bau, die Innenausstattung, was Fenster und Orgel, Glocken, Kerzenständer und Paramente gekostet haben, werden sie selber zu der Folgerung kommen: Ihre Kirche ist Ihnen lieb - und teuer.

Dem 200.Jubiäumsjahr der Indienststellung Ihrer Kirche können Sie nur gerecht werden, wenn Sie diesen Anlass ausgiebig feiern. Was könnte diese Kirche erzählen, wenn man sie zum Sprechen brächte! Von Trauer und Freude, die Menschen empfunden haben. Von Gottesdiensten aller Art: Von Liedern und Predigten. Von Taufen und Hochzeiten. Von Abschied und Neubeginn. Von Krieg und Frieden.

Was könnten allein all diejenigen, die heute hier mitfeiern, berichten, von dem, was sie mit dieser Kirche in Verbindung bringen. Von Erinnerungen und Hoffnungen. Von Enttäuschung und Abschied. Von Hoffnung auf eine Zukunft in Gerechtigkeit.

Vieles Gesagte und vieles Ungesagte – all dies schwingt mit, wenn diese Pauluskirche Geburtstag feiert.

Wenn man die Kirche durch das Hauptportal betritt, fallen fünf Reliefs ins Auge. Seit 1967 sind sie da. Wahrscheinlich sind Sie Ihnen so vertraut, dass Sie gar nicht mehr jedes Mal hinschauen. Der Künstler war, wie für die Fenster auch, Harry Mac-Clean. Er ist auch für mich kein Unbekannter. In meiner ersten Stelle als Gemeindepfarrer war ich für ein Kirchengebäude verantwortlich, in dem es auch ein Fenster gab, das er gestaltet hatte.

Eines dieser Reliefs im Bronze-Portal zeigt eine Figur mit einem Schwert in der Hand. Es ist Paulus, der hier mit einem Schwert dargestellt ist. Seit 1954 trägt die Kirche seinen Namen: Paulus-Kirche! Vielleicht verbirgt sich dahinter auch ein Anklang den Apostel Bartholomäus, dem die Vorgänger-Kirche geweiht war. Bartholomäus wird meist mit dem Schindermesser dargestellt.

Aber dargestellt ist eindeutig Paulus. Das Schwert, das Paulus in vielen älteren Darstellungen in der hand trägt, verweist auf die Art seines Todes. Noch häufiger wird Paulus, der große Schriftausleger, aber mit der Bibel in der Hand dargestellt. Schwert und Bibel scheinen austauschbar. Dies verweist darum auf einen Formulierung des Hebräerbriefes. Dort heißt es (4,12): „Das Wort Gottes ist schärfer als ein zweischneidiges Schwert.“

Der martialische Vergleich macht mit doch etwas Mühe. Und wahrscheinlich nicht nur mir. Die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes bringen wir nicht mehr so gern mit einer tödlichen Waffe in Verbindung.

Aber die durchaus scharfen und treffsicheren Formulierungen des Namenspatrons Ihrer Kirche, des Paulus sollen heute auch im Mittelpunkt der Geburtstagspredigt stehen. Und wenn es denn um eine Kirche geht, dann soll auch diese das Thema abgeben.

Wie beschreibt Paulus die Kirche? Eine Antwort finden wir in einem der Briefe, die Paulus in der Mitte des ersten Jahrhunderts an die Gemeinde in Korinth schreibt (1. Kor. 3,9-12.16+17). Dort heißt es:

Wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld und Gottes Bau. Ich habe, nach Gottes Gnade, die mir gegeben ist, den Grund gelegt als ein weiser Baumeister; ein anderer baut darauf. Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Ob aber jemand für den Bau auf diesem Grund Gold, Silber, Edelsteine, Holz, Heu, Stroh verwendet, wird sich nicht verbergen lassen. So wird das Bauwerk eines jeden offenbar werden. Ihr wisst doch, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt! (…) Denn der Tempel Gottes ist heilig; der seid ihr!


Paulus vergleicht hier die Gemeinde mit einem Bauwerk, liebe Gemeinde. Mit einem Tempel. Wir würden heute sagen: mit einer Kirche. Er erinnert an die Aufgabe des Architekten. Er nennt die verschiedenen Gewerke. Er zählt Baustoffe auf: Gold, Silber, Holz. Stroh.

Andere haben später dieses Bild aufgegriffen. In einem anderen Brief des Neuen Testaments, dem 1. Petrusbrief nennt der Schreiber die Kirche sogar ein „Haus der lebendigen Steine“. Ein wunderschönes Bild ist das. Eigentlich ja ein Widerspruch in sich. Ein Stein ist nicht lebendig. Aber die Steine, die das Haus der Kirche bilden, das müssen lebendige Steine sein. Und sie bilden ein lebendiges Haus.

Paulus nimmt in seinem Brief nach Korinth die Verantwortlichen für den Hausbau in den Blick. Von sich selber sagt er, er sei der, der für den Rohbau verantwortlich ist. Der den Grundriss des Hauses festgelegt hat. Er sei der, der sich für den rechten Ort des Hauses verantwortlich fühle. Für das Fundament aber, da sei ein anderer verantwortlich.

Es ist einer der bekannteren Sätze des Neuen Testaments: „Einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, nämlich Jesus Christus!“ Dieser Satz hat es in sich. Er zeigt, dass Paulus zunächst einmal klarstellt, dass er der Baumeister dieses Hauses der Kirche ist. Und niemand sonst.

Da, wo unsere Bibel vom Grund, vom Fundament spricht, steht im Griechischen das Wort Petros. Und wir alle wissen, dass einer der Jünger diesen Namen trug. Simon, genannt Petrus, der Fels. Gerade gegen ihn bringt Paulus seine Ansprüche zur Geltung. Nicht auf Paulus oder Petrus kommt es an. Nicht auf die Zugehörigkeit zum Kreis der Jünger. Paulus selber hatte Jesus ja nicht einmal persönlich gekannt. Er beruft sich auf seine Erscheinung vor Damaskus.

Nein, Petrus hat mir nichts voraus, schreibt er, auch wenn er im Kreis der Jünger eine große Rolle gespielt hat. Der wahre Fels der Kirche, das ist Christus selber. Wir anderen haben unsere Aufgabe am Bau. Wir beteiligen uns, indem wir unterschiedliche Baumaterialien beitragen. Aber alle sind für den Bau gleich wichtig. Mit Silber und Gold kann man ein Haus verzieren. Aber keines bauen. Stroh hilft, um Ziegelsteine zu bauen und zu brennen. Ohne Stroh, ohne Holz, könnte das Bauwerk überhaupt nicht entstehen.

Die einzelnen Materialien, das sind die Menschen, die das Haus der Gemeinde bilden. Männer und Frauen. Junge und Alte. Gesunde und Kranke. Glaubende und Skeptiker. Was einzeln womöglich unnötig erscheint – im Zusammenspiel aller wird es schön. Im Lichte Gottes betrachtet, ist jede und jeder von uns schön. Weil wir Teile eines größere Ganzen sind. Weil wir gebraucht werden. Mit allem was wir an Gaben einzubringen haben.

Das Kirchengebäude und die Kirchengemeinde – sie entsprechen sich in geheimnisvoller Weise. Ihre Geschichte hängt zusammen. Die Hoffnungen, die Menschen durch’s Leben tragen, sie spiegeln sich in einer Architektur der Hoffnung. Die Türen, die sich öffnen – sie stärken die Aussicht, auch im Leben könnten sich neue Türen auftun.

Die schützenden Mauern – sie sagen uns, dass wir nicht vergeblich Orte der Geborgenheit suchen. Die Fenster, die Licht einlassen und Farben zum Strahlen bringen – sie ermahnen uns, den Blick in die Wirklichkeit des Lebens nie zu vergessen, Die Klänge der Orgel - sie erinnern daran, dass unsere Lebensmelodie immer durch das Zusammenspiel vieler Töne entsteht.

Altar und Kanzel, die Farbe der Paramente und die Abendmahlskelche, Kerzenständer und Taufstein, Kirchturm und Glocken – zu ihrem Zweck und zu ihrer Bedeutung und zu ihrer Schönheit kommen sie allemal erst, wenn sie ein Gesamtes bilden. Ein Kunstwerk. Ein Haus der Fülle. Eben ein Haus Gottes.

Das wahre Haus Gottes ist aber nicht aus Steinen gebaut. Das wahre Haus Gottes, das sind die Menschen. Die Menschen, die offen sind für die Quelle des Lebens. Die Menschen, die suchen und fragen. Und die sich nicht abspeisen lassen mit vorschnellen antworten. Das wahre Haus Gottes, das sind die Menschen, die Gott ins Spiel des Lebens ziehen. Die Gott in ihrem Leben Raum geben. Das wahre Haus Gottes, das sind die, die sich bewegen lassen von Gottes gutem, alles verwandelnden Geist.

Das wahre Haus Gottes, der Tempel Gottes, das seid Ihr, die Ihr hier Gottesdienst feiert. Da seid Ihr, wenn Ihr hier zusammenkommt und euch ansprechen lasst von der Menschenfreundlichkeit Gottes. Das wahre Haus Gottes, dass seid Ihr, wenn Ihr Euch nicht abfindet mit jedem „Das war schon immer so!“ Wenn Ihr nicht unter Euch bleibt und Euch abschottet, sondern Eure Türen offen haltet für die, die sonst nirgends Raum finden.

Das wahre Haus Gottes, der Tempel Gottes, das seid Ihr und alle Menschen guten Willens. Gut gegründet ist dieses Haus. Gut gegründet seid Ihr, wenn Ihr Euer Lebenshaus auf dem Fundament errichtet, von dem Paulus in seinem Brief an die Gemeine in Korinth schreibt: „Es braucht kein anderes Fundament als jenes, das schon gelegt ist.“ Jenes Fundament, das Paulus mit Jesus, dem Boten der Herrschaft Gottes verbindet.“

Den Kranken galt Jesu Zuwendung. Und bei den Außenseitern hat er zu Tisch gesessen. Die Armen hat er seliggepriesen und die Friedensstifter. Der Herrschaft der Starken über die Schwachen ist er entgegengetreten. Und hat die Gerechtigkeit zum Maßstab des Menschlichen gemacht.

Es ihm gleichzutun – eine bessere Grundlage für ein gelingendes Leben kann es doch gar nicht geben. Wichtig ist: Ein solches Leben gibt es nie nur in einer Spielart. Die lebendigen Steine Gottes sind bunt und vielfältig. Und sie sind häufig auch nicht ohne Reibung zu haben. Wie bei Paulus und Petrus. Wie bei den unterschiedlichen Weisen des Glaubens und des Kircheseins in dieser Welt. Bei Frommen und weniger Frommen. Bei den Gewissen und den Suchenden. Bei Fremden und solchen, die mir nahe stehen.

Tempel Gottes sind auch sie alle. Alle Menschen. Gern gesehene Gäste an den Tischen der Kirchen dieser Welt. Seit 200 Jahren doch sicherlich auch immer wieder hier. In dieser Pauluskirche. Und hoffentlich auch in den Jahren und Jahrzehnten, auf die Sie als Gemeinde hier zugehen.

Der Tempel Gottes – das seid Ihr! Beheimatet in dieser Pauluskirche und in dieser Gemeinde. Ökumenisch verbunden mit allen, die hier vor Ort und weltweit nach Gott fragen. Und dabei begleitet von Gottes gutem Geist. Amen.


Traugott Schächtele

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