PREDIGT IM BEZIRKSGOTTESDIENST
AM PFINGSTMONTAG, DEM 28.MAI 2012
AUF DEM DORFPLATZ IN DAISBACH
„GOTTES GEIST – MITTEN DRIN UND GANZ DABEI!“


Liebe Gemeinde!

„Da berühren sich Himmel und Erde…“ – das haben wir eben gesungen. Damit ist schon das entscheidende zu Pfingsten gesagt. Oder besser noch gesungen. Pfingsten – das ist das Fest, an dem Himmel und Erde sich berühren!

Es ist also höchste Zeit, dieses Fest wieder richtig feiern zu lernen. Es ist höchste Zeit, das Pfingstfest herauszuholen aus der Rolle des ewigen Dritten in der Abfolge der kirchlichen Hauptfeste – erst Weihnachten – dann Ostern – und irgendwann dann auch noch Pfingsten.

Das Pfingstfest ist doch eigentlich viel zu schade, um es im Kirchenjahreskalender einfach verstauben zu lassen. Pfingsten kann man nicht im Vorübergehen feiern. Pfingsten ist ein Fest mit heftigen Folgen.

Einige dieser Folgen haben wir eben in der Lesung gehört. Die Verantwortlichen im Kirchenbezirk haben diesen Gottesdienst in diesem Jahr unter das Thema gestellt: Gottes Geist – mitten drin und ganz dabei! Das Erfreuliche daran ist: Wer ein solches Thema auswählt, der erwartet von Pfingsten noch etwas. Dazu kommt aber ein Zweites: Wer ein solches Thema auswählt, der fragt auch: Wie kann das gehen, dass Gottes Geist dabei ist – lebendig, umwerfend und eben: mittendrin?

Was also macht Pfingsten aus? Wie feiern wir Pfingsten richtig? Wie geht das überhaupt: Pfingsten? Antworten auf diese Fragen möchte ich in dem Bericht aus der Apostelgeschichte finden. Machen wir uns also miteinander auf die Spurensuche! Ein Vierfaches ist es, was mir auffällt, wenn ich mich als Suchender und Lernender in Sachen Pfingsten auf den Weg mache.

Das erste, was ich entdecke: Pfingsten setzt nicht den Verstand außer Kraft. Im Gegenteil. Deshalb wehrt sich Petrus auch, als manche meinen: Die sind betrunken. Stattdessen predigt er.

Petrus erinnert an das, was schon im Ersten, Alten Testament zu lesen ist. Wie schon bei Joel berichtet wird, dass Gott seinen Geist ausgießt. Dass die Menschen von einer gerechteren Welt träumen.

Petrus erzählt, was er und die anderen Jünger mit diesem Jesus erlebt haben. Wie sie mit ihm durch Galiäa gezogen sind. Und nach Jerusalem.

Und Petrus erläutert. Er macht klar, was es mit diesem Jesus auf sich hat. Mit seinem Tod. Mit seiner Auferstehung.

Wer predigt – und wer eine Predigt hört – kann den Verstand nicht einfach abschalten. Glauben hat mit Verstehen zu tun. Und der Geist der Pfingsten, der Heilige Geist, er setzt den Verstand nicht außer Kraft. Er erleuchtet ihn vielmehr.

Das zweite, was uns der Bericht aus der Apostelgeschichte über Pfingsten lehrt: Der Geist der Pfingsten – er kann auch verunsichern. „Was sollen wir tun?“ So fragen die Menschen, die die Predigt des Petrus gehört haben. „Liebe Leute! Was sollen wir denn jetzt tun?“

Als Prediger werde ich da richtig neidisch. Das hätte ich auch gerne. Dass Sie sich alle auf den Weg machen. Dass Sie fragen, was denn jetzt dran ist. Und manchmal, liebe Gemeinde, manchmal ist das auch so. Da trifft ein Satz einen Menschen mitten ins Herz. Und er fragt mich hinterher: „Wieso haben Sie genau von dem geredet, was mich im Moment umtreibt. Das können Sie doch gar nicht wissen.“

Und da bin ich mir jedes Mal sicher. Da hat der Geist Gottes die Finger im Spiel gehabt. Und darüber kann ich mich dann richtig freuen.

Es gibt ein Drittes, das der Pfingstbericht uns lehrt. Der Geist der Pfingsten schafft Gemeinde. Der Geist von Pfingsten trägt die Kirche. Nicht ohne Grund wird Pfingsten oft als Geburtstag der Kirche bezeichnet. Das ist gar nicht so abwegig. Obwohl es an Pfingsten noch keine Kirche gab.

Aber an Pfingsten und seit Pfingsten weitet sich die Menge derer, die sich von Ostern anstecken lassen. Am Anfang, da stand ein kleines Häuflein für sich allein. „Wir haben den Herrn gesehen“; erzählen sie. „Er lebt. Er ist auferstanden!“

Ein paar gab es, die waren wie elektrisiert. Die Frauen, denen Jesus erschienen war. Und die Jünger, denen sich Jesus gezeigt hatte. Aber diese kleine Schar, die hätte keine so große Bewegung in Gang gesetzt. Wäre nicht Pfingsten gewesen.

Die Worte des Petrus, die treffen die Menschen bis ins Mark. 3000 sollen sich an diesem Tag der Gemeinde angeschlossen haben. Auf einmal gab es Bewegung. Große Zahlen tun gut. Gut besuchte Gottesdienste stecken an. Manchmal trösten wir uns zu Unrecht mit den zwei oder drei.

Natürlich macht Gottes Geist vor zweien oder dreien, die Gottesdienst feiern, nicht Halt. Aber Gottes Geist verbietet uns nicht, auch in größerer Zahl miteinander zu feiern. Deswegen ist es eine gute Idee, wenn Sie heute einen Bezirksgottesdienst feiern. Solche Gottesdienste passen zu Pfingsten. Wir sind nicht alleine auf dem Weg. Das dürfen wir immer wieder auch spüren.

Mit den 3000 hatte es noch nicht sein Bewenden. „Der Herr fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.“ Noch einmal könnten wir fast neidisch werden. Jeden Tag kehren Menschen der Kirche den Rücken, das hören wir immer wieder. Das darf uns nicht gleichgültig sein. Aber jeden Tag kommen auch neue Menschen zur Kirche hinzu. Auch heute noch.

Weltweit gesehen wächst die Kirche enorm. Aber viel stärker als bei uns in Afrika und in Asien. Die Kirche wächst da am schnellsten, wo Menschen dem Geist Gottes noch etwas zutrauen. Und wo sie mit ihm rechnen. Es lohnt sich also auch, Pfingsten zu feiern.

Bleibt ein Viertes. Und das ist fast das Wichtigste. Pfingsten schafft Gemeinde. Pfingsten gründet Kirche. Das habe ich eben schon gesagt. Aber der Geist gründet Kirche nicht nur für den Moment. Sondern auf Dauer. Die Formen des Kirchseins mögen, ja müssen sich immer wieder wandeln. Aber dass Kirche ist, das bleibt. Im Bericht aus der Apostelgeschichte hört sich das so an: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“

Die vier Säulen kirchlichen Lebens werden hier beschrieben. Zunächst: Sie blieben in der Lehre der Apostel. Ich habe eben schon daran erinnert: Glaube ist nicht einfach nur eine Herzenssache. Glaube ist auf Einsicht angewiesen. Glauben und Verstehen – beide gehören untrennbar zusammen. „Ich glaube, um zu verstehen“, Und „ich verstehe, um zu glauben“ – den Vätern und Müttern der Kirche waren diese beiden Sätze gleichermaßen wichtig.

Sie blieben in der Gemeinschaft. Christlicher Glaube drängt zur Gemeinschaft. Berichtet wird, die ersten Christen hätten ihren Besitz miteinander geteilt. Seien ein Herz und eine Seele gewesen. Um ehrlich zu sein: Ganz so voll eitel Sonnenschein wird es auch damals nicht gewesen sein.

Wenige Kapitel später wird von Konflikten berichtet. Und die waren nicht klein: Die einen halten Besitz für sich zurück. Die anderen vergessen, bei ihren Mahlzeiten und Festen auch an die zu denken, die zu den Habenichtsen gehören. Aber lieber bleiben wir realistisch. Wo Menschen zusammen leben, ob im Kleinen oder im Großen, da bleiben Konflikte nicht aus. Das ist nichts von vornherein Schlechtes.

Wichtig ist, wie wir diese Konflikte lösen. In welchem Geist wir sie austragen. Wenn es der Geist der Pfingsten ist, werden sich immer wieder neue Wege auftun.

Sie blieben im Brotbrechen und im Gebet. Gemeinde lebt nicht nur miteinander. Sie feiert auch Gottesdienst. Im Brotbrechen bleiben und miteinander zu beten – das sind die Grundelemente eines Gottesdienstes. Nicht nur des Gottesdienstes in der Kirche. Sondern auch des Lebensgottesdienstes.

Wer im Abendmahl das Brot miteinander teilt, kann es seinen Mitmenschen im alltäglichen Leben auch nicht vorenthalten. Wer für andere betet, kann ihnen nicht zugleich das Leben schwer machen. Gottesdienste nehmen vorweg, was im Leben noch aussteht. Gemeinsam leben im Angesicht Gottes, das war es, was sich die Menschen wünschten, die der Geist der Pfingsten gepackt hatte.

So sehr viel anders ist das auch heute nicht. „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Das könnte auch unser Kirchesein heute beschreiben. Oder zumindest eine Zielformulierung abgeben.

Der Geist des ersten Pfingstfestes, das ist derselbe Geist, der auch heute in der Kirche wirksam ist. Der Geist, der zusammenführt. Der Geist, der Mut macht, sich auf Neues einzulassen. Der Geist, der hilft, Grenzen zu überwinden. Der Geist, der unseren Blick weitet und unser Leben ändert.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir Pfingsten oft so zögerlich und so ängstlich feiern. Wir spüren, dass wir nicht mehr dieselben bleiben, wenn wir uns einlassen auf Gottes Geist.

„Gottes Geist – mitten drin und ganz dabei“ – das Motto dieses Gottesdienstes macht klar: Pfingsten kann man nicht halbherzig feiern. Entweder wir feiern es ganz. Mit Haut und Haaren. Und mit allen Konsequenzen. Oder wir feiern es gar nicht.

Deshalb ist Pfingsten das Fest, an dem sich Himmel und Erde berühren. Es ist die alte, vertraute Erde. Es sind dieselben Menschen. Und es sind die vertrauten Konflikte. Aber Gottes Geist macht alles anders. Gottes Geist macht alles neu.

Diese Erfahrung kann uns einiges abverlangen.

• Es geht nicht mehr zu sagen: Das war schon immer so. In der Welt geht es nicht. Und auch nicht in der Kirche.
• Es geht nicht mehr zu sagen: Wir wollen unter uns bleiben. Wo Menschen gemeinsam nach Gott fragen, wo Menschen gemeinsam Kirche sind, haben alle Unterschiede ihre trennende Wirkung verloren.
• Es geht nicht mehr zu sagen: Der Glaube ist für die Kirche und für mein Seelenheil. In der Welt gelten andere Gesetze. Gottes Geist ist mittendrin: Er hat keine Mühe, auch Kirchenmauern zu überwinden. Und die Welt zum Guten zu verwandeln.

Daher müssen wir neu lernen, Pfingsten zu feiern. Darum muss Pfingsten sein! Überlassen wir dieses wunderbare Fest nicht länger nur den anderen. Nichts tut uns so gut, wie der Geist der Pfingsten. Der Geist, der alles aus den Angeln hebt, ohne uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Der Geist, der Grenzen weitet ohne uns die Heimat zu nehmen.

Dieser Geist, in dem Gott selber gegenwärtig ist – er ist uns zugesagt. Dieser Geist – der ermutigt und tröstet - er tut uns gut. In diesem Geist kommen Himmel und Erde zusammen. Hier und anderswo. In der Kirche. Und in der Welt. Jetzt im Gottesdienst. Und morgen mitten im Leben. Amen.


Traugott Schächtele

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