PREDIGT ÜBER 1. PETRUS 3,8-17
GEHALTEN IM GOTTESDIENST
ZUR VEREINIGUNG DER DREI KIRCHENGEMEINDEN
HASSMERSHEIM, HOCHHAUSEN UND NECKARMÜHLBACH
AM SONNTAG, DEN 1. JULI 2012 (4.S.N.TR.)
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN HASSMERSHEIM


Gut, dass es heute doch noch etwas zu feiern gibt! Das Endspiel der Fußballeuropameisterschaft heute Abend – es wird ohne deutsche Beteiligung ausgetragen. Der Katzenjammer war am vergangenen Donnerstag groß. Wie gut, dass Sie das hier nichts in tiefe Depressionen stürzen muss. Statt Schwarz-Rot-Gold weht eben die Kirchenfahne. Statt leerer Hände können Sie mit Neuem aufwarten. Mit einer neuen Kirchengemeinde.

Drei – und doch eins. Was in der Theologie sonst nur über die Trinität, die Dreifaltigkeit Gottes ausgesagt wird – bei Ihnen beschreibt das die neue gemeindliche Wirklichkeit.

Kirche denkt nicht in den knappen Zeiträumen wie im Fußball. In zwei Jahren die nächste Weltmeisterschaft. Und in vier Jahren dann wieder EM. Wer auf 2000 Jahre Geschichte zurückblicken kann, wird gelassen. Weil wir nicht von Kurzatmigkeit bedroht sind. Wer auf 2000 Jahre Geschichte zurückblicken kann, wird auch getröstet. In dieser Zeit sind schon ganz andere Stürme über die Kirche hinweg gefegt wie die Strukturveränderungen der badischen Landeskirche. Und die Kirche ist in keinem dieser Stürme untergegangen.

Weil dies so ist, habe ich auch gar nicht erst versucht, einen Predigttext eigens für diesen Anlass zu finden. Stattdessen traue einfach dem Text, der für den heutigen 4. Sonntag nach Trinitatis vorgeschlagen ist. Und der auch in den anderen Gottesdiensten nicht nur in Baden, sondern der ganzen Evangelischen Kirche in Deutschland gepredigt wird. Und Sie werden merken: Am Ende ist das genau der Text, der Ihnen auch etwas zum Anlass dieses Gottesdienstes zu sagen hat.

Hören wir also auf Worte aus de 1. Petrusbrief im 3. Kapitel:

Endlich aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, geschwisterlich, barmherzig, demütig. Vergeltet nicht Böses mit Bösem oder Scheltwort mit Scheltwort, sondern segnet vielmehr, weil ihr dazu berufen seid, dass ihr den Segen ererbt. Denn »wer das Leben lieben und gute Tage sehen will, der hüte seine Zunge, dass sie nichts Böses rede, und seine Lippen, dass sie nicht betrügen. Er wende sich ab vom Bösen und tue Gutes; er suche Frieden und jage ihm nach. Denn die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet; das Angesicht des Herrn aber steht wider die, die Böses tun«

Und wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen.

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht, und habt ein gutes Gewissen, damit die, die euch verleumden, zuschanden werden, wenn sie euren guten Wandel in Christus schmähen. Denn es ist besser, wenn es Gottes Wille ist, dass ihr um guter Taten willen leidet als um böser Taten willen.


Ermahnungen für’s Gemeindeleben! Eine lange Auflistung, wie’s es denn gedacht ist, mit dem Umgang in einer christlichen Gemeinde. Und wir hören uns das an. Und denken: Also, dann haben es die ersten Gemeinden vor 2000 Jahren auch schon nötig gehabt. So nah dran an den Wurzeln der Kirche. So nah dran an den Ereignissen um diesen Jesus aus Nazareth. Die Zeitzeugen leben ja noch.

Und auch wenn es wohl nicht der Apostel Petrus war, der diesen Brief geschrieben hat, so will der unbekannte Schreiber doch genau diesen Eindruck erwecken. Eine frühchristliche Ermahnung, die einem doch beinahe auch ein wenig ratlos zurücklässt.

Wer will denn da wirklich etwas dagegensagen! Wendet Euch vom Bösen ab und tut Gutes! Setzt Euch für Gerechtigkeit ein! Jagt dem Frieden nach! Und wenn’s am Ende Euer Leben kostet. Gefruchtet hat es leidlich wenig. Das Böse ist heute so präsent und wirksam wie eh und je. Die Gerechtigkeit ist eher ein Thema für die, die genug haben. Frieden haben viele Menschen auf dieser Erde noch nie wirklich erlebt. Die große Mehrzahl der Menschen kämpft ums Überleben. Nicht um ein Leben in christlichen Bahnen.

Wir könnten diesen Text hören. Uns an ihm reiben. Und ihn dann zu den Akten legen – wäre da nicht jener Vers mitten drin. Jener Satz, der für mich zu den wichtigsten, zu den zentralsten Sätzen des Neuen Testaments gehört. Jener Satz, der auf all die Sätze, die vorausgehen, und auf die, die nachfolgen, ein ganz neues Licht wirft. Diesen Satz will ich noch einmal lesen:

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.

Schöner und klarer lässt sich nicht zum Ausdruck bringen, worum es bei unserem Glauben geht. Präziser lässt sich nicht formulieren, was das besondere des Christseins ist.

Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.

Knapper können wir nicht formulieren, was mitten auf diesem Weg von 2000 Jahren Kirchengeschichte das Anliegen der Reformatoren gewesen ist. Dreh und Angelpunkt – das ist die Hoffnung, die in uns ist. Nicht von dem, sollen wir reden, was theologisch richtig und korrekt ist. Nicht mit den Wörtern sollen wir den Glauben ins Gespräch bringen, auf die manche so gerne warten. Sage mir die richtigen Begriffe – und ich weiß, dass Du recht glaubst.

Mitnichten! Reden sollen wir von der Hoffnung, die in uns ist. Sie müssen sich nur vorstellen, da wäre in Kamerateam hier in der Kirche. Und plötzlich hält Ihnen jemand ein Mikrophon vors Gesicht und fragt Sie: „Was sind Ihre Hoffnungen?“

Gemeint sind nicht irgendwelche Hoffnungen. Die platzen wie Seifenblasen. Wie die Hoffnung, die Deutschen würden Europameister. Zwei unachtsame Momente. Und die Hoffnung ist weg. Gemeint ist nicht die Hoffnung, die Finanzkrise würde sich mit einem Schlag erledigen. Das ist zwar durchaus eine wünschenswerte Entwicklung. Aber wir wissen alle, dass die Situation zu kompliziert ist, als dass es hier einen Königsweg gäbe.

Gemeint sind auch nicht die Hoffnungen, die wir Menschen oft heimlich in uns tragen: Dass wir uns durchsetzen mit unseren Wünschen und Ideen. Weil wir bisher doch immer zu kurz gekommen sind.

Was sind aber dann unsere Hoffnungen? Ich meine, hier geht es um die Hoffnungen, die uns leben lassen. Hier geht es um die Hoffnungen, die uns Kraft geben. Die Hoffnungen, die unserem Leben Glanz und Sinn verleihen. Die Hoffnung, dass wieder zusammenfindet, was wir als getrennt und zerstört erleben: Die verschiedenen Formen der Gemeinschaft unter den Menschen – weltweit und hier bei uns. In der Gemeinde. In den Familien.

Es geht um die Hoffnung, dass wir immer wieder neu anfangen können. Dass wir nicht auf die Wirklichkeit festgelegt sind. Dass wir nicht von unserer Ansicht, sondern von unserer Aussicht her leben.

Es geht nicht zuletzt die Hoffnung, dass der Tod nicht das Ende unseres Lebens ist. Dass wir bewahrt und aufgehoben bleiben an jenem Ort, an dem Gott die alles bestimmende Wirklichkeit ist.

Diese Hoffnungen haben Menschen immer wieder in die kleinen Münzen Ihres Alltags übersetzt. Und wenn wir ehrlich sind, müssen wir das auch wieder tun. So zu leben, wie Gott uns gemeint hat – das ist kein Programm der Gleichmacherei. Das ist das große Angebot, das ich meinen Hoffnungsweg finde. Und dann auch leben kann.

Auf Zweierlei weist der Schreiber des 1. Petrusbriefes hin, wenn es um diese Hoffnungen geht. Zum einen: Wir sollen uns für diese Hoffnungen verantworten. Wir sollen von diesen Hoffnungen reden. Auch öffentlich. Gegenüber unseren Mitmenschen.

Heute beschreiben wir das in unseren Programmen mit etwas anderen Worten. Heute sagen wir: Wir sollen sprachfähig werden in unserem Glauben.

Ich will es noch einmal mit einem Beispiel aus dem Fußball verdeutlichen. Wer schon in einem der großen Stadien war, etwa bei einem Bundesligaspiel, der weiß, wie wildfremde Menschen da miteinander ins Gespräch kommen. Und wie sie sich auskennen. Die meisten wissen, was Abseits ist. Und sie meckern, wenn der Schiedsrichter anders oder gar falsch entscheidet.

Ob wir uns über das rechte Verhalten im Glauben ähnlich offen äußern und unsere Meinung kund tun? Nicht besserwisserisch. Aber eben als Ausdruck der Hoffnung, die in uns ist. Sicher: Unser Glaube ist etwas sehr Persönliches. Aber nicht einfach etwas nur Privates. Wir dürfen, ja wir sollen über die Hoffnungen reden, die uns durch’s Leben tragen.

Der Predigtext weist aber auch noch auf ein Zweites hin. Wir sollen uns gegenseitig zu diesen Hoffnungen befragen – wir sollen Rechenschaft fordern. Auch darin sind wir nicht geübt. Wenn ich mir die täglichen Talkshows vor Augen führen – Günter Jauch, Anne Will, Markus Lanz und wie sie alle heißen . da gibt es der Fragen genug.

Aber wenn ich einmal nicht weiß, wie ich mich recht verhalte. Wenn ich einen Weg suche, meine Entscheidung auch vor Gott und vor meinem Gewissen zu verantworten, dann wäre der Weg der nächste, der mich zu einem Menschen führt, der meine Hoffnungen teilt.

Beides, wovon der Predigttext spricht, beides trifft ein zentrales Anliegen der Reformation. Die Bibel zu lesen in der eigenen Sprache, das dient aus Sicht der Reformatoren keinem Selbstzweck. Das war nicht einfach als provokativer Akt gemeint. Nein, das Lesen der Bibel soll uns alle zu Theologen und zu Theologinnen machen. Das Lesen der Bibel soll uns Mut machen, von unseren Hoffnungen zu reden. Und andere nach ihren Hoffnungen zu befragen.

Christinnen und Christen – das ist zuallererst eine Hoffungsgemeinschaft. Und eine Erzählgemeinschaft, die von diesen Hoffnungen spricht. Nicht selten in Form wunderschöner persönlicher Hoffnungsgeschichten.

An nichts erkennt man eine Hoffnungsgemeinschaft mehr, als daran, dass sie von ihre Hoffnungen redet. Dass sie sie öffentlich macht. Als Kirche, die sich darauf beruft, dass wir alle Priesterin sind und Priester, als eine solche Kirche dürfen wir darum auch alle von unseren Hoffnungen reden. Unüberhörbar. Aber niemals aufdringlich. Als Angebot zum Gespräch sollen wir unsere Hoffnungen thematisieren. Nicht als Versuch der Rechthaberei.

Darum möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich auf eines hinweisen. Die Hoffnungen, von denen Menschen leben, sind sehr verschieden. Und es sind längst nicht immer die Hoffnungen der christlichen Tradition. Wir müssen den Respekt vor den Hoffnungen anderer Menschen wahren. Wir sind nicht die Zensoren der Hoffnungen anderer. Bestenfalls deren Geburtshelfer.

Mit der neuen größeren Kirchengemeinde haben Sie den Kreis der Hoffnungsträgerinnen und Hoffnungsträger hier vor Ort größer gezogen. Liebe Gemeinde aus Haßmersheim, Hochhausen und Neckarmühlbach: Eine größere Hoffnungsgemeinschaft vor Ort, das ist gewiss kein Schaden.

Und weil sie gemeinsam hoffen, können Sie auch dem anderen, von dem der Predigttext spricht, mutig ins Auge sehen. Sie können helfen, dem Bösen zu widerstehen. Sie können mitwirken, der Gerechtigkeit eine Bresche zu schlagen. Sie können sich daran beteiligen, dem Frieden in dieser Welt immer mehr Raum zu geben. Und Sie können am Ende eigene Briefe schreiben. Und eigene Hoffnungsgeschichten erzählen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagen wir manchmal. Und wenn wir hoffen, kann nicht einmal der Tod der Hoffnung ein Ende setzen. Das ist die eine, ganz große Hoffnung von uns Christinnen und Christen.

Oder um es noch einmal mit den Worten des 1. Petrusbrief zu sagen: „Wer ist’s, der Euch schade könnte, wenn Ihr dem Guten nacheifert?“ Darum wünsche ich Ihnen spannende Zeiten als größer gewordene Kirchengemeinde. Und vor allem, dass e Schatz Ihrer Hoffnungen niemals leer wird. Amen.


Traugott Schächtele

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