PREDIGT IM ÖKUMENISCHEN GOTTESDIENST
ZUR ERÖFFNUNG DES MOSBACHER SOMMERS
AM SONNTAG, DEN 8. JULI 2012 (5.S.N.TR.)
AUF DEM MARKTPLATZ IN MOSBACH


Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte.


Liebe Marktplatzgemeinde hier in Mosbach!

Einen der zentralen Texte der Bibel haben wir eben als Lesung gehört. Zugleich ein Text, der wunderbar zu diesem Tag und zu diesem Gottesdienst passt. Und das gleich in vierfacher Weise.

Sie können sich das gut merken. Alle vier Themen, die mit diesem Text in Verbindung stehen, beginnen mit dem Buchstaben A.

Das erste A bezieht sich auf den Anlass dieses Tages. Mit diesem Gottesdienst beginnt ja der Mosbacher Sommer. Dem ersten KuSS an diesem Tag folgen bis zum 7. September noch zahlreiche interessante und vielseitige Veranstaltungen.

Dass am Anfang ein Gottesdienst gefeiert wird, ist heute längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Gleich ein Dreifaches ist hier erfreulich. Zum einen: Dieser Gottesdienst wird in ökumenischer Verbundenheit gefeiert. Dadurch kommt die Überzeugung zum Ausdruck: Zukunft haben wir als Kirche nur, wenn wir immer mehr aufeinander zu und zusammenwachsen. Gut, dass auch die trennende Wand in der Stiftskirche inzwischen durchlässig geworden ist.

Eine zweite erfreuliche Beobachtung. Dieser Gottesdienst am Beginn des Mosbacher Sommers zeigt auch: Die Beziehung von Kirche und Kommune ist hier eine gute und lebendige. Davon haben Sie alle etwas. Als Bürgerinnen und Bürger. Aber auch als Angehörige der Kirchen. Und die meisten von Ihnen sind ja beides. Christengemeinde und Bürgergemeinde – sie gehören eigentlich zusammen.

Und natürlich freut mich - zum Dritten - auch, dass ich hier in diesem Gottesdienst mitwirken kann. Ein Gottesdienst mitten auf dem Marktplatz, das ist schließlich etwas Besonderes.

Jetzt komme ich zum zweiten A. Dieses A bezieht sich auf das Thema Anfang. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. So schreibt schon Hermann Hesse in einem seinem Gedichte. Um einen Anfang geht es in diesem Predigttext. Und natürlich auch um einen Zauber des Neubeginns.

Dass wir diesen Gottesdienst als Anfang des Mosbacher Sommers und der Veranstaltungen dieses Tages feiern, habe ich schon gesagt.

Einen neuen Anfang setzt aber auch der Text der Lesung selber. In seinem 12. Kapitel nimmt das 1. Buch Mose, das Buch Genesis, noch einmal einen neuen Anfang. Voraus gehen die Erzählungen von der Erschaffung der Welt und des Menschen. Voraus gehen die Erzählungen von der großen Flut, in der nur Noah und seine Familie überleben. Voraus geht der Bericht vom Menschen, der sein will wie Gott. Und der einen Turm bauen will, der bis an den Himmel reicht.

Am Ende bleibt ein Trümmerhaufen. Und es bleibt eine gestörte Kommunikation. Die Menschen verstehen sich plötzlich nicht mehr.

Da setzt die Bibel noch einmal neu ein. Und es folgt ein neuer Anfang. Im Grunde setzt ja letztlich Gott neu ein. Und jetzt kommen wir zum dritten A. Die Hauptfigur dieses neuen Ansatzes ist Abram. Mit ihm kommt eine Geschichte in Gang, die im Grunde bis heute andauert.

Etwas Neues beginnt auch im Leben Abrams selber. Und was für ein Neuanfang! Noch ist sein Name Abram. Abraham heißt er erst später. Darauf komme ich noch zu sprechen. Abram erhält eine göttliche Nachricht. Eine Weisung, die sein Leben verändert. Gott spricht zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.

Abram bleibt nichts von dem, was ihm vertraut ist. Er verliert seinen vertrauten Bezugsrahmen. Er verliert seine Groß-Familie. Er verliert seine Heimat. Abram steht am Ende mit leeren Händen da. Und muss sich auf den Weg in ein neues, unbekanntes Land machen.

Die meisten von Ihnen, die hier Gottesdienst feiern, liebe Gemeinde - die meisten sind sicher schon einmal umgezogen. Viele schon mehr als einmal. Ich bin bei mir beim Nachrechnen auf zehn Umzüge gekommen. Jedes Mal neu ankommen. Neue Menschen. Ein neuer Ort. Neue Aufgaben. Kein Zweifel: Ein Umzug kostet nicht nur Geld. Er kostet auch Kraft. Eine Katastrophe ist er in der Regel aber nicht. Weil er den Horizont weitet.

Längst nicht alle alten Beziehungen gehen verloren. Wir können Kontakte aufrecht halten. Durch Briefe und Telefon. Durch Internet und soziale Netzwerke. Durch Besuche. Wir halten in Erinnerung, was wir dran gegeben haben. Und wir kehren als Besucherin oder Besucher doch meist auch immer wieder zurück.

Bei Abram war das alles noch einmal ganz anders. Die modernen Kommunikationstechniken gibt es damals noch nicht. Wer da den Aufbruch in Neues wagt, hat wenig Grund zur Hoffnung auf Rückkehr. Zu lang und zu beschwerlich waren die Wege. Wer sich erst einmal auf den Weg gemacht hat, konnte meist nicht mehr damit rechnen, irgendwann wieder in die Heimat zurückzukehren.

Dennoch macht sich Abraham auf den Weg. Zu Fuß. Mit ein wenig Proviant. Sonst mit nichts. Mit ihm zusammen bricht seine Frau Sara auf. Und Lot, sein Neffe. Eine kleine Herde hatten sie dabei. Ein paar Kamele. Ziegen, Rinder. Es war das Allernötigste. Gewissermaßen die Lebensversicherung für sein Alter.

Ein Anfang, beinahe aus dem Nichts. Und eine Reise in das Nichts. Wir können uns diesen Aufbruch nicht nüchtern genug vorstellen. Keine Spur von orientalischer Romantik. Eher den Menschen vergleichbar, die sich auf die Flucht machen müssen. Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Für Millionen von Menschen ist das Jahr für Jahr bitterer Alttag.

Abrams Geschichte ist eine Anfangsgeschichte der besonderen Art. Abram wird nicht nur aus seiner bisherigen Lebensgeschichte herausgeschleudert. Mit ihm beginnt tatsächlich etwa Neues. Er markiert auch als Person einen neuen Anfang.

„Ich will dich segnen“, sagt Gott ihm zu. Und:weiter: „Du sollst sein Segen sein.“ Für andere. Für alle, die nach Dir kommen. Für alle Deine Nachkommen.

Wir alle wissen: Abram gilt als der Stammvater im Glauben. Für die Menschen jüdischen Glaubens. Und für uns Christinnen und Christen. Auch im Islam kommt Abram große Bedeutung zu.

Abraham vertraut auf das, was Gott ihm sagt. Und er macht sich auf den Weg. Ohne zu wissen, was auf ihn zukommt, Ohne letzte Sicherheiten. Einfach nur, weil er Gott traut. Und weil er von der Zukunft etwas erwartet.

Mit Abram beginnt Gott noch einmal eine neue Geschichte mit uns Menschen. Eine Geschichte, die zeigt: Wir stehen in einer langen Kette der Tradition:

• Wir stehen in einer Tradition des Aufbruchs. Immer wieder können wir neu anfangen.
• Wir stehen in einer Tradition der Geschichte: Immer wieder können wir uns bergen in den Hoffnungsgeschichten der Menschen, die vor uns geglaubt haben.
• Wir stehen in einer Tradition des Glaubens: Immer wieder vertrauen wir darauf, dass Gott uns auf unserem Weg begleitet.

Der Hinweis auf die Tradition des Glaubens, die mir Abram ihren Ausgangspunkt nimmt, ist die Brücke zum vierten A. Das vierte A verweist uns auf die Brücke zur besonderen Aktualität dieses Textes.

24 Jahre nach seinem Auszug erneuert Gott seine Zusage an Abram. „Ich will dich zu einem großen Volk machen!“ Diese Zusage hatte Gott dem Abram als Wegzehrung mitgegeben. Ein alt gewordenes Paar ohne eigene Kinder waren Abram und Sarah geworden Wie sollten sie die Urahnen eines großen Volkes werden? Unglaublich, was ihnen zugemutet wird!

Da kommt Gott auf seine Zusage zurück. Noch unglaublicher scheint, was Gott ihm verheißt. Abrams Glaube wird bis zum Äußersten gefordert. Doch Gott erinnert sich. Und gibt Abram zwei Zeichen der Bestätigung.

Zum einen bekommt Abram einen neuen Namen. Von nun an heißt er Abraham. Zu deutsch: Vater vieler Völker. Das ist der Name, den wir alle kennen. Zum anderen schließt Gott mit Abraham einen Bund. Das Zeichen dieses Bundes ist die Beschneidung.

Damit sind wir mitten in der aktuellen Debatte. Das Landgericht Köln hat unlängst ein Urteil zur Beschneidung gefällt. Es sagt: Die Beschneidung erfüllt den Tatbestand der Körperverletzung. Die Religionsfreiheit und der Elternwille müssen dahinter zurückstehen.

Seitdem wird über dieses Urteil gestritten. Ich will das Pro und Contra hier nicht erörtern. Meine eigene christliche Religion kennt das Zeichen der Beschneidung nicht. Aber die Verbundenheit mit den anderen Religionen des Eingottglaubens dem Judentum und dem Islam, bleibt. Und darum will ganz kurz doch noch eine Linie aufzeigen.

Für mich ist dieses Urteil ein Urteil ohne Gedächtnis. Es ist ein Urteil ohne das Gespür für die Tradition des Gottesglaubens. Nein, es ist nicht Gott, der dieses Zeichen braucht. Aber es ist ein Zeichen der Erinnerung für uns Menschen. Ein Zeichen der Gottesverbundenheit. Ein Zeichen der Zugehörigkeit zur langen Kette derer, die glauben. Seit Abraham.

Es ist gut, dass wir als Menschen ein Gedächtnis haben. Nicht nur ein Gedächtnis, das nur unser eigenes Leben erinnert. Wir haben auch ein Gedächtnis der Geschichte des Gottesglaubens. Wir haben auch ein Gedächtnis der uralten Geschichten. Der Geschichten, die uns ein Antwort geben auf die Frage: Wer bin ich? Wo komme ich her? Worauf gründet mein Leben?

Wenn wir uns von dieser Gedächtnislinie abschneiden, ist die Verletzung womöglich viel heftiger als die bei der Beschneidung. Auch daran kann uns Abraham erinnern. Schließlich wissen wir: Die Zusage Gottes hatte Bestand. Abraham ist kein Einzelfall geblieben. Mit Abraham hat ein Band des Glaubens seinen Ausgang genommen. Und an dieses Band sind auch wir gebunden. Von dieser Geschichte des Glaubens kommen wir nicht mehr los.

Vier Linien haben wir verfolgt. Nicht nur ein Triple A. Sondern gleich ein vierfaches A. Ein Fest hat den Anlass zu diesem Gottesdienst gegeben. Wir haben gehört, wie Gott einen neuen Anfang setzt. Und wie mit Abraham eine neue Geschichte von Menschen einsetzt, die in ihrem Leben auf Gott vertrauen.

Dies hat Auswirkungen bis heute. Weil die Geschichte der Nachkommen Abrahams weitergeht. Und weil die Aktualität dies im Gedächtnis halten muss. Weil unsere Menschsein sonst Schaden leidet. Uns unsere Menschlichkeit auch.

Darum wünsche ich Ihnen einen wunderbaren Mosbacher Sommer 2012. Einen Sommer der Begegnung und des Feierns. Einen Sommer der bunten Vielfalt und zugleich der Erinnerung.

Vergessen Sie nicht: Sie sollen einander zum Segen werden. Weil Gott uns immer wieder neu mit seinem Segen beschenkt. Es lohnt sich, wenn wir uns daran immer neu erinnern. Und erinnern lassen. Amen.



Traugott Schächtele

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