PREDIGT ÜBER 1. KORINTHER 6,19+20
AM SONNTAG, DEN 29. JULI 2012 (8.S.N.TR.)
IN WIESLOCH-BAIERTAL


Liebe Gemeinde!

Für den 8. Sonntag nach Trinitatis wird ein Predigttext vorgeschlagen, den ich nicht in all seinen Möglichkeiten ausloten und ausleuchten kann. Allein seine letzten beiden Verse reichen für eine Predigt aus.

Da heißt es im 1. Korintherbrief am Ende des 6. Kapitels in den Versen 19 und 20:

Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft. Darum preist Gott mit eurem Leibe.

Mit einer Frage will ich den Weg des Nachdenkens beginnen. Was, liebe Gemeinde, was bringt ein Gesicht zum Leuchten?

Diese Frage wird sie nicht verwundern. Mit und nach diesem Gottesdienst soll eine Ausstellung eröffnet werden, deren Thema lautet: Das Leuchten in den Augen. Und wer diese Kirche betritt, kann sich diesen großartigen Bildern gar nicht entziehen. Das Leuchten in den Augen. Darum die Frage: Was bringt ein Gesicht zum Leuchten?

Ich sehe von den Bildern erst noch einmal ab. Und versuche einen eigenen Weg des Nachdenkens mit Ihnen zu gehen.

Das erste und wichtigste, was wir von einem Menschen, das ist sein Gesicht. Das sind seine Augen. Der Blick in die Augen ist wie ein Blick in das Innere. Menschen, die verliebt sind, schauen sich tief in die Augen. Wer anderen nicht in die Augen schauen kann, hat meist etwas zu verbergen. Das Gesicht spiegelt viel von uns wider. Von unserer Persönlichkeit. Von unserem momentanen Befinden. Von unserer Einstellung zum Leben überhaupt.

Auf kaum eine andere Weise geben wir mehr von uns preis als durch unser Gesicht. Mürrisch und abwesend können wir schauen. Sehnsüchtig und erwartungsvoll. Mitfühlend und zugewandt. Es gibt Gesichter, die fallen uns auf. Die prägen sich irgendwie ein. Die laden geradezu ein, offen hinzuschauen.

Es gibt Blicke, die rufen uns zu: Achtung, Vorsicht! Hier stimmt etwas nicht. Oder auch nur: Halte erst einmal Abstand. Warte ab! Es gibt Gesichter, aus denen strahlt eine ganze Lebensgeschichte heraus. Die Erfahrungen des Lebens sind spürbar und die Einstellung zum Leben.

Andere bleiben dumpf. Und manchmal sagen wir über einen Menschen, er oder sie zeige nicht sein wahres Gesicht. Oder sei sogar gesichtslos. Und dann gibt es Gesichter, die leuchten. Sind offen. Zeigen die dem Leben zugewandte Seite. Viele solcher Gesichter können wir sehen, wenn wir die Ausstellung auf uns wirken lassen. Beim ersten Hinsehen. Oder erst, wenn wir das Gesicht eine Weile auf uns wirken lassen.

Was ist das Besondere an einem Gesicht? Ich glaube, das Besondere ist, dass unser Gesicht immer zu sehen ist. Wir mögen alles andere an uns verhüllen. In den heißen Sommertag vielleicht weniger als im kalten Winter. Aber unser Gesicht, das zeigen wir. Das bleibt dem Wetter und der Welt zugewandt.

Wo das nicht geschieht, wo Menschen ihr Gesicht verhüllen, sind wir irritiert. Stellen Vermutungen an. Unter Umständen sogar unzutreffende, sogar ungerechte Vermutungen und Unterstellungen.

Menschen, die ein Verbrechen begehen wollen, verbergen ihr Gesicht. Sie wollen nicht erkannt werden. Bei Demonstrationen gilt nach unserem Recht das Verbot, sein Gesicht zu vermummen.

Über das Tragen einer Burka gibt es bei uns immer wieder Diskussionen. Eine Burka, das ist eine Art von Vollverschleierung, die es in manchen islamischen Ländern gibt und die nur einen Schlitz für die Augen offen lässt. In einigen unserer Nachbarländer ist das Tragen einer Burka sogar verboten.

Das Zeigen des Gesichts gehört in unserem Kulturkreis zum Menschsein wohl dazu. Und wenn wir einmal ein anderer Mensch sein wollen, tragen wir eine Maske, wie in manchen Gegenden an Fasnacht. Aber auch die Maske stellt meist die Züge eines Gesichts dar.

Etwas beinahe Heiliges hat es mit dem Gesicht auf sich. Womöglich nicht nur etwas beinahe Heiliges. Wenn die Bibel von Gott spricht, spricht sie vom Gesicht Gottes. Im priesterlichen Segen des Aaron etwa, mit dem wir die meisten unserer Gottesdienste abschließen:

Gott lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig. Gott hebe sein Angesicht über euch und schenke euch Frieden.

Erfahrungen mit der Gegenwart Gottes – in der Bibel werden sie mit dem Angesicht in Verbindung gebracht. Wenn Gott sich einem Menschen zuwendet, dann zeigt Gott Gesicht. Wendet sich nicht irgendwie zu. Sondern mir seinem Angesicht.

Die Begegnung zwischen Gott und Mensch ist aber keine Begegnung von Angesicht zu Angesicht, wie wir sie aus der Begegnung zweier Menschen kennen. Auch dazu einen kleinen Ausschnitt aus der Bibel, aus dem 2. Buch Mose.

Mose will Gott sehen. Aber Gott antwortet: Mein Angesicht kannst du nicht sehen. Stelle dich in eine Felsspalte und schaue mir hinterher.

Wer ins Gesicht schaut, schaut in die Mitte seines Gegenübers. In das Gesicht des ganz Anderen, in das Gesicht Gottes, kann Mose also nicht schauen. Er würde den Anblick Gottes nicht ertragen. Darum erkennen wir Gott meist nur von hinten. Darum bekommen wir im Rückblick eine Ahnung von dem, was unserem Leben Sinn und Halt gegeben hat. Und oft wider alle Augenschein.

Von drei Wegen der Ausnahme berichtet die Bibel. Möglichkeiten, das Gesicht Gottes zu erkennen. Ohne zu vergehen.

Der Hauptakteur des ersten Weges, das ist Mose. Als er vom Sinai herabsteigt und die Tafeln des Gesetzes mitbringt, da leuchtet sein Gesicht. In 2. Mose 34 heißt es:

Als Mose vom Berg Sinai herabstieg, wusste er nicht, dass die Haut seines Gesichtes glänzte, weil er mit Gott geredet hatte. Und als die Menschen deshalb Angst bekamen, legte er eine Decke auf sein Gesicht.

Gott begegnet dem Mose in den Weisungen zum Leben. Gottes Angesicht spiegelt sich im Angesicht des Mose. Wen Gott mit seinem Gesicht im Blick hat, wird zum Spiegel. Gott redete mit Mose wie mit einem Freud heißt es an einer anderen Stelle. Gott lässt Mose wissen, was Recht ist. Und was nicht.

Das ist der eine Weg. Der zweite Weg, das ist der Weg der Menschwerdung Gottes. Wir können Gott nicht ins Angesicht schauen. Es sei denn, wir schauen in das Gesicht dessen, in dem Gott wird, was wir alle sind. Ein Mensch.

Mitten im Sommer müssen wir dem neuen Kirchenjahr entgegenlaufen. Mitten im Sommer setzen wir uns der Botschaft der Weihnacht aus. Damit wir zum Blick in das Gesicht Gottes verlockt und ermutigt werden. Strahlen brechen viele aus einem Licht, haben wir vorhin gesungen. Unser Licht heißt Christus.

Gott wird Mensch. Damit wir den Blick in das Gesicht Gottes aushalten. Einen fröhlichen Wechsel hat Martin Luther das genannt. Gott wird Mensch. Damit wir erkennen, was wir sind seit allem Anbeginn. Mensch. Und damit Gottes Ebenbild.

Gleich auf der zweiten Seite der Bibel heißt es:

Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild. Und schuf den Menschen als Mann und Frau.

Und damit sind wir auch beim dritten Weg, Gottes Angesicht zu erkennen. Wo immer wir einem Menschen ins Gesicht schauen, leuchtet uns unser eigenes Menschsein entgegen. Wo immer wir einem Menschen ins Gesicht schauen, erkennen wir, wie Gott uns Menschen gemeint hat.

Und jetzt endlich kommen auch die beiden Schluss-Verse des Predigttextes zu ihrem Recht: Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist? Darum preist Gott mit eurem Leibe!

Schöner kann man von uns Menschen doch gar nicht reden. Unser Leb, unser Körper als Tempel. Und nicht als Tempel irgend eines Götzen. Irgend eines nichtigen Zwecks. Keine Aufforderung, dem Körper zu vergöttern.

Manchmal entsteht in diesen Tagen der Eindruck, die Tempel der Gegenwart, das seien Fitness-Studios und Wellness-Oasen. Keine Sorge, die will ich gar nicht madig machen. Wir haben Verantwortung für unseren Körper. Und dazu gehört auch der pflegliche Umgang. Und da schadet es nicht, dem Körper und der Seele immer wieder auch Gutes zu gönnen.

Aber der schöne, de ideale Mensch. Schön in der Weise, wie ihn Hochglanzprodukte verstehen, der ist ein Fehlprojekt. Perfektion, erkauft mit Einsatz der Chirurgie und der Schönheitspharmazie. Schönheit als Norm, das ist, denke ich, Gottes Sache nicht. Gott lieb uns nicht, weil wir schön sind. Wir sind vielmehr schön, weil Gott uns liebt.

Unser Körper ist nicht einfach zu messen am Body-Mass-Index. Und an seinen Abweichungen von irgendwelchen Schönheitsidealen. Unser Körper ist ein Tempel. Ein Tempel der Gegenwart Gottes. Und unser Gesicht ist die für alle sichtbare Außenseite dieses Tempels. Gewissermaßen die Schauseite dieses Tempels.

Was alles hat die Tempel unseres Lebens geprägt? Was ist das, was wir von Außen sehen können? Was bringt ein Gesicht zum Leuchten? Erinnerungen und Lebensgeschichten. Zuwendung und Beziehungen, die tragen. Gesten des Verstehens und körperliche Nähe.

Gott ist kein Gott des bloß ideellen, geistigen Kontaktes. Gott kommt uns nah mit allem, was wir sind. Und wir sind sein Ebenbild mit allem, was uns als Menschen ausmacht. Freud und Leid. Gelingen und Versagen. Liebe und Hass. Nähe und Distanz. Ja, auch mit Leben und Tod.

Gottes Angesicht spiegelt sich in unserem Leuchten. Und weil Gott ist, von allem Anfang bis ans Ende der Zeit, gehen auch wir nicht verloren. Am Ende werden wir nur verwandelt. Das ist der tiefere Grund für alles Leuchten auf unseren Gesichtern. Auch für das verborgene Leuchten, das uns beim ersten Blick entgeht.

Wir leuchten, weil wir bleiben, was wir sind: Menschen. Ebenbild Gottes. Widerschein des göttlichen Leuchtens. Und Tempel seines Geistes.

Schauen wir uns alle gegenseitig an. Und nehmen wir aneinander wahr, welche Würde wir haben. Das lasst uns feiern. Wenn wir jetzt eingeladen sind, uns als Schwestern und als Brüder zu erleben. Mit dem Leuchten Gottes in den Augen. Amen.


Traugott Schächtele

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