PREDIGT ÜBER PHILIPPER 2,1-4 UND 5-17 (IN AUSWAHL)
GOTTESDIENST IM RAHMEN DER BEZIRSVISITATION
AM SONNTAG, DEN 22. JULI 2012 IN DER MICHAELSKIRCHE IN EBERBACH


Liebe Gemeinde!

Bei einer Bezirksvisitation wird einem vieles leicht gemacht. Das Programm ist schon Wochen vorher gut vorbereitet. Ich habe nirgends suchen müssen. Auch heute Morgen nicht. Und ich fühle mich bei Ihnen auch nicht fremd. „Als Mitbürger der Heiligen und als Hausgenosse Gottes“ -wie es im Wochenspruch heißt, komme ich eigentlich überall irgendwie nach Hause.

Was Kirche ausmacht, ist uns allen vertraut. Kirchen ähneln sich. So unterschiedlich sie im einzelnen sein mögen. Altar und Pult / Kanzel, Bänke und Liedertafeln, Taufstein und Orgel – das meiste finden wir in anderen Kirchen auch. Wenn wir irgendwo anders in den Gottesdienst gehen. Oder im Urlaub Kirche besichtigen.

Vertraut sind mir und Ihnen die Formen, in denen wir Gottesdienst feiern. Vertraut sind den meisten hier doch auch die Grundlagen des Christentums. Vertraut, wenn auch nicht immer geliebt, sind unsere kirchlichen und gemeindlichen Strukturen. Diese muss auch niemand lieben. Sie müssen einfach zweckdienlich sein. Sie müssen funktionieren. Und sie dürfen der Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes nicht widersprechen.

Was aber ist, wenn jemand all dies nicht mehr vertraut ist? Früher hätte man gefragt: Wie würden wir einem Außerirdischen, einem Marsmenschen erklären, was Kirche ist?

Heute gibt es solche Menschen in zunehmendem Maße mitten unter uns. Keine Außerirdischen. Sondern Menschen ais Fleisch und Blut. Woran kann ein Mensch, der in kirchlichen Dingen gänzlich unbeleckt ist, erkennen, was Kirche ist. Und wo Kirche ist?

Gut zu erkennen sind womöglich noch die klassischen Kirchengebäude. An ihrer typischen Form. Vor allem auch an den Kirchtürmen. Die höchsten Gebäude sind die Kirchtürme immer weniger. Die Türme der Banken und der Firmenzentralen überragen sie immer häufiger.

Aber Kirche ist heute in vielen anderen Gebäuden aktiv. In Beratungszentren. In diakonischen Einrichtungen. In Konzerten. In Initiativen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen. Vor Ort. Und weltweit.

Aber von dem eben Genannten einmal abgesehen: Wie würde ein Mensch, der in kirchlichen Dingen nicht sehr vertraut ist – wie würde er eine christliche Gemeinde erkennen? Konkreter noch: Wie würde er die Menschen erkennen, die zu einer Gemeinde gehören? Verhalten die sich anders? Auffällig anders?

In der Anfangsphase der Kirche war das zweifellos so. Die Briefe des Apostels Paulus im Neuen Testament, aber auch eine Reihe anderer biblischer Texte sind voll von Ratschlägen im Blick auf die Lebenspraxis. Die Ethik, wie wir heute dazu sagen – sie ist kein Nebenthema. Hilfreiche Hinweise zum rechten Verhalten haben heute wieder mehr Konjunktur als vor einigen Jahren. Das postmoderne „Anything goes“ - alles ist erlaubt, alles ist irgendwie möglich – das funktioniert schon wieder nicht mehr. Das führt uns die Banken- und Euro-Krise jeden Tag schmerzhaft vor Augen.

Die Frage nach dem rechten Verhalten auch in der Kirche und in den Gemeinden, sie ist neu aktuell. Und doch schon so alt wie die Kirche selber. Darum geht’s auch im Predigttext für diesen 7. Sonntag nach dem Trinitatisfest.

Paulus schreibt seiner Lieblingsgemeinde nach Philippi. Jene Stadt Philippi, in der die erste Gemeinde auf europäischem Boden entstand.

Wir wissen nicht, ob Paulus danach gefragt wurde, woran man denn eine Gemeinde erkennt. Aber die Gemeinde in Philippi war ihm so nah, dass er auch ungefragt ein schwieriges Thema angeschnitten hätte.

Was schreibt denn Paulus nach genau? Ich lese also aus dem 2. Kapitel des Briefes nach Philippi:

Gibt es bei euch geschwisterliche Ermahnung in Christus, gibt es Trost der Liebe, gibt es Gemeinschaft geprägt vom Geist Gottes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit vorhanden, so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, dass ihr einmütig seid und einträchtig. Tut nichts aus Eigennutz oder nur um geehrt zu werden. Bleibt vielmehr demütig und achtet die anderen höher als euch selbst. Jeder soll nicht auf das Seine, jede nicht auf das ihre sehen, sondern darauf was dem Bruder oder der Schwester dient.

Alles in allem: Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht. Meine Lieben, Gott ist's, der in euch beides wirkt, das Wollen und das Vollbringen, so wie er es von euch haben will. Darum handelt ohne alles Murren und ohne zersetzende Zweifel, damit ihr hell erstahlt als Lichter in der Welt. Und wenn euer Glaube am Ende mein Leben kostet und ich zum Opfer werde – ich freue mich mit euch und über euch.


Ob es das ist, was wir hören wollen, wenn wir danach fragen, woran man die Kirche erkennt. Gibt es nichts kein anderes Erkennungszeichen als diese Aufforderung zu rechten Verhalten als Christinnen oder als Christen? Ich bin skeptisch. Appell über Appell! Seid einträchtig! Seid demütig! Murrt nicht! Achtet nur auf das, was den anderen zugute kommt!

Hat nicht Jesus selber gesagt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Nicht: Liebe ihn mehr als dich selbst! Paulus macht es uns wieder einmal nicht leicht. Ich will ihn aber gerade deshalb beim Wort nehmen.

Und einiges gefällt mir ja auch an dieser Antwort des Paulus. Paulus ist nicht damit zufrieden, es so zu machen wie die anderen auch. Er mutet seinen Freundinnen und Freunden im Glauben doch so einiges zu.

Und wenn er dabei womöglich zuviel an Einheitlichkeit fordert – womöglich gab es dafür auch gute Gründe. Philippi war ein Ort voll von verschiedenen Religionen. Und ich vermute: Die meisten waren einander nicht grün. Sind sich wohl nicht freundlich begegnet. Schließlich waren sie alle Konkurrenten, wenn es darum ging, neue Mitglieder zu gewinnen. Sie fischten, wie man so schön sagt, alle im selben Teich.

Gerade davon möchte Paulus sich abheben. Er wollte seine Gemeinde in Philippi hell erstrahlen lassen. Wie ein helles Licht soll sie erkennbar sein. Durch ihr vorbildliches Verhalten. Durch den Geist der Geschwisterlichkeit. Und die Botschaft, dass unser Verhalten andere nicht unter Druck setzen, dass es andere nicht überfordern soll, die klingt auch in anderen Briefen des Paulus an.

Ein Beispiel aus dem Brief nach Korinth: Dort gab es Christenmenschen, die besuchten nach wie vor das Tempelrestaurant. Wenn es doch nur einen Gott gibt, so argumentierten sie, dann können uns die geweihten Mahlzeiten anderer Religionen doch gar nicht schaden. Patchwork-Religion nennen wir das heute. Fleckenteppich-Religion. Wir basteln uns aus allem etwas Gutes, Neues. Wir basteln uns unsere eigene Religion.

Paulus legt dagegen energisch Widerspruch ein. Wenn euer Verhalten andere unter Druck bringt, weil sie das nicht so locker nehmen können wie ihr, dann müsst ihr darauf verzichten. Nach Philippi schreibt er eigentlich nichts anderes. Die Freiheit des Gewissens, des Gewissens der anderen wohlgemerkt, darauf kommt es an.

Viele Menschen müssen diese Sicht des Paulus attraktiv gefunden haben. Sonst hätte es in Philippi keine christliche Gemeinde gegeben. Sonst wäre auch Lydia, die Purpurhändlerin, nicht zur ersten Christin auf europäischem Bode geworden.

Die Menschen damals hat die Botschaft des Paulus wohl längst nicht so fremd und eigenartig angemutet wie uns heute. Weil bei uns heute viel mehr das Individuum im Mittelpunkt steht. Unsere Welt und die des Paulus – das sind schon zwei verschiedene Welten. Das macht es nicht leichter, seine Briefe zu verstehen.

Etwas Entscheidendes kommt noch dazu. Ich habe den Text nämlich gar nicht vollständig vorgelesen. Etwas Entscheidendes habe ich weggelassen. Das entscheidende Stück überhaupt. Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht. Diesen Satz habe ich noch gelesen. Aber dann fügt Paulus einen Text ein. Einen, der gar nicht von ihm selber stammt. Ein Text, ein Lied, das die meisten damals gekannt haben. Wir haben dieses Lied vorhin schon als Lesung gehört. Es ist ein Christus-Lied. Es erklärt, wie eine Gemeinschaft unter christlichem Vorzeichen aussieht. Hören wir noch einmal auf dieses alte Christus-Lied, wenn auch in etwas anderer Sprache:

(Orgel setzt dezent ein mit EG 268 Strahlen brechen viele; ich spreche in die Musik. Nach dem Textende klingt die Orgel noch nach.)

Als Gott ward Christus einst geboren.
Nicht wie die Götter all.
Der Gottheit Macht gab er verloren.
Zur Erde ging sein Fall.

Nur Mensch, nichts andres wollt er sein,
ihnen ganz gleich gemacht.
Starb dann den Tod am End allein,
von Herrschers Knecht verlacht.

So kam es, dass der Tod sein Lohn,
am Kreuz, nach Roms Gebot.
Wer ahnt die Auferstehung schon,
und hofft auf’s End der Not?!

Sein Christus-Nam’en will retten dich,
der über alle Namen.
Und beugen sollten alle sich
Die zu dem Christus kamen.

Im Himmel oder irdisch ganz
Erschallt, was sie bekannten:
Er ist der Herr, voll Himmelsglanz,
er, den sie Christus nannten!

(Orgel klingt aus)

Christus – als Vorbild für ein Leben unter neuen Vorzeichen. Ein anderes Verhalten in der Gemeinde ist möglich, schreibt Paulus. Es ist möglich, weil einer es uns vorgelebt hat. Leben, auch das Leben als Christin oder als Christ - es ist auf Vorbilder angewiesen. Und weil wir selber ein Vorbild haben, können wir auch anderen ein Vorbild sein.

Vorbilder können, ja sollen wir auch heute sein. Wir alle sind auf Vorbilder angewiesen. Was aber sind die Themen, mit denen wir – als Kirche weltweit oder als Gemeinde vor Ort - anderen Vorbild sein können?

• Die Einmütigkeit allein kann es heute nicht sein. Aber womöglich der Weg, wie wir zu Entscheidungen finden – über die Grenzen unterschiedlicher Ansichten hinweg
• Die bessere Gemeindestruktur allein kann es wohl nicht sein. Aber womöglich die Rücksicht auf die Schwachen.
• Die Nachahmung allein kann es nicht sein. Aber wenn Paulus nach Galatien schreibt: Hier ist nicht Jude oder Grieche, hier ist nicht Sklave oder Freier hier ist nicht Mann oder Frau, dann hat er ein Programm aufgestellt, an dem wir uns heute noch abarbeiten.

Und Vorbild zu sein für andere – da könnte den Gemeinden noch manches andere einfallen: Dass Gewalt keine Lösung ist. Dass wir nur eine Welt haben, die wir sorgsam pflegen müssen. Dass Reichtum zum Abgeben und Teilen verpflichtet.

Es wäre schon spannend, wir könnten jetzt in ein Gespräch eintreten. Wir könnten uns fragen, wofür eine christliche Gemeinde heute Vorbild sein soll. Und wenn wir noch so vieles auflisten – ein Doppeltes bliebe dabei bemerkenswert. Zum einen: Es gibt viel, was Gemeinden und einzelne heute schon beitragen. Und ein zweites: So manches, was wir uns als Kirche gerne an die Fahnen heften, finden wir auch bei anderen.

Freuen soll’s uns. Und uns daran erinnern, dass wir den Auftrag haben, Salz der Erde zu sein. Wenn das Salz seine Wirkung richtig entfaltet, kann man es zwar dem Essen abschmecken. Aber zu sehen ist das Salz nicht mehr.

So kann’s auch mit dem gehen, was Theologie und christlicher Glaube in der Welt ins Leben gezogen haben. Und immer wieder neu ziehen. Es ist spürbar und da. Aber wir können es nicht auf unserer Habenseite verbuchen. Ich finde das nicht schlimm.

Das Beispiel Jesu sollen wir nachahmen. Nicht unsere Schäfchen ins Trockene bringen. Und wenn andere Ähnliches tun, auch außerhalb der Kirchenmauern, und manchmal sogar noch besser als wir - dann soll’s uns einfach freuen.

So lebt und wächst Kirche. Mitten in der Welt. Seit 2000 Jahren. Sie lebt, indem sie ernst nimmt, was Paulus einst nach Philippi geschrieben hat: Lebt so miteinander, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.

So funktioniert Kirche. Und eigentlich ist es das, was wir auch bei dieser Visitation wieder entdeckt haben. Dankbar bin ich, dass wir die Kirche haben. Dankbar dafür, dass wir Kirche sind. In bunten Farben und in großer Vielfalt und Weite.

Und nichts wünsche ich der Kirche mehr, als dass es ihr gelingt, offen zu bleiben. Dass Menschen sie als Ort erleben, an dem sie immer wieder neu miteinander anfangen können. Dass sie immer wieder den Mut findet, neue Wege zu gehen. Weil wir das Beispiel Christi vor Augen haben. Darüber können wir uns zu Recht freuen. Das dürfen wir immer wieder auch feiern. Amen.




Traugott Schächtele

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