PREDIGT ÜBER DAS LIED
AMAZING GRACE
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 12. AUGUST 2012
IN DER MELANCHTHONKIRCHE IN MANNHEIM


Liebe Gemeinde!

Im bunten Strauß der Lieder dieser Predigtreihe –oder noch richtiger – dieser Gottesdienstreihe heute also Amazing Grace. Amazing Grace ist eines der bekanntesten Kirchenlieder der Welt. Vor allem in England und Amerika wird es überaus gern und überaus häufig gesungen.

Die Melodie, die die meisten hier wohl kennen, hatte ursprünglich einen anderen Text. Sie ist auch deutlich jünger als der Text. Als Melodie von Amazing Grace taucht sie zum ersten Mal im Jahre 1831 auf.

Die Melodie führte also von Anfang an ein Eigenleben. Und sie wird immer wieder mit anderen Texten unterlegt. Als Schlagermelodie etwa von Lena Valaitis mit dem Text „Ein schöner Tag ward uns beschert“. Oder als Fanlied des BVB 09, also von Borussia Dortmund: „Leuchte auf, mein Stern, Borussia“. Bei der Meisterfeier etwa konnte man das Lied auch in diesem Sommer wieder gesungen hören.

Auch sonst gibt es verschiedene Textdichtungen zu der Melodie. Gerade aus dem kirchlichen Bereich. Verschiedene erweckliche Texte wurden für diese Melodie geschrieben. Aber die einzigartige, unübertroffene Verbindung zwischen Melodie und Text – das ist die von Amazing Grace.

In dieser Verbindung hat das Lied auch die größte Verbreitung erreicht. Erstaunlicherweise dauert der Siegenszug bei uns noch nicht sehr lang. Das Lied wird in unseren Breiten noch gar nicht so lange gesungen. Es war irgendwann in den 60-Jahren, da erst erreichte Amazing Grace die britischen Inseln. Dann waren der weiteren Verbreitung keine Grenzen mehr gesetzt. Kaum einer oder eine der internationalen Sängerinnen- und Sängerszene hat dieses Lied nicht im Programm: Janus Joplin, Elvis Presley, Johnny Cash, Rod Steward, Louis Armstrong, Mahalia Jackson um nur einige der bekanntesten zu nennen.

Die vielleicht legendärste Version stammt aus dem Jahre 1970. Johann Baez singt da das Lied. A Capalla. Ohne Begleitung. Als Betrag zum großen Live-Aid-Konzert. Als Beitrag zur Bekämpfung des Hungers in Afrika. Auch sonst wird es immer wieder als Protestsong verwendet.

Das ist erstaunlich. Denn der Text hat eigentlich ein ganz anderes Thema. Dazu gleich mehr. Jetzt hören wir uns einfach einmal in das Lied ein. Hören uns einmal in die erste Strophe hinein. Den Text und die Übersetzung finden Sie auf der Rückseite des Liedblatts.

Amazing Grace Strophe

Schon die erste Strophe legt den Charakter dieses Liedes offen. Es ist ein Bekehrungslied. Seinem weltlichen Siegeszug hat das aber wohl kaum geschadet. Einst ein Sünder – jetzt gerettet. Einst blind – jetzt sehend. Ein verloren – jetzt gefunden. Das ist die klassische Beschreibung eines Bekehrungserlebnisses.

Und sicher sind sie jetzt auch gespannt, was für eine Geschichte sich hinter diesem Lied verbirgt. Ich will sie ihnen kurz erzählen. Der Autor des Liedes ist John Newton.

John Newton wurde im Jahre 1725 in London geboren. Sein Vater war Schiffskapitän. Er ist nicht sehr religiös erzogen worden. Die spärlichen religiösen Kenntnisse verdankt er seiner Mutter.

Im Alter von 11 Jahren beginnt er eine seemännische Ausbildung. Er rebelliert gegen die schlimmen Zustände, die er auf dem Schiff entdeckt und bringt sich in große Schwierigkeiten.

Einige Zeit später heuert auf einem Sklavenschiff an. Auch hier gerät er in Streit. Dieses Mal mit einem Händlers, der Sklaven aus Afrika mitbringt. John Newton rebelliert. Und wird misshandelt. Einem Freund seines Vaters gelingt es, ihn aus dieser bedrohlichen Situation herauszuholen.

Zurück in England steigt er auf zum Kapitän. Und muss nun selber ein Schiff steuern, das voll ist mit Sklaven. Auf einer Überfahrt gerät er in einen Sturm. Er bekommt Angst um sein Leben. Als er gerettet wird, ist für ihn nichts mehr wie es war. Er erlebt eine Bekehrung. Findet Zugang zum christlichen Glauben.

Trotzdem bleibt er zunächst Kapitän auf dem Sklavenschiff. Nach einigen Überfahrten wird er schwer krank. Vermutlich hat er einen Schlaganfall. Diese Krankheit erst bringt ihn dazu, aus dem Sklavenhandel auszusteigen.

Newton findet einen neuen Arbeitsplatz. Er arbeitet beim Zoll in Liverpool. Nebenher beschäftigt er sich mit Theologie. Er lernt die alten Sprachen. Hebräisch und Griechisch. Mit 39 Jahren wird er zum Priester geweiht.

Acht Jahre später, im Dezember 1772 beschreibt er sein Leben in Form eines Gedichts. Das Gedicht ist das Lied, um das es heute geht. Amazing Grace. „Ich war verloren, und wurde gefunden.“ Newton hatte diese Erfahrung nicht nur einmal gemacht. Immer wieder gerät er ins ausweglose Situationen. Und immer wieder kommt er auf wunderbare Weise ein Stück vorwärts auf seinem Lebensweg. Und Schritt für Schritt, fast unmerklich, erhält sein Leben eine neue Ausrichtung.

Auch nach 1772, nachdem er Amazing Grace geschrieben hat, geht dieser Weg weitert. Newton ist schon 64 Jahre alt, da wird der Sklavenhandel für ihn noch einmal zum Lebensthema. Newton meldet sich politisch zu Wort. Im Jahre 1789 tobt in Frankreich die Revolution. In diesem Jahr 1789 hält Newton eine Rede vor dem britischen Oberhaus. Schonungslos kritisiert er die Sklaverei und den Sklavenhandel. Im Jahre 1807 stirbt Newton im Alter von 82 Jahren.

Die heftige Kritik, die Newton am Sklavenhandel übt - sie ist wohl der Grund dafür, dass viele in Amazing Grace, im Lied von der erstaunlichen Gnade, ein Protestlied entdecken. Und im Grunde ist das eine richtige Beobachtung. Wer die Gnade Gottes in seinem Leben erfahren hat, kann selber gegenüber anderen nicht mehr gnadenlos sein. Dazu gleich noch einige Gedanken. Jetzt hören wir erst noch einmal das ganze Lied.

Amazing Grace (weitere Strophen)

Verloren und gefunden. Gerettet durch die erstaunliche Wirkung der Gnade. So beschreibt John Newton im Rückblick sein Leben. Für uns ist diese Sprache etwas schwulstig. Auch Kitschig und voll frommer Romantik. Wir sind es nicht mehr gewohnt, unser Leben mit solchen Formulierungen zu beschreiben.

Aber so ganz aus der Welt ist das nicht. In der vergangenen Woche habe ich in der Wochenzeitung Die Zeit eine moderne Bekehrungsgeschichte entdeckt. Also ein ganz aktueller Beitrag zum Thema der erstaunlichen Gnade. Ein Ehepaar, nicht kirchenfeindlich eingestellt, aber auch nicht besonders christlich eingestellt, beide Schriftsteller, schreibt da in einem Beitrag:

Vor acht Jahren wohnten wir noch in Berlin-Mitte. Wir fragten uns, ob das alles war, was das Leben zu bieten hatte: Bücher schreiben, Kinder kriegen, trinken gehen. Ein paar rauschhafte Nächte, gute Filme und anregende Gespräche. So zog unser Leben vorbei – die meiste Zeit recht angenehm, ohne besonderen Schmerz, aber auch ohne besondere Tiefe. Wir waren durstig und hungrig; aber egal, was wir in uns hineinfüllten, wir wurden nicht satt.

Die Familie entscheidet sich, nach Südafrika auszuwandern. Sie schreiben dann weiter:

Es dauerte nicht lange, und wir begriffen, wie sehr die Menschen hier vom christlichen Glauben geprägt waren. Nelson Mandelas Absage an die Gewalt und seine Predigten für Vergebung hatten die junge Demokratie vor dem Bürgerkrieg bewahrt. Ohne Desmond Tutu und die Wahrheitskommission hätte es nie den Frieden gegeben, den die Opfer brauchten, um das Trauma der Apartheid zu überwinden und weiterzuleben.

In Südafrika lernten wir einen Gott kennen, der in den Menschen lebt und nicht in einem Kirchengebäude. Einen persönlichen Gott, der Humor hat, der liebt und der den Menschen Zuversicht gibt. Einen Glauben, der radikaler ist als Punk, Kommunismus, Feminismus und Revolution. Der Krankheit, Rassen und Klassen überwindet. Einen gerechten Gott, der es ablehnt, dass ein Prozent der Bevölkerung 50 Prozent des Profits einstreicht, und der jedem jederzeit ein neues Leben anbietet.

Jesus gab sich gern mit Außenseitern ab und schien ständig mit seinen Jüngern Wein zu trinken. Vor 200 Jahren taten die deutschen Missionare in Südafrika etwas Ähnliches. Sie brachten ehemaligen Sklaven Lesen, Schreiben, Musizieren und ein Handwerk bei. Sie führen heute noch basisdemokratische Kommunendörfer in allen Teilen des Landes. Auf uns wirkte das wie wahr gewordene Utopien – und das hat uns zu Christen werden lassen.


Auch das ist eine Geschichte von amazing grace, von erstaunlicher Gnade. Genauso wie die von John Newton. Da wird ein Leben auf den Kopf gestellt. Vielleicht müsste ich auch sagen auf den Punkt gebracht. Zu mehr Schärfe und zu mehr Klarheit geführt. Zu mehr Mut und zu mehr Einsatz für Gerechtigkeit.

Da wird jemand aus der Bahn geworfen. Aber nicht ins Nichts geschleudert. Sondern auf einen neuen Weg gestellt. Und das alles, weil da eine Kraft am Wirken sein soll, die John Newton als amazing grace beschreibt. Und die wir als amazing grace besingen.

Amazing Grace – erstaunliche Gnade. Was ist denn das für ein Begriff? Was meint das: Gnade? Im deutschen haben wir eine Reihe von Redensarten, in denen dieser Begriff vorkommt. Gnade vor Recht ergehen lassen. Jemanden begnadigen. Jemanden mit gnädigen Augen ansehen. Oder wenn es um das Gegenteil geht: Da kann auch leicht jemand in Ungnade fallen. Oder der Gnade verlustig gehen.

Dahinter steckt eine Bedeutung des Begriffs, die sich vom lateinischen Wort für Gnade ableitet: Der lautet gratia. Und wir kennen ja auch alle Gratis-Angebote. Das meint: Jemand muss für irgendetwas nicht bezahlen. Nicht für ein Produkt. Auch nicht für etwas, das er oder sie getan hat. Gnade setzt das geltende Recht außer Kraft.

Sola gratia – allein aus Gnade. So haben die Reformatoren diese Erfahrung immer wieder umschrieben. Luther vor allem. Aber auch der Namenspatron ihrer Kirche – Philipp Melanchthon. Gemeint haben sie damit: Wir müssen nichts leisten, um vor Gott recht zu sein. Wir müssen uns nicht erst verdienen, dass Gott uns wertschätzt. Gottes Zuneigung erhalten wir gewissermaßen und im Sinne des Wortes gratis.

Der große Theologe der Gnade in der Bibel, das ist Paulus. Bei ihm meint Gnade noch etwas anderes. Er verwendet einen griechischen Begriff. Wenn er von Gnade spricht, verwendet er das Wort charis. Das ist nicht einfach ein Rechtsbegriff wie gratia. Wo ein Mensch von der charis Gottes ergriffen wird, da ist ein anderer Geist am Werk. Da wird einer tatsächlich aus der Bahn geworfen.

Wo die charis Gottes am Werk ist, da kann ein Mensch selbst mit schwachen Kräften Großes bewirken. Lass dir an meiner charis genügen. Meine Kraft ist auch in den Schwachen mächtig. Das ist ja die Jahreslosung für dieses Jahr 2012.

Und Paulus hat ja auch eine ähnliche Erfahrung gemacht wie John Newton. Oder wie das Schriftstellerehepaar aus Berlin-Mitte. Auch er wird aus der Bahn geworfen. Wird vom Saulus zum Paulus, wie wir manchmal sagen. Obwohl das nicht ganz stimmt. Er war immer beides. Vor der Christus-Vision, die er vor den Toren von Damaskus hat. Und danach. Paulus bleibt in seiner jüdischen Religion beheimatet. Gerade am heutigen Israel-Sonntag dürfen wir dies nicht aus dem Blick verlieren.

Paulus hat sich zeitlebens als Mensch verstanden, der in seinem jüdischen Glauben beheimatet blieb. Aber er definiert seinen Weg noch einmal ganz neu. Sieht sein Leben und seine Möglichkeiten noch einmal in einem ganz anderen, neuen Licht.

Das ist amazing grace. Das ist das Erstaunliche an der Gnade. Das ist das, was uns amüsiert und verblüfft. Die Entdeckung: Die Bandbreite unserer Möglichkeiten ist viel breite als wir meinen.

Gnade – das ist kein Rechtsbegriff. Das ist nicht einfach ein Frei-Spruch, womöglich gegen alle Vernunft und gegen alles Rechtsempfinden. Gnade, das meint einen neuen Zugang, das Leben in Freiheit zu leben. Gott erweist sich als gnädig, weil er uns noch einmal ganz anders leben lässt. Wirklich gnädig sein, wirklich Gnade walten lassen, das kann am Ende nur Gott.

Paulus hat das erfahren und wird zum großen Wegbereiter der Ausbreitung dieser Einsicht aufgrund seiner Christus-Begegnung vor Damaskus. John Newton hat das erfahren. Und er kann selber mit dem ins Gericht gehen, was vorher sein Leben bestimmt hat. Die Familie aus Berlin hat das erfahren, in ihrem Leben, das sie nicht satt gemacht hat.

Die Erfahrung der alles verwandelnden Gnade Gottes. Dieser Zuspruch des Seinsrechts, wie das ein Theologe aus Südafrika nennt, muss nicht spektakulär vor sich gehen. Nicht in einem Moment. Oft geschieht das nicht einmal wahrnehmbar. Weil es um einen Prozess geht. Einen oft lebenslangen Weg. Das kann man bei John Newton wunderbar sehen.

Leben im Wirkungsbereich der Gnade, der amazing grace, meint auch nicht einfach einen Ausstieg aus dem Beruf. Aus der Familie. Es meint vor allem und zuallererst einen Sinneswandel. Alles andere folgt dann auf dem Fuß und wie von selbst.

John Newton kann uns an die großen Möglichkeiten erinnern, die in jedem und jeder von uns liegen. Und davon wollen wir jetzt auch gemeinsam singen.

Amen.



Traugott Schächtele

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